Erstellt am 20. Dezember 2018 · Arbeitsleben, HR · von

New Work – eine Safari durch Vorzeigebüros

Lesezeit: 6 Minuten

Alle sprechen über sie, niemand weiß, wie sie konkret aussieht: die Arbeitswelt der Zukunft. Arbeiten wir in Großraumbüros, von zuhause aus oder überhaupt viel weniger? Und wie werden unsere Büros aussehen? Wir haben mit einem Experten für Organisationsentwicklung gesprochen und uns auf eine Safari durch Vorzeigebüros gemacht.

New Work steht schon länger auf der Trend-Liste für HR und Führungskräfte – schließlich sind moderne und innovative Arbeitskonzepte ein wunderbares Zuckerl, um heiß umkämpfte Fachkräfte zu akquirieren. Ob flexible Arbeitszeiten, Desk Sharing oder neues Büro: Wer auf das richtige Pferd setzt und New Work gut umsetzt, zeigt sich als Arbeitgeber besonders attraktiv. Wir haben bei Christian Vieira dos Santos von SYMBIOS nachgefragt, wie die Arbeitswelt der Zukunft aussehen kann, wie man es richtig angeht, und uns auf eine Safari durch Vorzeigebüros in Linz begeben (Video dazu unten):

Christian Vieira dos Santos

Christian Vieira dos Santos

Wie sieht für SYMBIOS die Zukunft der Arbeit aus?

Vieira dos Santos: New Work, Zukunft der Arbeit, Innovationskultur, Agilität sind Beispiele von Buzzwords, die gerade viel diskutiert werden und große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Als Organisationsentwickler weiß ich aus Erfahrung, dass diese Buzzwords irgendwann einmal durch neue Buzzwords abgelöst werden. Unabhängig davon sind wir jedoch dennoch der tiefen Überzeugung, dass dies auch alles Ausdruck eines fundamentalen Wandels ist.

Ein Wandel, der getrieben ist von dreierlei: den technologischen Entwicklungen, einem sich verändernden Wertebewusstsein der Mitarbeiter, der Kunden und der Gesellschaft sowie der Digitalisierung, die die Wertschöpfung im Unternehmen massiv verändert.
Dieser Wandel führt dazu, dass Unternehmen zunehmend in einem Umfeld agieren, das hoch komplex und hoch dynamisch ist. So ein Umfeld macht neue Formen der Organisation und Zusammenarbeit erforderlich. Hilfreich in diesem Zusammenhang ist hier die Unterscheidung in „Wertschöpfung der Norm“ und „Wertschöpfung der Ausnahme“ – eine Unterscheidung, die auf den Beraterkollegen Gerhard Wohland zurück geht, der seit Jahrzehnten Unternehmen erforscht, die gelernt haben, in dynamischen Umfeldern nicht nur zu überleben, sondern erfolgreich zu sein. Er nennt diesen Unternehmenstypus „dynamikrobuste Höchstleister“.

„Wertschöpfung der Norm“ vs. „Wertschöpfung der Ausnahme“

Wertschöpfung der Norm ist jene Wertschöpfung, bei der man auf Erfahrungswissen zurückgreifen kann. Es ist die Welt der Massenmärkte, der Größenvorteile, der Effizienz und des Managements bzw. der Steuerung. Dies ist die Welt der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft des vergangenen Jahrhunderts. Es ist die Welt der großen, tayloristisch organisierten Konzerne.
In einer Welt der Disruptionen, in einer Welt, die sich rasch verändert und in der Unternehmen und Menschen immer häufiger vor Probleme gestellt werden, bei denen auf kein Erfahrungswissen zurückgegriffen werden kann, da sie so in der Form noch nie zuvor aufgetreten sind. In dieser Welt funktionieren die alten Erfolgsfaktoren nicht mehr.

In so einem Umfeld sind jene Unternehmen erfolgreich, die es gelernt haben, mit der sogenannten Wertschöpfung der Ausnahme gut umzugehen. Die also die Fähigkeit besitzen, innovative Ideen und kreative Problemlösungen auf zuvor noch nie dagewesenene Herausforderungen rasch und richtig anzuwenden. Dies erfordert zweierlei: Zum einen erfordert es Talente (jenen heiß begehrten Typus an Mitarbeiter, um dem sich Arbeitgeber heute raufen) und zum anderen neue Formen der Organisation und Zusammenarbeit.
Das Schöne daran: Diese neuen Formen der Organisation und Zusammenarbeit sind zugleich auch jene Formen, die attraktiv für Talente sind, da sie selbstbestimmtes Arbeiten fördern und ein Arbeitsumfeld erfordern, in dem sich Menschen entfalten können und Sinn in ihrem Tun finden.

„Der Mensch steht im Mittelpunkt! Das Arbeitsumfeld muss zukunftsfähig und lebenswert zugleich sein.“

Hier sehen wir die große Chance, die in der Digitalisierung liegt (neben den zweifelsohne großen Herausforderungen): Arbeitsumfelder zu schaffen, die Organisationen erfolgreich machen, ohne dass dies auf Kosten der Mitarbeiter geht. Das Ende des Nullsummenspiels, bei dem der eine nur auf Kosten des anderen erfolgreich sein kann. D.h., Arbeitsumfelder, die zukunftsfähig und lebenswert zugleich sind. Und genauso haben wir bei SYMBIOS auch unseren höheren Daseinszweck, unseren Purpose definiert: Lebenswerte, zukunftsfähige Arbeitswelten, die Freude machen.

Was macht einen modernen Arbeitsplatz in euren Augen aus?
Vieira dos Santos: Was den Arbeitsplatz betrifft, sind wir der Meinung, dass es zu wenig ist, wenn ein Arbeitsplatz nur schön, modern oder cool und hip ist. Ein Arbeitsumfeld muss den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen und zugleich eine Wirkung erzeugen, die für die Ziele des Unternehmens wichtig ist.
Früher wurde der Arbeitsplatz primär als Kostenfaktor betrachtet. Standardmöbel und Flächeneffizienz standen hier im Vordergrund. Immer mehr Unternehmen erkennen jedoch die strategische Bedeutung, die das Arbeitsumfeld auf den Erfolg des Unternehmens hat. Nämlich sowohl hinsichtlich Arbeitgeberattraktivität, Markenpositionierung und Employer Branding als auch insbesondere hinsichtlich Kultur- und Organisationsentwicklung.

Daher arbeiten wir bei SYMBIOS mit Methoden des Human Centered Designs und denken das Arbeitsumfeld ganzheitlich. Den Aspekt der Ganzheitlichkeit finden wir wichtig, da wir beobachten, dass neues Arbeiten sehr oft nur sehr eindimensional diskutiert und realisiert wird. Oft stehen Aspekte wie etwa Homeoffice bzw. mobiles Arbeiten, digitale Tools oder schöne Büroräume im Fokus. Wichtig ist jedoch unserer Meinung nach das Zusammenspiel aller relevanten Dimensionen, d.h. von Technologie, Raum, Organisation und Kultur. Es ist wie mit Hard- und Software. Erst wenn sie gut aufeinander abgestimmt sind, können sie die volle Leistung entfalten.

Diese vier Dimensionen haben auch ganz wesentlichen Einfluss auf das Arbeitserlebnis und die Erfahrung, die ein Mitarbeiter mit seinem Arbeitgeber macht. Wir nennen das Employee Experience. Employee Experience ist für uns jene gedanklich-konzeptionelle Klammer, mit der es gelingt, ausgehend vom Menschen uns seinen Bedürfnissen neues Arbeiten ganzheitlich, wirkungsvoll und nachhaltig zu realisieren.

Gibt es kleine Veränderungen oder Maßnahmen, wie Arbeitnehmer/Arbeitgeber ihr Arbeitsumfeld attraktiver gestalten können?
Vieira dos Santos: Die wirksamsten und auch am wichtigsten sind jene Änderungen, die nicht viel kosten. Dies sind Änderungen, die Kultur betreffen. Änderungen, die ein menschliches Miteinander auf Augenhöhe sicherstellen, das auf Wertschätzung und Anerkennung beruht und in dem Menschen wachsen und sich entfalten können.

4 Faktoren, die elementar sind, um New Work erfolgreich umzusetzen, haben wir hier behandelt.

Neue Arbeitswelten Safari

Gemeinsam mit SYMBIOS haben wir uns auf Safari durch Linzer Vorzeige-Arbeitsplätze begeben und dem Begriff New Work auch praktisch auf den Zahn gefühlt.


Hier gewähren uns die beiden SYMBIOS-Gründer Einblicke in die von ihnen konzipierten Arbeitswelten, Visionen und ganz spezielle Herausforderungen:

epunkt, HQ Linz OK-Platz

SYMBIOS: Eine besondere Herausforderung war hier die Struktur des Gebäudes (lange Flure, verteilt auf drei Etagen), was im völligen Widerspruch zu den Zielen des Projektes stand: Verbesserung teamübergreifender Kommunikation, Förderung der Zusammenarbeit und der Wir-Kultur. Die Entwicklung des neuen Arbeitsumfeldes wurde dabei ganz in die Hände der Mitarbeiter gelegt, was zugleich ein Ausdruck der Vertrauenskultur ist, die bei epunkt sehr hoch gehalten wird. Mitarbeiter und Führungskräfte wurden also zu Co-Designern ihres eigenen, zukünftigen Arbeitsumfeldes, und so konnte dieser schon angesprochene Widerspruch doch umschifft werden.

Das Projekt epunkt brachte den Beweis, dass Großartiges entstehen kann, wenn man Mitarbeitern den Freiraum und die Möglichkeit gibt, ihr eigenes Arbeitsumfeld zu gestalten. Die Voraussetzung hierfür ist allerdings ein strukturierter, gut moderierter Prozess, der den geeigneten Rahmen setzt, damit das möglich wird. Mittlerweile berichtet epunkt von einer Verbesserung der Unternehmenskultur, einer Steigerung der Mitarbeiterzufriedenheit und einer Verbesserung der teamübergreifenden Zusammenarbeit. Das neue Arbeitsumfeld hilft auch bei der Positionierung der Marke sowie der Rekrutierung eigener Mitarbeiter steigert die eigene Attraktivität als Arbeitgeber.

karriere.at, Winterhafen Linz

SYMBIOS: Über dieses Projekt haben Jürgen und ich uns kennengelernt und dann SYMBIOS gegründet. Beim karriere.at Projekt keimte die Gründungsidee von SYMBIOS: Die Symbiose aus Raum- und Organisationsentwicklung. Und genau das machte uns karriere.at bewusst: Nämlich, wie wichtig der Zusammenhang zwischen Arbeitgeberattraktivität, Unternehmenskultur und dem räumlichen Arbeitsumfeld ist. Unser Ziel war hier, ein attraktives Arbeitsumfeld zu entwickeln, in dem karriere.at über mehrere Jahre hinweg kontinuierlich wachsen kann. Gelöst haben wir das durch ein modulares Konzept. Die Challenge war hier, auf einer im Vergleich zum vorher bestehenden Büro sieben mal so großen Fläche den „Schatz“ des Unternehmens nicht zu verlieren, sondern – im Gegenteil – zu verstärken: Eine auf persönliche Beziehungen basierende Unternehmenskultur. Weitere Einblicke ins karriere.at Office gibts hier.

eRecruiter, Winterhafen Linz

SYMBIOS: Mit dem neuen Büro von eRecruiter sollten wir 2018 ein offenes, transparentes Arbeitsumfeld umsetzen, das selbstbestimmtes, agiles Arbeiten ermöglicht, die Kommunikation fördert und die Neuorganisation des Unternehmens gut unterstützt.
Was uns schon gefordert hat: Eine leerstehende, offene Halle + Open Office Konzept + Shared Desk-Prinzip. Wenn man so etwas falsch plant, sind das die besten Ingredienzen, um Mitarbeiterunzufriedenheit und Produktivitätsverlust zu erwirken. Mit Einbindung der Mitarbeiter in den Designprozess und einem durchdachten Konzept, das gute Akustik sowie genügend Ausweichmöglichkeit für Rückzug, Privatheit, kreatives Arbeiten und Stärkung des Teamgeists sicherstellt, konnten die Vorteile des Konzeptes ohne die gefürchteten Nachteile realisiert werden.

Runtastic, HQ Pasching

SYMBIOS: Die Vorgabe von Runtastic war: „Develop the office of our dreams.“ Das Ziel: ein Arbeitsumfeld zu realisieren, mit dem sich die Mitarbeiter identifizieren und das dabei hilft, die Werte und die Startup-Kultur des Unternehmens, trotz starken Wachstums und Verdreifachung der Fläche, bewahren bzw. verstärken hilft.
Dafür sollten wir zwei Geschoße verbinden, die ursprünglich nicht miteinander verbunden waren. Das besondere Etwas ist natürlich die Rutsche vom einen Stockwerk in das andere, die auf Mitarbeiterwunsch eingebaut wurde und die man sich auch etwas kosten ließ.

Noch weitere innovative Office Spaces in Österreich erkunden: Hier gibts eine eigene Blogartikel-Reihe dazu.

 

Über SYMBIOS

SYMBIOS wurde 2016 von Christian Vieira dos Santos und Jürgen Holler mit der Idee gegründet, attraktive Arbeitsumfelder zu realisieren, die neue Formen der Organisation und Zusammenarbeit ermöglichen.
Das Motto: Die Zukunft der Arbeit schon heute. Zu den Kunden zählen bekannte Unternehmen der IT-Branche (Runtastic, karriere.at, bet-at-home …) genauso wie namhafte Unternehmen etablierter Branchen (Andritz Hydro, Steyr-Werner, epunkt…). Der Purpose: Lebenswerte, zukunftsfähige Arbeitswelten, die Freude machen.

Bildnachweis: Vasin Lee / Shutterstock
Video: karriere.at

Tanja Karlsböck

Tanja macht Instagram, YouTube & Co. für karriere.at und als Abwechslung Blogposts, denn Schreiben ist ihre liebste Kulturtechnik.

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