Erstellt am 26. März 2019 · Arbeitsleben · von

„Das schaffst du schon!“ Warum wir uns zu viel Arbeit aufhalsen lassen

Lesezeit: 3 Minuten

Immer bleibt alles an mir hängen! Da hat man ohnehin schon genug zu tun und dann bekommt man noch drei Dinge aufgehalst. Doch irgendwie kann man dem Chef und den Kollegen nie etwas abschlagen, schließlich vertrauen sie darauf … So wird aus dem Zutrauen schnell eine Zumutung – und Zeit, die Notbremse zu ziehen. Wir haben eine Psychologin gefragt, warum wir uns immer wieder zu Zusatzarbeit verführen lassen und wie wir lernen können, Nein zu sagen.

Die To-do-Liste ist bummvoll, da fällt plötzlich die Kollegin aus, ein besonders dringender Auftrag kommt rein und dann ist da noch diese „Kleinigkeit“ für den Chef zu erledigen … Na gut, das kann halt keiner so gut wie ich, der Chef hat mich so nett drum gebeten und außerdem: Wenn ich es nicht mache, wer dann? Mit diesen Gedanken vertrösten sich viele, die sich immer wieder Zusatzarbeiten aufladen lassen, und schwören sich: Beim nächsten Mal sag ich Nein! – Bis sie sich wieder hinreißen lassen und Dinge erledigen, die sie vielleicht gar nicht müssten. Warum manchen Menschen das Ablehnen so schwerfällt, erklärt uns Arbeitspsychologin Christa Schirl.

Zur Zusatzarbeit verführt: Warum wir immer wieder Ja sagen

Frau Schirl, warum lassen sich so viele Mitarbeiter zusätzliche Aufgaben andrehen, obwohl sie schon ausgelastet sind?

Christa Schirl: Viele Chefs wissen sehr genau, womit sie ihre Mitarbeiter um den Finger wickeln können. Das ist auch ihr gutes Recht. Als Mitarbeiter muss ich mich daher immer fragen: Wie will mein Arbeitgeber mich verführen? Und: Ist es eine Chance oder eine Versuchung? Wenn die Aufgabe, die ich zusätzlich erledigen soll, also eine gute Gelegenheit für mich ist, mein Können zu beweisen oder meine Karriere voranzutreiben, dann sollte ich sie beim Schopf packen. Wenn sie mich aber in eine unangenehme Situation bringen kann, also eine Versuchung ist, dann sollte ich sie ablehnen.

Die verschiedenen Arten der Verführung

Zur ersten Frage: Auf welche Arten kann mich mein Arbeitgeber verführen?

Arbeitspsychologin Schirl

Arbeitspsychologin Christa Schirl

Schirl: Eine häufige Methode ist „die letzte Rettung“. Da hört man dann so etwas wie: „Nur du kannst das, ohne dich wären wir verloren!“ Sind Sie gern die Retterin, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie die gewünschte Aufgabe auch machen.
Eine andere Verführung ist die narzisstische: „Du bist die Beste für den Job, die anderen können das nie so machen wie du. Wenn du das machst, dann weiß ich, der Kunde wird zufrieden sein …“ – So etwas ist natürlich sehr schmeichelhaft und funktioniert oft. Ich muss mich dann fragen: Stimmt das? Ist diese Aufgabe wirklich etwas, das nur ich machen kann? Bin ich die Beste oder die Erstbeste?

„Niemand kann das so gut wie du …“

Auch Geld oder Titel sind solche narzisstischen Verführungen. Da werden wir gelockt mit Aussagen wie: „Wenn du jetzt bis zum Sommer jedes Wochenende arbeitest, bekommst du eine saftige Gehaltserhöhung.“ Oder „Du bist jetzt nicht mehr Assistentin, sondern Senior Project Assistant.“ Du bekommst diesen gutklingenden, hoch angesehenen Titel, aber nicht mehr Geld.

„Der ist so lieb, dem kann ich ja nichts abschlagen …“

Und natürlich funktionieren auch Geschenke sehr gut: „Eigentlich bin ich eh schon voll, aber jetzt hat er mir heute wieder so einen lieben kleinen Osterhasen auf den Schreibtisch gestellt, den Gefallen tu ich ihm noch.“ „Der Chef ist ja so lieb, dem kann ich nichts abschlagen. Wie soll ich denn da jetzt noch sagen: Es tut mir leid, heute kann ich nicht bis 19 Uhr bleiben?“
Wichtig ist, dass ich weiß, wodurch ich verführbar bin. Lob, Anerkennung, Karriereleiter, Rettung, materielle Dinge, das persönliche Geburtstagsgeschenk, … Womit motiviert mich mein Chef und wo kann er mich abholen?

Wie kann man es schaffen, sich nicht verführen zu lassen?

Schirl: Man kennt das von Teams: Da gibt es die, die alles aufgehalst bekommen, und die, die nie zum Handkuss kommen. Warum? Weil die von vornherein Nein gesagt haben: Das mach ich nicht. Da gibt es Muskeln, die zu trainieren sind. In Coachings kann man das lernen.

Wie kann so ein Ablehnungs-Dialog aussehen?

Schirl: Man kann sagen: „Danke, dass Sie mich fragen, das ehrt mich sehr, aber leider geht es nicht. Ich bin ausgelastet.“ Der Chef sagt dann vielleicht: „Na geh, aber Sie sind die Einzige …“ Und dann wiederholen Sie: „Nein, leider. Es ehrt mich wirklich, dass Sie mich fragen, aber es geht nicht. Ich möchte das, was ich mache, gut machen.“ Daraufhin kommt wahrscheinlich etwas wie: „Ja, aber das machen Sie sowieso gut.“ Und darauf können Sie antworten: „Stimmt, und ich möchte auch bei der Qualität bleiben. Es geht leider nicht, aber danke, dass Sie mich gefragt haben.

Was tu ich, wenn der Chef einfach nicht lockerlässt?

Schirl: Man muss dieses „Danke, dass Sie mich gefragt haben, leider nicht. Diesmal nicht.“ oft wiederholen. Es wird bei den Wenigsten beim ersten Mal durchgehen, also das soll man mindestens dreimal wiederholen. Und auch höflich drauf hinweisen, dass vielleicht die Kollegin XY Zeit hätte – sofern jemand im Team wirklich nicht so stark ausgelastet ist.

 

Bildnachweis: Stokkete/shutterstock

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.

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