Arbeit nervt? Vom Paradigmenwechsel in unserer Arbeitskultur

von in Arbeitsleben am Montag, 26. September 2016 um 09:52

Seit einiger Zeit wird ein Umdenken in unserer Arbeitswelt spürbar. Das liegt vor allem daran, dass unsere Ansprüche an unsere Arbeit heute ganz andere sind, als in den Generationen zuvor: Wir wollen nicht einfach nur einen Job machen, wir wollen unserer Berufung nachgehen. Und alles beginnt mit der Frage: Warum arbeiten wir eigentlich?

Ein Gastbeitrag von Verena Ehrnberger für TEDxVienna.

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Ratten und Tauben

Wie man heute weiß, arbeiten wir größtenteils aus nicht-monetären Gründen. Adam Smith war noch überzeugt davon, dass der Mensch durch Belohnungen dazu motiviert werden sollte, in winzige Pakete geschnürte Arbeiten zu verrichten. Nachdem diese Strategie später in Experimenten mit Ratten und Tauben gut funktioniert hat, dachte man, es wäre eine gute Idee, dasselbe auch an Menschen zu versuchen. Doch die alten Thesen von der Arbeitsteilung und den Belohnungssystemen haben sich lange schon als falsch herausgestellt. Trotzdem hält sich dieses Verständnis von Arbeit hartnäckig in unserer Arbeitskultur. Wir leben mit diesen Überzeugungen wie die berühmten Fische im Wasser.

Die Gründe für unser Arbeiten sind, wie man heute weiß, allerdings ganz andere. Wir arbeiten, weil uns unsere Arbeit mitreißt, weil wir uns in unserem Feld erproben und weiterentwickeln wollen, weil wir sozial mit unseren Arbeitskollegen interagieren wollen. Kurz: Wir arbeiten, weil wir unsere Arbeit als sinnvoll empfinden.

Von Jobs, Karrieren und Berufungen

Die heutigen Arbeitnehmer haben genau diese Erwartungshaltung. Aus der Perspektive von älteren Generationen, die noch (getreu dem Diktum Smiths) alleine für ihr Geld gearbeitet haben, mögen diese Erwartungen hoch scheinen, vielleicht sogar utopisch. Sozialpsychologe  Barry Schwartz hingegen sieht diese Erwartungen als das absolute Minimum, um eine gesund arbeitende und zufriedene Gesellschaft zu schaffen. Seiner Ansicht nach kann man „Arbeit“ in drei Kategorien einteilen:

  • Jobs
  • Karriere
  • Berufung

Jobs bringen bloß Geld und Karrieren, sollen irgendwann zu einem erträglicheren Job (im doppelten Wortsinn) führen. Doch die Berufung wird nicht als Arbeit empfunden, sondern als Aufgabe. Sie wird um ihrer selbst willen getan. Aus Freude am Tun. Eine Berufung stiftet Sinn, statt bloß Geld abzuwerfen. Und genau das ist den heutigen Generationen mehr wert, als die nächste Version des Konsumguts ihrer Wahl erwerben zu können.

Ob man nun in einem Job landet, oder seiner Berufung nachgeht, kommt aber nicht auf das konkrete Stellenprofil an (wie man vielleicht leicht vermuten könnte). Schwartz fand heraus, dass die Qualität der Arbeit vom Jobprofil völlig unabhängig ist. Ob eine Arbeit als gut empfunden wird, hängt vielmehr davon ab, ob man den Sinn darin erkennen kann. Doch für diese Sinnfindung muss dem Arbeitnehmer erst einmal jene Autonomie zugestanden werden, die er braucht, um sich auf die Sinnsuche begeben zu können. Geld spielt dabei keine Rolle. So ist es gut möglich, dass ein Raumpfleger, der die Freiheit hat Sinn in seiner Arbeit zu suchen, ein sehr viel erfüllenderes Arbeitsleben führt, als der fremdbestimmte CEO eines großen Unternehmens. Worauf es letztlich ankommt ist nicht die Art der Arbeit, sondern die Freiheit mit der sie erledigt wird.

Die Hindernisse guter Arbeit

Die größten Steine, die unserer Effizienz, unserem persönlichen Arbeitsglück und damit letztlich auch dem Erfolg unserer Arbeitgeber, in den Weg gelegt werden, sind: Micromanagement, Routine, Supervision und monetäre Anreize. Dass Geld unsere Effizienz nicht nur nicht steigert, sondern sogar verhindert, mutet auf den ersten Blick seltsam an (immerhin ist der Fehlschluss Adam Smiths immer noch tief in unser Denken eingeprägt).

Doch mittlerweile hat man herausgefunden, dass extrinsische Motivation (wie Geld) intrinsische Motivation (wie Sinn) eliminieren kann. Sobald nämlich ein Belohnungssystem eingeführt wird, wird die Arbeit an diesem System ausgerichtet: Man will jene „Erfolge“ erbringen, die das  Belohnungsschema auch fähig ist zu messen. Und macht als Konsequenz letztlich nur noch das. Dabei werden die sinnstiftenden Aspekte der eigenen Arbeit vernachlässigt. In der Folge wird man immer unglücklicher und immer ineffizienter. (Ohne recht zu wissen warum.) Managementstile, die sich von Smiths Überlegungen nicht trennen können, bringen es damit fertig, sogar ursprünglich gute Arbeit in schlechte zu verwandeln. Zum Leidwesen sowohl der Arbeitnehmer als auch des Arbeitgebers.

In der Art, wie wir unsere Arbeit gestalten, spiegelt sich nicht zuletzt auch das Bild das wir von uns selbst als Menschen haben. Glauben wir daran, dass sich der Mensch nur durch finanzielle Anreize zum Arbeiten bewegen lässt? Oder glauben wir daran, dass der Mensch Sinn in seinem Tun sucht und Freude daran hat, seine Talente zu erproben und weiterzuentwickeln? Solange wir uns für Ratten und Tauben halten, wird uns das wohl kaum glücklich machen.

Wer jetzt immer noch nicht überzeugt ist, dass unsere Arbeitskultur einen Paradigmenwechsel dringend nötig hat, kann sich das Ganze hier von Barry Schwartz noch etwas besser erklären lassen (oder auch sein Buch lesen):

Verena EhrnbergerZur Autorin

Verena Ehrnberger ist Bloggerin und Social Media Managerin bei TEDxVienna. Zu den Dingen, die sie begeistern, zählen Bildung, Philosophie und Unmengen von Café Latte.

Zu gewinnen: 2 Tickets für die TEDxVienna

Die schlechte Nachricht: Die TEDxVienna ist fast ausverkauft! Die gute Nachricht: Wir haben noch 2 Tickets für die Konferenz am 22. Oktober 2016 in Wien zu vergeben. Die Ideen der TEDx sind es Wert, geteilt zu werden! Dein Lebenslauf auch? Um an der Verlosung für eines der Tickets teilzunehmen, lege dir einen CV unter karriere.at/lebenslauf an und schicke uns den Link zu deinem Profil an marketing@karriere.at. Die Teilnahme ist bis 12. Oktober möglich, die Gewinner werden schriftlich verständigt.

Redaktion

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