Mobbing am Arbeitsplatz: Sauber bleiben, auch wenn andere schmutzig kämpfen!

von in Arbeitsleben, HR am Mittwoch, 9. März 2011 um 11:46

Mobbing. Ein Schlagwort, das heute, ähnlich wie das Wort „Burnout“, fast untrennbar mit dem Begriff Arbeit verbunden zu sein scheint. Ähnlich dem Burnout hat auch das Mobbing am Arbeitsplatz die Mitte der arbeitenden Gesellschaft erreicht und gilt heute nicht mehr bloß als Vokabel einer nicht belastbaren Randgruppe, die mit dem Arbeitsleben und dessen Ausformungen nicht zurechtkommt. Karriere.at sprach darüber mit Psychologin und Psychotherapeutin Christa Schirl: Was ist Mobbing überhaupt? Wo beginnt es? Was kann man als Opfer tun? Und warum bringt „Zurückmobben“ nichts?

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Wo Kritik aufhört und Mobbing beginnt

Worüber sprechen wir überhaupt, wenn von Mobbing die Rede ist? Wie beim Burnout, das im normalen Sprachgebrauch oft mit „normaler“ körperlicher und geistiger Erschöpfung verwechselt wird, ist auch die Interpretation des Mobbings im Arbeitsalltag relativ schwammig. Kann ein Streit mit der Bürokollegin als Mobbing bezeichnet werden? Oder dass einen der Chef nie ausreden lässt? Und warum wird es plötzlich still, wenn eine bestimmte Person die Raucherterrasse betritt?

H. Leymann, der in den 1990er-Jahren den Mobbing-Begriff mit seinen Veröffentlichungen prägte, definiert dieses so:
„Unter Mobbing am Arbeitsplatz wird eine konfliktbelastete Kommunikation unter KollegInnen oder zwischen Vorgesetzten und Untergebenen verstanden, bei der die angegriffene Person unterlegen ist, von einer oder mehreren anderen Personen systematisch, oft und während längerer Zeit mit dem Ziel oder dem Effekt des Ausstoßes direkt oder indirekt angegriffen wird und dies als Diskriminierung empfindet.“

Mobbing am Arbeitsplatz kann jeden treffen

„In meiner Praxis begegne ich immer wieder Menschen aus allen beruflichen Schichten, die unter Mobbing am Arbeitsplatz leiden. Länger überdauernde Mobbing-Attacken können schwere Folgen auslösen: Konzentrationsprobleme, sinkende Arbeitslust bis hin zu Schlafstörungen, psychosomatischen Beschwerden, Kopfschmerzen, Tinnitus, Burnout, Angstzustände und Depressionen“, erklärt Christa Schirl, Klinische- und Gesundheitspsychologin, Arbeitspsychologin und Psychotherapeutin im Gespräch mit karriere.at. Schweres, chronisches Mobbing könne sogar Persönlichkeitsveränderungen hervorrufen, betont die Expertin: Opfer ziehen sich zurück, leiden unter Existenzängsten, sind gereizt und antriebslos.

Was fällt unter Mobbing?

Mobbing äußert sich auf verschiedenen Ebenen – was damit beginnen kann, dass man ständig unterbrochen wird und damit enden kann, dass Arbeitnehmern körperliche Gewalt angedroht oder angetan wird.

Betroffene Arbeitnehmer, die sich im Visier von Kollegen oder Vorgesetzten fühlen, sollten sich einige Fragen stellen, um die Ist-Situation zu ergründen, rät Schirl: „Fühlen Sie sich häufig ausgegrenzt? Werden Ihnen wichtige Informationen vorenthalten? Fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit isoliert? Werden vermehrt Tratsch und Lügen über Sie verbreitet? Wird Ihre Arbeit übermäßig oft kontrolliert, Ihre Kompetenz in Frage gestellt? Gibt es Demütigungen?“ Hinter all diesen Phänomenen könne systematisches Mobbing stecken, weiß die Arbeitspsychologin. In vielen Fällen stecke jedoch auch persönliche Unsicherheit oder das Gefühl der Minderwertigkeit hinter solchen Empfindungen. Um systematisches Mobbing klar zu enttarnen, gelte es, auch systematisch vorzugehen.

Mobbing-Tagebuch führen

Menschen, die sich als Mobbing-Opfer fühlen, sollten ein so genanntes „Mobbing-Tagebuch“ führen, rät Schirl: „Übergriffe am besten schriftlich festhalten. Mit Datum, Uhrzeit und Ort des Geschehens und auch, ob Zeugen den Vorfall miterlebt haben. Anschließend sollte man die Wahrnehmungen mit Freunden oder Familienmitgliedern besprechen, weil uns die Wahrnehmungen Dritter dabei helfen, objektiv zu überprüfen, was geschehen ist.“ Tipps und Vorlagen zum Führen eines Mobbing-Tagebuchs bietet unter anderem die Arbeiterkammer ebenso ein Formular zum „Mobbing-Check“.

Berufseinsteiger: Mit Kritik zurückhalten

Intrigen, Klatsch, Gerüchte und ausgefahrene Ellenbogen seien oft auch Folgen von persönlichen Unsicherheiten unter Firmenbelegschaften oder Folgen von fehlenden Strukturen und Kompetenzbereichen, so die Expertin: Macht eine Firma eine Krise durch, spüre auch die Belegschaft, dass die Luft für den Einzelnen dünner werde. Mitunter könne dies zu Neid unter Kollegen führen. Oft bilden sich auch Allianzen von „Alteingesessenen“ gegen junge, „billige“ Firmen-Neulinge – gerade dann, wenn diese mit neuen Ideen und Kritik an bestehenden Strukturen auftreten. „Besonders Neuzugängen und Berufseinsteigern rate ich anfangs, sich dahingehend zurückzuhalten. Fehlt Etablierten plötzlich die Anerkennung, beginnen Revierkämpfe“, sagt Schirl-Russegger. Werden Verbesserungsvorschläge zu rasch geäußert, kann es zu Widerständen kommen, weiß die Expertin: „Denn jede Veränderung ist eine potenzielle Beleidigung.“

Gerüchte im Keim ersticken

  • Die häufigste Form des Mobbings ist das Gerücht. Nichts ist einfacher, als Tratsch zu verbreiten und bei bestimmten Kollegen die Gesetze der Diskretion etwas lockerer auszulegen als bei anderen.
  • Bemerkt man als Arbeitgeber, dass hinter dem eigenen Rücken geredet wird und kennt man vor allem den Ausgangspunkt der kursierenden Botschaften, so sei Offensive angesagt – und zwar so bald wie möglich, rät die Psychologin: „Die betreffende Person am besten im Vier-Augen-Gespräch damit konfrontieren. Auch wenn der- oder diejenige seine Urheberschaft abstreitet, so wird dem Gerüchte-Verbreiter klar signalisiert, dass er kein Opfer im Visier hat, sondern einen selbstbewussten Gegner. Viele Mobber geben auf, wenn sie direkt konfrontiert werden.“

Sauber bleiben

Gerade wenn Gerüchte im Umlauf sind, so gelte es, selbst „sauber zu bleiben“. Soll heißen: Sich nicht auf das Niveau der anderen begeben, selbst keine Mobbing-Attacken zu starten und keine anderen Personen für seine Gegenattacken mobilisieren.  „Gerüchte am besten offen und möglichst unaufgeregt bei Vorgesetzten und im Team ansprechen“, lautet der Rat von Schirl.

Leistungen anderer anerkennen

So wenig es bringe, sich „Kampfgenossen“ für eine Gegen-Mobbing-Front zu mobilisieren, so sinnvoll sei es, sich um Menschen zu bemühen, die erbrachte Arbeitsleistungen anerkennen und würdigen. Das beginne damit, die Leistungen anderer anzuerkennen anstatt deren Fehler zu suchen, so die Expertin: „Man nennt das in der Soziologie den ‚Dutch-Admiral-Effect‘: Zwei niederländische Kadetten zogen miteinander in den Krieg und schworen sich, vom anderen nur Positives zu berichten. Der Legende nach wurden die beiden die jüngsten Admiräle der Niederlande.“

Mobbende Führungskräfte eher Burnout-gefährdet

Christa Schirl

Christa Schirl

„Statistiken besagen, dass rund 40 Prozent aller Mobbingfälle von Vorgesetzten verübt werden“, erklärt Schirl: „Dabei müssten gerade Führungskräfte im Sinne ihrer Fürsorgepflicht schützend eingreifen, sei es durch Gespräche, Ermahnungen, Versetzungen oder anderes.“ Oft geschehe dies aus eigener Unsicherheit der Vorgesetzten, betont die Psychologin: „Aus meiner Praxis kann ich bestätigen, dass viele High Potentials sich die Fragen stellen: Werde ich ernst genommen? Verliere ich meine Autorität? Machen sich Mitarbeiter über mich lustig?“ Dazu komme, dass sich Führungskräfte in vielen Fällen über den Vergleich mit anderen definieren – was dem eigentlich menschlichen Bedürfnis nach Kooperation mit anderen widerspreche, erklärt Schirl. Dieser ständige Konkurrenzkampf zehre jedoch auch an deren Kräften: „High-Potentials, die ihren Karriereweg dadurch kennzeichnen, dass sie sich gegen andere durchgesetzt haben, fühlen sich oft einsam, leer und ausgebrannt.“

Weitere Informationen zum Thema Mobbing am Arbeitsplatz, bietet der Ratgeber „Mobbing – Leitfaden zur Prävention und Intervention“ des Fonds Gesundes Österreich.

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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