24. April 2018 · Arbeitsleben · von

„The Happy Job“ – Stefan Sagmeister über Glück in der Arbeit

Bist du wirklich happy im Job? Bekanntlich kann man Glück nicht erzwingen, für viele bedeutet eine zufriedenstellende und sinnstiftende Arbeit aber das höchste Glück. Wir haben mit Designikone und „Happy Film“-Regisseur Stefan Sagmeister über den „happy Job“ gesprochen und erfahren, was sein Allheilmittel für mehr Glück in der Arbeit ist.

Stefan Sagmeister hat meditiert, sich therapieren lassen und Drogen genommen – all das nur, um herauszufinden, ob Glück auch erlernbar ist. Dokumentiert hat er die Selbstexperimente dazu in seinem „Happy Film“ (2016). Seit jeher befasst sich der Auslandsösterreicher mit Kreativagentur in New York mit Phänomenen wie Glück, Schönheit und seiner Lieblingsdisziplin Design.

Auf unserem karriere.at Stand am 4Gamechangers Festival wollten wir den Gamechangern im Arbeitsleben nachgehen. Wir haben das Laufpublikum gebeten abzustimmen, welche der drei Faktoren für sie wahre Gamechanger im Job wären: mehr Gehalt, die 30-Stunden-Woche oder ein kostenloses Mittagessen. Das Ergebnis haben wir Stefan Sagmeister gezeigt und gefragt, was er davon hält und was für ihn zu einem „happy Job“ gehört.

Gamechangers für den happy Job

„Das permante Glück gibt es nicht. Würde ich nämlich das permanente Glück finden, würde ich nur noch auf dem Sofa sitzen und fette und süße Sachen essen – das ist nicht das Ziel der Evolution.“

Gibt es eine Allgemeinformel, wie man im Job glücklich werden kann?

Sagmeister: Es gibt dazu natürlich ein paar Ansätze aus der Forschung. Etwa sind Leute nachweislich glücklicher, die das Gefühl haben, in ihrem Job eine wichtige Rolle zu spielen. Menschen, die etwas für sie Sinnvolles machen, sind glücklicher als jene, die viel Geld verdienen. Für mich persönlich ist es sehr wichtig, dass ich meinen Job als sinnvoll empfinde und ich denke, dass ist für viele Menschen entscheidend. Als sinnvoll empfinde ich meine Arbeit dann, wenn ich jemandem helfen oder jemanden entzücken kann. Auch bei Ihnen ist es doch so, dass Sie am Ende des Tages wissen, dass das keine verschwendete Zeit war, wenn Ihnen jemand zurückschreibt, dass Ihr Blogartikel hilfreich war und jemandem gefallen hat.

Stefan Sagmeister

Stefan Sagmeister

Bei uns im Studio (Sagmeister & Walsh, Kreativagentur in New York City) ist es so, dass natürlich manchmal Designer nach einer Gehaltserhöhung fragen. Das ist schnell erledigt und macht einen eher kleinen Unterschied. Ich denke, dass sich die meisten Leute, denen ihr Job gefällt, auch einen sinnvollen Job wünschen. Wir können dafür sorgen, dass der Job für die Leute, die für uns arbeiten, sinnvoll ist und auch bleibt.

Es hat vor nicht allzu langer Zeit ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Viele (vor allem junge) Menschen wollen einen Job, der sie wirklich erfüllt – das kann nüchtern betrachtet niemals für alle Menschen und Berufe funktionieren. Denken Sie, wir alle haben ein Recht darauf, unseren ganz persönlichen Traumberuf auszuüben?

Sagmeister: Leider bin ich kein Experte in diesem Thema. Niemand weiß, inwieweit es sich erfüllen lässt, dass Jobs, die niemand machen will von Maschinen übernommen werden. Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht.

In Ihrem „Happy Film“ suchen Sie nach Ihrem ganz persönlichen Glück – nicht nur nach einem privaten oder nach einem beruflichen, sondern einem ganzheitlichen Glück. Glauben Sie, dass man Glück dennoch trennen kann?

Sagmeister: Der Begriff des Glücks ist einfach wahnsinnig groß und führt wegen dieser Größe auch oft zu Unstimmigkeiten oder Verwechslungen. Es beinhaltet zum einen den Glücksmoment, den ganz kurzen, zum Beispiel den Orgasmus oder irgendetwas, was nur Sekunden lang dauert. Und dann gibt es auch die Zufriedenheit, die stundenlang dauern kann. Schließlich gibt es auch das ganz lange Glück, den Sinn gefunden zu haben – dass man also glücklich ist mit dem, was man macht oder das gefunden hat, in dem man wirklich gut ist. Das kann dann ein Leben lang währen.

Diese drei Dinge haben ganz wenig miteinander zu tun. Der Glücksmoment und der Sinn des Lebens sind sehr unterschiedliche Dinge, aber alle drei sind unter dem Begriff „Glück“ vereint und haben doch miteinander zu tun. Es gibt Meschen, die sind sehr gut in dem einen Punkt und sehr schlecht in dem anderen. Viele der großen Philosophen haben im Leben das gefunden, in dem sie gut sind, waren aber trotzdem nicht gut darin, Glücksmomente zu finden. Eines meiner liebsten Freud-Zitate belegt das wohl ganz gut: „Alles, was wir uns erhoffen können im Leben ist die Transformation von der grauenhaftesten Misere ins ganz normale Unglück.“ Freud scheint demzufolge nicht jemand gewesen zu sein, der sehr viele Glücksmomente im Leben gehabt hat. Dennoch hat er ganz sicher gefunden, worin er gut war.

„Eine Arbeit, die nur Spaß macht, gibt es nicht. Am glücklichsten wird man, wenn man seine Arbeit auf ein Niveau bringt, in der Glücksmomente entstehen können.“

Ich glaube, es sind alle drei Glücksbegriffe gleich wichtig, aber unterschiedlich verteilt. Das gleiche gilt für meine Beziehung, meine Arbeit und irgendetwas, das größer ist als ich. Das war auch eine Erkenntnis, auf die ich am Ende meines „Happy Film“ gekommen bin mit viel Hilfe von unserem Psychologen Jonathan Haidt. Nämlich dass es wahrscheinlich am sinnvollsten ist zu versuchen, meine Arbeit auf ein Niveau zu bringen, auf dem hie und da Glücksmomente entstehen können. Wie kann ich das gleiche erreichen mit meinen Beziehungen – ob das weit entfernte Bekannte sind oder Liebhaber – und mit irgendetwas, das größer ist als ich? Das kann die Religion sein, das kann die Umwelt sein etc. Und wenn ich das in allen drei Bereichen schaffen kann, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es mir gut geht, sehr groß.

Was tun Sie persönlich, um im Job Glück zu empfinden?

Sagmeister: Ich habe mir irgendwann ein paar Punkte aufgeschrieben, zu denen ich mich gefragt habe: Was macht mich eigentlich glücklich und was macht mich unglücklich und kann ich ein System aufstellen, in dem ich die Dinge, die mich unglücklich machen, vermindere und die Dinge vermehre, die mich glücklich machen.

Ein Beispiel: Es macht mir großen Spaß über Sachen nachzudenken, wenn es keine Deadline dazu gibt oder sie nicht nahe ist – wenn ich wirklich frei und ohne Druck nachdenken kann. Das heißt, ich habe beschlossen, grundsätzlich keine Eiljobs anzunehmen. Wenn ein neuer Kunde kommt und uns ein super Projekt anbietet, es aber in zwei Wochen abgeschlossen sein soll, nehmen wir es nicht an – egal, welcher Kunde das ist. Ich bin der Meinung, dass es gewisse Dinge gibt, wie ich meinen Job positiv beeinflussen kann. Eine Arbeit, in der alles nur spaßig ist gibt es ohnehin nicht, genau so wenig wie das permanente Glück. Glück wurde von der Evolution erfunden, um uns den Weg zu zeigen, als eine Art Kompass. Das können wir ab und zu erreichen und müssen es dann auch per design nicht erreichen. Würde ich nämlich das permanente Glück finden, würde ich nur noch auf dem Sofa sitzen und fette und süße Sachen essen (lacht) – das ist nicht das Ziel der Evolution.

„Kann ich ein System aufstellen, ich dem ich Dinge, die mich unglücklich machen, vermindere und die Dinge vermehre, die mich glücklich machen?“

Sie nehmen sich außerdem regelmäßig Auszeiten.

Sagmeister: Genau, alle sieben Jahre. Das ist auch ein Teil davon, wie ich meinen Job so beeinflusse, dass ich glücklicher darin bin. Ich kann ganz eindeutig sagen, dass die Idee des Sabbatical meinen Job nicht nur besser, sondern mich glücklicher macht und es hat auch die Qualität der Arbeit um einiges gesteigert.

Sollte jeder das Recht auf eine Auszeit haben, um Sachen zu hinterfragen oder Neues zu probieren?

Sagmeister: Ich glaube, es hat jeder das Recht. Ich habe auf einer großen Konferenz einen Vortrag über Sabbaticals gehalten und das haben Hunderttausende gesehen und viele davon haben dann auch eines gemacht und wiederum viele davon haben mich danach kontaktiert und mir davon berichtet. Ich habe mit armen und reichen Leuten, Leuten die angestellt waren oder Selbstständigen, Leuten mit und ohne Kindern gesprochen. Ich glaube, wer heute in Österreich aufgewachsen ist, für den ist es mit einiger Planung durchaus möglich, ein Sabbatical zu machen – auch ohne viel Geld. Es ist sehr schwer, weil es ungewöhnlich ist und ich musste mich bei meiner ersten Auszeit auch überwinden, und meine Angst schlecht dazustehen, weil es mir anfangs unprofessionell vorgekommen ist. Aber alles geht.

 

Über Stefan Sagmeister

Stefan Sagmeister ist zweifacher Grammy Award Gewinner und Designer (Kreativagentur Sagmeister & Walsh, NYC). Seine Kunden: die Rolling Stones, HBO oder das Guggenheim Museum. Immer wieder sucht er Design auch mit Phänomenen wie Glück oder Schönheit in Beziehung zu setzen und den Zusammenhang und deren Auswirkungen auf unser tägliches Leben auch auf wissenschaftlicher Basis zu erfoschen. In seinem Film „The Happy Film“ setzt er sich mit Glück auseinander und versucht sein persönliches Glück auf den unterschiedlichsten Wegen (Meditation, Therapie, Drogen) zu erkunden.

Bildnachweis: karriere.at (2); Shutterstock

Tanja Karlsböck

Tanja macht Instagram, YouTube & Co. für karriere.at und als Abwechslung Blogposts, denn Schreiben ist ihre liebste Kulturtechnik.

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