Introvertierte im Bewerbungsgespräch: So punkten die stillen Wasser

von in Bewerbung am Montag, 29. August 2016 um 10:37

Zurückhaltend, bescheiden, still. Nicht immer die besten Voraussetzungen, um sich als Bewerber gut zu verkaufen. Was Introvertierte im Bewerbungsprozess oft als Hindernisse wahrnehmen, kann für stille Wasser jedoch auch Chancen bergen. Sylvia Löhken coacht introvertierte Persönlichkeiten und weiß, mit welchen Schwierigkeiten Intros bei Jobsuche und Bewerbungsgespräch kämpfen.

Klappern gehört zum Handwerk?

Sylvia Löhken

Sylvia Löhken

Das Jobinterview beginnt: Bühne frei für den Bewerber! Jetzt ist der Moment gekommen, um Leistungen zu präsentieren und von sich zu überzeugen. Für zurückhaltende Personen ist das mitunter der schlimmste Teil im ganzen Bewerbungsprozess. Die Karriereberaterin Sylvia Löhken hat sich darauf spezialisiert, stille Wasser im Lauf ihrer Karriere zu begleiten. Als introvertierte Persönlichkeit weiß sie selbst gut, warum den sogenannten „Intros“ Jobinterviews oft ein Gräuel sind. Warum bereitet ihnen Selbstmarketing so viel Mühe? Wir haben bei Sylvia Löhken genauer nachgefragt und um Tipps für das Bewerbungsgespräch gebeten.

Was macht Bewerbungen und im speziellen Jobinterviews für Introvertierte so beschwerlich?

Löhken: Da gibt es insgesamt drei Gründe: Erstens, die Angst vor dem Misserfolg, die auch stark empfunden wird. Introvertierte sind im Schnitt vorsichtiger als extrovertierte Personen, sie sind einfach etwas ängstlicher. Ihr Angstzentrum im Gehirn ist aktiver als das der Extrovertierten.  Mittlerweile kann das auch gemessen werden. Bewerbe ich mich trotz dieser Angst, muss ich mich der unsicheren Situation aussetzen und stellen.

Der zweite Grund ist unsere Kultur, die uns immer wieder sagt: Du bist dann toll, wenn du aus einer Torte springst, Zauberkunststücke aufführst und allen erklären kannst, was für ein toller Hecht du bist. Viele Introvertierte denken, sie müssten sich ebenfalls als großen Hauptgewinn verkaufen, um einen Arbeitgeber zu beeindrucken. Dabei fühlen sie sich natürlich nicht wohl, sie wirken bemüht – es ist überhaupt nicht ihr Ding.

Der dritte Grund sind die Glaubenssätze im eigenen Kopf: Ich bin nicht gut genug. Die suchen bestimmt jemand ganz anderen. Intros machen sich über sehr viele Dinge sehr viele Gedanken – und die kommen ihnen dann in die Quere. Ein Extrovertierter denkt vielleicht gar nicht so viel nach und sagt sich: Ach egal, ich versuch das einfach mal. Selbst, wenn die mich nicht nehmen, habe ich es bis zum Interview geschafft, lerne was und kann ein wenig pokern. Dem typischen Intro gehen Gedanken wie diese durch den Kopf: Ich bin mir nicht sicher, in dem einen Bereich habe ich nur ein Praktikum gemacht. Ich bringe gar nicht alle Qualifikationen für den Job mit. Damit sabotieren sie sich ganz leicht selbst.

Wie können sich Introvertierte dann auf ein Bewerbungsgespräch bestmöglich vorbereiten?

Löhken: Was Vorbereitungen betrifft – da sind Introvertierte super. Sie schätzen es nämlich, gut vorbereitet zu sein. Damit können sie auch im Jobinterview punkten. Um noch einmal zurückzukommen zu den Glaubenssätzen: Viele Intros denken jetzt vielleicht, dass das doch nichts Besonderes ist – gut vorbereitet zu sein. Doch, das ist es. Introvertierte machen das auch richtig gut. Sie informieren sich gründlich über den Arbeitgeber, schauen sich die Website an, sprechen vielleicht mit ein paar Leuten, sehen sich Unternehmensergebnisse an etc. Haben Sie an uns noch Fragen? Für diesen Punkt im Bewerbungsgespräch sind Intros dann super vorbereitet. Sie haben ihre Hausaufgaben gemacht.

Eine schöne Leitfrage für die eigenen Vorbereitungen ist: Welche Probleme kann ich für diesen Arbeitgeber lösen? Es geht geht gar nicht um mich. Das Unternehmen hat Probleme und ich kann zur Lösung vielleicht beitragen. Gelingt mir das, bin ich als Mitarbeiter attraktiv. Es gehört zu den Stärken von Introvertierten, sich unheimlich gut um Sachthemen zu kümmern. Sobald es um die eigene Person geht, werden sie aber unsicher und verlegen. Die Frage ‚Welchen Nutzen kann ich bringen?‘ lenkt den Blick auf das Thema und von mir als Person weg.

Power Posing

Die andere Seite der Vorbereitung ist keine strategische sondern, eine körperliche. Es gibt zum Thema Körpersprache einen sehr beliebten TED-Talk von Amy Cuddy, den ich introvertierten Personen sehr ans Herz legen kann. Cuddy hat festgestellt, dass wir uns durch die Einnahme von Machtposen auch innerlich stärker fühlen. Dieses Power-Posing kann z.B. kurz vor dem Gespräch beim Frisch machen im Waschraum durchgeführt werden. Diese Machtposen machen etwas mit uns, im Gespräch danach tritt man ganz anders auf. Das hat schon vielen Intros geholfen.

Die zweite Körpersache ist die Kleidung. Introvertierte sollten sich ganz genau überlegen, was sie im Bewerbungsgespräch tragen. Nicht nur, um dem Protokoll zu genügen – Kleidung kann auch Schutz bieten: Ich sollte mich in ihr wohlfühlen, genug Bewegungsfreiheit haben, nicht eingeengt sein. Zum Jobinterview deshalb unbedingt Kleidung tragen, deren Material man mag und in der man sich hundertprozentig wohl fühlt. Da kann ein Outfit noch so schick sein, wenn ich mich darin nicht wohl fühle, strahle ich das nach innen und außen auch aus.

Welche Stärken bringen Intros mit – und sind sie sich dessen ausreichend bewusst?

Löhken: Introvertierte Menschen bringen ganz eigene Stärken mit, natürlich immer in unterschiedlicher Ausprägung. Sie selbst sind sich dessen oft gar nicht mehr bewusst und denken, das sei nichts Besonderes: Intros kratzen nicht nur an der Oberfläche, sondern haben das Zeug dazu „dicke Bretter zu bohren“, sie sind vertrauenswürdig und vorsichtig – das wissen Arbeitgeber auch zu schätzen. Außerdem können sie sich oft überdurchschnittlich gut konzentrieren und lange an einer Sache dranbleiben – auch dann, wo andere längst das Handtuch werfen weil die schnelle Belohnung ausbleibt. Diese „Sturheit“ ist eine große Stärke, weil sich der Erfolg manchmal erst nach einigen Frusterlebnissen einstellt. Sie haben die Fähigkeit, sich in andere Personen hineinzuversetzen und sind gute Zuhörer. Introvertierte können sich schriftlich oft sehr gut ausdrücken, denken strukturiert und klar.

„Introvertierte brauchen wenig Applaus von außen, das macht sie frei.“

Ein großer Pluspunkt ist auch ihre Unabhängigkeit von der Außenwelt. Im Gegensatz zu Extrovertierten benötigen sie nicht viel Aufmerksamkeit oder Feedback von außen. Sie schätzen die Ruhe und Stille. Von der Billigung anderer sind sie wenig abhängig. Viele Intros führen ihr Leben gegenteilig zu dem, was landläufig als erfolgreich und gut angesehen wird. Sie machen einfach ihr Ding, weil sie den Applaus von außen weniger brauchen. Diese Unabhängigkeit macht Intros frei, Dinge zu tun, die andere vielleicht nicht wagen würden.

„Die extrem introvertierte Marie Curie ist ein tolles Beispiel, das Mut macht.“

Spannend ist ein Blick in die Geschichte, wo sich das bei Frauen sehr gut erkennen lässt. Sie waren besonders lange Zeit einem strengen Regelkorsett unterworfen. Viele leise Frauen haben in Ruhe ihr Ding durchgezogen und sich nicht beeirren lassen. Marie Curie ist ein schönes Beispiel: Als Hauslehrerin hat sie Geld verdient, um als alleinstehende Frau nach Paris zu gehen, zu studieren und eine Laufbahn als Wissenschaftlerin zu starten. Für die damalige Zeit war das völlig unüblich. Große Beharrlichkeit, starke Unabhängigkeit – die extrem introvertierte Marie Curie ist ein tolles Beispiel das Mut macht, den eigenen Weg zu gehen.

Bewerbungsgespräch für Introvertierte

Trotz der eigenen Zurückhaltung die eigenen Stärken und Erfolge im Gespräch verkaufen – wie machen Intros das?

Löhken: Die Schwierigkeiten für Introvertierte liegen oft darin, das, was sie gut können, auch nach außen zu bringen. Ich bin doch kein Verkäufer! Ich bin gut, aber mir ist es sehr unangenehm darüber zu sprechen, dass ich mich super konzentrieren kann. Abhilfe schafft die STAR-Methode: Mit ihrer Hilfe verpackt man seine Stärken in Geschichten. Das kann super vorbereitet werden und muss im Jobinterview nur noch erzählt werden. Das erspart es, Introvertierten zu sagen: Ich bin in diesem oder jenem Bereich echt top! Die Geschichte zeigt dem Arbeitgeber, mit welchen Fähigkeiten sie Probleme lösen, Resultate schaffen und dabei nicht jammern. Damit sind Intros wieder bei der Sache und nicht ihrer Person.

Ist es ratsam, im Jobinterview seine Introvertiertheit offen anzusprechen?

Löhken: Es gibt die typische Schwächen-Frage, die in Jobinterviews immer wieder mal gestellt wird. Grundsatz lautet hier: Niemals negativ über sich selbst sprechen. Die Frage nach den eigenen Schwächen können Intros beantworten, indem sie nicht nur die – scheinbare – Schwäche nennen, sondern auch, wie sie damit umgehen. Ich empfehle, immer konkrete Beispiele zu nennen. Wer Ruhe und Zurückgezogenheit benötigt, könnte sagen: Für komplexe Arbeiten hätte ich gerne die zwei Stunden Ruhe in einem Besprechungsraum, wenn ich mir sonst ein Büro mit Kollegen teilen muss – dafür liefere ich so aber richtig schnell gute Arbeit. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, vor Publikum zu sprechen. Eine Klientin hat deshalb einen Speakers-Klub besucht und sich so der Situation gestellt. Was sie damit sagt, ist: Ich habe vielleicht eine introvertierte Eigenschaft, die als Schwäche ausgelegt werden kann, aber ich arbeite daran oder habe das Problem sogar schon gelöst.

Haben sie abschließend auch noch einen Ratschlag für Arbeitgeber und Personalmanager?

Löhken: Viele Personaler, die introvertierten Persönlichkeiten gegenübersitzen, möchten die Stille mit möglichst viel eigenem Reden ausgleichen. Intros profitieren aber davon, wenn sie Luft und Raum zum Nachdenken bekommen. Es ist eine große Herausforderung, den Mut zu haben und nichts zu sagen, um zu sehen, ob noch etwas kommt. Es strengt Intros außerdem an, vielen Situationen gleichzeitig ausgesetzt zu sein. Das hat mit ihrem Stimulationslimit zu tun. Für das Gespräch sollte man ihnen deshalb Ruhe und Sicherheit bieten.

Bildnachweis: Borysevych.com/Shutterstock; Löhken; pathdoc/Shutterstock; mpaniti/Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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