30. Juli 2018 · Gehalt · von

3 Mythen und viele Wahrheiten über die Gehaltsverhandlung – Teil 1

Wie kann eine Bergkette für heißes Wetter verantwortlich sein? Und was hat das mit jenen Mythen zu tun, die um das Thema Gehaltsverhandlung ständig kreisen? Wenn du denkst, dass die Frage nach mehr Geld für dich übel ausgehen kann oder Gehaltsverhandlungen sowieso keinen Sinn machen – Hilfe naht! Florian Märzendorfer greift Jungakademikern beim Thema Finanzen, Karriere und Gehalt unter die Arme und fasst seine besten Ratschläge in einem zweiteiligen Artikel für euch zusammen:

Ein Gastbeitrag von Florian Märzendorfer.

Der Himalaya ist die höchste Gebirgskette der Welt. Sie entstand vor 40 bis 50 Millionen Jahren, als Indien mit Asien kollidierte und zieht sich über China, Pakistan, Indien und Nepal – insgesamt über 2.900 Kilometer. Es ist die einzige Gebirgskette mit mehreren Gipfeln über 8.000 Meter. Aufgrund der Position und der Größe verhindert sie, dass die kalten Winter nach Indien kommen.

Deshalb ist es in Indien wärmer als in allen anderen umliegenden Regionen. Der Himalaya ist wie ein Türsteher. Eine große Barriere.

Bei der Gehaltsverhandlung bist du sehr oft dein eigener Türsteher.

Psychologische Barrieren und Mythen hindern dich daran, dass du das bekommst, was dir zusteht. Im Gegensatz zum Winter in Indien, hast du aber die Möglichkeit am Türsteher vorbeizukommen…

In dieser zweiteiligen Artikelserie behandeln wird die drei größten Hürden & Barrieren und wie du dich nicht mehr von ihnen aufhalten lässt.

Mythos #1: Eine Gehaltsverhandlung ist „feindselig und ein Risiko“

Wenn die meisten Leute an eine Gehaltsverhandlung denken, dann glauben sie, dass es zwangsläufig in einer Konfrontation endet. Deshalb sagen sie sich selbst Dinge wie:

  • „Ich will nicht unangenehm auffallen.“
  • „Ich will das Risiko einer Gehaltsverhandlung nicht eingehen.“
  • „Ich will mein gutes Verhältnis zu meinem Vorgesetzten nicht zerstören.“

In der Folge wird dann entweder völlig halbherzig oder gar nicht verhandelt. Wenn du dich mit einer der Aussagen identifizieren kannst, dann solltest du realisieren, dass es sich hier um eine riesige, psychologische Barriere handelt. Und zwar eine selbst geschaffene. Vielleicht glaubst du seit Kindheit, dass man über Geld nicht spricht. Vielleicht glaubst du, dass du froh sein musst, dass du überhaupt einen Job hast. Sehen wir uns an, warum das alles NICHT so ist.

Eine Gehaltsverhandlung hat praktisch NULL Risiko.

Die Annahme, dass du vielleicht den Job verlierst, wenn du nach mehr Gehalt fragst, könnte ein komplett eigener Mythos sein. Das Schlimmste, was passieren kann: Du bekommst keine Gehaltserhöhung. Aber du hattest zumindest die Chance auf mehr. Wenn du NICHT fragst, ist die Chance, dass du signifikant mehr Gehalt bekommst praktisch null.

Die Annahme, dass die bloße Frage nach mehr Gehalt bereits „unangenehm auffällt“ ist einfach falsch.

Wenn du ein Top-Mitarbeiter bist, dann wird eigentlich von dir erwartet, dass du dein Gehalt aktiv verhandelst. Vor allem wenn du’s richtig machst. Wenn du die Tür zum Büro deines Vorgesetzten montagsfrüh eintrittst und schreist:

„ICH WILL MEHR GEHALT. UND ZWAR JETZT ODER ICH BIN WEG…“

Dann ist das nicht unbedingt der richtige Weg. Und die Wahrscheinlichkeit, dass du dann wirklich weg bist, ist relativ groß. Wenn du das Thema richtig angehst, dann erwartet dein Vorgesetzter sogar, dass du nach mehr Gehalt fragst. Das schaffst du, indem du es von Anfang an mit deinem Vorgesetzten besprichst…

  • Was macht einen absoluten Top-Mitarbeiter aus?
  • Welche Ziele und Resultate muss ein unentbehrlicher Mitarbeiter erreichen?
  • Was ist eine faire Entlohnung für einen Top-Mitarbeiter?

Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel. Zuerst müssen wir alle psychologischen Hürden aus dem Weg räumen. Denn das beste System zur Gehaltsverhandlung hilft dir nicht, wenn du ein falsches oder verzerrtes Mindset im Kopf hast. Denn dann wird die Einstellung zur self-fulfilling prophecy.

Wahrheit: Nicht zu verhandeln oder nach mehr Gehalt zu fragen, schadet dir langfristig sogar

Nichts zu machen ist meistens eines der größten Risiken, das wir selbst nicht wahrnehmen. Wie viel „verlierst“ du jeden Tag, weil du nichts gemacht hast?
(Das trifft übrigens auf alle Bereiche in deinem Leben zu.

Zu verhandeln positioniert dich automatisch als Top-Mitarbeiter (oder als potenziellen Top-Kandidaten, wenn du dich bei einem anderen Unternehmen bewirbst). Überleg dir das Ganze mal aus der Sicht deines Vorgesetzten: Wem wird er in Zukunft mehr Verantwortung übertragen?

Der Person, die sich für sich selbst einsetzt, gut verhandelt, weiß was sie wert ist, und einen Top-Job abliefert, oder der Person, die sich nicht mal nach mehr Gehalt fragen traut bzw. das Thema mehr schlecht als recht behandelt.

Eine Gehaltsverhandlung ist keine Konfrontation oder ein Angriff

Die Annahme, dass eine Gehaltsverhandlung einem Kampf in der Gladiatorenarena ähnelt, ist einfach falsch. Es ist auch kein Western-Duell, bei dem zum Glockenschlag um 12:00 Uhr die Colts gezogen werden und nur einer überlebt. Auch wenn’s einem manchmal so vorkommt. Dieses Mindset hält unzählige Menschen davon ab, jemals richtig zu verhandeln. Das ist eine der größten psychologischen Hürden überhaupt.

Wenn du’s richtig machst, dann ist eine Verhandlung immer eine Kooperation

Ja, die Kooperation soll damit enden, dass du im Jahr tausende Euros mehr bekommst. Aber es ist eine Kooperation. Was bekommt dein Boss dafür? Genau die Frage musst du dir natürlich stellen. Was machst du für das Unternehmen, das die Gehaltserhöhung rechtfertigt?

Dass deine Wohnkosten gestiegen sind, du ja schon drei Jahre im Unternehmen bist oder ihr ein Kind bekommt, sind alles KEINE Gründe für eine Gehaltserhöhung. Oder fragst du auch nach mehr Gehalt, weil du jeden Abend Trüffel-Spaghetti essen willst? Das wäre zwar auch eine Strategie, aber vermutlich keine sinnvolle. Wenn du’s doch so probierst, lass mich wissen wie’s gelaufen ist ;-)

Überlege dir, wie du deinem Vorgesetzten helfen kannst

Welche Aufgaben beschäftigen deinen unmittelbaren Vorgesetzten? Womit muss er sich herumschlagen? Wodurch verspürt er Druck? Wie kannst du seinen Job leichter machen und gleichzeitig deine Aufgaben erledigen?

Wenn du die Antworten auf diese Fragen hast und das auch zeigen kannst, dann werden deine Vorgesetzten nicht zornig, wenn du nach mehr Gehalt fragst. Nein. Sie erwarten es und geben dir gerne mehr. Eine Verhandlung ist keine Situation, in der einer verlieren und ein anderer gewinnen muss – zumindest sollte es nicht so sein. Niemand muss den Kürzeren ziehen. Win/Win ist bei einer Verhandlung das Ziel.

Falls du noch immer skeptisch bist…

…und die Angst hast, dass du den Job verlierst, wenn du nach mehr Gehalt fragst oder das Verhältnis zu deinen Vorgesetzten schädigst, dann solltest du Folgendes realisieren:

Wahrheit: Wenn du ein Top-Mitarbeiter bist, dann will dich dein Vorgesetzter unter keinen Umständen verlieren

Wenn du weg bist, bedeutet das unter anderem:

  • Ein neuer Mitarbeiter muss gesucht werden. Das kostet Zeit & Geld.
  • Die neue Person muss eingeschult werden. Das kostet wieder.
  • Wer garantiert, dass dein Ersatz den Job so gut macht wie du?
  • Und ist es wirklich realistisch, dass die neue Person dann WENIGER kostet, als wenn du deine Gehaltserhöhung bekommen hättest?

Selbst wenn du kein absoluter Top-Mitarbeiter bist, aber einen soliden Job machst. Auch dann will dein Chef dich nicht verlieren. Genau aus diesen Gründen.

Unter diesem Gesichtspunkt solltest du deine Forderung nach mehr Gehalt nochmals betrachten. Ein paar hundert Euro mehr im Monat sind NICHTS im Vergleich.

Ja, für dich wären die paar hundert Euro mehr im Monat richtig cool. Mehr Geld zum Sparen, eine monetäre Anerkennung deiner Leistungen und vielleicht das Mittel, um gewisse Träume von dir schneller zu erreichen.

Für die meisten Unternehmen machen die paar hundert Euro mehr nichts aus. Deine Performance und Leistung ist viel wichtiger, als die 500 Euro mehr im Monat.

Deine Verhandlungsmacht ist deshalb viel größer als du glaubst. „Ich habe keine Verhandlungsmacht“ ist nämlich auch ein Mythos, der nicht stimmt.

Natürlich darfst du so nicht argumentieren

Stell dir wieder vor, dein Vorgesetzter sitzt in seinem Büro. Plötzlich trittst du die Tür ein und stehst da: „Hey, ich will jetzt 500 Euro mehr. Und spar dir die Gegenargumente. Ich weiß, wie viel euch die neue Mitarbeitersuche kostet, wenn ihr mich verliert. Also… morgen will ich die Papiere dazu am Schreibtisch.“ Ja, die Papiere hast du dann vermutlich am Schreibtisch, aber nicht die, mit der 500 Euro Gehaltserhöhung. Wenn du jemanden in eine Ecke drängst und tatsächlich „feindselig“ agierst, dann hat das meistens zur Folge, dass dein Gegenüber wie ein Tier reagiert, dass sich bedroht fühlt. Er beißt also zu (also jetzt hoffentlich nicht wortwörtlich, außer dein Boss ist ein Fan von Mike Tyson ;-) ).

Überleg dir selbst, wie’s dir geht, wenn du ein Ultimatum gestellt bekommst – und das in einer eher rüden Art und Weise.

Wenn sich dein Vorgesetzter zwischen Erpressung und Gesichtsverlust ODER Trennung entscheiden muss, dann wird er in 99 Prozent der Fälle die Trennung wählen.

Du machst es also natürlich nicht so! Auch wenn die Vorstellung der zerberstenden Tür und dem Ultimatum sich an schwierigen Tagen gut anfühlen würde.

Deshalb…

Können wir uns darauf einigen, dass es ein Mythos und eine selbst auferlegte psychologische Hürde ist, dass Gehaltsverhandlungen „feindselig“ sein müssen und du damit ein Risiko eingehst oder unangenehm auffällst?


Über den Autor

Florian MärzendorferFlorian Märzendorfer ist Co-Founder und CEO von FiP.S, einem Dienstleister für Jungakdademiker rund um Finanzen und Karriere. Strandurlaube findet er abscheulich, indisches Essen liebt er.

Im nächsten Teil dieser Artikelserie behandelt er die Mythen „Um richtig verhandeln zu können, muss ich redegewandt, spontan & schlagfertig sein“ und „Ich kann einfach nicht verhandeln“. Außerdem verrät er, was die Gehaltsverhandlung wirklich ist und warum das eigentliche Gespräch nur einen kleinen Teil ausmacht. Und damit überwindest du deinen persönlichen „Himalaya“ endgültig.

Wenn du bereits vorab mehr wissen willst, dann kannst du dir von FiP.S den „Fahrplan zur garantierten Gehaltserhöhung“ downloaden – inklusive der Antworten auf drei der häufigsten Gegenargumente.

Noch mehr Mythen, noch mehr Wahrheiten:

Redaktion

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