19. Juli 2017 · Arbeitsleben, Jobsuche · von

Folge deiner Leidenschaft – oder besser doch nicht?

Folge doch einfach deiner Leidenschaft! Wenn es doch nur so einfach wäre. Im ersten Gastbeitrag des TEDxVienna-Autorenteams dreht sich alles um das Finden der eigenen Berufung. TEDx-Gastautorin Zaphira Rohde hat sich Gedanken gemacht über Traumjobs und Glück bzw. Unglück auf der Suche nach dem richtigen Job.

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Soll man der eigenen Leidenschaft folgen und sie zum Beruf machen? Die Meinungen der einflussreichen Silicon Valley Prominenz gehen hier auseinander. Steve Jobs’ Rede in Stanford 2005 und Ben Horowitz’ Rede in Columbia 2015 sind zwei Beispiele dafür. Ersterer meinte: „Mache, was dir am Herzen liegt,“ zweiter „folge nicht deiner Leidenschaft.“

Ich bin jetzt verwirrt. Du auch?

Laut der britischen Karriere-Forscher von 80,000 hours ist die Menge an Büchern mit dem Leitsatz Folge deinem Herzen seit dem Jahr 1995 um ein Vielfaches gestiegen. Zunehmend wird einem suggeriert, man bräuchte nur in sich hineinzuhorchen, um die eigene Berufung zu entdecken und dadurch die richtige Berufswahl zu treffen. Doch wie sieht das in der Praxis aus?

Denken wie ein Wissenschaftler

Da scheint es viel öfters der Fall zu sein, dass man des Geldes oder der Gelegenheit wegen Berufe ausprobiert und erst dann Interesse daran bekommt – das belegen auch 80,000 hours. Frei nach dem Motto “mit dem Essen kommt der Appetit”.
Andererseits vermerken die Karriere-Forscher, dass wir alle mehr als eine Leidenschaft haben und dass sich unsere Interessen im Laufe unseres Lebens ändern. Sich festlegen, das schränkt uns ein. „Folge deinem Herzen“ sollte als Vorsatz im Laufe des Lebens ständig aktualisiert werden. Besser: Der Suche nach der eigenen Berufung nach dem Prinzip der wissenschaftlichen Hypothese nachgehen, also Hypothesen aufstellen (z.B. „ich könnte Redakteur werden“) und testen (z.B. mit dem Bloggen anfangen, ein Praktikum bei einer Zeitschrift machen etc).

Das „Learning-by-Doing“-Prinzip

Herminia Ibarra von der Harvard Business School kommt in ihrem Buch „Working Identity“ zu einer ähnlichen Erkenntnis: Die berufliche Identität ist kein „versteckter Schatz, den es im Inneren unseres Selbst zu entdecken gilt, sondern eine Zusammensetzung mehrerer Möglichkeiten.“ Eine der 39 Personen, die in Ibarras longitudinalen Studie über Karrierewechsel vorkommen, ist der IT-Experte Gary. Auf dem Weg der Selbstfindung folgt er seinen Leidenschaften als Tauchlehrer und Winzer, nur um die Erfahrung zu machen, dass beiden keine geeignete Berufswahl für ihn darstellt.
Ibarras Fazit: Wir lernen, wer wir sind durch „Versuch und Irrtum“ in der Praxis, im Umgang mit anderen, nicht in der Theorie durch Introspektion. Außerdem scheinen wir in Sachen Berufsleben eine Vielzahl möglicher (Arbeits-)Identitäten zu besitzen, die wir nur in der Praxis konkret erforschen können.

Das Freizeit-Prinzip für ein kreatives Leben

Setzt man sich und andere nicht unter Druck, wenn man erwartet, dass der Job uns in jeder Hinsicht erfüllen soll? Ein bisschen wie der ideale Partner – Mr. oder Mrs. Right? Als Persönlichkeiten haben wir doch mehrere Facetten, die es zu entfalten gilt oder nicht?
In ihrem Buch „Big Magic“ erzählt Bestseller-Autorin und TED-Vortragende Elisabeth Gilbert, von einer Frau namens Susan, die als Schülerin Eiskunstlauf leidenschaftlich trainierte, jedoch im späteren Berufsleben Abschied davon nahm – ihr Talent hätte leider für (olympische) Siege nicht gereicht. Als Vierzigjährige entschließt sich Susan ihrer Leidenschaft doch zu folgen und dreimal die Woche zu trainieren. Als Hobby. Ein Hobby, das für ein intensiveres Lebensgefühl sorgt. Gilberts Botschaft: Es muss nicht um Medaillengewinne gehen, wenn man seine „inneren Schätze“ zur Entfaltung bringen und die „Transzendenz“ eines kreativen Lebens erleben will.

Das „Scheiß-Sandwich“-Prinzip

Auch hier gilt das Sandwich-Prinzip: Im Grunde besteht ein Job darin, dass man jeden Tag zuverlässig erscheint und nicht nur, wenn es einem passt. Diese Komponente wird gern vergessen. Andererseits, auch bei Sachen die man liebt, gibt es ungeliebte Ecken und Kanten. Elisabeth Gilbert nennt dies provokativ das „Scheiß-Sandwich“. Es sei vermerkt, dass auch Schriftsteller, Musiker und sogar Starköche ins „Scheiß-Sandwich“ beißen müssen.

Das Zickzack- und das Punkte-Prinzip

Die Forschung zeigt: Menschen können nicht vorhersagen, was sie in Zukunft glücklich machen wird. Genauso wenig können sie anscheinend vorhersagen, in welchem Beruf sie erfolgreich sein werden. Diese Zukunftsblindheit hat Steve Jobs sehr bildlich ausgedrückt, als er meinte: „Man kann die Punkte nicht verbinden, wenn man sie vor sich hat. Die Verbindung ergibt sich erst im Nachhinein.“ Er selber hatte eine lange Reise vom Zen-Buddhismus bis in die IT-Branche gemacht.
Anders als in Uni-Abschlussreden behauptet wird, verläuft die Reise nicht so glatt, sondern im Zickzack und über Umwege. Nach dem Motto: Wer sich verirrt, findet sich. Die versteckte Botschaft scheint also eher zu sein: „Mut zu Irrwegen“.

Bildnachweis: Ollyy/Shutterstock

Redaktion

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