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Krankenpflegerin

Wie ist die Arbeit in Gesundheits- und Pflegeberufen? Ein Erfahrungsbericht

Jobwahl Erstellt am: 31. März 2022 6 Min.

Das österreichische Gesundheitssystem bietet bereits seit Jahren Anlass für Kopfzerbrechen. So richtig verändert oder gar verbessert hat sich unter den vergangenen Gesundheitsminister*innen nicht viel, obwohl oftmals beteuert wurde, dass eine Pflegereform notwendig sei und unmittelbar anstünde. Doch was denken die Beschäftigten über den Zustand ihrer Branche? Wir haben mit drei Fachkräften aus dem Gesundheits- und Pflegebereich gesprochen:

Jana (Anm.: Name von der Redaktion geändert) arbeitet seit 2008 als diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Derzeit ist sie mit 35 Stunden in der Hämato-Onkologie eines Krankenhauses beschäftigt und spricht mit uns über ihre Erfahrungen im österreichischen Gesundheitsbereich.

Dieser Artikel ist der erste einer dreiteiligen Interviewserie über die Arbeitsbedingungen und Herausforderungen im Gesundheits- und Pflegebereich. Alle Artikel spiegeln die persönlichen Meinungen der Interviewten wider und sind nicht repräsentativ für den jeweiligen Berufsstand.

Die großen Herausforderungen während Corona

Was war während der Pandemie die größte Herausforderung?

Jana: Rückblickend gab es mehrere Herausforderungen, die während der Pandemie tragend waren. Zu Beginn war es die große Ungewissheit. Wie aggressiv ist das Virus tatsächlich? Dann der Mangel an Schutzausrüstung und das zusätzliches Arbeitspensum durch ausfallende Kolleg*innen. Die Angst, jedes Mal aufs Neue den Dienst anzutreten.

Im Laufe der Pandemie, nachdem der Umgang mit dem Virus routinierter wurde und man durch die Impfung vor einem schweren Verlauf geschützt war, traten gesellschaftliche Themen in den Vordergrund. Die machten mir teilweise zu schaffen. Zum Beispiel uneinsichtige Corona-Leugner, die lauthals um das Krankenhaus demonstrierten. Zu Beginn der Pandemie wurden wir als Helden gefeiert und beklatscht. Plötzlich waren Menschen, die im Krankenhaus arbeiten, das Feindbild. Diese Entwicklung war für mich teilweise schmerzlich, weil man jeden Tag versucht hat, das Beste zu geben, um die Versorgung der Patient*innen im Krankenhaus aufrecht zu erhalten.

Fast die Hälfte aller Beschäftigten im Gesundheitsbereich denkt darüber nach, die Branche zu wechseln. Gab es für dich in den letzten Monaten Momente, in denen du über einen Wechsel nachgedacht hast?

Jana: Um ehrlich zu sein, nein. Ich arbeite seit Jahren im Krankenhaus und der Beruf als Krankenpflegerin ist für mich nicht nur einfach ein Job. Ich liebe den Umgang mit Menschen und ihnen in schweren Stunden zur Seite zu stehen, erfüllt mich. Solange ich das Gefühl habe, dass das, was ich mache Sinn ergibt, werde ich wohl weiter am Krankenbett stehen.

„Zu Beginn der Pandemie wurden wir als Helden gefeiert. Dann waren wir plötzlich Feindbilder.“

Wo siehst du die größten (strukturellen) Defizite im Gesundheitsbereich? Warum scheuen sich junge Menschen davor, in diesem Sektor einzusteigen?

Jana: Ich denke, dass das Gesundheitssystem generell sehr problemorientiert ist. Erst wenn eine Diagnose gestellt ist, wird daran gearbeitet, diese zu beheben. Würde man generell mehr Wert auf Prävention legen, also den Hebel ansetzen, bevor eine Erkrankung überhaupt entsteht, könnte man das Gesundheitswesen wahrscheinlich langfristig entlasten. Das Patient*innenaufkommen wäre somit geringer und es wäre leichter möglich, denjenigen, die dennoch erkranken, eine ganzheitlichere Versorgung zu bieten. Egal ob in der Akut- oder Langzeitpflege.

Von diesen geschaffenen Ressourcen – Zeit und Personal – würden nicht nur Patient*innen profitieren. Auch das Berufsfeld würde soweit optimiert, dass Pfleger*innen deutlich länger in diesem Bereich arbeiten könnten, ohne gesundheitliche Nachteile zu erleiden. Meiner Meinung nach wäre genau das der Schlüssel, junge Menschen zu motivieren und das Berufsbild im Gesundheitsbereich attraktiver zu gestalten.

Arbeiten im krankenhaus

Mit besserer Work-Life-Balance junge Menschen ansprechen

Wie könnte man Gesundheitsberufe für (junge) Menschen wieder interessanter machen?

Jana: Es gibt sicher mehrere Punkte, die zu einer Verbesserung des Images des Pflegeberufes führen würden. Auf der einen Seite müsste dieser aktiv beworben werden, um das Bild der Pflege in das richtige Licht zu rücken. Schichtdienste müssen einfach besser entlohnt und die Wochenstunden auf maximal 35 Stunden reduziert werden. Auch der Personalschlüssel müsste verhältnismäßig angepasst werde. Diese Faktoren würden zu einer wesentlichen Verbesserung der Work-Life Balance führen.

Des weiteren sollte der Pflegeberuf wieder für alle Menschen zugänglich sein – auch für diejenigen, die zum Beispiel keine Matura haben. Was ich als sehr kritisch betrachte, ist es, untergeordnete Berufsgruppen wie den*die Pflegefachassistent*in einzuführen. Natürlich hat man hier eine Möglichkeit geschaffen, jungen Leuten ohne Matura den Zugang zur Pflege zu ermöglichen, was grundsätzlich erfreulich ist! Bedenklich ist für mich, dass bei fast identischem Arbeitsaufkommen deutlich weniger bezahlt wird. Das ist für mich eine klare Abwertung des Pflegeberufes.

„Es braucht mehr Prävention. Wenn Krankheit vorgebeugt wird, werden Einrichtungen nachhaltig entlastet.“

Welche Herausforderungen kommen auf das österreichische Gesundheitssystem deiner Meinung nach in den nächsten Jahren zu?

Jana: Ganz klar der Mangel an qualifiziertem Personal und das auf allen Ebenen. In der Langzeitpflege, insbesondere in Altenheimen, aber auch in der Hauskrankenpflege zeichnet sich dieser Trend schon seit Jahren ab. Ganze Stationen stehen leer, weil es kein Personal mehr gibt. Beim Einsatz der Hauskrankenpflege muss man schon mal 14 Tage warten, weil die Kapazitäten erschöpft sind. Das führt unweigerlich dazu, dass Menschen, die einen zusätzlichen Pflegebedarf haben, aufgrund der Versorgungsschwierigkeiten deutlich länger im Krankenhaus verweilen. Was wiederum zu Bettennot im Akutbereich und folglich wieder zu einem übermäßigen Arbeitsaufkommen im Krankenhaus führt.

Sollte es die Regierung nicht schaffen, hier eine strukturelle Stabilisierung zu schaffen und die Personalfluktuation zu stoppen, wird das Gesundheitswesen wohl in sämtlichen Ebenen und Einrichtungen bald an ihre Grenzen stoßen. Was sich in der Zeit der Pandemie schon dramatisch zugespitzt und abgezeichnet hat, wird wohl bald zum Alltag gehören.

Pflegeberufe: Sinnstiftend und erfüllend

Gesundheitsberufe sind psychisch und physisch fordernd. Warum hast du dich für deinen Beruf entschieden? Welche Erlebnisse und Aspekte geben dir auch heute noch das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben?

Jana: Als ich die Entscheidung traf, in der Pflege Fuß zu fassen, war mir die Tragweite dieses Berufes bei weitem nicht klar. Warum ich mich dafür entschieden habe, kann ich so nicht beantworten. Ich bin irgendwie durch schicksalhafte Fügung in diesem Beruf gelandet. Dennoch kann ich nach einigen Jahren in der Pflege sagen, dass ich immer noch sehr gerne in diesem Beruf arbeite. Ich denke, in keinem anderen Beruf hat man die Chance, näher am Menschen zu arbeiten. Menschen in schweren Stunden zur Seite zu stehen, sie durch persönliche Krisen zu begleiten, egal wie diese Situationen ausgehen, ist ein besonderes Privileg.

Auch in aussichtlosen Situationen ein ehrlich gemeintes „Danke“ zu bekommen, gehört zu den Dingen, die sich in ihrer Schönheit kaum in Worte fassen lassen. Mich berührt die Krankenpflege nach 15 Jahren immer noch genau so wie am ersten Tag. „Pflege“ ist ein unglaublich schöner und erfüllender Beruf, der es wert ist, auch manche Hürden zu nehmen, in der Hoffnung, dass sich gewisse Dinge vielleicht zum Positiven verändern können.

„Wenn sich nichts ändert, wird das Gesundheitssystem an seine Grenzen stoßen. Auch ohne Corona.“

Denkst du, dass du deinen Beruf bis zur Pension ausüben wirst? Wenn nein, warum und was müsste sich ändern?

Jana: Ich hoffe schon, dass ich bis zur Pension noch viele Jahre mit der Arbeit am Krankenbett füllen kann. Im Moment kann ich mir persönlich keinen besseren und schöneren Beruf vorstellen. Ob das auch noch so sein wird, wenn sich gewisse strukturelle Defizite weiter zuspitzen, wird die Zeit zeigen.

Ich würde mir wünschen, dass der*die ein oder andere Politiker*in erkennt, welch wertvolles Gut der Pflegeberuf ist. Dass es die Sache selbst wert ist, darin mehr zu investieren, um den Beruf attraktiver zu gestalten. Ziel sollte sein, eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung auch für die nachfolgenden Generationen zu gewährleisten.

Erfahrungsbericht 2: Die Arbeit als Mediziner*in

In Teil 2 der Interviewserie erzählt ein Mediziner, wie er die Zeit der Pandemie erlebt hat und warum er täglich mit dem Gedanken spielt, den Beruf zu wechseln.

Erfahrungsbericht: So denkt ein Mediziner über den Gesundheitsbereich

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Erfahrungsbericht 3: Die Arbeit als Apotheker*in

Im dritten und letzten Erfahrungsbericht erzählt eine Apothekerin unter anderem, warum es ständig Kolleg*innenmangel gibt, obwohl in Österreich genügend Menschen Pharmazie studieren.

Erfahrungsbericht: So erlebt eine Apothekerin die Corona-Pandemie

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B schedlberger

Bianca Schedlberger
Content Manager
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