Erstellt am 27. Juni 2019 · Bewerbung, HR · von

Videobewerbung: Sinnvoller Trend oder nutzloser Hype?

Lesezeit: 3 Minuten

Videobewerbungen scheinen der neueste Trend zu sein. Zumindest, wenn man den Anbietern professioneller Bewerbungsvideo-Software glaubt. Aber wollen sich Recruiter wirklich lieber Videos ansehen, als Bewerbungen lesen? Wir haben uns schlau gemacht, welche Vor- und Nachteile die Videobewerbung mit sich bringt.

Recruiting ist ein schnelllebiges Business. Zu viel zu tun, zu wenig Zeit – und das eigentlich immer. Da klingt es doch verlockend, sich statt seitenlangen Bewerbungsunterlagen ein kurzes Video anzusehen, in dem man alles Wesentliche über den Bewerber erfährt und ihn dabei noch dazu „in action“ sieht, so wie er (im Idealfall) wirklich ist. Aber wie praktikabel ist das im Recruitingalltag? Wir haben nachgefragt.

Die Vorteile der Videobewerbung

Videoformate sind aus den sozialen Medien gar nicht mehr wegzudenken. Zu bequem ist es, sich durch Tutorials zu klicken, anstatt sich mühsam Bedienungsanleitungen durchzulesen. Genau das ist auch die Idee bei Videobewerbungen. Der Vorteil: Der Bewerber zeigt sich in wenigen Minuten von seiner besten Seite und kann insbesondere sein Auftreten, seine Redegewandtheit oder Referenzen, die in Bewegtbild besser zur Geltung kommen, präsentieren. Der Recruiter bekommt dadurch gleich einen besseren Eindruck über die Persönlichkeit des Bewerbers, so zumindest die Theorie.

Videobewerbungen sparen nur bedingt Zeit

Wie viel Zeit man sich durch Videobewerbungen aber wirklich spart, ist fraglich. Denn eine der zeitintensivsten Tätigkeiten im Recruitingprozess ist das Vergleichen der Bewerberprofile. Wer hat welche Ausbildung, wie viel Berufserfahrung und bringt welche Fähigkeiten mit? Aus einem guten Lebenslauf lassen sich diese Daten schnell auslesen. Nicht so aus einem Video. „Der größte Nachteil, den ich bei Bewerbungsvideos sehe, ist, dass ich sie mir von vorne bis hinten ansehen muss, um das zu erfahren, was mich interessiert. Einen Lebenslauf kann ich dagegen nach den gewünschten Infos schnell durchscannen“, erklärt Manuela Mizelli, Head of HR bei karriere.at. Wenn kein Lebenslauf beigefügt ist, müssen die Bewerberdaten demnach erst mühsam notiert werden.

Manuela Mizelli

Manuela Mizelli, Head of HR, karriere.at

„Ein Ersatz für die klassischen Bewerbungsunterlagen sind Videos meiner Meinung nach nicht. Ich halte sie eher für eine Ergänzung.“

Ob eine Videobewerbung Sinn macht, hängt von der Branche ab

Mit einem Video beweist der Bewerber, dass er nicht kamerascheu ist, sich gut präsentieren kann und mit Aufnahmetechnik und Videoschnittsoftware vertraut ist. Das sind wichtige Fähigkeiten, die aber nicht in jeder Branche gefragt sind. „In der Kreativ- oder Kommunikationsbranche, wo es um Auftreten, Sprechfähigkeiten und kreative Präsentation geht, kann ich mir Videobewerbungen aber sehr gut vorstellen“, meint Mizelli. Auch bei Jobs, in denen Videoproduktion ein Teil des Aufgabengebiets ist, kann eine Videobewerbung absolut sinnvoll sein. Sie dient dann zugleich als Bewerbung und Referenz.

Die Tücken der Videobewerbung

Neben der nur vermeintlichen Zeitersparnis und den wenigen Branchen, in denen Videobewerbungen wirklich sinnvoll sein können, gibt es noch weitere Tücken zu bedenken. Sich vor der Kamera zu präsentieren, fällt eher extrovertierten Personen leicht. Sie haben in diesem Fall einen klaren Vorteil. Während ein guter Personalverantwortlicher introvertierte Bewerber im Jobinterview aus der Reserve locken kann, geht das bei einer Videoaufzeichnung klarerweise nicht.

videobewerbungen können geschönt sein

Zudem kann ein Video vorbereitet, immer wieder neu aufgenommen und zurechtgeschnitten werden. Auch wenn es darin vom Recruiter definierte Fragen zu beantworten gilt, wird ein Video nie denselben authentischen Eindruck vom Kandidaten vermitteln wie ein persönliches Gespräch unter vier Augen. Ähnliches gilt übrigens auch für Bewerbungsgespräche per Skype. Auch hier kann die ungewohnte Situation, vor der Kamera zu stehen, vielleicht sogar aufgezeichnet zu werden, das Ergebnis verfälschen.
Personalchefin Manuela Mizelli dazu: „Ich denke, ein Bewerbungsvideo ersetzt auch das Bewerbungsgespräch aus eben diesen Gründen nicht. Wie ein Mensch wirklich tickt, erfährt man immer noch am besten beim persönlichen Kennenlernen.“

Videobewerbung: ja oder nein?

Fazit: Ein Video ersetzt vermutlich weder den Lebenslauf noch das persönliche Bewerbungsgespräch, kann aber eine sinnvolle Ergänzung sein, wenn die Branche oder der jeweilige Job Kreativität, gutes Auftreten und Präsentieren sowie Redegewandtheit erfordert.

Bildnachweis: shutterstock/adriaticfoto, fizkes; karriere.at

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.

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