19. November 2018 · Arbeitsleben · von

Ganz schön viel Rummel: Vom Arbeiten am Wiener Prater

Es gibt Plätze, die man einfach nicht mit Arbeit assoziiert. Und doch sind sie der Arbeitsplatz von vielen Menschen. Der Wiener Prater ist so einer. Seit mehr als 250 Jahren fasziniert der Prater nun schon mit seinem traditionellen Wiener Charme, mit seinem historischem Riesenrad und modernen Achterbahnen ebenso wie mit der klassischen Praterstelze. Diese bunte Vielfalt und das Zusammentreffen von Kontrasten bilden den Kern, der den Prater so beliebt macht. TEDxVienna-Autorin Salome erzählt in ihrem Gastbeitrag von jemandem, in dessen (Berufs-)Leben sich alles um den Prater dreht.

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Stefan Sittler-Koidl ist Rekommandeur, Geschäftsführer und Präsident des Wiener Praterverbandes. Im Interview mit TEDxVienna-Gastautorin Salome erzählt er über seinen Werdegang, über die Vor- und Nachteile seines Berufes und gibt einen Einblick in sein Arbeitsfeld. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

Ein Gastbeitrag von TEDxVienna-Autorin Salome Lixl:

Arbeiten am Prater ist Familiensache

Stefan Sittler-Koidl arbeitet am Prater

Stefan Sittler-Koidl, Wiener Praterverband

„Im Prater arbeitet man nicht, hier lebt man.“

Der Wiener Prater ist vieles: Er ist ein Ort, an dem Kinder und Erwachsene zusammenkommen, um in Ekstase zu geraten, Spaß zu haben und sich zu vergnügen. Denn hier, an diesem Ort herrschen Hedonismus und Unterhaltung. Gleich nach dem Betreten des Areals schlägt einem der süßliche Geruch von Zuckerwatte entgegen, gefolgt vom Duft der Würstel und Stelzen. Inmitten dieses Trubels befindet sich auch der Arbeitsplatz von Stefan Sittler-Koidl. Mit der Frage, wie sich seine Anfänge im Prater gestaltet haben, beginnt für Stefan die Erzählung seiner bisherigen Lebensgeschichte. Er selbst bezeichnet sich als „Praterkind“, denn seit dem Einstieg seines Urgroßvaters in das Geschäft befinden sich mehrere Fahrgeschäfte in Familienbesitz und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Derzeit sind die Betriebe fast zur Gänze in Besitz einiger weniger „Praterfamilien“. So helfen heute auch nicht nur Stefans beide Brüder und Cousins, sondern auch seine Kinder bei den Arbeiten im Wiener Prater mit.

„Anfänglich war mir gar nicht bewusst, dass ich in den Prater kommen möchte.“

Nach seiner Ausbildung zum Elektroinstallateur entschied er sich schließlich jedoch dazu, gemeinsam mit seinem Vater etwas zu entwickeln. Und durch ein neu gekauftes Fahrgeschäft, dem „Sombrero“, konnte er als Rekommandeur durch seinen „persönlichen Touch Erfolge verbuchen“. Durch diesen offiziellen Einstieg ins Familiengeschäft lernte er auch seine Frau Karin Koidl kennen, die ebenfalls zu einer der wenigen Praterfamilien zählt.

Hochzeit am Riesenrad

Es wird schnell klar, dass für Stefan der Prater nicht nur Arbeit, sondern auch Lebensmittelpunkt und voll von persönlichen Erinnerungen ist: Das Haus, in dem er mit seiner Familie heute wohnt, steht neben dem „Volare“ – dem ersten Fahrgeschäft, welches das junge Paar gemeinsam betrieben hat. Später heirateten die beiden dann sogar am Riesenrad, inmitten des Wiener Praters. „Richtig romantisch!“, wie Stefan selbst sagt. Und schließlich wurden auch zwei seiner Kinder im Lärm der Fahrgeschäfte, am Rande des Rummelplatzes, zur Welt gebracht.

Heute ist Stefan nicht nur leidenschaftlicher Rekommandeur, sondern auch hauptberuflich Geschäftsführer bei Koidl Vergnügungsbetriebe GMBh und Präsident im Praterverband. Daher ist er auch operativ kaum noch tätig, sondern vertritt als Präsident die Interessen des Praters nach außen. Das hat er unter anderem seiner Selbstsicherheit, seiner positiven Art und, wie er selbst sagt, seiner „Entwicklungslust“ zu verdanken.

Arbeiten am Prater heißt Leben am Prater

„Ich will nicht abbauen, ich will immer aufbauen – das liegt in meiner Natur.“

Mit dem Ziel, diese Motivation auf den gesamten Prater auszustreuen, hat er nicht nur in den vergangenen Jahren viele Entwicklungen vorangetrieben, sondern hat auch für die Zukunft einiges vor. Zu seinen derzeitigen Herausforderungen zählt es primär, SponsorInnen zu finden oder Veranstaltungen zu verbessern. Außerdem sollen in nächster Zeit die Öffnungszeiten optimiert und beispielsweise ein Ruhetag für die MitarbeiterInnen in der Vor- und Nachsaison eingeführt werden.

Die negativen Seiten des Rummelplatzes

„Natürlich gibt es Rückschläge“, erzählt Stefan. „So wie dieser Unfall, den wir vor kurzem hatten, als das Kind aus dem Fahrgeschäft gefallen ist. Da sieht man dann, wie machtlos man ist. Das können noch so viele Gesetze und noch so viel Aufmerksamkeit einfach nicht verhindern. Ich weiß aus voller Überzeugung, dass niemand hier im Prater bei der Sicherheit spart. Jeder Unfall ist einer zu viel.“
Auf die Frage hin, ob es denn diesbezüglich eine besonders einschneidende Erfahrung in seinem persönlichen Leben gegeben hat, fügt er hinzu: „Jede einzelne Erfahrung ist schrecklich für sich. All jene Erfahrungen, die ich selbst erfahren, erlebt, gesehen habe, sind insofern dramatisch.“

Die Kraft des Praters

Hervorgehoben werden von Stefan jedoch ganz klar die positiven Momente, die er mit dem Prater verbindet. Die beste Erfahrung, die er im Wiener Prater erlebt hat, ist für ihn das Praterfestival 2016. Vermutlich auch deshalb, da es eine schwierige Anlaufphase hatte: „Das Fest wurde vorab sehr kritisch beäugt, und das von allen Seiten.“ Doch es hat sich gelohnt, sich auf seinen Instinkt zu verlassen, wie sich Stefan erinnert: „ Sogar Sonderzüge wurden von den Wiener Linien aufgestellt, weil so viel los war. Ich selbst bin vor Aufregung rotiert. Bin von einer Bühne zur anderen gelaufen – es war eine traumhafte Stimmung. Da habe ich die Kraft des Praters zum ersten Mal richtig gespürt.“

Bildnachweis: mRGB/shutterstock, Salome Lixl

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