Erstellt am 15. April 2020 · Arbeitsleben, HR · von

Finde deinen Purpose! Mit motivierten Mitarbeitern besser durch die Corona-Krise

Lesezeit: 5 Minuten

Wofür arbeiten wir jetzt eigentlich? Purpose, also der Unternehmenssinn, ist in der Krise essenziell, erklärt Purpose-Experte Stephan Grabmeier. Im Interview blicken wir auf unser erstes Interview vor einem halben Jahr zurück und besprechen, wie sich Purpose durch die Krise verändert hat und mit welchen Fragen Unternehmen ihre Mitarbeiter besser durch die Krise führen können. Mit Audiodatei zum Anhören!

Vergangenen Herbst sprachen wir mit Stephan Grabmeier im Rahmen des HR Inside Summit über Purpose als HR-Thema. Ein halbes Jahr danach ist nichts mehr, wie es war, aber die Beschäftigung mit dem Sinn und Zweck der eigenen Arbeit scheint so wichtig wie nie zuvor. Ist Purpose ein Krisenthema? Und wie motiviert man Mitarbeiter zum Durchhalten in dieser schweren Zeit? Wir haben den Purpose-Experten erneut zum Gespräch gebeten.

Keine Zeit zum Lesen? Hier kannst du dir das gesamte Interview anhören:

Welche Probleme können wir jetzt lösen? Wie uns Purpose durch die Krise bringt

Coach und Speaker Stephan Grabmeier

Stephan Grabmeier

Stephan, wir haben uns vor gut einem halben Jahr schon mal über Purpose unterhalten. Was hat sich an diesem Thema durch die Krise geändert ?

Stephan Grabmeier: Die Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren sind anders, aber Purpose, also der Unternehmenssinn, hat sich nicht geändert. Das Thema hat in vielen Unternehmen nun allerdings einen höheren Stellenwert, also die Beschäftigung damit hat sich durch die neue Situation geändert. Die Zeit ist mehr als je reif dafür.

Ist die Beschäftigung mit Purpose ein „Luxusproblem“, mit dem man sich beschäftigt, wenn man mal zu viel Zeit hat, oder ein Krisenthema, das speziell dann schlagend wird, wenns uns nicht so gut geht?

Stephan Grabmeier: Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Purpose ist keine Schönwetterpolitik, da gehts nicht um Marketing-Hochglanzpolitur, sondern es ist viel tiefgreifender. Der Sinn und Zweck unseres Handelns ist doch das, wovon wir alles andere ableiten. Wenn wir das soziale System „Unternehmen“ ansehen, dann gibt es einen Rahmen, der alles zusammenhält. Das ist der Purpose, der Unternehmenssinn. Davon leitet sich alles andere ab. Wenn klar ist, was Sinn und Zweck des Handelns ist, dann wird klar, welche Services, Produkte, Verfahrensweisen, Organisationsformen, Kunden und Märkte mein Unternehmen hat.

Wofür wir etwas tun ist entscheidend

Kann Purpose in der aktuellen Zeit auch eine Art Existenzsicherung sein?

Stephan Grabmeier: Gerade jetzt schauen wir stark nach vorne und darauf, wofür wir etwas tun. Ich denke, was uns im Moment alle eint, ist, dass wir alle momentan ein „Wofür“ haben. Und die Dinge, die wir tun, mit dieser enormen Energie, Innovationskraft und Geschwindigkeit, Entscheidungen zu treffen, die tun wir, weil wir ein Wofür haben. Das ist genau die Kraft, die uns durch die Krise bringt.

„Wir haben alle momentan ein Wofür.“

Stephan Grabmeier: Es gibt eine Harvardstudie, die besagt „Don’t follow your passion“. Sie zeigt, wenn du eine hohe Leidenschaft hast, für etwas brennst, dann wirkt sich das bis zu zwanzig Prozent auf deine individuelle Arbeitsproduktivität aus. Der Sinn, wofür du etwas tust, wirkt sich hingegen bis zu 64 Prozent aus. Beides verbunden wirkt bis zu 80 Prozent. Wenn wir das schaffen, diese beiden Aspekte zu verbinden, dann kommen wir ganz anders aus dieser Krise, als wir es uns heute vorstellen können.

Man sieht das auch an vielen Unternehmen, die jetzt ad hoc ihr Produktsortiment ändern. Die haben offenbar erkannt, wofür sie ihre Fähigkeiten und Ressourcen einsetzen können. Was denkst du, welche Fragen müssen sich Unternehmen jetzt stellen, um gut durch die Krise zu kommen?

Stephan Grabmeier: Wir lernen aktuell wieder solidarischer miteinander umzugehen und mehr für den Erhalt der Gemeinschaft zu tun. Leider muss uns ein kleines Virus erst zeigen, in welche Situation wir uns hineinmanövriert haben und ich hoffe, diese Situation gibt uns die Demut, zu erkennen, dass dieses Streben nach immer mehr Gewinn, mehr Erfolg, immer höher und weiter, nicht der richtige Weg ist. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Wie bauen wir resiliente Systeme? Wie bauen wir ein resilientes Unternehmen? Wie wird unsere Gesellschaft resilient? Wie bezahlen wir die Menschen, die jetzt so wichtig für uns sind, und ist das gerecht? Ich denke nicht, dass Automobilunternehmen künftig Beatmungsgeräte herstellen, aber sie zeigen, dass wir viel mehr in Richtung Gemeinwohl und Kooperationen denken müssen, als wir es bisher getan haben.

Zukunftsfähige Unternehmen wollen echte Probleme lösen

Du hast vor etwa einem halben Jahr gesagt, dass wir an einem Wendepunkt hin zu besserem Wirtschaften sind, da vor allem junge Unternehmen tatsächlich die Probleme der Welt lösen wollen und große Konzerne da mitziehen müssen. Wie siehst du diese Aussage in der aktuellen Situation?

Stephan Grabmeier: Ich hoffe, dass sie dadurch noch verstärkt wird. Ich bin ja viel in Innovationsprozesse involviert und habe gelernt, dass das Ausrichten eines Unternehmens oder Produkts an der wirklichen Problemlösung mein größter Antrieb ist. In meinem aktuellen Buch „Future Business Kompass“ habe ich mich intensiv mit der Start-up-Szene beschäftigt und festgestellt, dass gut 50, 60 Prozent der Produkte, die es dort gibt, kein Mensch braucht. Das sind im Gegenteil Verstärker der Wohlstandsgesellschaft, die noch mehr Bequemlichkeit und Faulheit fördern.

„Man muss sich jetzt den wirklichen Problemen annehmen, nämlich nachhaltige, resiliente und Enkel-fähige Unternehmen aufzubauen.“

Meine Vision ist, ausgerichtet auf die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (UN) zu schauen, zu überlegen, welche Probleme die Welt hat und dafür Unternehmen, Produkte, Dienstleistungen zu bauen, mit denen man auch Geld verdienen kann. Aber immer gekoppelt an eine Problemlösung. Ich glaube, das können wir jetzt noch viel mehr tun als vorher. Die Unternehmen, die das erkannt haben, sind da, und auch die Investoren erkennen, dass man sich jetzt den wirklichen Problemen annehmen muss, nämlich nachhaltige, resiliente und Enkel-fähige Unternehmen aufzubauen.

Denkst du, die Corona-Krise wird diesen Effekt eher beschleunigen oder verlangsamen?

Stephan Grabmeier: Ich hoffe, beschleunigen. Allerdings, und da schlagen zwei Herzen in meiner Brust, funktioniert das nur mit genügend Zeit. Natürlich wünschen wir uns alle, dass wir schnell wieder aus dieser Krise herauskommen, aber ich hoffe zugleich, dass es nicht zu schnell geht, damit die Lerneffekte auch haften bleiben. Denn je länger wir in dieser Situation miteinander lernen können, umso besser.

„Es gab noch nie so einen Experimentierraum wie jetzt, in dem wir gemeinsam alle völlig neue Dinge lernen können.“

Es gab noch nie so einen Experimentierraum wie jetzt, in dem wir gemeinsam alle völlig neue Dinge lernen können. Ob wir lernen, wie wir im Homeoffice arbeiten, mit welchen digitalen Tools wir wie umgehen, oder aber soziale Verhaltensweisen ändern, diese Situation ist eine einmalige Gelegenheit! Ich hoffe sehr, dass wir später darauf zurückblicken und sagen: Das war nicht nur ein paar Wochen so, sondern das hat the new normal geprägt! Ich möchte das mit dem HI-Virus vergleichen, der in meiner Schulzeit aufkam und immer noch präsent ist. HIV ist sexuell übertragbar. Aber HIV hat Sex nicht abgelöst, sondern Safer Sex etabliert. Corona wird Arbeit und sozialen Kontakt nicht ablösen, sondern wir werden über Safer Work und Safer Society sprechen müssen. Wie gehen wir in Zukunft anders miteinander um? Ich denke, die Natur zeigt uns gerade sehr deutlich, dass wir uns anders anpassen müssen, wenn wir noch länger auf diesem Planeten leben möchten.

Mitarbeiter motivieren: Positiv bleiben und Sinn finden

Angenommen, du hättest ein Unternehmen und Mitarbeiter. Wie würdest du ihnen die Situation erklären und sie motivieren, positiv zu bleiben?

Stephan Grabmeier: Das ist das Schöne, dass ich momentan viele solche Situationen habe. Purpose-Entwicklung machen mein Team und ich ja mit Unternehmen, so wie ich es vorhin geschildert habe. Das ist momentan natürlich etwas schwieriger, aber darum haben wir auch einen Onlinekurs ins Leben gerufen, der sich an Einzelpersonen richtet. Er heißt Purpose-Exploration, wo zehn bis zwölf Personen über 14 Tage an ihrem eigenen Purpose arbeiten. Und 8 von 10 Teilnehmer kommen aus Unternehmen, weil sie jetzt die Zeit haben, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

„Was ist dein Antrieb in dieser Situation, wofür kannst du deine Zeit und Fähigkeiten jetzt einsetzen?“

Hätte ich also ein Unternehmen, würde ich meine Mitarbeiter darin bestärken und ihnen sagen: Nehmt euch jetzt die Zeit dafür! Arbeitet an eurem Wofür und nutzt diese positive Energie, die dabei rauskommt. Was ist dein Antrieb in dieser Situation, wofür kannst du deine Zeit und Fähigkeiten jetzt einsetzen?

Über die Person

Stephan Grabmeier ist Autor, Speaker und Berater. Als Speaker setzt er spannende Impulse und als Berater unterstützt er die Wirtschaftselite bei der Sustainable Business Transformation, Innovation und New Work. Stephan hat viele Auszeichungen u. a. als Digital Champion, New Work Influencer oder Top Innovator gewonnen. Bereits zweimal wurde er unter die Top 40 der führenden Köpfe in HR in Deutschland gewählt.

 

Bildnachweis: shutterstock/GaudiLab

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.