Erstellt am 2. Juni 2021 · Arbeitsleben, Arbeitsmarkt · von

Prekarisierung: Verdienst an der Grenze zur Existenzsicherung

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Working poor, „Generation Praktikum“, ein Dasein als Multijobber … Diese Phänomene haben sich mit dem Wandel der Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten herauskristallisiert. Zugunsten von Flexibilisierung ist der Anteil an „atypisch“ beschäftigten Erwerbstätigen rasant gestiegen. Was Prekarisierung ist und inwiefern sie Menschen in existenzielle Bedrängnis bringt, lest ihr hier.

2019 befanden sich 39 Prozent der Österreicher*innen in einem atypischen Arbeitsverhältnis, so das KOMPETENZ Magazin.  Im europaweiten Vergleich liegen wir mit diesem Prozentsatz über dem Schnitt. Über ein Drittel (35 Prozent) der europäischen Arbeitnehmer*innen haben einen Job, der ihnen weder Schutz, Sicherheit noch Mindestgehälter bietet. Die wenigsten von ihnen genießen Rechte. Bis ins Prekariat ist es von der atypischen Beschäftigung oft nur noch ein kleiner Schritt.

Was bedeutet Prekarisierung überhaupt?

Der Begriff der Prekarisierung kommt aus der Arbeitsforschung und wurde vom französischen Soziologen Robert Castel im Jahre 1995 eingeführt. Damit werden Beschäftigungsverhältnisse bezeichnet, die kein existenzsicherndes Einkommen garantieren und hinsichtlich Entlohnung, Schutzrechte, Arbeitszeitmodell und Arbeitsvertrag von etablierten Sozial- und Sicherungsstandards abweichen. Ergo ein atypisches Beschäftigungsverhältnis. Dazu zählen Arbeitnehmer, die

Normarbeitsbeziehungen – also gesicherte Beschäftigungsverhältnisse – haben Erwerbstätigen in den vergangenen Jahrzehnten den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg ermöglicht. Die Gewissheit um ein regelmäßiges Einkommen schuf ideale Rahmenbedingungen, um Vermögen anzuhäufen und Pläne für die Zukunft zu schmieden.

Allerdings ist Planbarkeit in einer auf Flexibilisierung ausgerichteten Arbeitswelt, wie wir sie heute erleben, nur noch in den seltensten Fällen gegeben. Oft herrscht Ungewissheit darüber, wie lange man beim jeweiligen Unternehmen überhaupt beschäftigt ist. Der stete Wandel durch Digitalisierung macht regelmäßige Weiterbildung erforderlich, manche Jobs werden in den nächsten zehn Jahren sogar gänzlich verschwinden. Jobs dieser Art werden zudem unterdurchschnittlich bezahlt. Das ist nicht nur im Alltag ein Problem, da insbesondere die Preise für Mieten jährlich spürbar in die Höhe gehen, sondern auch für die Zukunft. Menschen, die den Großteil ihres Lebens in atypischen Verhältnissen verbringen, sehen sich später mit Altersarmut konfrontiert.

Prekarisierung ist in zweierlei Formen sichtbar. Zum einen in der Umwandlung von gesicherten Arbeitsverhältnissen in ungesicherte, beispielsweise durch die Verlagerung von Standardtätigkeiten auf Leih- oder Zeitarbeit. Die zweite Form kann als eine freiwillige Flexibilisierung betrachtet werden. Davon sind unter anderem Berufseinsteiger*innen und Freelancer*innen betroffen, die einerseits den Freiheitsgewinn bejahen, einen gesicherten Job aber dennoch vorziehen, wenn sie denn eine geeignete Stelle finden würden.

Auch innovative, neuartige Dienstleistungen, die sich bis dato noch nicht in Normarbeitsverhältnissen standardisieren konnten, fallen in die Kategorie der prekarisierten Beschäftigungsformen.

Wer ist von Prekarisierung am stärksten gefährdet?

Menschen mit Migrationshintergrund und Frauen arbeiten besonders häufig unter prekären Umständen. Im Bereich der sogenannten Scheinselbstständigkeit sind es jedoch überwiegend Männer. Interessant hierbei: Menschen im Niedriglohnsektor, die ihr Überleben gerade noch über verschiedene Ein-Euro-Jobs sichern können, sind ebenso betroffen wie Hochqualifizierte, die sich in ihrer ungeregelten Freiberuflichkeit von einem befristeten Vertrag zum nächsten hanteln müssen.

Eine weitere Gruppe, die von dieser speziellen Situation betroffen ist, sind akademische Berufseinsteiger*innen, heute gerne „Generation Praktikum“ genannt. Dienten Praktika einst dazu, frischgebackenen Hochschulabsolventen*innen einen Einblick ins Berufsleben zu ermöglichen, werden sie heutzutage von manchen Arbeitgeber*innen als Deckmantel missbraucht, um junge, unerfahrene Menschen als billige Arbeitskräfte auszunutzen. Als „Belohnung“ gibts die vage Aussicht auf eine Festanstellung, sofern „es passt“. Meistens passts nicht, unabhängig davon, wie gut man sich während der Bewährungsphase geschlagen hat. Insbesondere die Medienbranche krankt an diesen Zuständen.

Prekäre Arbeitsverhältnisse beschränken sich bei ausgebildeten Akademiker*innen allerdings nicht nur auf Berufsneulinge. Projektarbeit oder Zeitverträge konnten sich bereits in vielen Branchen etablieren und schließen damit viele Erwerbstätige von den Sicherheiten einer fixen Anstellung aus. Im Kampf um das nächste Projekt, den nächsten Vertrag, macht im Zeichen des Preisdumpings meist der*die billigste Anbieter*in das Rennen.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse: Schwierigkeiten und Chancen

Ein prekäres Arbeitsverhältnis darf jedoch nicht automatisch mit schlechtbezahlter Arbeit gleichgesetzt werden. In der Medienwirtschaft oder im IT-Sektor gibt es beispielsweise einige Tätigkeiten, die zwar sehr gut bezahlt, aber unter prekären Umständen geleistet werden. Stimmt am Ende des Monats der Betrag am Konto, wird das Gefühl der Unsicherheit eher toleriert.

Die Existenzen von Freelancer*innen oder abhängigen Selbstständigen sind primär von der Auftragslage abhängig. Läuft das Business wie geschmiert, gibt es also ein (mitunter sehr) gutes Auskommen. Können keine neuen Projekte gewonnen werden, wirds ungemütlich, sofern kein monetärer Polster vorhanden ist. Es sind Fragen wie „Gibt es einen Folgeauftrag? Wird mein Vertrag verlängert? Reicht das Geld diesen Monat? Was erwartet mich, wenn ich alt oder krank bin?“, mit denen man sich in solchen Beschäftigungsformen herumschlagen muss.

Menschen, die nur in Teilzeit oder geringfügig arbeiten (können), haben es finanziell schwerer als solche, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen. In manchen Fällen müssen sogar ein zweiter oder sogar dritter Nebenverdienst her, um die eigene Existenz abzusichern. Sind Kinder involviert (und ist man alleinerziehend) kanns am Ende des Monats finanziell besonders eng werden. Von der psychischen Belastung unter solchen Lebensumständen ganz zu schweigen.

Freiheit als wichtigstes Gut für Hochqualifizierte

Ein prekäres Arbeitsverhältnis ist aber auch mit gewissen Vorteilen verbunden. Hochqualifizierte und Kreative schätzen die Möglichkeit, arbeiten zu können, wo und wann immer sie möchten – ganz ohne hierarchische Zwänge. Das Büro wird zu Hause eingerichtet, oder man macht es sich in einem Café oder Coworking Space gemütlich. Die Unsicherheit wird sozusagen durch den Freiheitsgewinn kompensiert. Dieses notwendige Selbstbewusstsein basiert neben dem Vertrauen in die eigenen Qualifikationen auch auf sozialen und finanziellen Ressourcen, mit denen längere Phasen der Beschäftigungsunsicherheit überbrückt werden können.

„Lieber prekär als frustriert“, scheint das Credo zu lauten. Die Einbindung in starre Unternehmensstrukturen ist für junge, qualifizierte Menschen wohl eine schlimmere Vorstellung, als nicht auf den Cent genau zu wissen, wie viel Geld man am Ende des Jahres verdient hat. Ob atypische Beschäftigungsformen für die betroffenen Personen letztlich befriedigend sind, ist von einer Reihe an Faktoren abhängig. So gelten sie erst dann als prekär, wenn das Gehalt nicht mehr für den Lebensunterhalt ausreicht. Ob mit der Unsicherheit als Status quo umgegangen werden kann, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Manche brauchen das Gefühl, ungebunden zu sein und an dem zu arbeiten, wonach ihnen der Sinn steht. Andere hingegen bekommen schon allein beim Gedanken daran, den nächsten Monat nicht detailliert planen zu können, einen flauen Magen.

Wie lässt sich Prekarisierung eindämmen?

Um Prekarisierung und der damit einhergehenden Problematiken Herr zu werden, muss die Organisation vermeintlich nicht organisierbarer Gruppen gefördert werden. An dieser Stelle können Gewerkschaften ansetzen, um prekär Beschäftigten dabei zu helfen, kollektive Handlungsstrategien zu formulieren. Ein geeigneter Anlass andere, sich selbst als prekarisiert verstehende Menschen, kennenzulernen, ist der jährlich weltweit stattfindende EuroMayDay. Dabei handelt es sich um eine alternative Veranstaltung zum gewerkschaftlich geprägten Tag der Arbeit am 1. Mai, bei der kollektive Wünsche und Herausforderungen artikuliert werden.

Als Freelancer*in ist es wichtig, möglichst schnell einen verlässlichen Kundenstamm aufzubauen, sodass es zu keinen längeren Auftragsdurststrecken kommt. Da dass aber nicht immer möglich ist – viele Auftraggeber vergeben nur einzelne Projekte –, können Freelancer-Portale dabei helfen, neue Aufträge zu lukrieren. Hier heißt es aber: Finger weg von Plattformen, auf denen du auf Basis von läppischen Cent-Beträgen arbeiten musst!

Bianca Schedlberger

Biancas Traumjob seit Kindertagen? Schriftstellerin, ganz klar. Bis ihr erster Roman beim Buchhändler deines Vertrauens aufliegt, schreibt sie für karriere.at unter anderem auch Blogbeiträge.