1. März 2018 · Arbeitsleben · von

Scanner-Persönlichkeit: Von der Qual, sich entscheiden zu müssen

Scanner-Persönlichkeiten, Universalisten, Vielbegabte, Multi-Potentials: Ihre Interessen oder Begabungen würden ausreichen, um locker mehrere Leben auszufüllen. Heute Landschaftsarchitekt, morgen Reiseleiter, übermorgen Buchautor. Scanner legen sich nur ungern auf eine Sache fest, stattdessen probieren sie viele verschiedene Dinge aus. Für eine Sache entscheiden? Bloß nicht! Im Berufsleben stellt sie ihre Sprunghaftigkeit vor besondere Herausforderungen.

Die Scanner-Persönlichkeit als wankelmütiger Job-Hopper?

Wenn du viele verschiedene Interessen hast, dich schwer für einen Berufsweg entscheiden kannst und denkst, dass du nirgendwo richtig „ankommst“, dann bist du vielleicht eine Scanner-Persönlichkeit. Die wohlklingende Umschreibung dafür lautet auch „Renaissance-Mensch“, Leonardo da Vinci ist Aushängeschild Nummer Eins für diesen Typus Mensch. Warum? Weil er vielseitig begabt und beschäftigt war: Er war Bildhauer, Architekt, Maler, Schriftsteller, Mechaniker und Wissenschaftler. Er hat sich nicht für eine Sache entschieden, sondern einfach alles gemacht. Was uns an diesem Universalgenie heute fasziniert, steht modernen Karrieren eher im Weg: Zahlreiche Interessen, viele Begabungen und der Drang, möglichst viele Dinge auszuprobieren.

Martina NohlSind Scanner-Persönlichkeiten wankelmütig? Martina Nohl ist Berufscoach und selbst eine Scannerin. Wir haben bei ihr nachgefragt, wie Universalisten auch in einem Job Erfüllung finden können und was Arbeitgeber tun können, um auch wechselwillige Scanner langfristig an einen Job und das Unternehmen zu binden:

 

Ihre Einschätzung: Sind Scanner-Persönlichkeiten noch die Ausnahme oder viel öfter anzutreffen, als vermutet?

Nohl: Generell scheint mir der Anteil der Scanner oder Vielbegabten deutlich unter zehn Prozent zu liegen. Ich konnte dazu allerdings noch keine validen Zahlen finden, Scanner sind erst in den letzten Jahren durch die angrenzenden Felder von Hochbegabung und Hochsensibilität in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Ich ziehe Scanner in meinen Beratungen an, vielleicht dadurch, dass ich selbst eine Scannerin bin. Das blitzt auch in meinen Webauftritten auf und so gibt es oftmals eine gemeinsame Scanner-Wellenlänge, aufgrund der mich Menschen kontaktieren.

Wie kann jemand herausfinden, ob er eine Scanner-Persönlichkeit ist?

Nohl: Man kann sich selbst einige Fragen stellen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Mögliche Fragestellungen sind z.B. diese hier:

  1. Bin ich sehr vielseitig interessiert?
  2. Stürze ich mich sehr häufig in ein Thema, das ich dann voller Begeisterung und Durchhaltvermögen bis in die Tiefe für mich erschließe, verliere dann aber möglicherweise wieder das Interesse, sobald ich es verstanden habe?
  3. Versuche ich, mindestens drei Leben gleichzeitig in das eine zu „stopfen“?
  4. Stoße ich immer wieder auf Unverständnis bei anderen, die es sonderbar und sprunghaft finden, dass ich schon wieder eine andere Weiterbildung mache, ein Großprojekt angestoßen habe oder eine neue Idee durchs Dorf treibe?
  5. Bin ich immer wieder entmutigt, weil ich mich verzettele, den Fokus in meinem Leben nicht kenne bzw. nicht halten kann und mich dadurch für „nicht normal“ halte?

Wenn Sie all diese Fragen mit einem klaren „Ja“ beantworten können, ist die Chance groß, dass Sie ein Scanner sind. Herzlichen Glückwunsch! Sie haben möglicherweise mehr Potenziale als andere Menschen. Das bringt natürlich auch einige Herausforderungen mit sich.

„Es gibt nichts Schlimmeres für Scanner, als zehn Jahre das Gleiche tun zu müssen.“

Was muss ein Job leisten, damit sich ein Scanner damit wohlfühlt?

Nohl: Besonders geeignet sind Berufe, die viel Gestaltungsspielraum lassen und die Möglichkeit geben, immer wieder eigene Schwerpunkte zu setzen: Lehrer/Trainer, Coach/Berater, Selbstständige, Projektmanager/Troubleshooter wären einige Beispiele. Es gibt nichts Schlimmeres für Scanner, als zehn Jahre lang das Gleiche tun zu müssen – auch, wenn sie generell stabile Zonen in ihrem Leben benötigen. Insofern sollten das berufliche Profil und die entsprechenden Vorgesetzten Scannern viel Freiraum lassen, aber ihnen uch die Verantwortung für das Ergebnis übertragen. Eine Schwachstelle von Scannern ist, dass sie die Dinge nicht immer ganz zu Ende bringen, weil es dann zu kleinschrittig und zu mühsam wird. Hier sollte man sie aber in die Pflicht nehmen und mit Personen zusammenspannen, die genau das gerne tun.

Wenn Sie als Scanner selbstständig sind, bietet das jede Menge Chancen, in immer wieder neuen Geschäftsfeldern durchzustarten, aber Scanner benötigen hier auch viel Unterstützung, damit sie sich immer wieder fokussieren, disziplinieren und auch mal erfolgreiche Dinge („Cashcows“) weiterführen, damit sich ihr Business auch trägt.

Bist du eine Scanner-Persönlichkeit?

Wie können Scanner zu mehr Lebensqualität finden, wenn sich das berufliche Umfeld nicht verändern lässt – oder sie das vielleicht auch gar nicht wollen?

Nohl: Lebensqualität für Scanner liegt meines Erachtens in der gelebten Vielseitigkeit und in lustgesteuerten Spontanprojekten. Deswegen sollten Scanner versuchen, hier mindestens 20 bis 30 Prozent ihrer Energie und Zeit für die Arbeit an verschiedenen „Baustellen“ oder Projekten zu reservieren. Können Sie das nicht, werden sie meiner Beobachtung nach kreuzunglücklich. Lebensqualität bedeutet für Scanner auch, ein unterstützendes Umfeld mit wertschätzenden Beziehungen zu haben. Wenn Scanner als nicht normal, verpeilt bis närrisch oder orientierungslos abgestempelt werden, beschneiden sie sich in ihrer Kreativität, um nicht noch mehr aufzufallen. Scanner sind bunte Schmetterlinge, die immer wieder fliegen wollen. Und gerade, wenn sie sich im Brotjob oft zusammennehmen müssen, um den Job noch anständig zu machen, benötigen sie umso mehr Freiheiten in ihrer Freizeit.

„Scanner benötigen ein grundlegendes Vertrauensverhältnis mit ihrem Arbeitgeber.“

Scanner werden oft mit Kritik konfrontiert („Fängst du schon wieder etwas Neues an?“). Wie können sie damit besser umgehen?

Nohl: Dazu benötigt es erst einmal die Selbst-Akzeptanz, ein Scanner zu sein und sein zu dürfen. Die Erlaubnis fängt tatsächlich innen an, dann kann einen die Kritik von außen nicht mehr so viel anhaben. Ich würde auch empfehlen, die Gesellschaft von Gleichgesinnten zu suchen. Es gibt inzwischen einige Scannergruppen im Internet, dort tauschen sich Scanner aus und unterstützen sich gegenseitig.

Sie können auch für Verständnis werben, indem sie in ihrem Freundeskreis erzählen, dass sie diese Art zu leben brauchen, wie die Luft zum Atmen. Aber ich warne auch davor, sich zu stark von anderen abzusetzen. Scanner ist weder ein psychisches Krankheitsbild, noch eine ultimatives Begabungsprofil. Bleiben wir doch in Kontakt und im Austausch mit anderen Menschen, die genauso einzigartig sind und genauso individuelle Lebensumstände benötigen wie Scanner auch. Gelegentlich treffe ich auch auf Neid unter Scannern, weil diejenigen, die gelernt haben, Dinge auch zu Ende zu bringen, viele „Vorzeigeprojekte“ haben. Auch das hat seinen Preis, das können sie erklären und anderen den Blick hinter die Kulissen erlauben. Sprechen Sie beispielsweise darüber, worauf Sie verzichtet haben, um die Projekte auch so leben und durchführen zu können. Dann vertröpfelt sich der Neid meist sehr schnell.

Scanner ist nicht gleich Job-Hopper: Welches Umfeld sollten Arbeitgeber einem Scanner bieten, damit er sich trotz wechselnder Interessen möglichst langfristig im Unternehmen wohlfühlt?

Nohl: Scanner haben meist die Gabe, sich sehr schnell und tief in Arbeitsfelder einzuarbeiten. Sie saugen Neues auf wie ein Schwamm, wenn ihr Interesse „zubeißt“. Insofern können selbst kurze Jobzyklen bei Scannern bedeuten, dass sie einen guten Job gemacht haben, z.B. als Interimsmanager mal eben schnell ein Unternehmen aufgeräumt oder ein Softwareprojekt in sechs Monaten auf die Schiene gebracht haben. Wenn Arbeitgeber Scanner dauerhaft binden möchten, gehört gute Personalentwicklung z.B. in Form von Laufbahnberatung und Talentmanagement dazu, damit immer wieder abgeglichen werden kann, ob die Scanner-Persönlichkeit noch am richtigen Platz ist oder auf welchem Platz sie ihr Potenzial besser leben könnte. Gerade Scanner benötigen hier ein grundlegendes Vertrauensverhältnis mit ihrem Arbeitgeber, dann sind sie meiner Beobachtung nach auch sehr loyal.

Weiterführende Infos

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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