31. August 2017 · Arbeitsleben · von

Introvertiert: Überleben zwischen Großraumbüro und Teamevent

Still und leise duch das Arbeitsleben – für Introvertierte ganz normal – für alle, die anders ticken, ist das eher unverständlich. Je nach Arbeitsumfeld tun sich stille Wasser mal schwerer, mal leichter – fest steht für Coach Natalie Schnack jedoch: “Unsere Arbeitswelt ist sehr auf Extraversion ausgerichtet.” Meetings, Teamevents, Großraumbüro – für introvertierte Arbeitnehmer sind das durchaus Hürden.

Intros im Joballtag

Natalie Schnack

Die Dosis macht bekanntlich das Gift – so ähnlich verhält es sich auch bei Introvertierten und zwischenmenschlichen Kontakten. Sie benötigen mehr Auszeiten, stille Momente und Phasen des Alleineseins als Mitmenschen, die eher extravertiert sind. Den Joballtag kann der Wunsch nach Zurückgezogenheit und Stille durchaus erschweren. Zwischen Großraumbüro und Gruppenarbeit – Karrierecoach Natalie Schnack über Intros im Büro:

Welche typischen Hürden gibt es für Intros im Joballtag?

Schnack: Bevor ich diese Frage beantworte, finde ich es wichtig, die wichtigsten Unterschiede zwischen Introvertierten und Extravertierten zu verstehen. Zum einen unterscheiden sie sich, was ihre Energiequelle betrifft: Introvertierte Menschen sind wie Akkus, sie verbrauchen Energie während Interaktionen und müssen dann nach kurzer Zeit wieder aufladen. Und dieses Aufladen geht am besten in der Stille und beim Alleinsein. Das ist bei Extravertierten genau anders herum: Sie sind wie Windräder, sie laden ihre Energie im Zusammensein mit anderen auf und verbrauchen sie, wenn sie länger alleine sind.

Von Akkus und Windrädern

Außerdem unterscheiden sie sich hinsichtlich der Belohnung: Introvertierte Menschen sind von der Meinung anderer unabhängiger und an ihrem Thema in der Tiefe interessiert. Sie erarbeiten ihre Ideen und Lösungen lieber alleine und sind erst, wenn sie weit genug über einen Vorschlag nachgedacht haben, auch bereit, diesen mit anderen zu teilen. Dinge richtig verstehen und durchdringen, qualitativ hochwertige Arbeit leisten und nachhaltige Lösungen entwickeln, das ist, was einen Introvertierten am meisten motiviert.

Extravertierte dagegen brauchen immer wieder Bestätigung von anderen: Dass sie auf dem richtigen Weg sind, dass sie mit ihrer Arbeit gesehen werden, dass sie in Kontakt mit anderen stehen. Persönliche Anerkennung und ständiges Feedback ist, was sie wirklich motiviert. Natürlich ist hier nicht alles schwarz und weiß, es geht wie immer darum, was für einen mehr oder weniger zutrifft.

Jetzt, da diese wesentlichen Unterschiede dargestellt sind, schauen wir uns die Hürden der Introvertierten im Job an: Unsere Arbeitswelt ist sehr auf Extraversion ausgerichtet: Großraumbüros, ewige Meetings, Brainstormings, Gruppenarbeit, Selbstdarstellungen – alles Dinge, die in gehäufter Form den Arbeitsfluss eines Introvertierten ständig unterbrechen und dann auch als sehr lästig empfunden werden. Auch der Zwang, seine noch nicht fertig gedachten Gedanken bereits mit anderen zu teilen, stresst Introvertierte sehr. Es ist so, als wenn man einen Fisch immer wieder aus dem Wasser zieht und sich dann wundert, dass der Fisch nach Luft ringt.

“Introversion wird oft als Schwäche dargestellt.”

Sollten Intros ihre Bedürfnisse im Job offen kommunizieren?

Schnack: Ich denke, es ist unglaublich wichtig, dass jeder Mensch sich selbst kennt und die Bedürfnisse, die er hat, klar nach Außen kommuniziert. Leider ist das nicht so einfach. Denn Introversion wird in unserer Gesellschaft ja oft als Schwäche  dargestellt: wer nachdenklich ist, erst länger nachdenkt, bevor er redet, ruhig ist und dazu neigt, sich selbst eher nicht so in den Vordergrund zu drängen, dem traut man leider oft weniger zu, als jemandem, der laut und bestimmt ist. Deswegen versuchen ja auch so viele Introvertierte so zu tun, als ob sie nicht introvertiert wären.

Der Denkfehler hier ist folgender: Viele denken, dass Selbstbewusstsein etwas mit Lautstärke und Selbstdarstellung zu tun hat. Das ist falsch. Ein selbstbewusster Mensch kennt sich, seine Stärken, seine Schwächen und seine Bedürfnisse und vertritt diese auch. Also hat Selbstbewusstsein rein gar nichts damit zu tun, ob man laut jedem über den Mund fahren kann. Gerade in sich ruhende Personen erhalten viel Respekt, weil man ihre Kraft sofort merkt – dafür brauchen sie gar nichts zu sagen.

Also ja, Selbstoffenbarung ist total wichtig, denn nur so wissen andere, was man braucht – z.B. etwas Zeit, um alleine nachzudenken. Aber davor kommt immer die Selbstakzeptanz. Denn nur wenn ich sicher bin, dass ich – so wie ich bin – “absolut richtig bin” und meine Stärken kenne, dann kann ich sie auch nutzen und mich auch auf eine ganz ruhige und gleichzeitig bestimmte Art klar behaupten.

Welche vermeintlichen Schwächen von Intros können sich im Berufsleben als Stärken herausstellen?

Schnack: Es kommt immer darauf an, in welchem Umfeld ich mich bewege und welche Aufgaben ich habe. Meine Erfahrung ist, dass man nie pauschal sagen kann, dass etwas wirklich eine Schwäche oder Stärke ist. Jede unserer Qualitäten hat immer zwei Seiten. Auch eine Stärke, die völlig übertrieben zum Einsatz kommt, kippt schnell ins Negative. Und eine angebliche Schwäche kann sich an der richtigen Stelle dafür als die entscheidende Stärke herausstellen. Das ist sogar sehr oft der Fall.
Ich habe schon Menschen in meinen Seminaren erlebt, die man als Bedenkenträger oder “zu sachlich” abgestempelt hat. Das wurde ihnen als Schwächen angekreidet. Doch bei näherer Betrachtung wurde klar, dass da Stärken nicht erkannt werden. Ist jemand ein Bedenkenträger, der in der Lage ist, Ideen nicht nur auf Chancen, sondern auch auf Risiken zu bewerten und der darauf hinweist? Ist jemand ZU sachlich, der frei vom Drama nur die Fakten aufnimmt und damit seinem Team hilft, einen klaren Kopf zu bewahren, wenn ein Kunde sich gerade beschwert hat? Wohl kaum. Das ist wie gesagt immer vom Umfeld abhängig.

Nur ein Tipp: Wenn Menschen dich immer wieder für das kritisieren, was dich im tiefsten Innersten ausmacht, dann sind das nicht die richtigen Menschen, die das beurteilen können. Oder wie eine Teilnehmerin zum Ende des Seminars mit Tränen in den Augen sagte: “Oh mein Gott, das erste Mal, dass ich erkenne, ich muss mich gar nicht verändern, denn ich bin okay  so wie ich bin.” Solche Erlebnisse machen mich echt traurig, weil sie zeigen, wie wenig Wertschätzung viele Menschen bekommen. Und auf der anderen Seite macht es mich sehr froh, wenn ich helfen kann, dass man sich selbst erkennt und nicht mehr darauf angewiesen ist, was andere einem erzählen. Das ist ein sehr wichtiger Schritt zur Autonomie – eine tiefe Sehnsucht eines jeden Introvertierten – leider oft abtrainiert, jedoch auch wieder antrainierbar.

Kann das Bedürfnis nach Rückzug der eigenen Karriere schaden?

Schnack: Es kommt auch hier darauf an, wo man arbeitet und welche Regeln dort gültig sind. Am besten wachsen und gedeihen kann man ja dort, wo das, was man wirklich zu geben hat, geschätzt, gebraucht und abgefordert wird. Klar, Kompromisse bis zu einem gewissen Grad gehören immer mal dazu. Wer aber für seine Stärken geschätzt wird und tut, was ihm wirklich liegt, der verlässt auch seine Komfortzone und erledigt Dinge, die ihm eigentlich nicht so leicht fallen.

Wie kann ein Team oder ein Arbeitgeber Intros unterstützen und auf ihre Bedürfnisse Rücksicht nehmen?

Schnack:  Das Wichtigste ist doch, dass jeder das tut, was er gern tut und wo er am besten ist. Und wenn jeder die Chance hat, sich auf die Art einzubringen, die am besten zu ihm passt. Was soll da noch schief laufen? Mein Traum ist es, dass wir irgendwann eine Arbeitswelt haben, in der jeder mit seinen Bedürfnissen Berücksichtigung findet. Und bei Introvertierten sind es eben oft:

  • Bedürfnis nach Ruhe
  • Zeit zum Nachdenken
  • Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten
  • Echtes Interesse an dem, was sie zu sagen haben
  • Anerkennung der eigenen Persönlichkeit
Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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