13. August 2018 · Arbeitsleben · von

Entscheidungen bereuen? „Wir sind auch das, wofür wir uns nicht entschieden haben“

Wie oft hast du bereits eine Entscheidung getroffen und sie danach bereut? Vielleicht war es nur leichtes Bedauern, vielleicht aber auch tiefe Reue, die dich dazu bewegt hat, Teile deines Lebens komplett umzukrempeln. Das Gefühl der Reue ist nicht angenehm, kann jedoch sehr nützlich sein. Warum das so ist und wie du mit Reue am besten umgehst? Wir haben nachgefragt bei Psychologin Sonja Rieder.

Was hat es mit dem Gefühl der Reue auf sich?

Sonja Rieder

Sonja Rieder

Rieder: Reue hat zwei Komponenten: Zum einen die kognitive – man erkennt, dass man die Entscheidung aus heutiger Sicht so nicht mehr fällen würde. Oft sagt man dann: Meine Entscheidung war falsch. Das stimmt so nicht denn es ist eine Illusion zu glauben, dass es eine richtige und eine falsche Entscheidung gibt. Wir wissen ja nicht, wie sich die Dinge in Zukunft entwickeln. Kognitiv nehmen wir es aber so war: Es ist jetzt anders, als ich es mir vorgestellt habe und das beurteile ich negativ.

Die emotionale Komponente ist das Bedauern als Trauer, es kann auch Wut sein. Das ist eine starke Emotion, denn man stellt nicht nur faktisch fest, dass die Situation so nicht ideal ist, es sind auch sehr viele Emotionen im Spiel.

„Die Reue an sich ist psychologisch mittlerweile sehr positiv beurteilt.“

Mit Reue gehen Menschen sehr unterschiedlich um. Wie sieht ein guter Umgang damit aus?

Rieder: Reue zu empfinden bedeutet nicht, dass jemand ein negativeres Mindset hat als seine Mitmenschen, die seltener etwas bereuen. Wie damit umgegangen wird ist auch eine Typfrage. Manche Personen sind kopflastiger, andere weniger. Wer mehr grübelt, zerpflückt Dinge vielleicht mehr, hier kann aber auch der Lerneffekt größer sein.

Die Reue an sich ist psychologisch mittlerweile sehr positiv beurteilt. Die neuere Forschung besagt, dass uns Reue im Leben weiterbringt – diesem Gedanken schließe ich mich an. Reue ist ein sehr starker Entwicklungsmotor, vor allem dann, wenn Reue intensiv empfunden wird. Das kann dazu führen, dass man große Bereiche im Leben noch einmal komplett umkrempelt. Ohne das Gefühl tiefer Reue würde man das nie tun.

Es kommt immer drauf an, was man mit der Reue macht. Vor allem jüngere Menschen können im Leben noch allerhand ändern: Ich kann etwas zurechtrücken, Unstimmigkeiten aus alten Beziehungen klären etc. Schlecht ist natürlich, wenn jemand aufgrund von Reue in eine Paralyse kommt. Damit meine ich, dass man aus der Reue nicht mehr herauskommt und so handlungsunfähig wird.

Wie kann eine Entscheidung getroffen werden, wenn man bereits vorab Angst vor möglicher Reue hat?

Rieder: Man kann vor einer Entscheidung nicht mehr tun, als Kopf und Bauch in Einklang zu bringen – niemals nur Kopfentscheidungen oder reine Bauchentscheidungen treffen, das gehört immer zusammen. Was sagt mir mein Gefühl? Dann denke ich die Sache aber auch noch durch. Hinter so einer getroffenen Entscheidung kann ich dann auch wirklich stehen. „Das hätte ich wissen müssen. Das hätte ich ahnen können.“ – Mit solchen Äußerungen zu uns selbst nehmen wir alle manchmal etwas zuviel auf uns. Manchmal gibt es ein Informationsdefizit, das halt einfach da ist. Nicht alles kann man vorab wissen, jede Entscheidung birgt eben auch ein Risiko. Wir leben in einer Zeit, die auch ihre Unsicherheiten birgt, das kann diese Angst noch fördern: Was macht der global agierende Konzern als nächstes? Wohin gehen die Arbeitsplätze?

Manche Menschen haben eine Kontrollillusion: Sie gehen davon aus, dass es die einzig richtige Entscheidung gibt und diese müssen sie finden. Das ist eine Illusion, weil man ja nicht wissen kann, wie sich die Dinge in Zukunft entwickeln werden. Angenommen, jemand wechselt den Job, weil der zukünftige Chef so toll ist. Einige Monate später gibt es einen Führungswechsel, der tolle Chef ist weg und alles ist anders. Das kann niemand vorhersehen. Die Entscheidung, den Job zu wechseln, war deshalb aber nicht falsch.

„Wir sind auch das, wofür wir uns nicht entschieden haben.“

Noch kurz zum Thema Entscheidungen treffen: Es gibt mit der „Planned Happenstance Theory“ von John Krumboltz, einem Stanford-Psychologen, eine sehr interessante Theorie über den Zufall in der Karriere- und Lebensplanung. Er sagt, dass im Berufsleben sehr oft glückliche Zufälle darüber entscheiden, wohin der Weg führt. Daher sollte man optimale Bedingungen für diese Zufälle schaffen und sehr offen durchs Leben gehen: Auf interessante Personen zugehen, Veranstaltungen besuchen, Gespräche führen. Einfach ausprobieren und schauen, was sich ergibt. Das muss einer gewissen Planung auch gar nicht widersprechen.

Und zur Reue noch eine letzte Anmerkung des britischen Psychoanalytikers Adam Phillips: Von ihm stammt der tröstliche Gedanke, dass alles, was wir uns wünschen und was sich möglicherweise nicht erfüllt, genauso zu uns gehört wie die Realität. Ausschlaggebend ist auch, wofür wir uns nicht entscheiden – wir führen eine Art Doppelleben. Rückblickend würde man vielleicht manche Dinge anders machen, damals hatte die Entscheidung aber ihre Logik. Ich finde, das ist ein beruhigender Aspekt zu diesem Thema: Wir sind auch das, wofür wir uns nicht entschieden haben.

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Martina Kettner

Martina Kettner hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at hat sie lange über Karrierethemen gebloggt, jetzt führt sie ihre eigene Karriere in den USA weiter.

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