Burnout: „Mit fixen Ankern im Terminkalender gegensteuern“

von in Arbeitsleben am Freitag, 19. November 2010 um 12:08

Burnout hat die Mitte der Gesellschaft erreicht. Kaum eine Berufsgruppe, die vom völligen Ausbrennen verschont bleibt. Kaum ein Arbeitnehmer, der erste Anzeichen nicht schon selbst zu verspüren glaubte. karriere.at sprach im Rahmen unserer Burnout-Serie (Teil eins hier) mit Christa Schirl-Russegger, klinische und Gesundheitspsychologin sowie Psychotherapeutin, über erste Anzeichen des Burnouts, Möglichkeiten gegenzusteuern und auch darüber, was Arbeitgeber zur Burnout-Prävention beitragen können.

karriere.at: Überlastet und erschöpft fühlt sich fast jeder Arbeitnehmer von Zeit zu Zeit. Worin liegt aber der Unterschied zwischen „normaler“ Erschöpfung und Burnout?

Christa Schirl-Russegger: Erschöpfung ist eine gesunde Reaktion, in der der Körper sagt, dass er Regeneration nötig hat. Von Erschöpfung erholt man sich in der Regel rasch wieder, weil sie sich nur auf eine Ebene auswirkt. Wenn ich beispielsweise erledigt vom Fitnessstudio nach Hause komme, heißt das nicht automatisch, dass ich auch emotional erschöpft bin oder dass das dann auch die Beziehung zum Partner beeinflusst. Burnout hingegen bedient alle Ebenen. Davon erhole ich mich nicht, wenn ich zwei Tage von der Arbeit zuhause bleibe. Burnout hat oft Krankenstände von bis zu einem Jahr zur Folge.

karriere.at: Welche Ebenen sind das?

Schirl-Russegger: Einerseits ist dies die körperliche Ebene. Das kann sich beispielsweise äußern in Bluthochdruck, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und vielem mehr. Dazu kommt die soziale Ebene. Burnout-Patienten ziehen sich oftmals zurück, gehen Konflikten aus dem Weg – beruflich wie auch privat. Sie verspüren das Bedürfnis, sich verkriechen zu wollen. Die dritte Ebene ist dann die psychische: Mit dem Burnout Hand in Hand geht oft eine große Depression. Patienten haben das Gefühl, dass ohnehin alles sinnlos sei, sind völlig abgestumpft . Und der vierte Bereich, auf den sich ein Burnout auswirkt, ist die emotionale Ebene: Patienten sind mit ihren Gefühlen völlig am Ende.

karriere.at: Wann ist der Zeitpunkt, die Notbremse zu ziehen?

Schirl-Russegger: Hier gibt es viele verschiedene Indikatoren. Häufig kommt es bei Burnout-Patienten – gerade bei Führungskräften, wo eine Besprechung die nächste jagt – vor, dass sie sich überhaupt keine Arbeitspausen gönnen, sich keine Zeit für essen, trinken oder einen kurzen Moment an der frischen Luft nehmen. Diese Patienten haben oft den Grundsatz: ‚Nur wenn ich arbeite, bin ich.‘ Besondere Burnout-Gefahr besteht dann, wenn Menschen ein so genanntes „Pyramidisches Wertesystem“ haben: Der Job steht an der Spitze und überstrahlt alles. Ein solches Wertesystem ist definitiv ungesund. Ein gesundes Wertesystem lässt Werte parallel zueinander stehen – nämlich Werte aus verschiedenen Lebensbereichen. Je nach Zeitpunkt kann ein Wert schon einmal ‚heller leuchten‘ als andere, beispielsweise, wenn ein Kind krank ist, oder mich ein spannendes Projekt im Job fordert. Grundsätzlich sollten die Werte jedoch zueinander in gesundem, ausgewogenem Verhältnis stehen.

karriere.at: Gibt es weitere Indikatoren?

Schirl-Russegger: Mittendrin in der Burnout-Spirale (siehe Grafik, Anm.) ist man oft bereits, wenn sich der Körper meldet. Schlafstörungen, Rückenschmerzen, Tinnitus sind da häufige Signale. Wenn man sich so überarbeitet fühlt, dass sich der eigene, langfristig auf Hochtouren laufende Motor überhaupt nicht mehr zu erholen scheint. Wenn man sein Handy keine Minute des Tages auszuschalten wagt, Freunde und soziale Kontakte vernachlässigt.

karriere.at: Wie kann man aber – trotz stressigem Job – gegensteuern?

Schirl-Russegger: Unerlässlich ist es, sich in regelmäßigen Abständen Arbeitspausen zu gönnen. Gerade in kreativen Berufen ist das extrem wichtig, denn die besten Ideen entstehen eben in genau diesen Pausen. Eine weitere Maßnahme ist, für sich andere Werte wie den Job als wichtig zu definieren, Freizeit auch als wirklich freie, unverplante Zeit wichtig zu schätzen.
Unwirsch reagieren Burnout-Gefährdete in vielen Fällen, wenn man ihnen rät, einfach öfter „nein“ zu sagen. Denn viele Situationen werden eben so wahrgenommen, dass Nein-Sagen eben nicht geht. Viel wichtiger ist hingegen „ja“ zu sich selbst und den eigenen Bedürfnissen  „Ja“ zu sagen. Burnout-Patienten wissen oft schon gar nicht mehr, was ihnen eigentlich gefällt und Spaß macht. Gegensteuern kann man auch mit fixen Ankern im Terminkalender: Freitag, 13 Uhr, hole ich mein Kind vom Kindergarten ab. Das ist fix. Fix ist für mich auch das Fitness-Studio oder das Bier mit Freund X am Donnerstag um 19 Uhr. Aber auch eben die unverplante Zeit für sich selbst, die ebenso ein fixer Anker im Terminkalender sein sollte.
Vergessen wird oft, dass man Vorgesetzten kommuniziert, wie es um die eigenen Ressourcen steht. Beispielsweise: „Wenn ich diesen Auftrag übernehme, dann brauche ich bestimmte Mittel.“ Ob das nun eine weitere Arbeitskraft, die temporär zu Seite steht, oder ein besser funktionierender PC ist, ist von Fall zu Fall verschieden. Nicht ausreichende Arbeitsmittel können einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Burnout-Gefährdung beitragen.

karriere.at: Was kann von Arbeitgeberseite getan werden?

Schirl-Russegger: Wie gesagt, Burnout erfordert in schweren Fällen Krankenstände bis zu einem Jahr. Das zieht auch einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden nach sich. Unternehmer müssen sich auch bewusst sein, dass sie gegenüber ihren Mitarbeitern eine Fürsorgepflicht haben. Im Hinblick auf Burnout-Prävention sollten sich Unternehmen einige Fragen stellen: Gibt es für die Mitarbeiter die Möglichkeit, Pausen zu machen? Wenn ja: Wie und wo werden diese gemacht? Müssen meine Mitarbeiter wirklich 24 Stunden am Tag erreichbar sein? Kann es gut sein, wenn ich sämtliche Verantwortung auf eine oder einige wenige Personen übertrage, die dann für mein Unternehmen zur entscheidenden „Person Y“ werden?
Gerade bei jungen, extrem motivierten Mitarbeitern sind auch verantwortungsbewusste Führungskräfte gefordert. Oftmals ist es nötig, diese „Highflyer“ auf den Boden zurückzuholen, und ihnen in deren eigenem Interesse zu sagen „In der Ruhe liegt die Kraft“. Denn diese neigen ganz speziell dazu, ihre eigenen Bedürfnisse nicht wahrzunehmen.

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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