16. Oktober 2017 · Arbeitsleben · von

Die flexible Uni: Tipps fürs Studium im eigenen Wohnzimmer

Ein Fernstudium ist ein Weg, um neben dem Job einen akademischen Titel zu erlangen. Der Unterschied zu anderen Studiengängen: Der Gang in einen Hörsaal oder das persönliche Treffen mit anderen Studierenden sind dabei die Ausnahme. Gelernt wird ortsunabhängig und oft alleine. Studieren ohne Stundenplan und Anwesenheitspflichten, das klingt verlockend. Wie funktioniert ein Fernstudium? Außerdem haben wir eine Checkliste mit drei Fragen für Interessierte zusammengestellt.

Wer an der Fernuniversität studiert, fällt zumindest dem Briefträger sofort auf. Denn zu Semesterbeginn trudeln per Post dicke Packen an Unterlagen – die sogenannten Studienbriefe – ein. Gemeinsam mit Online-Vorlesungen und Lerngruppen bilden sie die Basis für das Fernstudium. Gelernt wird zu Hause, den Kontakt zu Professoren und Studienkollegen hält man vor allem online.

Ein Studium, das neben dem Job völlig flexibel absolviert werden kann: Unbestreitbar ein großer Vorteil. Allerdings gibt es auch Hürden: Wer abends oder am Wochenende lernt, muss im Privatleben zurückstecken. Der Kontakt zu anderen Studienkollegen ist in Zeiten von Social Media zwar sehr einfach möglich, Fernstudierende müssen sich aber aktiv darum kümmern. Ein Fernstudium erfordert deshalb ein hohes Maß an Selbstorganisation und Eigenmotivation. Wem das gelingt, der studiert aber mit viel mehr Freiheiten, als Präsenzstudierende das tun.

Hörsaal Wohnzimmer, Seminarraum Küche

Auch in Österreich wird aus der Ferne studiert. Aktuell sind mehr als 3.000 Österreicher an der Fernuniversität in Hagen inskribiert. Der typische österreichische Fernstudierende kommt aus einem Ballungszentrum, ist 33 Jahre alt und berufstätig. Der jüngste Student ist 13 Jahre und der älteste Student 81 Jahre alt. Die Mehrheit davon nutzt die Möglichkeit, das Studium neben beruflichen und privaten Verpflichtungen zu absolvieren: 80 Prozent der Inskribierten sind als Teilzeitstudierende eingeschrieben und widmen sich neben Familie und Beruf dem Lernen. Übrigens: Zehn Prozent der Studierenden haben bereits einen Studienabschluss und holen sich an der Fernuni noch einen weiteren.

Job und Studium unter einen Hut kriegen

Wir haben beim Leiter des Zentrums für Fernstudien an der JKU Linz, Josef Reif  nachgefragt, wie das mit dem Fernstudium ohne Hörsaal, Campus und Lehrveranstaltungen genau funktioniert.

Die totale Flexibilität beim Fernstudium klingt gut. Wieso entscheiden sich vor allem Berufstätige für ein Fernstudium?

Reif: Rund 80 Prozent der an der FernUniversität in Hagen Studierenden sind erwerbstätig und stehen vor der Herausforderung, Beruf und Studium sowie oftmals auch Familie zu vereinbaren. Gefragt sind flexible Möglichkeiten des Lernens. Ein Fernstudium passt sich allen Lebensphasen an und kann individuell in den Alltag integriert werden. Das Sitzen in Hörsälen entfällt, die Vernetzung mit Studienkollegen kann aber in mehr als 300 Lerngruppen wahrgenommen werden.

Arbeitgeber begrüßen die Form des Fernstudiums sehr. Arbeitnehmer bleiben physisch verfügbar und sowohl der Studienabschluss, als auch die erworbenen Charaktereigenschaften, werden äußerst positiv wahrgenommen. Absolvieren Beschäftigte ein im Höchstmaß örtlich und zeitlich flexibles Fernstudium, zeugt dies zudem von hoher Belastbarkeit durch das Meistern von Studium und Arbeit, sowie von Zielstrebigkeit, Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen. Insofern genießt der nebenberufliche Abschluss eines Fernstudiums bei Arbeitgebern ein hohes Renommée.

Wie viele Semester benötigen die österreichischen Teilzeitstudierenden durchschnittlich bis zum Abschluss ihres Studiums?

Reif: Die Regelstudiendauer beträgt für den Erwerb eines Bachelors sechs Semester (Ausnahme Rechtswissenschaften: sieben Semester) und für einen Masterstudiengang vier Semester. Bei einem Teilzeitstudium verlängert sich die Dauer entsprechend. Es gibt aber keine zeitliche Begrenzung für Studierende.

„Der Arbeits- und Lernaufwand ist mit einem Studium an der Präsenzuniversität vergleichbar.“

Worüber sollte man sich vor Studienbeginn im Klaren sein?

Reif:  Die Studierenden bzw. Absolventen der Fernuniversität in Hagen erwerben einen international anerkannten Studienabschluss. Damit verbunden ist ein beträchtlicher Arbeits- und Lernaufwand, der mit dem Studium an einer Präsenzuniversität vergleichbar ist. Insofern ist es hilfreich, sich vor Studienbeginn zu überlegen, wie viel Zeit pro Woche für das Studium aufgebracht werden kann. Darüber hinaus ist digitale Kompetenz, sprich der gezielte Umgang mit dem Internet, inklusive der Nutzung von Vernetzungs- und Kooperationsmöglichkeiten erforderlich. Hier setzen wir im Zentrum für Fernstudien Österreich mit der eigenen Lehrveranstaltung „Professionelle (Literatur-)Recherche und Zusammenarbeit im Internet“ an, um unter anderem Studieneinsteiger dabei zu unterstützen.

Wie viel Zeit müssen Studierende in ihr Studium investieren?

Reif: Es gibt keine zeitliche Begrenzung für Studierende. Vollzeitstudierende müssen mit einem Arbeitsaufwand von 30 bis 40 Stunden pro Woche rechnen und Teilzeitstudierende mit zehn bis 20 Wochenstunden.

Welche Schwierigkeiten birgt die Doppelbelastung Job und Studium häufig?

Reif: Die zentrale Herausforderung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Studium liegt im Umgang mit den knappen Zeitressourcen. Es ist oft schwierig, ausreichend Zeit zum Lernen zu organisieren. Bewältigungsstrategien der Studierenden sind eine gute Planung und Einteilung der Zeit und somit der Lernphasen sowie die Kürzung der freien Zeit. Als in diesem Zusammenhang erforderliche Kompetenzen können konkrete Zielsetzungen, das Herausfiltern von Wesentlichem, das Setzen von Prioritäten, diszipliniertes, konsequentes und effektives Vorgehen und die Selbstorganisationsfähigkeit genannt werden. Manche Studierende reduzieren ihre Erwerbstätigkeit für einen gewissen Zeitraum. Vorteilhaft im Fernstudium ist, dass die Anzahl der pro Semester studierten Module frei wählbar ist. So kann die Modulanzahl und somit der erforderliche Workload reduziert werden oder gar ein oder auch mehrere Semester mit dem Studium pausiert werden. Wichtig ist zudem die Offenheit und die Unterstützung der Familie bzw. des sozialen Umfelds.

Wie gelingt es, motiviert zu bleiben?

Reif: „Aller Anfang ist schwer“ trifft wie bei Präsenzstudien auch auf Fernstudien zu. Anfängliche Schwierigkeiten können meist überwunden werden durch gutes Zeitmanagement, Studienorganisation, die Kontaktaufnahme mit Studienkollegen, die Teilnahme an Lerngruppen, den Besuch von freiwilligen Lehrveranstaltungen an den fünf Standorten in Österreich oder online – vor allem in der Studieneingangsphase. Die Korrelation von Motivation und Vernetzung mit Studienkollegen ist signifikant – je besser vernetzt die Studierenden untereinander sind, desto leichter können Motivationstiefs überwunden werden.

Welche Studiengänge sind bei den österreichischen Studierenden besonders beliebt?

Reif: Besonders nachgefragt sind die Bachelor-Studiengänge Psychologie und Wirtschaftswissenschaft sowie Kulturwissenschaften und Bildungswissenschaft. Wir verzeichnen außerdem eine steigende Zahl bei Masterstudierenden. Aktuell absolvieren 355 Personen einen der zwölf Masterstudiengänge am Zentrum für Fernstudien Österreich.  Wirtschaftswissenschaft sowie Bildung und Medien – eEducation und Psychologie – boomen hierbei besonders.

Checkliste vor dem Fernstudium

  • Zeitliche Ressourcen: Kannst du neben deinem Job wöchentlich zehn bis 20 Stunden fürs Lernen aufbringen – an den Abenden und auch am Wochenende?
  • Deine Unterstützer: Wie nehmen deine Familie, Freunde oder Kollegen die Idee des Fernstudiums auf? Haben sie Verständnis dafür, dass du für Freizeitaktivitäten weniger Zeit haben wirst?
  • Deine Persönlichkeit: Lernst du gerne alleine oder brauchst du den persönlichen Kontakt zu Studienkollegen? Wenn letzteres der Fall ist, dann kümmere dich gleich zu Studienbeginn um die Teilnahme an den optionalen Einführungsveranstaltungen, tritt einer der zahlreichen Lerngruppen auf Facebook bei oder registriere dich in einem Forum für Fernstudierende. In größeren Städten gibt es auch oft Stammtische, bei denen sich Fernstudis persönlich austauschen.
Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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