Erstellt am 25. Juni 2019 · Arbeitsleben · von

Tacheles sprechen mit Takt: Wie man Konflikte löst, ohne andere zu verletzen

Lesezeit: 8 Minuten

„Weniger ärgern“ lautet die Devise bei Autor und Coach Philipp Karch. In seinem Buch „Was mich ärgert, entscheide ich!“ gibt er Tipps zum klugen Umgang mit Konflikten. Als Coach verhilft er seinen Klienten mit kreativen Methoden zu mehr Selbstbehauptung, Empathie und weniger Angst. Im Interview verrät er uns, wie man diese Dinge lernen kann, warum Tacheles und Takt keine Widersprüche sind und warum er hofft, mit siebzig arbeitslos zu sein.


Wo Menschen zusammenkommen, gibt es immer Konfliktpotenzial. Leider bringt uns meist niemand bei, wie man diese Unstimmigkeiten einfühlsam, aber bestimmt löst. Einer, der das ändern will, ist Philipp Karch. In Seminaren, Workshops, Vorträgen und mittlerweile auch einem Buch zeigt er Möglichkeiten, Konflikte so zu lösen, dass niemand klein beigeben muss und keine Gefühle verletzt werden. Im Interview erklärt er uns, wie das funktioniert.

Wie man Konflikte löst, ohne andere zu verletzen

Coach und Speaker Philipp Karch

Philipp Karch

Philipp, in deinem Buch geht es darum „Konflikte klug zu bewältigen“, oder wie du es auch nennst, darum „Tacheles mit Takt“ zu sprechen. Was meinst du damit?

Mir kam dieser Begriff mal beim Joggen im Wald in den Sinn und ich hab mich sofort darin verliebt, denn er bringt dieses scheinbare Paradoxon auf den Punkt. Tacheles reden, also mit anderen Worten nichts als die Wahrheit, nicht drum herum reden, nicht beschönigen, nicht manipulieren, aber mit Takt. Das heißt, auf den anderen eingehen – Rücksicht nehmen. Und das ist erst mal ein Spannungsfeld, denn Wahrheit ist immer rücksichtslos – und das muss ich integrieren.

„Ich denke dabei an mich und ich denke dabei an mein Gegenüber“

Das ist natürlich keine Bedienungsanleitung, weil man das in jeder Situation neu angehen muss. Aber das kann zum Beispiel ein Nein sein, also konkret Grenzen setzen. Gleichzeitig erteile ich damit dem anderen eine Abfuhr, wie kann ich das zulassen? Wenn ich nur Tacheles reden würde, wär mir der andere dabei egal. Wenn ich nur taktvoll bin, wird meine Grenze vielleicht nicht akzeptiert. Tacheles mit Takt dient also der Selbstbehauptung.

Um auf den anderen Rücksicht nehmen zu können, brauch ich Empathie. Ist es nicht sehr schwierig, speziell in Konfliktsituationen, sich in den anderen hineinzufühlen?

Absolut! Aber Empathie hat für mich zwei Facetten: die Empathie für mich selbst und das klassische Verständnis für den anderen. Und wie soll ich jetzt Verständnis für jemanden aufbringen, der mich gerade verletzt hat? Das ist eine große Herausforderung und genau dafür hab ich das Anti-Ärger-Modell entwickelt.

Sich weniger ärgern mit dem Anti-Ärger-Modell

Wie funktioniert das Anti-Ärger-Modell?

Ein Beispiel: Mein Chef verdreht die Augen und das ist für mich eine Kränkung. Jetzt fällt es mir natürlich enorm schwer, für ihn Empathie aufzubringen und zu überlegen, warum der jetzt die Augen verdreht hat. Das heißt, am Anfang versuche ich noch gar nicht, empathisch zu sein, weil ich das ja gar nicht schaffen würde. Das heißt, die erste Phase ist Deeskalieren. Wie kann ich verhindern, dass es noch schlimmer wird? Einfach mal tief einatmen und erst mal ein, zwei Sekunden nichts sagen.

Dann geh ich schon in die zweite Phase, das Analysieren. Da versuch ich einfach nur, kognitiv die Ursache des Konflikts zu erfassen. Da brauch ich glücklicherweise auch noch keine Empathie. Am Ende dieser Phase, die kann auch nur ein paar Sekunden kurz sein, weiß ich, wie bei einer Diagnose beim Arzt, was ich habe. Das ist ja auch schon mal mit einer kleinen Entspannung verbunden.

Dann geh ich in die dritte Phase über, das ist das Ärger-Minimieren. Da überleg ich: Was hat der Ärger über den anderen mit mir zu tun? Da fang ich dann mit den ersten Empathie-Bemühungen an. Ich frag mich zum Beispiel, was die positive Absicht des anderen gewesen sein könnte.

„Welches Bedürfnis will sich mein Gegenüber mit seinem Verhalten erfüllen?“

In unserem Beispiel ist der Chef vielleicht ungeduldig und hat Angst, dass ich das immer noch nicht kapiert habe und will es mir damit klar machen. Ich differenziere also zwischen dem Verhalten, das find ich immer noch doof, und der Absicht, die find ich gut. Hier hilft mir also die Empathie, mein Urteil abzumildern. Wenn ich das gemacht habe, in Phase drei, dann ist mein Ärger oft schon klitzeklein. Und vielleicht ist der schon so klein, dass ich ihn ganz loslassen kann und gar nicht in Phase vier gehen muss.

Manchmal ist er aber immer noch groß genug, dass er mich beschäftigt und ich ihn nicht loslassen kann. Dann geh ich in Phase vier und gebe Feedback. Das heißt, ich werde jetzt attackieren, Grenzen setzen, Nein sagen … Aber auf eine Art, die für mein Gegenüber annehmbar ist und keinen Gesichtsverlust bedeutet. Da brauche ich auch wieder ganz stark Empathie. Dazu hab ich im Buch 15 Erfolgsfaktoren angeführt. Wenn ich die bedenke, ist es sehr wahrscheinlich, dass mein Feedback auch angenommen wird und nicht in Gegenwürfen endet.

Idealerweise schaff ich es, beim Konfrontieren mein Gegenüber so zu verändern, dass es meine Perspektive kennenlernt. Sodass der Chef versteht, dass mich das Augenverdrehen kränkt und er das nächste Mal lieber gleich sagen soll, was ihn stört, damit ich Bescheid weiß – und mich nicht fühlen muss wie ein kleines Kind. Dann hab ich mein Ziel erreicht und ich kann freudig aussteigen.

Oder mein Gegenüber sagt: Mir doch egal, komm klar mit dem Augenverdrehen! Dann kann ich entweder akzeptieren, dass mein Chef so gefühlskalt ist, oder ich kann es tolerieren, oder ich bitte ihn, zu gehen, so ein bisschen ironisch, weil der wird ja auf keinen Fall gehen. Oder ich gehe eben selbst. Also in Phase 5 kann ich selbst entscheiden, was ich tue, wenn ich in Phase 4 mein Ziel nicht erreicht hab. Durch diese 5 Stufen reduziere ich meinen Ärger definitiv. Die Frage ist nur, auf ein kleineres Level oder ganz weg. Aber ich bin auf jeden Fall kein Verlierer mehr!

Führungskräfteworkshops und Problemfelder

Du bietest ja auch Workshops an – speziell für Führungskräfte. Warum ist das so? Diese Fähigkeiten wären doch für alle Mitarbeiter wichtig.

Naja, das hat einen sehr praktischen Grund. Für Führungskräfte wird in der Regel mehr Geld ausgegeben. Und ich docke damit, salopp formuliert, da an, wo das Geld locker sitzt. Es gibt aber immer wieder Unternehmen, die sagen: Hier, dieser Mitarbeiter ist uns auch noch wichtig, der bekommt ein Einzelcoaching. Für das Unternehmen ist das aber natürlich günstiger und effektiver, zehn Führungskräfte zu schulen, als fünfzig Mitarbeiter im Einzelcoaching. Ich hab aber auch Zweierchoachings, wenn zwei Kollegen nicht miteinander arbeiten können oder wollen. Da vermittle ich dann wie ein Mediator. Und Teamcoachings biete ich an, wenn ein Chef merkt, dass ein bestimmtes Team nicht gut miteinander kann. Diese Ansätze sind eher problemlösend. Die Führungskräftetrainings sind eher vorbeugend.

Mit welchen Problemen kommen deine Kunden am häufigsten zu dir?

Bei Führungskräften geht es meistens darum, dass sie nicht wissen, wie sie Menschen führen sollen. Sie sind fachlich gut ausgebildet, aber sie haben Angst vor dem menschlichen Kontakt und davor, eigene Gefühle zu zeigen oder Bedürfnisse auszusprechen.

„Manche kommen zu mir, weil sie sagen: Ich würde so gerne mal was sagen, aber ich trau mich nicht.“

Dann biete ich ihnen meine drei Kompetenzfelder an: Ärger minimieren, Menschen motivieren und Grenzen setzen mit Feedback. Ich merke, die Menschen dürsten danach, weil sie das nirgends lernen. Nicht im Elternhaus, nicht in der Schule und schon gar nicht im Job. Da gibt es riesige Defizite und die Menschen erleben das dann als Energie- und Zeitverschwendung, weil sie sich immer wieder verstecken müssen oder unterdrücken oder später ausflippen.

„Zwischen diesen beiden Extremen: sich selbst unterdrücken und andere erdrücken, gibt es einen ganz schmalen Grat, den nenne ich „ausdrücken“.“

Das bedeutet, situations- und menschenbezogen offen, konstruktiv und wertschätzend zu kommunizieren, also Tacheles mit Takt zu sprechen. Wenn ich das nicht schaffe, unterwerfe ich mich oder ich schrei die anderen zusammen. Ich kenn das von mir, wenn ich manchmal Angst hab in Gruppen, das passiert mir leider immer noch, dann versteck ich mich manchmal und leide da extrem drunter, weil ich mich dabei fühle wie ein kleines Kind und nicht wie ein erwachsener Mann und wenn ich das zu oft mache und sich das aufstaut, dann werd ich irgendwann zuhause zum Grobian und meckere meine Frau und meine Kinder an. Wenn ich das erzähle, dann nicken die Menschen immer und sagen: Ja, das kenn ich auch.

„Ich spüre einen sehr großen Wunsch danach, sich nicht mehr zu verstecken und anderen nicht mehr wehzutun.“

Woher rühren diese Probleme deiner Meinung nach?

Ich glaube, weil wir das nicht lernen. Wir lernen ja als Kinder, uns unterzuordnen. Die Eltern sind mächtiger und wir sind auf sie angewiesen, um zu überleben. Ich durfte meinem Vater gegenüber zum Beispiel nie wütend sein, das hat er nicht akzeptiert. Wir versuchen, unserem Sohn beizubringen, seine Gefühle zu zeigen und auch die Ursachen zu verstehen.

„Ich glaube, das ist eines der ganz großen Probleme unserer Gesellschaft, dass die Menschen keine emotionale Kompetenz haben.“

Emotionale Kompetenz bedeutet für mich: Ich spüre, welches Gefühl ich bekommen habe, weil welches Bedürfnis von mir nicht erfüllt wurde. Mein Ziel ist, dass die Menschen diese interne Reise, diese Selbstempathie lernen und mich gar nicht mehr brauchen. Also ich hoffe, dass ich mich irgendwann überflüssig gemacht hab – vielleicht so mit siebzig, wenn ich kein Einkommen mehr brauche …

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Rocken statt Hocken: Wie man das Problem ausspielt

Deine Methoden haben Titel wie „Lachen und Lernen“ oder „Rocken statt Hocken“ – was verbirgt sich dahinter?

Rocken statt Hocken ist eine Metapher für die Methode Psychodrama. Die hat Moreno, ein österreichischer Psychiater, Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden. Der Grundsatz lautet: Handeln ist heilender als reden. Das praktiziere ich auch in meinen Seminaren und Coachings.

„Ich ermutige die Teilnehmer dazu, nicht über ihr Problem zu sprechen, sondern ihr Problem auszuagieren.“

Wir spielen also das Problem nach: Der Protagonist, um dessen Problem es geht, spielt sich dabei selbst, hat nun aber die Möglichkeit, verschiedene Dinge auszuprobieren. Das ist wie eine Spielwiese, alles ist erlaubt. Und das macht man so lange, bis der Protagonist etwas entwickelt hat, das ihm bei der Lösung des Problems richtig weiterhilft. Wenn ihm das nicht möglich ist, dann fragt man die anderen Seminarteilnehmer, ob die Ideen haben, oder ich schlage was vor. Wie gesagt, das wird so lange durchgespielt, bis der Protagonist ein Aha-Erlebnis hat. Manche erleben auch eine richtige Katharsis, also manche kommen da wirklich in eine ganz große Betroffenheit rein und da laufen auch oft Tränen.

„Meine Erfahrung ist, dass Heilung erst dann beginnt, wenn jemand durch diesen tiefen Schmerz gegangen ist, um dann etwas Neues zu festigen.“

Das ist eben Rocken statt Hocken. Normalerweise sitzt du in einem Seminar rum, jemand zeigt eine Powerpoint-Präsentation und du machst Notizen in dein Skript. Dann gehst du raus und denkst: Ja, heute hab ich viel gelernt. Das stimmt, aber nur auf der kognitiven Ebene. Dann versuchst du das umzusetzen und es klappt nicht so recht. Durchs Tun erarbeitet man sich selbst eigene Problemlöse-Strategien, die dauerhaft wirken.

Wie schaffst du es, auch sehr introvertierte Menschen dazu zu ermutigen, sich auf dieses Schauspiel einzulassen?

Das ist eine gute Frage. Ich fange meistens damit an, dass ich eine eigene psychodramatische Fallarbeit nacherzähle: Ich hab das immer so und so erlebt und das war echt übel, ich wollte das nicht, das war nur peinlich und am Ende kam das und das dabei raus und ich war so glücklich, dass ich das gemacht habe. Ein bisschen Lernen am Modell. Die Leute sehen dadurch, dass es mir auch schwergefallen ist, aber ich hab mich überwunden und bin froh darüber. Das mobilisiert schon viele Menschen.

„Und dann vertraue ich darauf, dass ein einziger Teilnehmer sich irgendwann drauf einlässt. Und wenn die Person das gemacht hat, kommt aus der Gruppe ganz oft die Rückmeldung: Vielen Dank, dass du so mutig warst. Denn jetzt kann ich auch mutig sein, du warst für mich ein Vorbild.“

Oft können die anderen Teilnehmer das, was der „Mutige“ vorgezeigt hat, auch für sich selbst anwenden. Das ist super. Manchmal merke ich aber, es gibt Gruppen, die wollen nicht mitarbeiten, die wollen sich nicht in die Karten schauen lassen, sondern einfach nur hier sitzen und ihre Fassade aufrechterhalten. Das darf nicht wehtun und die wollen nur ein bisschen an der Oberfläche kratzen. Manchmal hab ich auch Teilnehmer, die wollen gar nicht da sein, die sind da hingeschickt worden gegen ihren Willen. Dann sitz ich das manchmal aus. Aber in der Regel funktioniert es gut.

Welche Probleme kann man beim Psychodrama durchspielen?

Man kann jedes Problem behandeln. Das kann ein Problem aus der Kindheit mit den Eltern sein, eine Mobbingerfahrung oder ein Anschreien vom Busfahrer. Und meistens kommt irgendein Potenzial zum Vorschein. Oft wird man ja von einschränkenden Glaubenssätzen verhindert: Ich darf meinem Chef nicht widersprechen, ich darf meine Augen nicht verdrehen, nur der Chef darf das … Wenn man die entdeckt und umwandelt, dann kann vielleicht dabei rauskommen: Ich verdrehe meine Augen nicht, aber wenn mein Chef die Augen verdreht, dann tu ich das auch und lächle dabei. Durch diesen erlaubenden Glaubenssatz ermächtige ich mich dazu, mich beim nächsten Mal mehr um mich zu kümmern. Und meinem Chef auf Augenhöhe zu begegnen, angstfrei. Das ist so meine Mission:

„Ich will in einer Welt leben, in der die Menschen keine Angst voreinander haben.“

In einer Welt, in der Menschen den Mut haben und die Freiheit haben, sich zu zeigen in ihrer Andersartigkeit. Und diesem Ziel ordne ich alles unter, was ich anbiete.

Über Philipp Karch

Als Kommunikations- und Umweltwissenschaftler war Philipp Karch ursprünglich im Umweltbereich tätig, arbeitet jedoch seit 2010 als freiberuflicher Coach und Trainer. Unter der Überschrift „Ärger-Minimierung“ vermittelt er Schlüsselkompetenzen in den Bereichen Emotionale Kompetenz, Motivation und Feedback, insbesondere zum Thema „schwierige Gesprächssituationen meistern“.

Bildnachweis: shutterstock/GaudiLab; fizkes; Philipp Karch

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.

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