9. Oktober 2018 · Arbeitsleben · von

Dieses Startup öffnet die digitale Informationswelt für Gehörlose

Wie arbeitet es sich in einem Start-up, genauer gesagt: Einem Startup dass es sich zum Ziel gesetzt hat, die Welt für gehörlose Menschen barrierefrei zu machen? Vera Steiner vom TEDxVienna-Team hat nachgefragt: Sign Time übersetzt mit seiner Software SiMAX gesprochene und geschriebene Sprache in Gebärdensprache. Das Ganze funktioniert über ein Avatar-basiertes Übersetzungssystem. Mit dem innovativen Produkt ist Sign Time heute Technologieführer in der Darstellung animierter Gebärden. 10 Fragen an Marlene Tretton, Project Managerin bei Sign Time und Tochter der Mitgründerin Monika Haider.

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Von TEDx-Vienna Gastautorin Vera Steiner

10 Fragen an Marlene Tretton von Sign Time

Wie sind die Idee und das Konzept für Sign Time entstanden?

Startup Sign TimeSign Time wurde gegründet, um visuelle Unterrichtsmaterialien für gehörlose Personen zu kreieren. Zuerst haben wir Videos konventionell im Filmstudio mit Übersetzerinnen und Übersetzern gedreht. Der Bedarf war aber so groß, dass wir nicht mehr mit der Produktion nachkamen, bzw. gab und gibt es gar nicht genügend Übersetzer, um laufend Inhalt zu produzieren. Im Rahmen eines Forschungsprojekts haben wir daher mit einer Firma aus der Spieleindustrie zusammengearbeitet und erste Übersetzungen durch Avatare entwickelt. Das war ein wichtiger Schritt, wir waren begeistert von der Technologie, aber unzufrieden mit den Übersetzungen, denn die animierten Gebärden waren zu unpräzise. Die Korrekturschleifen waren lang, es musste viel Kommunikation und Zeit aufgewendet werden, weil die 3D-Animatoren und 3D-Animatorinnen zwar animieren konnten, aber keine Kenntnisse in Gebärdensprache hatten.
Nun machen wir es umgekehrt: Wir stellen technische begabte Gehörlose ein und bilden diese als 3D-Animatorinnen und 3D-Animatoren aus. Damit konnten wir die Qualität und die Geschwindigkeit in der Produktion maßgeblich verbessern. Mittlerweile besteht unser Team aus sechs 3D-Animatorinnen und 3D-Animatoren, vier davon sind gehörlos.

Ihr bezeichnet euch als „ein hochmotiviertes Team, das daran arbeitet, die Welt für gehörlose Menschen barrierefrei zu machen“. Welche Probleme von Gehörlosen werden von euch gelöst?

Mit unserem Übersetzungstool ermöglichen wir es, viele Inhalte barrierefrei zu machen, die davor für gehörlose Personen nicht zugänglich waren, wie z.B. Webseiten, Verkehrsmeldungen, Beipackzettel etc. Damit integrieren wir gehörlose Personen in die digitale Welt der Informationen.

Warum wolltest du bei einem Start-Up mitwirken?

Die Firma entwickelt ein hoch innovatives Produkt, das weltweit führend ist. Deswegen wollte ich hier mitwirken. Ein Start-Up bietet hohe Flexibilität, es ermöglicht, innovative und kreative Prozesse zu gestalten. Man kann sich dadurch besser entfalten und mehr (mit)gestalten. Davor habe ich als Medienanalystin und als Unternehmensgründungsberaterin gearbeitet. Ich konnte also schon Einblicke ins Start-Up Leben bekommen.

Wie sieht dein gewöhnlicher Tagesablauf aus?

Jeder Tag ist anders. Er besteht aus der Organisation von Arbeitsabläufen, Terminen mit Kunden und Kundinnen, der Entwicklung von Projekt- und Marketingmaßnahmen und der Teilnahme an Meetings. Aber es gibt auch Auftritte auf Internationalen Veranstaltungen (u.a. Mobile World Congress Barcelona, RISE Hong Kong, InnoTrans Berlin) . Und: Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation. Was uns aber ganz wichtig ist, ist dass wir einmal in der Woche, jeden Donnerstag, zusammen Mittag essen. Da nehmen wir uns auch ganz bewusst füreinander Zeit.

Wie unterscheidet sich dein Alltag in einem Start-Up zu dem Alltag in deinen früheren Jobs?

Früher hatte ich ein klar definiertes Jobprofil und ich habe fast ausschließlich am Arbeitsplatz im Büro gearbeitet. Das hat sich total geändert – heute bin ich eine Allrounderin und arbeite in unserem Office in Wien, reise aber auch viel geschäftlich. Das heißt, sich spontan in Themen einzuarbeiten und Probleme zu lösen.

Was ist der größte Unterschied in der Aufgabenstellung in einem Start-Up und einem etablierten Unternehmen aus deiner Sicht?

Es gibt auf alle Fälle weniger Strukturen, das hat viele Vorteile, aber – so wie immer im Leben – bringt es Nachteile mit sich. Ein Start-Up ist auf jeden Fall viel dynamischer, hat flache Hierarchien und Entscheidungen können dadurch schneller getroffen werden.

Wie flexibel ist die Abgrenzung deiner Aufgaben von den Aufgaben deiner Kollegen?

In Bezug auf die Arbeit unserer 3D-Animatoren, Software-Developer und Linguistinnen gar nicht, da sind sie die Expertinnen und Experten. Alles andere wie Organisation, Vertrieb, Marketing, Koordination lässt sich nicht wirklich trennen, das greift eng verzahnt ineinander.

Gründer sagen oft, dass der Job in einem Start-Up ein 24/7 Job ist. Wie handhabt euer Team die Work-Life-Balance?

Ich habe das Business immer im Hinterkopf. Auch im Urlaub – wenn ich da auf etwas Innovatives oder auf interessante Personen stoße, nehme ich den Ball auf. Aber wenn man von der Tätigkeit überzeugt ist und das Arbeiten Freude bereitet, ist das kein Problem.

Was ist das Coolste in deinem Job?

Dass wir die Welt mit unserem Produkt ein Stück besser machen. Wir helfen gehörlosen Personen Inhalte zu verstehen, ermöglichen ihnen dadurch Bildung und autonomer zu leben. Außerdem sehe ich jeden Tag die Fortschritte die wir machen, das ist sehr motivierend.

Welche wichtige Empfehlung oder welchen Tipp würdest du Gründern mit auf den Weg geben?

Durchhaltevermögen! Überzeugt sein vom eigenen Produkt. Und natürlich mit einem motivierten Team zu arbeiten, das genauso überzeugt ist von dem Produkt, wie du selbst.

Redaktion

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