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Apothekerin

Erfahrungsbericht: So erlebt eine Apothekerin die Corona-Pandemie

Jobwahl Erstellt am: 14. April 2022 6 Min.

Das österreichische Gesundheitssystem bietet bereits seit Jahren Anlass für Kopfzerbrechen. So richtig verändert oder gar verbessert hat sich in den letzten Jahren nicht viel, obwohl oftmals beteuert wurde, dass eine Pflegereform notwendig sei und unmittelbar anstünde. Doch was denken die Beschäftigten über den Zustand ihrer Branche? Wir haben mit drei Fachkräften aus dem Gesundheits- und Pflegebereich gesprochen:

Maria (Anm.: Name von der Redaktion geändert) arbeitet seit 10 Jahren als Apothekerin in Teilzeit (28 Stunden pro Woche) und spricht mit uns über seine Erfahrungen im österreichischen Gesundheitsbereich.

Dies ist der letzte Artikel einer dreiteiligen Interviewserie über die Arbeitsbedingungen und Herausforderungen im Gesundheits- und Pflegebereich. Alle Artikel spiegeln die persönlichen Meinungen der Interviewten wider und sind nicht repräsentativ für den jeweiligen Berufsstand.

Individuelle Beratung zeitweise kaum möglich

Was war während der Pandemie die größte Herausforderung für dich?

Maria: Vor Corona sind unsere Kund*innen vor allem zu uns gekommen, um persönlich beraten zu werden, eine zweite Meinung einzuholen oder überhaupt zuerst unsere Meinung zu erfragen, bevor sie zum*zur Arzt*Ärztin gegangen sind. Wir versuchen immer, individuell auf den Menschen einzugehen und das zu empfehlen, was für den- oder diejenige am besten passt. Ich habe das Gefühl, das wurde in der Corona-Zeit viel weniger, weil diese Aufgabe von Medien oder Expert*innen in der Öffentlichkeit übernommen wurde und es eine einheitliche Meinung darüber gab, was gesundheitlich richtig oder falsch ist.

Ich hatte ganz oft das Gefühl, meine Fachexpertise diesen offiziellen Meinungen unterordnen zu müssen und die Patient*innen dadurch nicht mehr individuell beraten zu können. Für mich und viele meiner Kolleg*innen war das die größte Herausforderung. Das Arbeiten mit Maske, Handschuhen und Trennscheibe war kein Problem. Dass wir zu einer Testapotheke wurden und ich irgendwann den Großteil meines Arbeitstages mit Testen verbracht habe, hat mich auch nicht gestört.

Fast die Hälfte aller Beschäftigten im Gesundheitsbereich denkt darüber nach, die Branche zu wechseln. Gab es auch für dich in den letzten Monaten Momente, in denen du über einen Wechsel nachgedacht hast?

Maria: Nein, während der Pandemie nicht. Ich hatte davor öfter den Gedanken, zu wechseln, aber durch verschiedene Zusatzausbildungen habe ich mein Fachgebiet erweitert und bin damit jetzt sehr zufrieden.

Ich habe aber das Glück, dass ich eine Apotheke gefunden habe, die diese Entwicklung zulässt und vielseitig aufgestellt ist, etwa im Bereich der TCM oder Homöopathie. Jede Apotheke hat einen bestimmten Schwerpunkt. Bei mir passt das sehr gut, aber wenn ich an Kolleg*innen denke, die diese Vielfalt nicht ausleben dürfen, etwa weil sie aufgrund der Firmenpolitik (weil sie z. B. einen Großhändler im Nacken sitzen haben) einen sehr großen Druck verspüren, dann kann das frustrierend sein. Ich kenne solche Kolleg*innen, die auch wirklich an einen Wechsel denken.

„Viele Kolleg*innen können die potenzielle Vielfalt einer Apotheke nicht nützen, weil ihnen beispielsweise Großhändler im Nacken sitzen.“

Wo siehst du die größten (strukturellen) Defizite im Gesundheitsbereich? Warum scheuen sich junge Menschen heutzutage davor, in diesen Sektor einzusteigen?

Maria: Wir haben immer zu wenige Leute, obwohl ich nicht glaube, dass es in Österreich nicht genug Pharmaziestudierende gibt. Aber wir sind teuer. Wenn ich an Apotheken denke, da kostet eine pharmazeutische Fachkraft enorm viel. Arbeitgeber*innen sparen sich diese Kosten dann, indem sie möglichst viele PKA (pharmazeutisch-kaufmännische Assistent*innen) einstellen, weil diese geringere Personalkosten mit sich bringen.

In unserer Apotheke ist teilweise den ganzen Tag nur eine pharmazeutische Fachkraft anwesend. Das bedeutet, dass alle fachlichen Abklärungen, wie Fragen oder Arzneimittelausgaben, beispielsweise nur über mich gehen. Das stört mich nicht, weil ich es gewöhnt bin, aber es ist ein Riesenunterschied, wenn mal eine zweite Fachkraft da ist. Dann kann ich mal was fertig machen. Wenn ich alleine bin, habe ich das Gefühl, ich habe zehn Baustellen gleichzeitig und bis am Abend müssen die irgendwie gerichtet sein.

Es ist aber verständlich, weil Apotheken gewinnorientierte Unternehmen sind. Entsprechend kostensparend wird besetzt.

Pharmazie als sehr attraktiver Arbeitsbereich

Wie könnte man Gesundheitsberufe für (junge) Menschen wieder interessanter machen?
Maria:
Die Pharmazie ist für junge Leute sehr interessant und die Arbeit in Apotheken sehr attraktiv. Man verdient sehr gut, kann Teildienste machen … Sicher hat man auch Nachtdienste, aber die teilt man sich, sofern die Chefs das wollen, auch gerecht auf. Und ich habe aufgrund der Öffnungszeiten geregelte Arbeitszeiten, im Gegensatz zu Ärzt*innen oder Pflegekräften. Wenn man das Studium und das Aspirantenjahr überstanden hat, die beide wirklich schwierig sind, dann ist der Beruf wirklich super!Welche Herausforderungen kommen auf das österreichische Gesundheitssystem deiner Meinung nach in den nächsten Jahren zu?Maria: Wir tun viel zu wenig in der Gesundheitsvorsorge und das führt dazu, dass die Gesellschaft insgesamt ungesünder wird: Übergewicht, Diabetes … Ich habe das Gefühl, dass wir ein reaktives Gesundheissystem haben, das erst aktiv wird, wenn Feuer am Dach ist. Man müsste viel mehr in die Vorsorge investieren, um den Menschen einen gesünderen Lebensstil näherzubringen.

„Mit gesunden Menschen lässt sich weniger Geschäft machen.“

Ich sehe das ja jeden Tag: Wir haben Patient*innen, die schlucken täglich 25 Tabletten. Viele davon übrigens, um die gegenseitigen Nebenwirkungen auszugleichen. Und das könnte man vermeiden, indem man die Menschen dazu erzieht, mehr auf sich selbst und auf ihre Gesundheit zu achten. Die Politik denkt da meiner Meinung nach in die falsche Richtung, wenn sie nur darauf setzt, mehr Personal zu gewinnen. Mehr Personal allein wird nicht reichen, wir alle sind dafür verantwortlich, dass unser Gesundheitssystem funktioniert. Aber: Mit gesunden Menschen lässt sich halt weniger Geschäft machen, da gibts leider keine Gesundheitslobby.

Gesundheitsberufe sind psychisch und physisch fordernd - warum hast du dich für deinen Beruf entschieden? Welche Erlebnisse und Aspekte geben dir auch heute noch das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben?

Maria: Physisch ist unser Beruf nicht belastend, ganz im Gegenteil: Ich bin den ganzen Tag auf den Beinen und das tut mir sehr gut. Aber psychisch ist er oft sehr belastend, gerade in den vergangenen zwei Jahren, wo wir viele Anfeindungen, aber auch Streit unter den Patient*innen erlebt haben. Wenn Menschen so ausfallend und gemein werden, das geht mir schon nahe.

„In den letzten zwei Jahren habe ich viele Anfeindungen erlebt, das geht mir schon nahe.“

Aber ich denke, das ist überall so, wo du mit Menschen zu tun hast: Manche laden einfach ihren Frust bei dir ab. Die Arbeit mit Substitutionspatient*innen ist da hingegen – zumindest für mich – psychisch weniger fordernd, weil ich weiß, die Menschen sind krank und haben oft keine Kontrolle über ihr Verhalten. Damit kann ich gut umgehen.

Denkst du, dass du deinen Beruf bis zur Pension ausüben wirst? Wenn nein, warum und was müsste sich ändern?

Maria: Wenn ich mich immer weiterentwickeln kann, dann ja. Ob ich immer in der Apotheke arbeiten werde, weiß ich noch nicht, aber ich werde sicher immer als Apothekerin tätig sein – sei es in einer Gemeinschaftspraxis mit anderen Gesundheitsberufen zusammen oder als Workshopleiterin, die Kurse hält.

Erfahrungsbericht 1: Eine Krankenschwester erzählt

Im ersten Teil unserer Interview-Reihe haben wir mit einer Krankenschwester über die Defizite des Gesundheitsbereichs gesprochen und über jene Gründe, die sie in der Branche halten:

Wie ist die Arbeit in Gesundheits- und Pflegeberufen? Ein Erfahrungsbericht

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Das österreichische Gesundheitssystem bietet bereits seit Jahren Anlass für Kopfzerbrechen. So richtig verändert oder gar verbessert hat sich unter den vergangenen Gesundheitsminister*innen nicht viel, obwohl oftmals beteuert wurde, dass eine Pflegereform notwendig sei und unmittelbar anstünde. Doch was denken die Beschäftigten über den Zustand ihrer Branche? Wir haben mit drei Fachkräften aus dem Gesundheits- und Pflegebereich gesprochen:

Erfahrungsbericht 2: Ein Mediziner teilt seine Ansichten

In Teil 2 der Interviewserie erzählt ein Mediziner, wie er die Pandemie erlebt hat und warum er täglich mit dem Gedanken spielt, den Beruf zu wechseln.

Erfahrungsbericht: So denkt ein Mediziner über den Gesundheitsbereich

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Das österreichische Gesundheitssystem bietet bereits seit Jahren Anlass für Kopfzerbrechen. So richtig verändert oder gar verbessert hat sich unter den vergangenen Gesundheitsminister*innen nicht viel, obwohl oftmals beteuert wurde, dass eine Pflegereform notwendig sei und unmittelbar anstünde. Doch was denken die Beschäftigten über den Zustand ihrer Branche? Wir haben mit drei Fachkräften aus dem Gesundheits- und Pflegebereich gesprochen:


B schedlberger

Bianca Schedlberger
Content Manager
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