Erstellt am 12. Oktober 2020 · Gehalt · von

Gehaltsverhandlungsmythen: Wie wichtig ist der KV?

Lesezeit: 7 Minuten

Gehalt verhandeln kann ich nur unter bestimmten Umständen und über eine Gehaltserhöhung bestimmt sowieso der Kollektivvertrag – ein Mythos! Finanzexperte Florian Märzendorfer verrät, warum du dein Gehalt immer verhandeln kannst und warum der KV dabei nur eine Nebenrolle spielt.

Wann hast du zuletzt aktiv dein Gehalt verhandelt? Vielleicht ist es schon länger her, vielleicht hast du es aber auch noch nie versucht – ein schwerer Fehler! Was das für deine Gehaltsentwicklung und deine Karriere bedeutet, erklärt Florian Märzendorfer, Gründer und CEO von fip-s.at, gewohnt bildhaft in diesem Artikel.

Übrigens: Florian ist Gast in unserer nächsten Podcast-Folge und bespricht mit uns, was wir zu Gehalt und Gehaltsverhandlung wissen müssen. Die Folge erscheint am 19.10. überall, wo es Podcasts gibt.

Florian Märzendorfer

Florian Märzendorfer, CEO von fip-s.at

Ein Gastbeitrag von Florian Märzendorfer

Wieso du dein Gehalt verhandeln musst und warum dir dein Kollektivvertrag egal sein sollte

Das kannst du von Truthahn-Küken lernen, wenns um dein Gehalt geht

Truthennen (auch als Puten bekannt) passen auf ihren Nachwuchs besonders gut auf. Sie verwenden viel Zeit, um ihre Küken zu wärmen, zu putzen und zu pflegen. Doch der Grund dahinter ist sonderbar. Es ist nicht der Geruch der Küken oder das Aussehen, das die Truthennen in liebende Mütter verwandelt. Der Mutterinstinkt wird weitgehend von einer Sache ausgelöst: dem typischen Piep-Piep-Geräusch der Küken.

Wenn die Küken den Ton von sich geben, dann kümmert sich ihre Mutter hingebungsvoll um sie. Wenn sie das Geräusch nicht machen, dann ignoriert die Truthenne sie oder tötet sie manchmal sogar. Wenns um dein Einkommen geht, ist das ähnlich.

Der Piep-Piep-Ton ist in dem Fall die aktive Gehaltsverhandlung

Wenn du dein Gehalt nicht aktiv verhandelst, dann wirst du selten bis nie signifikant mehr bekommen. Genau wie das junge Truthahn-Küken gezwungen ist „Piep-Piep” zu trällern, musst du unermüdlich dein Gehalt verhandeln. Sonst stirbt deine Chance auf mehr Verdienst.

In unserem aktuellen FiP.S-JAM (Jungakademikermonitor), eine Studie rund um die Themen Karriere und Finanzen von 22- bis 34-jährigen Studenten bzw. Absolventen, haben wir uns auch dem Thema Gehalt gewidmet. Die Ergebnisse waren zugleich erschreckend und faszinierend.

Eine der ersten Fragen die wir im FiP.S-JAM gestellt haben war:

Wie wichtig ist dir die persönliche Gehaltsentwicklung?

Als ich die ausgewerteten Fragebögen sah, dachte ich mir: Stoppt die Pressen. Reserviert Zeit für die ZIB 20. Die Erkenntnis ist bahnbrechend!

86,6 Prozent aller Befragten ist Gehalt sehr wichtig oder eher wichtig. Okay, so überraschend ist das Ergebnis doch nicht. Ich hätte sogar auf einen noch höheren Wert getippt. 1,8 Prozent der Leute ist die persönliche Gehaltsentwicklung übrigens weniger wichtig (dem Rest ist es teilweise wichtig). Die sind also entweder reich wie ein Maharadscha oder haben allen weltlichen Dingen abgeschworen.

Da für die meisten Menschen die persönliche Gehaltsentwicklung entscheidend ist, offenbaren die nachfolgenden Ergebnisse, etwas Seltsames.

Planst du aktuell dein Gehalt zu verhandeln?

Bitte laut und deutlich JA oder NEIN sagen. Ein „Bin mir noch nicht sicher” gilt nicht.

46 Prozent planen, ihr Gehalt zu verhandeln oder haben es bereits gemacht. Kurzer Zwischenapplaus für all jene. 54 Prozent planen ihr Gehalt nicht zu verhandeln oder sind der Meinung, dass das bei ihrem Unternehmen nicht geht.

Wie hast du geantwortet?

Gehörst du zu denen die ihr Gehalt nicht verhandeln, weil es bei dir im Unternehmen nicht möglich ist? In 10 Prozent der Fälle stimmt diese Annahme. In 90 Prozent der Fälle handelt es sich aber um eine psychologische Barriere – das gilt übrigens auch für „Corona-bedingte“ Gründe. Lies hier nach, wie und ob du trotz Corona-Krise Gehalt verhandeln kannst.

Eines muss klar sein: Du kannst das süßeste, flauschigste, goldigste und zauberhafteste Truthahn-Küken der Welt sein. Ohne Piep-Piep-Ton wirst du ignoriert oder getötet. So wie du ohne aktive Gehaltsverhandlung (dein Gehalts-Piep-Piep) selten bis nie signifikant mehr bekommen wirst. Forscher haben das bei den Truthennen übrigens beeindruckend unter Beweis gestellt.

Ein natürlicher Feind der Truthenne ist der Iltis. Nähert sich ein Iltis, wird er gnadenlos attackiert. Selbst ein ausgestopftes Modell eines Iltisses, das mit einer Schnur in die Nähe der Truthahn-Mutter gezogen wurde, bekam eine erbarmungslose Abreibung. Doch die Forscher hatten eine Idee. Dasselbe Modell des Iltisses wurde jetzt mit einem Soundeffekt ausgestattet: dem Piep-Piep-Ton eines Truthahn-Kükens. Nicht nur, dass die Mutter den Iltis näherkommen ließ, nein, sie nahm ihn sogar in den mütterlichen Schutz. Aber sobald der Ton abgestellt wurde, attackierte die Truthenne das Iltis-Modell brutal und überfallsartig.

„Wenn du keinen Ton von dir gibst, wird dein Gehaltswunsch getötet.“

Der Iltis ist in deinem Fall einer deiner Kollegen, der sich traut, sein Gehalt anzusprechen und zu verhandeln, während du keinen Ton von dir gibst. Deshalb wirst du ignoriert, dein Gehaltswunsch wird getötet. Und das, obwohl du die Gehaltserhöhung mehr verdient hast.

Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass es wunderbar wäre, wenn du automatisch und basierend auf deiner Leistung mehr bekommen würdest. Leider ist das in vielen Unternehmen ein Traum und keine Realität. Das liegt aber nicht daran, weil alle Unternehmen böse sind und ihre Mitarbeiter ausbeuten. Wenn du als Vorgesetzter das Personalbudget im Rahmen halten musst, dann geht manchmal leider die Person, die keinen Piep von sich gibt, leer aus. So wie das stumme Truthahn-Küken.

Also, was hindert uns jetzt daran erfolgreich bzw. überhaupt unser Gehalt zu verhandeln?

Was sind die größten Herausforderungen im Rahmen einer Gehaltsverhandlung?

Die Frage haben wir bereits in unserem allerersten FiP.S-JAM gestellt. Wovor hast du persönlich beim Gehaltsverhandeln Angst?

Die Top 3 Schreckgespenster in unserem Monitor sind:

  1. Die Reaktion auf eine ablehnende Haltung
  2. Ich fühle mich bei Gehaltsverhandlungen unwohl
  3. Die fehlende Strategie zur erfolgreichen Gehaltsverhandlung

Hier hat sich, im Vergleich zur letzten Studie, nicht viel verändert. Damals war in den Top 3, anstatt der fehlenden Strategie, die Angst „Mir ist unklar, wieviel mehr Gehalt ich fordern kann” vertreten.

Die Gehaltsverhandlung wurde von den Studienteilnehmern auch als größtes Problem bei einem Bewerbungsgespräch genannt. Das erklärt zum Teil warum mehr als 50 Prozent ihr Gehalt nicht verhandeln. Wie schon vor einem Jahr ist die Lösung für dieses Problem die richtige Vorbereitung.

Doch auch hier hat sich gegenüber unserer Studie des Vorjahres nicht viel verändert. Über 70 Prozent bereiten sich weniger als eine Stunde auf eine Gehaltsverhandlung vor. Fast ein Fünftel bereitet sich gar nicht oder weniger als 15 Minuten vor. An diesem Punkt muss die Frage erlaubt sein: Wollen wir unsere Gehaltsverhandlung wie ein Profi oder wie ein Amateur angehen? Wie viele Boxer gehen fast unvorbereitet in einen Kampf? Wie viele Skifahrer sehen sich die Strecke nur kurze Zeit an? Wie viele Leichtathleten trainieren wenig bis gar nicht für ihren nächsten Wettkampf?

Die Gehaltsverhandlung ist natürlich kein Wettkampf. Aber die richtige Vorbereitung entscheidet über Erfolg oder Versagen. Also: Was willst du sein – Profi oder Amateur?

Vielleicht fühlen sich ja alle schon startklar für die Verhandlung?

„Nur 7 Prozent der Befragten fühlen sich sehr gut auf eine Gehaltsverhandlung vorbereitet.“

Leider nein. Nur 7 Prozent der Befragten fühlen sich sehr gut auf eine Gehaltsverhandlung vorbereitet (davon übrigens weit mehr Männer als Frauen). Jetzt verstehe ich noch mehr, warum über 50 Prozent ihr Gehalt gar nicht verhandeln: Ohne Vorbereitung und Lösung für die Herausforderungen in einem Gehaltsgespräch würde ich das auch nicht wollen. Deine erste Auto-Fahrstunde willst du vermutlich auch nicht in Neu-Delhi machen.

Die ersten Schritte zur Lösung dieser Probleme kannst du dir im zweiteiligen Artikel zur Vorjahresstudie ansehen.

Hier endet jetzt auch der Vergleich mit den Truthahn-Küken

Es reicht nicht aus, nur „Piep-Piep” zu stammeln und plump nach mehr Gehalt zu bitten. Das funktioniert bei den Truthennen, aber nicht bei deinen Vorgesetzten. Du musst dich intensiv auf das Thema Gehaltsverhandlung vorbereiten. Aber auf welche Quellen kannst du dabei vertrauen?

Sind Kollektivverträge das Maß aller Dinge bei der Gehaltsverhandlung?

In unserer Studie wollten wir auch wissen, was die glaubwürdigste Quelle für Gehaltsrecherchen ist. Zur Auswahl gab es Eltern, Freunde, Studienkollegen, Internet-Portale, Jobmessen, Kollektivverträge und eine Vielzahl anderer Quellen. Was ist für die österreichischen JungakademikerInnen die vertrauenswürdigste Quelle?

Die Kollektivverträge der Branchen.

Das Studien-Ergebnis ist problematisch. Nicht weil die Zahlen im Kollektivvertrag falsch sind. Nein. Die stimmen schon. Doch der Kollektivvertrag regelt Mindestgehälter.

„Der Kollektivvertrag regelt Mindestgehälter.“

Bist DU mit dem Mindestgehalt zufrieden? Ich gehe mal von einem Nein aus, da du sonst nicht diesen Artikel lesen würdest. Vielleicht hast du aber Glück und in deiner Branche ist das Mindestgehalt bzw. der Kollektivvertrag gar nicht so schlecht. Aber egal ob du bei der Branchenlotterie Glück oder Pech hast, der Kollektivvertrag sollte dir egal sein. Speziell wenn du gut ausgebildet bist.

Aber was ist, wenn sich deine Vorgesetzten auf den Kollektivvertrag rausreden?

Es könnte sein, dass du sowas hörst wie: „Du bekommst eh bald eine Kollektivvertragserhöhung. Da brauchen wir jetzt keine gesonderte Anpassung.” Wie würdest du darauf antworten?

Eine Möglichkeit ist mit gesenktem Kopf und Enttäuschung das Projekt Gehaltserhöhung abzublasen. Eine weitaus bessere Möglichkeit ist so oder ähnlich zu antworten:

„Ja, ich weiß, dass eine Kollektivvertragserhöhung ansteht. Aber die sollte ja hauptsächlich die Inflation abdecken. Mir gehts vor allem um die Anpassung meines Gehalts aufgrund meiner Leistungen. Und da ist die kollektivvertragliche Anpassung zu wenig. Die ist ja wie gesagt nur dafür da, damit das Gehalt real gleichbleibt und nicht weniger wird.”

Spontan wird das den wenigsten einfallen, deshalb musst du dich vorbereiten. Wenns im Gespräch um das Gehalt im Kollektivvertrag an sich geht, dann kannst du auch ansprechen, dass der Kollektivvertrag das Mindestgehalt regelt und du aufgrund deiner Leistungen mehr verdienst. Am besten untermauerst du das noch mit aktuellen Gehaltszahlen aus deiner Branche. Nochmals: Der Kollektivvertag ist dir egal.

Auf welche Quellen kannst du dich jetzt verlassen, wenns ums Gehalt verhandeln geht?

Den ersten Schritt hast du schon gemacht: Du hast bis hierher gelesen. Je mehr du dich mit dem Thema beschäftigst, desto besser. Um dein Gehaltstraining auf das nächste Level zu heben kannst du dir auch unseren „Einfach Mehr Gehalt”-Kurs ansehen. Lies dir die Artikel, die hier im Text verlinkt sind. Setz dich mit dem Thema Gehaltsverhandlung auseinander. Egal wie du dich in dem Bereich weiterbildest, du solltest dabei nie vergessen für was du mehr Gehalt haben willst: deine (finanziellen) Wünsche & Ziele.

Mit einem höheren Gehalt verwirklichst du deine Wünsche und Ziele

Welchen Stellenwert haben die folgenden finanziellen Ziele bzw. Wünsche für dich? Auch diese Frage stammt aus unserer Studie. Zur Auswahl gab es unter anderem:

  • Finanzielle Absicherung im Alter
  • Erwerb einer Immobilie für Wohnzwecke
  • Finanzierung meiner Freizeitgestaltung (Hobbys, Konzertbesuche …)
  • Finanzielle Vorsorge für Familienplanung
  • Finanzierung meiner Reisen
  • Finanzierung meiner (nachhaltigen/qualitativ hochwertigen) Ernährung

Was ist dir persönlich am wichtigsten? Überleg mal kurz. Was hat für dich Vorrang?

Die Auflistung von oben ist nicht bunt zusammengewürfelt. Es ist tatsächlich eine Reihung: Österreichische JungakademikerInnen priorisieren die finanzielle Absicherung im Alter, knapp 80 Prozent ist sie sehr oder eher wichtig. Lediglich der Erwerb einer Eigentumswohnung oder eines Hauses für die eigenen Wohnzwecke sitzt der Altersvorsorge dicht im Nacken. 70 Prozent stufen dieses Ziel als sehr oder eher wichtig ein. Die restlichen Ziele und Wünsche folgen mit Respektabstand.

Das macht die weiteren Ergebnisse unserer Studie umso verwunderlicher. Wir haben im FiP.S-JAM auch nachgefragt wie viel die JungakademikerInnen aktuell fürs Alter sparen, warum sie nicht mehr sparen und wie viel sie benötigen, um finanziell im Ruhestand abgesichert zu sein. Die verblüffendsten Ergebnisse und was du persönlich daraus lernen kannst, besprechen wir morgen in Teil II dieses Artikels.

Aber damit dir dein Kollege, der Iltis, deine Gehaltserhöhung nicht wegschnappt, haben wir vorab noch was für dich: den Fahrplan zur (fast) garantierten Gehaltserhöhung. Dort zeigen wir dir die fünf Schritte die notwendig sind, um stressfrei mehr Gehalt zu bekommen. Zusätzlich bekommst du Antwortmöglichkeiten auf die 3 häufigsten Gegenargumente.

Piep-Piep.

Bildnachweis: shutterstock/Jorge Botella Molina

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.