Saugut und trotzdem arbeitslos – Wenn Qualifikation nichts mehr wert ist!

von in Arbeitsmarkt, Bewerbung, Jobsuche am Dienstag, 18. Oktober 2011 um 12:18

Sie haben eine gute Ausbildung absolviert, bestechen mit Ihrer Berufserfahrung und haben schon so oft Ihre Abteilung wieder auf Kurs gebracht. Keine Frage, Sie verfügen über Kompetenz und Know-How! Aber macht das allein unantastbar? Schützt Qualifikation auch vor einer Kündigung? Kommt es zum Jobverlust, steht man wieder am Anfang! Was nun? Warum ist es so schwer einen neuen Job zu finden, wenn man doch so verdammt gut in seinem Beruf ist?

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Ein Beispiel aus der Praxis, das uns in den vergangenen Tagen erreichte. Der Name wurde geändert.

Ich arbeitete 20 Jahre lang im selben Unternehmen und hatte mich in diesen Jahren zum Abteilungsleiter hochgearbeitet. Wir waren ein gut eingespieltes Team. Das änderte sich mit dem neuen Chef. Ihn interessierten die Mitarbeiter wenig. Das Einzige, was zählte, waren Zahlen. Er versuchte mit Zwang Arbeitsprozesse auf seine Art zu „optimieren“ und das ohne Rücksicht auf die Mitarbeiter. Anfangs war ich der Meinung, er bräuchte nur noch Eingewöhnungszeit. Kurz darauf sprach ich ihn auf seine Führung an. Ihn interessierte meine Meinung allerdings nicht. Ganz im Gegenteil, er teilte mir mit, dass sich noch einiges ändern würde. Das war für mich der Punkt, an dem ich mir selbst sagte: Unter so einem Chef kann ich nicht länger arbeiten!
Kurze Zeit später kündigte Florian S.

Florian hat in dieser Situation im Sinne seiner Prinzipien gehandelt. Die Art und Weise wie der neue Chef seine Mitarbeiter behandelte, war für ihn unverständlich. Zu gern würden wir Ihnen nun berichten, dass die Berufswelt nur auf jemanden wie Florian gewartet hat und er mit Job-Angeboten überhäuft wurde. Aber das wäre gelogen! Florian S. reichte seine Kündigung im März 2010 ein und ist bis heute auf Jobsuche!

Einer unter Tausenden

So wie Florian geht es vielen Menschen in Österreich. Ende September 2011 waren 218.207 Personen beim Arbeitsmarkt Service (AMS) arbeitslos gemeldet. Im Geschlechtervergleich verzeichneten die Männer im Mikrozensus Arbeitskrafterhebung 2010 der Statistik Austria einen stärkeren Rückgang der Arbeitslosigkeit als Frauen. „Das liegt unter anderem daran, dass generell die Zahl der männlichen Erwerbspersonen höher ist als jene der Frauen, da Erstere häufiger am Erwerbsleben teilnehmen“, so Cornelia Moser, zuständig für Arbeitskrafterhebung bei der Statistik Austria.

Diagramm Arbeitslosigkeit

Wesentlichen Einfluss auf die Dauer der Arbeitslosigkeit hat – so die Statistik – das Alter. Die kürzesten Arbeitslosigkeitsperioden konnten 2010 vor allem junge Arbeitslose unter 30 Jahren verzeichnen. Auch die Ausbildung spielt bei der Dauer der Arbeitslosigkeit eine große Rolle. Personen mit Matura als höchsten Bildungsabschluss hatten die kürzesten Perioden der Arbeitssuche. Dennoch stieg die Zahl der arbeitslosen Universitätsabsolventen im vergangenen Jahr von 2,4 Prozent auf 6,9 Prozent der Gesamtarbeitslosen im September 2011. „Von der geringfügig steigenden Arbeitslosigkeit bei Akademikern sind vor allem JungakademikerInnen und ältere AkademikerInnen betroffen“, sagt Dr. Beate Sprenger, Pressesprecherin des AMS Österreich.

Mich will keiner!

Ein Jobverlust hat immer unterschiedliche Ursachen. Daher wird auch jede Entlassung anders aufgenommen. „Eine Kündigung kann bei Betroffenen eine traumatische Krise auslösen, weil unvorbereitet und ohne Einflussmöglichkeit eine radikale Änderung ihres Lebens geschieht. Es verbreitet sich ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht, man hat aktuell keine Kontrolle mehr über die Situation“, erklärt Arbeitspsychologe Dr. Andreas Fida-Taumer.

Dr. Andreas Fida-Taumer, Arbeitspsychologe

Kündigungen und Entlassungen hinterlassen immer einen bitteren Beigeschmack bei allen Beteiligten. Und die nächste bittere Enttäuschung kann auf dem Fuß folgen: Obwohl man viele Erfahrungen und Qualifikationen vorzuweisen hat, wird man am Arbeitsmarkt ignoriert! Die Erwartung, innerhalb kürzester Zeit, einen neuen und besser bezahlten Job zu bekommen, sorgen für zusätzlichen Druck. Schließlich ist man es gewohnt, eine angemessene Position zu besetzen, Verantwortung zu tragen und natürlich auch ein entsprechendes Gehalt dafür zu genießen. Kann man sich als Top-Kraft mit weniger zufriedengeben? Muss man sich unter eigenem Wert einstellen lassen, nur um überhaupt einen Job zu haben?

Ansteckungsgefahr Arbeitslosigkeit

„Aus Erfahrung weiß ich, dass gerade bei Fach- und Führungskräften lange Arbeitslosigkeitsperioden keine Seltenheit sind“, sagt Dr. Josef Siess, Geschäftsführer Europäisches Service für Personalvermittlung und Unternehmensgründung (EUSPUG). In diese Zeit gilt es, Vorkehrungen zu treffen. Nehmen Sie Hilfe an und geben Sie sich nicht falschem Stolz hin. „Fach- und Führungskräfte können durchschnittlich zwischen zwei Wochen und sechs Jahren arbeitslos sein“, so Siess.

Dr. Josef Siess, Geschäftsführer EUSPUG

Neben den finanziellen Belastungen wirkt sich Arbeitslosigkeit auch auf die Psyche des Betroffenen aus. Selbstzweifel und Unsicherheit kommen auf. „Oft frage ich mich, ob ich einfach Glück hatte mit meinem Job. Kein anderes Unternehmen hat sich bisher für meine „Top-Qualifikationen“ interessiert„, erzählt Florian. Hinzu kommen dann oft Probleme sowohl in der Beziehung als auch innerhalb der Familie.

Auch der Freundeskreis lichtet sich mit andauernder Arbeitslosigkeit. „Visitenkarten-Freundschaften sind die Ersten, die sich verflüchtigen. Auch engere Freunde können sich von einem abwenden“, so Siess. Es entsteht der Eindruck, Arbeitslosigkeit sei eine ansteckende Krankheit. „Depressionen und Selbstzweifel sind die Ergebnisse von Langzeitarbeitslosigkeit“, sagt Fida-Taumer. „Man verliert den Glauben an sich selbst und vor allem auch an der eigenen Leistung.“

Das Ergebnis? „Um wieder zur Gruppe der ‚Erwerbstätigen‘ zu gehören, gibt man sich auch mit einem schlechteren Job zufrieden“, so Fida-Taumer. „Und das führt unzweifelhaft dazu, dass man wiederum unglücklich ist in der neuen Position.“

Wege zur Arbeit

hands-on-mentalitätJe länger die Arbeitslosigkeit andauert, umso reizvoller erscheint vielen auch die Möglichkeit der Selbstständigkeit. „Wenn sich aktuell keine Jobmöglichkeit bietet, sollte man mit dem Gedanken spielen sich selbstständig zu machen und sein Wissen als Ich-AG weiterzugeben“, rät Fida-Taumer.

Der eigene Chef sein, sein eigenes Unternehmen leiten. Klingt reizvoll! Jedoch sollte immer auch die harte Realität als Selbständiger im Hinterkopf behalten werden. „Es gehört mehr zu einem erfolgreichen Unternehmen als nur die gute Idee“, warnt Siess.

Der Weg zurück zur Anstellung

Auch wenn die Selbständigkeit reizvoll ist, bedeutet sie dennoch zunächst viel Arbeit und keine Erfolgsgarantie. Mehr persönliche Sicherheit verspricht die Fixanstellung. In vielen Artikeln haben wir schon erläutert, wie der „übliche“ Ablauf eines Bewerbungsprozesses aussehen kann. Die Statistik Austria hat diesen „üblichen“ Wechsel von aktiven und passiven Methoden wie folgt zusammengefasst:

Ich habe alles schon versucht!

Das Dilemma an der „üblichen Herangehensweise“? Viele gehen so vor! In Lebensläufen und Anschreiben stellen wir uns den potenziellen Arbeitgebern genauso dar wie zig andere auch! Um sich hier aus der Masse hervorzuheben, braucht man mehr als nur gute Qualifikationen. Selbstverständlich verfügen Sie über das Know-How, das Sie für eine Stelle qualifiziert – aber wie drücken Sie dies im Lebenslauf und Anschreiben aus? „Gerade bei Bewerbern ab 40 ist das richtige Wording bei der Bewerbung entscheidend“, so Siess. „Man hat die Erfahrung und die Qualifikation, derer es für eine Fachposition bedarf. Ziel ist es nun, das Unternehmen davon zu überzeugen, dass man dem Unternehmen durch die eigenen Kenntnisse einen wirtschaftlichen Nutzen bringt“, so Siess.saugut und trotzdem arbeitslos

Kennen Sie Ihre eigenen Stärken? Tatsächlich zu wissen, wer man ist und was man kann, ist nicht einfach. Natürlich können Sie das, was auf dem Papier steht, aber welchen Nutzen hat Ihr neuer Arbeitgeber davon? Genau das gilt es zu vermitteln!

Folgende Fragen sollen Ihnen zur Orientierung dienen, die eigenen Stärken schneller zu erkennen:

  • Was habe ich in meinem bisherigen Berufsleben gemacht?
  • Was konnte ich durch mein Können im Unternehmen beeinflussen?
  • Welchen Nutzen hatte mein früherer Arbeitgeber von mir?
  • Welches Profil sollte mein neues Unternehmen suchen, damit ich hineinpasse?
  • Welchen Nutzen kann ich für das neue Unternehmen erwirtschaften?

„Herauszufinden, was die tatsächlichen Stärken einer Person sind, gehört zur Basisarbeit bei der Arbeitssuche. Im Lebenslauf und Anschreiben sollen diese für den Personaler auf den ersten Blick ersichtlich sein“, so Siess.

Das „zwischen den Zeilen“ macht Sie aus!

Arbeitslosigkeit kann jeden treffen. Vom Hilfsarbeiter bis hin zum Vorstandsvorsitzenden. Und das Schlimmste daran? Es gibt kein Erfolgsrezept gegen Arbeitslosigkeit! Die Arbeitssuche: Oft frustrierend! Auch wenn man seinen Lebenslauf aktualisiert hat, das Anschreiben perfektioniert und nachschärft, ist das noch keine Garantie für einen Job! Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Fakt ist aber auch, dass die Möglichkeiten irgendwann ausgeschöpft scheinen, immer wieder seine Stärken für verschiedene Anforderungen ins rechte Licht zu rücken. Und gerade dabei kann – selbst wenn man sich bereits als „over-coached“ empfindet – professionelle Hilfe eine Unterstützung sein. Denn: Außensicht schadet nie.

Sehen Sie sich selbst als Marke! Jede Marke hat etwas Einzigartiges, mit dem sie am Markt heraussticht! Suchen Sie diese Einzigartigkeit bei sich selbst! Was macht Sie aus und wodurch unterscheiden Sie sich von anderen Bewerbern? Unterstreichen Sie diese Aspekte bei jeder Bewerbung aufs Neue und abgestimmt auf die Anforderungen.

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