Workaholics: Arbeiten bis zur totalen Erschöpfung

von in Arbeitsleben am Montag, 11. April 2016 um 10:34

Wenn die Kollegen das Büro in den wohlverdienten Feierabend verlassen, ist für Workaholics noch lange nicht Schluss. Sie sind süchtig nach Arbeit, schieben Überstunden und sind auch am Wochenende gedanklich oder aktiv immer beim Job. Warum sie das tun, auch wenn es ihrer Karriere nicht weiterhilft, erklärt Psychotherapeutin Sonja Rieder.

Süchtig nach Arbeit – warum?

Sonja Rieder

Sonja Rieder

Es erwischt Selbstständige, Top-Manager, Studenten und Arbeitnehmer in allen Branchen: Arbeitssucht ist eine Droge, die sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Immer auf Achse, ständig arbeitend, in Gedanken immer beim nächsten Projekt. Toll, was der Kollege alles schafft – ein echter Workaholic. Nicht selten ist es das große Bedürfnis nach Anerkennung, das süchtig nach Arbeit macht. Psychotherapeutin und Coach Sonja Rieder kennt die Fallstricke der Arbeitssucht.

Eine kurze Begriffsdefinition: Was macht einen Workaholic aus?

Rieder: Der Begriff Workaholic ist mehr umgangssprachlich, der fachlich richtige Ausdruck dafür lautet Arbeitssucht. Das sind Menschen, die übermäßig viel arbeiten – allerdings nicht deshalb, weil sie dadurch mehr verdienen oder es der Karriere dienlich wäre, sondern weil sie einen inneren Drang danach verspüren. Workaholics agieren aus einem inneren Zwang heraus.

Was unterscheidet Workaholics von Arbeitnehmern mit gesunder Motivation?

Rieder: Worauf man dabei achten muss ist, wie sehr sich die Person noch unter Kontrolle hat. Arbeitssüchtige erkennt man weniger an ihrem Pensum, sondern an den Dingen, die sie nicht tun. Oft haben sie nur eingeschränkte soziale Kontakte, keine Freizeit, ihre Beziehung leidet vielleicht unter der vielen Arbeit, sie investieren wenig Zeit in Partnerschaft und Familie. Ihr gesamtes Leben organisiert sich rund um ihre Arbeit. Workaholics können sich nur schwer entspannen, abschalten oder richtig loslassen.

Gibt es Persönlichkeitstypen, die Arbeitssucht besonders häufig trifft?

Rieder: Arbeitssucht kann verschiedene Persönlichkeitsstrukturen zur Grundlage haben, dabei muss man immer auf den Einzelfall schauen. Typisches Beispiel wäre eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung – ohne noch eine Störung im klinischen Sinn zu sein: Kontrolliert zwanghafte Persönlichkeiten neigen zu starker Ordnung, halten sich strikt an Regeln und haben unglaublich hohe Moralvorstellungen. Sie sind nicht sehr flexibel und äußerst detailorientiert. Mit so einer Persönlichkeitsstruktur schaffen sie sich selbst ein hohes Arbeitspensum. Eine andere Ausprägung ist die narzisstische Struktur. Diesen Personen ist es wichtig, um jeden Preis Anerkennung zu erhalten. Anerkennung ist etwas, das stark über die Arbeit fließt. Die Arbeitswelt bietet viele Möglichkeiten, um anerkannt zu werden.

Arbeiten Betroffene so viel, weil sie in anderen Lebensbereichen etwas vermissen oder ihnen privat Anerkennung verwehrt bleibt?

Rieder: Beides ist möglich. Arbeitssucht kann auch auftreten, wenn in anderen Lebensbereichen etwas fehlt – oder umgekehrt: Weil es zu Hause kriselt, wird mehr gearbeitet, um Anerkennung zu bekommen. Durch das hohe Pensum kriselt es privat dann noch mehr. Die Arbeitssucht führt oft in einen Teufelskreis. Betroffene arbeiten so viel bis ihre Leistungsfähigkeit einknickt, sie machen Fehler, das drückt auf die Stimmung, lässt Anerkennung vermissen und sie arbeiten dann noch mehr. Viele geraten in diesen Kreislauf und nicht selten endet das in einem Burnout.

Workaholic im Burnout

Wie kann ich selbst erkennen, ob ich zu viel arbeite?

Rieder: Die Frage „Bin ich schon arbeitssüchtig?“ stellen sich wahrscheinlich einige. Um das herauszufinden, kann man sich selbst einige Fragen stellen und sich beobachten:

  • An wie vielen Abenden kann ich vom Job abschalten?
  • Schaffe ich es ein ganzes Wochenende lang, weitgehend abzuschalten? Gibt es wenigstens ein paar Stunden, an denen ich nicht an die Arbeit denke? Wer auch am Wochenende überhaupt nicht abschalten kann, befindet sich mit einem Bein bereits im Suchtkreislauf.
  • Sich selbst fragen: Was vermeide ich in meinem Leben durch das Arbeiten? Was ist der Preis für mein Arbeitspensum?
  • Außensicht einnehmen: Angenommen, mein bester Freund würde so viel arbeiten, wie ich das tue – was würde ich ihm sagen oder raten?
  • Würde mein älteres Ich meinem aktuellen Ich zusehen, was würde es sagen?

Die ständige Erreichbarkeit durch Diensthandys oder Laptop macht es ja noch schwerer abzuschalten?

Rieder: Ja, das ist eine große Falle. Ich habe mit einer Klientin gearbeitet, die als Selbstständige mit einem Bein bereits im Burnout stand. Wir haben gemeinsam Regeln vereinbart, z.B. dass sie abends zu einer bestimmten Uhrzeit den Laptop im Zimmer ihrer Tochter abgeben musste. Ab diesem Zeitpunkt durfte sie nicht mehr damit arbeiten. Es hilft, sich fixe Zeitpunkte zu setzen, an denen man E-Mails checkt – außerhalb dieser vereinbarten Zeitfenster jedoch nicht. Manche Menschen, die der Versuchung nicht widerstehen können, benötigen andere Personen als Kontrollinstanzen: Schau dieses Wochenende bitte auf mich und hilf mir, das durchzusetzen.

„Um Dinge, die im Leben gut funktionieren sollen, muss ich mich auch kümmern.“

Ist man neu in einem Unternehmen, sollte man gar nicht erst damit beginnen, außerhalb der Dienstzeiten ständig die Mails zu checken. Auch bei sehr flexiblen Arbeitszeiten sollte man sich einen Tag, wie z.B. den Sonntag, frei von Arbeit halten. Manche Arbeitgeber haben zum Thema Erreichbarkeit eine eigene Policy, andere nicht. Wer sich selbst gut managen kann, tut sich natürlich leichter. Kann man das nicht, bleibt nur der Rückgriff auf strikte Regeln.

Ein Satz fällt mir dazu noch ein: Arbeit ist so viel leichter als Leben. Das Privatleben zu Hause ist oft nicht so viel einfacher, als der Alltag im Büro. Betreuungspflichten, das Privatleben – all das erfordert Energie und ist oft schwierig. Durch das Arbeiten möchte man sich diese privaten Herausforderungen oft sparen. Das geht natürlich nicht. Möchte ich eine liebevolle Beziehung führen, muss ich mich auch um meinen Partner kümmern. Es wäre falsch zu sagen: Nur Quality-Time zählt – es kommt schon auch auf die Quantität an. Um Dinge, die im Leben gut funktionieren sollen, muss ich mich auch kümmern.

Zur Person

Mag. Sonja Rieder ist Karriereberaterin, Psychotherapeutin, Fachbuchautorin und Business Coach mit eigenem Büro in Wien. Neben klassischen Karrierethemen wie Laufbahnplanung, Bewerbung, Um- und Neuorientierung liegt ihr Fokus auf Coaching in Entscheidungssituationen sowie auf psychologischen Themen wie Narzissmus, Arbeitsstil und Selbstmanagement. Sie berät Selbstständige, Fach- und Führungskräfte sowie Young Professionals in herausfordernden Berufs- und Lebenssituationen.

Bildnachweis: Dean Drobot / Shutterstock; lassedesignen/Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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