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Sorgenkind Tourismusbranche

Sorgenkind Tourismusbranche: Woran es wirklich mangelt

Arbeitsmarkt Erstellt am: 23. Februar 2022 5 Min.

Der Frust ist groß im heimischen Tourismus – es fehlt vorne und hinten an Fach- und Hilfskräften, besonders Köch*innen sind rar. Von einem Überfluss an „Arbeitsunwilligen“ ist da unter anderem die Rede. Aber wo liegt der Hund in der Tourismusbranche wirklich begraben?

Die Sache mit der Schuldzuschreibung

Wirt*innensprecher Mario Pulker scheint wenig einsichtig. Bei 400.000 registrierten Jobsuchenden beim AMS „kann es ja nicht sein, dass die Allgemeinheit die Arbeitsunwilligkeit bezahlt“, so im Standard vom Mai 2021 nachzulesen. Der ÖVP-Wirtschaftsbund drängt auf ein degressives Arbeitslosengeld sowie eine zeitliche Begrenzung der Notstandshilfe. Für 2022 hat Arbeitsminister Martin Kocher geplant, das Kontingent der Saisonarbeiter*innen um 60 Prozent auf etwa 2.200 Arbeitsplätze zu erhöhen. Darüber hinaus soll es möglich sein, um bis zu 50 Prozent zu überziehen. Die Arbeitnehmer*innen würden aktiv aus Drittstaaten außerhalb der EU bezogen.

Die Gewerkschaft vida, die im österreichischen Gewerkschaftsbund auch auf die Gastronomie und das Hotelgewerbe spezialisiert ist, steht diesen Plänen in ihrer Presseaussendung klar ablehnend gegenüber. 36.000 Menschen waren im Winter 2021 der Tourismusbranche zugeordnet und auf Jobsuche – solange dieses Volumen am Arbeitsmarkt vorhanden sei, brauche es keine zusätzlichen Saisonarbeiter*innen aus dem Ausland. vida-Gewerkschafter Berend Tusch ist der Meinung: „Der vielbejammerte Fachkräftemangel existiert nicht. Wir haben vielmehr einen Ausbildungs- und Bezahlmangel in der Branche. Wenn nicht ausgebildet und fair bezahlt wird, kann es auch keine Mitarbeiter*innen geben.“

In einem Interview mit dem Arbeit & Wirtschaft Magazin erzählt Anna Daimler, die Generalsekretärin von vida: „Mit McDonald’s haben wir einen eigenen Kollektivvertrag, der tatsächlich besser ist als der Kollektivvertrag für die restliche Gastronomie.“

Ausländische Arbeitskräfte haben weniger Rechte

Johannes Peyrl von der Arbeitkammer Wien kritisiert gegenüber dem Arbeit & Wirtschaft Magazin das Konzept der Saisonarbeit in der Tourismusbranche ganz allgemein. Saisonarbeitskräfte aus Drittstaaten benötigen sowohl ein Visum als auch eine Arbeitsbewilligung. Letztere erlischt mit Ende der Beschäftigung und zwingt den*die Arbeitnehmer*in, Österreich wieder zu verlassen – das bringt für die Beschäftigten eine erhebliche Beschäftigungsunsicherheit mit sich. Und damit nicht genug: Arbeitskräfte aus Drittstaaten befinden sich in einem Zustand der Rechtlosigkeit und können keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder andere Sozialleistungen erheben. Es handelt sich hierbei also um äußerst prekäre Arbeitsbedingungen.

Die Tourismus- und Gastro-Branche macht sich hierbei der Lohnunterschiede innerhalb der EU zunutze. Dort herrscht ein teilweise viel niedrigeres Einkommensniveau als in Österreich, was wiederum hierzulande die Löhne drückt.

Arbeitsbedingungen stark verbesserungswürdig

Die Strategie des Arbeitsministers müsste eigentlich Kopfschütteln hervorrufen. Wenn auf 20.000 offene Posten (Stand Oktober 2021) 36.000 arbeitslose Menschen kommen, dann dürfte es doch eigentlich kein Problem sein, den Bedarf an Fachkräften mit inländischen Arbeitnehmer*innen zu decken.

Doch jede*r, der*die schon mal in der Tourismusbranche gearbeitet hat, weiß: Die Arbeitszeiten sind grenzwertig und das Gehalt in der Regel schlecht. Große Mengen an Überstunden zu schieben ist Usus – von einer ausgewogenen Work-Life-Balance können Arbeitnehmer*innen in diesen Branchen höchstens träumen. Ein Familienleben ist mit einem solchen Alltag nur schwer zu vereinbaren.

Die beliebten Sommer- und Wintersportorte befinden sich zudem oft in abgelegenen Gebieten, wo die Infrastruktur eher dürftig ausgeprägt ist. Das macht es schwer, an den freien Tagen Abstand zu gewinnen und rauszukommen. Wer sich mit den Kolleg*innen nicht versteht, läuft Gefahr, in die soziale Isolation abgedrängt zu werden. Dazu gesellen sich branchentypische Krankheiten: Bandscheibenvorfälle, Sehnenscheidenentzündungen sowie Rückenprobleme kommen besonders häufig vor. Aber auch Stress, Überlastungsgefühle sowie Depressionen gehören dazu. Manche greifen auch vermehrt zur Flasche und werden im schlimmsten Fall alkoholabhängig.

Personal ist schwierig zu finden

Hohe Abhängigkeit von Trinkgeldern

Das Online-Magazin Kontrast hat im Februar 2020 eine Köchin aus Arlberg in Tirol interviewt. Für eine Sechs-Tage-Woche und 12-Stunden-Dienste bekam diese gerade einmal € 1.750,– netto ausbezahlt. Ohne Trinkgeld und Überstunden wäre es sich finanziell für sie nicht ausgegangen. Ein Blick in unseren neuen karriere.at Arbeitsmarktreport zeigt: Niedrige Löhne sind in der Gastronomie und im Tourismus Usus. Auf karriere.at geschaltete Stelleninserate, die diesen Bereichen zuzuordnen sind, waren im Durchschnitt mit einem Bruttogehalt von € 1916,31 ausgeschrieben. Auffallend ist außerdem, dass sowohl die Gastronomie als auch die Tourismusbranche zu jenen Bereichen zählen, in denen am seltensten Gehaltsangaben im Stelleninserat gemacht werden – im Schnitt zwischen 67 bis 68 Prozent. Und das, obwohl die Gehaltsangabe gesetzlich verpflichtend ist.

Unverhältnismäßige Arbeitszeiten

Als unter Schwarz-Blau der 12-Stunden-Tag eingeführt wurde, passierte das Gegenteil der eigentlichen Absicht: Anstatt weniger unbezahlten Stunden kamen noch mehr Überstunden zustande, weil es an Personal fehlte. Die angehäuften Überstunden wurden mit einer läppischen Überstunden-Pauschale abgegolten.

In einem Falstaff Interview spricht Berend Tusch von vida von problematischen Rahmenbedingungen und Strukturproblemen in der Tourismusbranche. 40- bis 48-Stunden-Wochen sind nicht gerade verlockend, schon gar nicht, wenn man vom Lohn kaum leben kann. Teildienste, Zwölf-Stunden-Schichten oder Arbeit auf Abruf sind weitere Stressfaktoren. Tusch plädiert für gerechte Löhne, Arbeitsplatzgarantien sowie ein klares Bekenntnis an Beschäftigte durch Betriebe. Den Arbeitnehmer*innen den schwarzen Peter zuzuschieben, weil sie in andere Branchen abwandern oder häufig den*die Arbeitgeber*in wechselt, hält Tusch für unangebracht. „Bevor wir über Verschärfungen bei AMS-Vermittlungen reden, müssen wir über die Verbesserung der Arbeitsbedingungen reden“, so Tusch.

Fachkräftemangel ≠ Fachkräftemangel

Nur weil sich Arbeitsplätze nicht besetzen lassen, heißt das noch lange nicht, dass auch tatsächlich ein Mangel besteht. Das Phänomen Fachkräftemangel ist viel komplexer, als dass man ihn an den offenen Stellen und Jobsuchenden alleine messen könnte. Wir empfehlen daher die Lektüre unseres E-Books zum Thema Fachkräftemangel. Dort erfahren Sie alles über die Definition dieses Phänomens, welche Branchen und Berufe besonders betroffen sind, welche Auswirkungen er hat und was konkret dagegen unternommen werden kann.

Der karriere.at Arbeitsmarktreport

Der zweite karriere.at Arbeitsmarktreport gibt Aufschluss über folgende Fragen:

  • Wie entwickelt sich der Fachkräftebedarf in einzelnen Tätigkeitsfeldern und Berufen?
  • Wie steht es um den Bereich Gesundheit und Soziales nach zwei Jahren Corona?
  • Wie hoch ist der Anteil der Teilzeitjobs am österreichischen Arbeitsmarkt und was heißt das?
  • Mit welchem Gehalt versuchen Unternehmen Mitarbeiter*innen zu überzeugen?

B schedlberger

Bianca Schedlberger
Content Managerin
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