Erstellt am 1. Juni 2021 · Arbeitsleben, Jobsuche · von

„Ich kann doch nicht …“ – Woran die berufliche Umorientierung scheitert

Lesezeit: 5 Minuten

Was hindert dich daran, dein berufliches Glück zu finden? Vielleicht sind es deine Glaubenssätze. Denn oft scheitert die Umorientierung schon, bevor sie überhaupt begonnen hat. Leading Guide Petra Baumgarthuber erklärt, welche Denkmuster dich blockieren.

„Ich kann doch jetzt nicht …“ „Dafür bin ich schon zu alt.“ „Wer weiß, was dann passiert!“ – Hand aufs Herz: Wie oft haben dich diese Gedanken schon von einem Wunsch abgehalten?

Womöglich sind derlei blockierende Glaubenssätze auch der Grund dafür, dass du beruflich noch nicht da bist, wo du gerne wärst. Petra Baumgarthuber vergleicht das so: „Diese Denkmuster sind wie das Seil beim Bungee Running: Es zieht einen immer wieder dahin zurück, wo man gestartet ist. Damit gibts kein Vorankommen.“ Welche sie am meisten hört und wie man sie überwinden kann, hat sie uns im Interview erzählt.

Diese Glaubenssätze halten dich von der beruflichen Umorientierung ab

Als Leading Guide begleitet Petra ihre Klient*innen am Weg zur beruflichen Veränderung. Blockierende Glaubenssätze begegnen ihr dabei sehr häufig.

Petra Baumgarthuber

Leading Guide Petra Baumgarthuber

#1 „Studieren tut man mit 18“

Ein echter Klassiker unter den blockierenden Glaubenssätzen kommt von starrem Regeldenken, erzählt Petra: „Mit 27 kann ich kein Studium mehr beginnen. Ich habe jetzt Kinder, da kann ich den Beruf nicht mehr wechseln. Die Reihenfolge ist: Erst Studieren, dann Kinder – Diese Art von starrem Regeldenken blockiert sehr. Ich kann dazu nur sagen: Das war früher mal und hat sich mittlerweile zum Glück völlig geändert! Heutzutage kann man in fast jedem Alter noch eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren.“

Interessanterweise hindert dieses Regeldenken auch junge Menschen daran, einen zweiten Bildungsweg einzuschlagen, so Petra: „Eine Klientin von mir ist ausgebildete Kindergartenpädagogin, hat 6 Jahre in diesem Beruf gearbeitet und dann festgestellt, dass das nicht mehr der richtige Job für sie ist. Sie wollte dann Sozialarbeiterin werden und hat zu ihrer großen Überraschung das Auswahlverfahren an der FH nicht bestanden – Gott sei Dank, wie wir jetzt wissen. Denn das, was sie eigentlich gesucht hat, das hätte sie auch in der Sozialarbeit nicht gefunden. Wir haben dann daran gearbeitet, was ihr eigentlicher Antrieb in der Berufswahl war und haben festgestellt, der Beruf, in dem sie das ausleben kann, ist Kinder- und Jugendanwältin und das bedeutete: Jus studieren! Sie war zu dem Zeitpunkt 25 und hat genauso reagiert: Ich kann doch jetzt nicht mehr mit Jus beginnen, da bin ich doch viel zu alt …“

„Es braucht Zeit, um blockierende Glaubenssätze zu überwinden – diese sollte man sich gönnen.“

„Das sind blockierende Glaubenssätze, die einen momentan völlig überfordern.“ Diese zu überwinden, braucht Zeit. Diese sollte man sich auch gönnen, meint die Leading Guide: „Meine Klientin hat sich eine Woche nach dem Gespräch fürs Jus-Studium eingeschrieben. Mittlerweile studiert sie im 9. Semester und arbeitet nebenbei bei einem Rechtsanwalt.“

#2 „Dafür bin ich zu …“

„Ich bin dafür zu alt, oder ich bin noch zu jung … Ich bin nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt oder habe nicht die richtigen Kompetenzen …“ Diese Glaubenssätze höre ich oft, wenn die Konsequenzen einer Veränderung nicht absehbar sind.“ Hinter diesen Denkmustern steckt Unsicherheit, so Petra: „Man weiß nicht, wohin die Veränderung führen kann und was einen dabei erwartet. Man versteckt sich dann hinter Aussagen wie: Ich weiß zu wenig darüber, Ich hab nicht die nötigen Kompetenzen, Ich kenne in dem Bereich niemanden. Das hindert viele.“

„Hindernisse“ lassen sich aus dem Weg schaffen: zum Beispiel mit Recherche.

Tatsächlich lassen sich diese „Hindernisse“ leicht aus dem Weg schaffen: mit Recherche, um Infos einzuholen, oder einer Ausbildung, um die nötigen Kompetenzen zu erlangen.

#3 „Wenn ich meinen sicheren Job aufgebe, dann lande ich unter der Brücke.“

„Angst und Katastrophendenken hindern uns auch häufig daran, beruflich neue Wege zu gehen. In Krisenzeiten wie diesen nicht verwunderlich“, meint Petra Baumgarthuber. Es sei aber irrational, gleich vom Schlimmsten auszugehen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass es eintrete, sei enorm gering. „Viel wahrscheinlicher ist, dass alles gut ausgeht.“

#4 „Das kann ich den anderen doch nicht antun.“

„Auch das höre ich sehr oft. Klient*innen stellen die Interessen der anderen häufig über die eigenen“, erzählt die Beraterin. Das können die der Kolleg*innen oder aber die der Kinder oder der Familie sein. „Wenn man nur das Wohl der anderen im Blick hat, traut man sich weniger zu seiner Leidenschaft zu stehen und verhindert damit, dass man im Beruf glücklich wird.“

#5 „Es muss aber perfekt passen!“

Nicht nur das Wohl der anderen, auch übertriebener Perfektionismus hindern uns an der beruflichen Umorientierung. Stichwort „Traumjob“. Wie wir schon in anderen Artikeln und im Podcast beschrieben haben, gibts den einhundert Prozent perfekten Job nicht. Das sieht auch Petra Baumgarthuber so: „Sich und andere permanent zu bewerten und immer nach absoluter Perfektion zu streben, hindert einen oft daran, dem Bauchgefühl zu vertrauen und eine Veränderung zuzulassen.“

„Früher war mir das wichtig, aber jetzt brauche ich das nicht mehr.“

Manchmal halte man nämlich an Prioritäten fest, die gar nicht mehr zu einem selbst passen. „Die Liste hat man sich irgendwann mal in der Jugend eingeprägt und nie darüber nachgedacht, ob die noch Gültigkeit hat. Wenn man das mal reflektiert, kommt man oft drauf, dass das sehr einschränkend ist: Ja, früher war mir das sehr wichtig. Aber jetzt, wenn ich drüber nachdenke, brauch ich das gar nicht mehr. Und wenns weg ist, bin ich frei für Neues.“

#6 „Das wird sowieso nix.“

„Dasselbe“, so Petra, „gilt auch für Fatalismus, wenn man nur das Negative sieht: Da verliere ich ja drei Jahre Berufserfahrung, Das kostet mich ein Vermögen …“ Denkmuster wie „Das wird sowieso nix“ erfüllen sich dazu leider meist selbst.

#7 „Wenn es nicht sofort klappt, habe ich versagt.“

Mit dem Fatalismus einher geht oft auch Ungeduld, erklärt Petra: „Wenn ich das nicht schaffe, dann …Oder wenn es nicht sofort geht, dann …. Sich selbst unter Druck zu setzen, im Sinne von „Das muss jetzt aber klappen“ ist auch eine große Blockade. Das ist, als ob man sich selbst überholen will. Das funktioniert nicht. Manches braucht einfach mehr Zeit als anderes und dieses Tempo muss man akzeptieren lernen – gerade bei der beruflichen Umorientierung sind Geduld und Ausdauer wichtige Erfolgsfaktoren!“

Blockierende Glaubenssätze loswerden braucht Unterstützung

Das Gefinkelte an diesen Glaubenssätzen ist, dass man sie selbst meist für absolute Tatsachen hält. Zu erkennen, dass diese Hindernisse in Wahrheit nur im eigenen Kopf existieren, ist wahnsinnig schwierig, weiß Petra: „Das ist, wie wenn man sich mit der Nase direkt an den Spiegel stellt und versucht, sich selbst scharf zu sehen. Ich muss erst mal einen Schritt zurückgehen, um alles zu erkennen.“

Um diese Blockaden zu lösen braucht es daher einen sicheren Blick von außen, ist Petra überzeugt. Das können zunächst Freunde und Familie sein, sofern sie dabei wirklich ausschließlich das Wohl der anderen Person in den Fokus nehmen. Worauf es bei Ratschlägen zur beruflichen Umorientierung ankommt und welche typischen Fehler Nahestehende meist machen, erfahrt ihr in Teil 3 unserer Reihe!

Der erste Teil unserer Reihe „Berufliche Umorientierung“

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.