Erstellt am 11. Februar 2020 · Arbeitsleben, HR · von

Flexible Arbeitszeiten: Modelle aus der Praxis

Lesezeit: 4 Minuten

Sind fixe Arbeitszeiten veraltet? Ja, wenn es nach Österreichs Arbeitnehmern geht. Working 9 to 5 ist in vielen Berufen schlicht nicht mehr nötig, das erkennen auch Arbeitgeber zunehmend. Um dem starren Konstrukt zu entkommen, gibt es viele Möglichkeiten. In diesem Artikel bekommt ihr einen Überblick über flexible Arbeitszeitmodelle, die bereits erfolgreich umgesetzt werden.

Studien belegen es: Die Tage der fixen Arbeitszeiten sind gezählt. Flexibilität ist das neue Normal und steht bei Arbeitnehmern rund um den Globus ganz oben auf der Wunschliste. Das zeigt eine internationale Umfrage aus 2019. Österreich macht dabei keine Ausnahme, wie unsere Studie zur Zukunft der Arbeit zeigt.

Arbeitnehmer wünschen sich flexible Arbeitszeiten:

  • 70 Prozent der Arbeitnehmer wünschen sich von ihrem Arbeitgeber eine flexible, selbstständige Zeiteinteilung.
  • 68 Prozent möchten flexible Arbeitszeitmodelle (z. B.: 30-Stunden-Woche).
  • 87 Prozent sehen flexible Arbeitszeit als beliebtes Benefit.
  • Für 33 Prozent sind sie sogar ein Grund, den Job zu wechseln.

Flexible Arbeitszeitmodelle aus der Praxis

Gleitzeit einführen, auf Kernzeiten verzichten … Wie Unternehmen dem Wunsch der Arbeitnehmer entsprechen, ist höchst unterschiedlich. Denn zur Umsetzung von flexiblen Arbeitszeiten im Arbeitsalltag gibt es die verschiedensten Modelle. Wir haben uns fünf davon angesehen:

Modell 1: 30 Stunden bei vollem Gehalt

Das sicher radikalste Modell ist die 30-Stunden-Woche. eMagnetix, eine Werbeagentur aus Oberösterreich, gilt als Vorreiter dieser neuen Arbeitsform. Seit 2018 bedeutet Vollzeit hier 30 Stunden pro Woche, beim Gehalt gibts keine Abstriche. Geschäftsführer Klaus Hochreiter erzählt uns, wie das Modell umgesetzt werden konnte: „Angekündigt haben wir die Umstellung im Februar 2018, im Juni dann auf 34 Stunden reduziert und seit Oktober 2018 gilt bei uns die 30-Stunden-Woche. Bis zur Ankündigung vergingen über zwei Jahre, in denen wir sehr ausführlich geplant und getestet haben. Dazu haben wir von Beginn an die Mitarbeiter ins Boot geholt. Jeder hat sich überlegt, wo er in seinem Bereich Zeit sparen und wie er effizienter arbeiten kann. Zudem haben wir genau recherchiert, welche Tools dabei helfen können.“ Die endgültige Entscheidung pro 30-Stunden-Woche wurde schließlich gemeinsam getroffen.

Weniger Stunden verlangen mehr Effizienz

Im Vorfeld wurden verschiedenste Berechnungen durchgeführt, erklärt Hochreiter: „Wir haben geschaut, wo wir eventuelle Umsatzverluste kompensieren können, und stark an Zeitmanagement und Effizienz gearbeitet. Ziel war, dass bei 8,5 Stunden weniger nicht die eigentliche Arbeitsleistung geschmälert wird, sondern die unnötigen administrativen Zeitfresser wegfallen.“ Dazu wurden Arbeitsschritte wie das Reporting digitalisiert und neue Regeln eingeführt. Das private Handy beispielsweise ist als Zeitfresser Nummer eins während der Arbeitszeit tabu und muss in die Schublade.

geschäftsführer von emagnetix

Klaus Hochreiter, eMagnetix

„Nicht die Arbeitsleistung wird geschmälert, sondern die unnötigen Zeitfresser fallen weg.“

30 Stunden verbessern die Arbeitsqualität

Nicht nur die Mitarbeiter, auch die Kunden waren zu Beginn skeptisch, ob bei weniger Arbeitszeit die Qualität der Arbeitsleistung gehalten werden kann. Diesbezüglich wurden alle mittlerweile eines Besseren belehrt, erzählt der Agenturchef: „Der große Vorteil ist, dass wir durch die 30-Stunden-Woche auch viel bessere Bewerbungen bekommen als früher, und dadurch ist die Qualität unserer Arbeit sehr gestiegen. Gleichzeitig hat sich die Fluktuation verringert und dadurch können wir die hohe Qualität sicherstellen.“

Modell 2: Die 4-Tage-Woche

Ein ähnliches Arbeitszeitmodell hat das Grazer Unternehmen Bike Citizens bereits 2014 eingeführt. Die Arbeitszeit wurde von 38,5 auf 36 Stunden pro Woche reduziert, das Gehalt entsprechend angepasst. Dafür dauert eine Arbeitswoche nur mehr vier Tage. Wie das funktioniert, haben wir CEO Daniel Kofler in diesem Artikel gefragt:

 

Modell 3: Die 4-Tage-Woche im Sommer

Eine Alternative zur dauerhaften 4-Tage-Woche ist die saisonale Reduktion der Arbeitszeit – damit wird flexibel auf Mitarbeiterwünsche oder auch geringere Auslastung reagiert. Zwei Unternehmen haben uns von ihren Erfahrungen damit erzählt:

Der Sommerbonus bei BeKa-Software

Seit drei Jahren reduziert BeKa-Software in den Sommermonaten auf vier Tage Arbeitszeit. Geschäftsführer Klaus Hagenauer erklärt, was die Beweggründe dafür waren: „Wir sind der Meinung, dass man eine attraktive Balance zwischen Arbeit und Freizeit bieten muss.“ Dazu, so Hagenauer, müsse man den Mitarbeitern so viele Freiheiten wie möglich geben. „Unsere einzige Restriktion ist, dass unsere Projekte in time und in budget erledigt werden. Wie die Mitarbeiter das machen, ist ihnen selbst überlassen.“

So funktioniert der Sommerbonus

„Die Mitarbeiter arbeiten in vier Tagen 36 Stunden, das Unternehmen schenkt ihnen die restlichen 2,5 und somit können alle am Freitag zuhause bleiben. Wir machen das aus Wertschätzung den Mitarbeitern gegenüber und haben mit diesem Modell exzellente Erfahrungen gemacht.“

Geschäftsführer BeKa-Software

Klaus Hagenauer, BeKa-Software

„Mit der Arbeitszeitreduktion im Sommer können wir auch zum Umweltschutz beitragen.“

Vor- und Nachteile der geringeren Arbeitszeit

Nicht alle Mitarbeiter können mit der neu gewonnenen Freiheit umgehen, weist Hagenauer auf die Nachteile hin, relativiert aber im selben Atemzug: „Es gab lediglich zwei Fälle, in denen die Freiheit überstrapaziert wurde. Hier haben die Kollegen aber sofort interveniert. Ein anderer Nachteil ist, dass wir bei stundenbasierten Abrechnungen natürlich Geld verlieren. Aber die Mitarbeiterzufriedenheit ist uns das wert.“ Insgesamt hätten auch Kunden und Bewerber diese Umstellung sehr positiv aufgenommen, erzählt Hagenauer weiter und weist auf einen positiven Nebeneffekt hin, an den man nicht sofort denken würde: „Ich bin ein sehr umweltbewusst denkender Mensch und mit dieser Maßnahme können wir einiges zum Umweltschutz beitragen. Die Mitarbeiter müssen einen Tag weniger in der Woche zur Arbeit fahren und wir sparen Energie, wenn die Firma einen Tag mehr geschlossen ist.“

Sunny Fridays bei Storyclash

Auch ein zweites Unternehmen hat uns von seinen Erfahrungen mit der sommerlichen 4-Tage-Woche erzählt. „Sunny Fridays“ heißt das Modell bei Storyclash – wie es funktioniert, erklärt uns Andreas Gutzelnig in diesem Artikel:

Modell 4: Die geteilte Firma – Freizeit oder Geld?

Ein spannendes Arbeitskonzept verfolgen die App-Entwickler bluesource. Hier wird die Firma einfach in zwei Hälften geteilt, damit jeder Mitarbeiter jeden zweiten Freitag frei haben kann. KANN ist hierbei das ausschlaggebende Wort, denn mit über vierzig verschiedenen Arbeitszeitmodellen wird hier ganz flexibel auf die jeweils aktuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter eingegangen. Wer mehr arbeiten möchte, darf das – bei entsprechender Bezahlung durch Überstundenpauschalen natürlich – auch tun. „Von acht bis 42,5 Stunden pro Woche ist bei uns alles möglich“, sagt COO Roland Sprengseis. Dass das Unternehmen dank dieser und weiterer Maßnahmen kein Problem damit habe, neue Mitarbeiter im umkämpften IT-Bereich zu finden, erzählt er in diesem Artikel:

Modell 5: Urlaub, so viel man will

Flexible Arbeitszeit bedeutet auch flexible Freizeit – schon mal daran gedacht? Objectbay und 1000things haben das und rollen die Arbeitszeitflexibilisierung von dieser Seite auf. Heißt in der Praxis: Jeder Mitarbeiter kann so viel Urlaub nehmen, wie er will. Dass es dazu bedingungsloses Vertrauen und einen starken Teamgeist braucht, erklären beide Unternehmen in diesem Artikel:

Weitere Modelle gesucht: Wie flexibel sind eure Arbeitszeiten?

Habt ihr ein ähnliches Arbeitszeitmodell oder ein völlig anderes? Wie flexibel sind eure Arbeitszeiten und wollt ihr uns davon erzählen? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

 

Bildnachweis: shutterstock/Africa Studio

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.