25. April 2018 · Arbeitsleben · von

„Durchschnitt ist scheiße. Ich will was Geiles erleben!“

Gerald Hörhan sieht nicht so aus, wie man sich einen Harvard-Absolventen landläufig vorstellt. Er nennt sich Investment Punk und der Name ist Programm: Während andere Finanzexperten auf Anzug und Krawatte setzen, setzt er auf Lederjacke, Doc Martens und Irokesen-Haarschnitt. Beim 4Gamechangers Festival in Wien haben wir uns mit ihm getroffen und geplaudert, über Eigenheim und Urlaub auf Pump, Arbeitgeber, die Schmerzensgeld bezahlen und welche Jobs in Zukunft richtig viel Geld bringen werden:

Stichwort New Economy: Sie beschäftigen sich viel mit dem Thema Digitalisierung – wer werden die Verlierer sein, wer die Gewinner?

Hörhan: Gewinnen werden auf beiden Seiten jene Menschen und Unternehmen, die die digitale Welt verstehen und ein Geschäftsmodell aufbauen, das tatsächlich einen wirtschaftlichen Wert stiftet – also nichts, das nur auf Finanzspekulation oder sonstigen Bullshit aufgebaut ist. Gewinnen wird, wer in die Zukunft blicken und die Trends der nächsten zehn Jahre erkennen kann. Es gibt aber noch einen großen Unterschied zur klassischen Ökonomie: In der digitalen Welt gibt es das sogenannte Winner-takes-it-all-Prinzip. In der New Economy bekommt der Beste, der Erste oder vielleicht noch die ersten drei fast alles und der Rest nichts. Sehr gut sein reicht hier nicht mehr, man muss exzellent sein.

Gewinnen werden natürlich nur jene Personen und Unternehmen, die Trends rechtzeitig erkennen, die beste Marke, Reichweite oder Technologie haben. Bleibt Europa da zurück und sind unsere Ausbildungssysteme nicht geeignet, dann passiert die große Action ganz woanders: Im Silicon Valley, in China, in Hong Kong. Auf diese Weise wird unsere Wirtschaft immer abhängiger von einigen globalen Giganten und Monopolen, die hierzulande keine Steuern zahlen, kaum einer Regulierung unterliegen und die Wertschöpfung in ihre Headquarter und zu den Aktionären abschöpfen.

Wie können heimische Unternehmen hier mithalten?

Hörhan: Was Europa, vor allem Österreich und Deutschland, gut kann, sind klassische Dinge wie Maschinenbau und Ähnliches. Die Amerikaner und die Chinesen können das nicht, die kopieren das höchstens. Wenn es Europa schafft, seine klassischen mittelständischen Betriebe zu digitalisieren – das bedeutet sowohl auf Unternehmerseite, als auch auf Arbeitnehmerseite – dann haben wir sehr gute Chancen.

Ein Beispiel ist Tesla: Tesla hat der deutschen Automobilindustrie, die ein Oligopol in der Luxusklasse hatte, einen Schuss vor den Bug gesetzt: Unser Auto ist cooler, geiler, kann was, das die anderen nicht können und hat alle ins Schwitzen gebracht. Aber man sieht auch, dass Tesla es nicht schafft, die Produktion hinzubekommen. Wenn jetzt die deutsche Automobilindustrie zurückschlägt und sagt: Das eignen wir uns an, wir bauen ein entsprechendes Modell, schaffen die Ladeinfrastruktur und das alles mit deutscher Qualität, dann ist das das beste Auto der Welt. Die zweite Chance besteht darin, dass sich viele Menschen, die selbstständig sind oder in klassischen Berufen als Anwalt, Arzt etc. arbeiten, eine Online-Marke schaffen können. Wenn die Menschen ihre Daten richtig managen und sich eine starke, eigene Marke aufbauen, dann haben wir eine großartige Zukunft vor uns.

Sie raten also dazu, hauptsächlich in Weiterbildung zu investieren und auf eine starke Eigenmarke zu setzen?

Hörhan: Wenn man selbstständig ist – ja, den Erwerb der notwendigen Skills durch Weiterbildung werden auf jeden Fall alle brauchen. Und wer wird in Zukunft gebraucht? Data-Scientists, Programmierer, Online-Marketing-Profis, IT-Security-Spezialisten, Blockchain-Experten, Machine-Learning-Experten, Immobilienspezialisten, Machine-to-Machine-Learning-Experten, IT-Ethik-Spezialisten: Wer diese Fähigkeiten hat, der druckt Geld! Solche Experten können sich ihren Job, ihr Gehalt und ihre Perks aussuchen. Wer hingegen lernt und studiert, was vor 20 Jahren auch schon so gelehrt wurde, der kann vielleicht Controller, Investmentbanker oder Banksachbearbeiter werden. In diesen Bereichen arbeiten jedoch die großen Institute auf dieser Welt daran, dass künstliche Intelligenz diese Jobs ersetzt. Die wird es in zehn Jahren nicht mehr geben und diese Menschen werden wirtschaftlich dann sehr stark absteigen, weil all diese Dinge auch ein Computer erledigen kann.

„Ein Unternehmen, in dem nicht die Wahrheit gesagt werden kann, wird wirtschaftlich untergehen.“

Stichwort Bewährtes und ein Blick auf die Arbeitgeberseite: 9-to-5-Jobs, Unternehmen, die Kleidervorschriften für Angestellte haben – wie lange geht das noch gut?

Hörhan: Jene Firmen, die das machen, werden Schmerzensgeld bezahlen müssen. Ich sehe das an meinem eigenen Unternehmen: Home-Office, Hunde im Büro, Kinder an den Arbeitsplatz mitnehmen, einfach flexibel sein – das ist heute absolut notwendig. Vor allem, wenn man Menschen mit gewissen Fähigkeiten sucht, die sich ihre Jobs aussuchen können. Je bürokratischer ein Konzern ist und je mühsamer er sich bewegt, desto mehr Nachteile beschert ihm das: Erstens, er muss guten Mitarbeitern Schmerzensgeld bezahlen und kann sie trotzdem nicht behalten und das noch viel schlimmere Thema: Er zerstört Innovation. Ein Unternehmen, in dem nicht die Wahrheit gesagt werden kann, wo innovative Prozesse zerstört oder durch die Firmenkultur abgewürgt werden, das wird wirtschaftlich untergehen.

Was macht der Mittelstand falsch, wenn es um Geld geht?

Hörhan: Ich definiere 6 Finanzirrtümer der Mittelschicht: Das erste ist das Eigenheim auf Pump in der Pampa. Die Leute haben Riesenschuldenberge für etwas, das viel Arbeit verursacht, steuerlich nicht effizient ist, ihnen die Flexibilität raubt und sie zum Sklaven der Bank macht, denn die Schulden müssen sie bezahlen.
Das zweite sind jegliche Form von Konsumschulden: Auto, Leasing, Urlaube auf Kredit, Kreditkartenschulden, auch das macht zum Sklaven durch hohe Zinsen und die Verschuldung. So nimmt man sich die Freiheit. Der dritte Irrtum: Investieren, ohne Ahnung zu haben. Das hat man an den Kryptomärkten gesehen, die meisten Leute haben alles Geld verloren. Wenn man keine Ahnung hat, muss man es bleiben lassen oder sich damit beschäftigen. Der Irrglaube vom sicheren Angestelltenjob ist ein weiterer Irrtum. Ein Unternehmen kann jederzeit bankrott gehen und als Angestellter kann man jederzeit gekündigt werden. Das ist so oder so ein erhebliches Risiko.
Die letzten beiden Irrtümer sind die Scheidung, die kann jede Menge Geld rauben, und das Unverständnis für die digitale Ökonomie.

War für Sie immer schon klar, dass die klassische Berufslaufbahn mit Angestelltenjob für Sie nichts ist?

Hörhan: Das war mir schon mit zwölf Jahren klar. Average sucks – Durchschnitt ist scheiße. Ich habe es bei meinen Eltern und Bekannten gesehen und gewusst, dass mich das nicht interessiert. Wenn, dann will ich was Geiles erleben.

Bildnachweis: 4GAMECHANGERS

Martina Kettner

Martina Kettner hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at hat sie lange über Karrierethemen gebloggt, jetzt führt sie ihre eigene Karriere in den USA weiter.

karriere.at verwendet Cookies, um dein Benutzererlebnis zu verbessern und personalisierte Werbung anbieten zu können. Weitere Informationen und deine Opt-Out Möglichkeit findest du auf unserer Datenschutzseite.