2. August 2018 · Arbeitsleben · von

Dauernd gestresst? Es liegt nicht unbedingt am Job

Unter Strom stehen. Dampf ablassen. Auf 180 sein. Wie sich Stress und Überlastung anfühlen, findet sich auch in unserer Sprache wieder. Wer von Stress im Berufsleben spricht, nennt den Job schnell als Ursache Nummer eins. Ganz so einfach ist es aber nicht, denn es gibt noch viel mehr Faktoren, die zu Überlastung führen können. Wie du deine Stressoren identifizierst, weiß Psychologin Christa Schirl.

Die Lösung der Evolution: Weglaufen oder zuschlagen?

Wer verstehen möchte, wie Stress entsteht und warum uns die von der Evolution vorgesehene Lösung im Arbeitsleben keine große Hilfe ist, muss einen kurzen Exkurs in die Biologie wagen: Was unsere „hormonelle Ausstattung“ betrifft, ticken wir nicht viel anders als der Steinzeitmensch. Bei Stress – also Furcht, Ärger, Angst – werden zwei Hormone ausgeschüttet: Noradrenalin und Adrenalin. Das macht uns fokussiert, mobilisiert die notwendigen Kräfte für Notsituationen und die passende Reaktion: Weglaufen und in Sicherheit bringen oder Angriff. Leide ich unter Dauerstress, kommt noch Cortisol dazu. Das putscht den Körper noch einmal zusätzlich auf, um das Überleben zu sichern. Dieser hohe Hormonspiegel muss aber auch wieder gesenkt werden.

Christa Schirl

Christa Schirl

„Früher war der Abbau von Stress einfach: Fliehen oder kämpfen, beides benötigt viel Energie. Heute schütten wir bei Stress immer noch Hormone aus, allerdings können wir aus einer Stresssituation, z.B. einer Besprechung, nicht einfach fliehen oder jemanden schlagen und den Kampf eröffnen. Das bedeutet, dass unser Stresslevel total nach oben schnellt. „Ich fühle mich wie unter Strom“, sagen gestresste Menschen manchmal. Manche werden auch fahrig, weil sie gar nicht wissen, wohin mit ihrer Energie. Dann kann es auch vorkommen, dass jemand beginnt, mit Gegenständen um sich zu werfen“, sagt Psychologin Christa Schirl.

Soweit die evolutionäre Sicht auf Stress, ganz so einfach ist es aber nicht, denn: Was den einen stresst, lässt den anderen völlig kalt. Grund dafür ist, dass Überlastung und Stress ganz verschiedene Faktoren zugrunde liegen können. „Oft denkt man, dass die Ursache für Stress immer mit der Struktur oder dem Job an sich zu tun hat. Klar, arbeitsbezogene Faktoren gibt es auch – aber die machen nur einen Teil aus“, sagt Schirl und erklärt, welche unterschiedlichen Faktoren bei Stress zum Tragen kommen:

Gesellschaftspolitische Faktoren

  • „Busy is the new Black“
    Es war einmal sehr modern, gestresst zu sein. Stress war ein Modewort, um zu signalisieren, dass man gebraucht wird und gefragt ist. Zum Glück verändert sich das langsam wieder ins Gegenteil.
  • Multitasking
    Gefragt ist, wer viele verschiedene Dinge gleichzeitig „schupft“ – z.B. Autofahren und gleichzeitig noch die Telefonate erledigen.
  • Fortschritt der Technik
    Unübersichtlich und unkontrollierbar erscheint der technische Fortschritt manchmal. Vor allem ältere Generationen haben Schwierigkeiten, mit den Entwicklungen mitzuhalten: Neue Geräte, neue Updates – nicht immer besteht dabei Wahlmöglichkeit, nur schwer kann jemand sagen: Da mache ich nicht mehr mit.
  • Vorzeigefrauen und -männer
    Das Abziehbild eines erfolgreichen Karrieremannes oder einer Karrierefrau, die trotz ihrer Berufslaufbahn noch gut gelaunt ausreichend Zeit finden für Familie, Reisen in exotische Länder und ihre Hobbys. Perfekte Supermenschen, die uns in der Werbung oder auf Social Media-Kanälen laufend begegnen, setzen unter Druck: Da musst du mithalten können!

Persönliche Faktoren

  • Hang zum Übertreiben
    Drama-Queens erzeugen Stress: Hat man jemanden im Team, der aus einer Mücke gerne einen Elefanten macht – die klassischen Übertreiber – begünstigt das sicher auch Erschöpfungszustände und kann stressen.
  • Starker Wunsch nach Kontrolle
    Menschen, die vieles unter Kontrolle haben möchten – das kann auch sehr stressen. Nicht immer kann man beeinflussen, wie sich die Dinge entwickeln. Hoher Perfektionsdrang, schlechte Fehlerkultur und der Anspruch, vieles richtig zu machen. Nicht eine „gute“ Präsentation, sondern eine über-perfekte.
  • Angst vor Veränderung
    Veränderungen können ebenfalls stark stressauslösend sein. Allerdings muss das immer abhängig von der Situation betrachtet werden: Ändert sich in einer Organisation ständig die Struktur, löst das natürlich Stress aus – und jeder Mensch benötigt eine gewisse Form von Routine.
  • Stellenwert der Arbeit
    Welche Rolle spielt der Job im Leben? Wieviel Wert lege ich auf Anerkennung im Berufsleben? Was projiziere ich in Arbeit hinein? Ist man vielleicht sogar „mit der Arbeit verheiratet“? Wer es allen Recht machen möchte, immer gerne Arbeit annimmt – auch wenn sie gar nicht im eigenen Bereich liegt – der macht sich selbst das Leben schwer.

Arbeitsbezogene Faktoren

  • Technik
    Die Technik ist nicht nur ein gesellschaftspolitischer Faktor, sondern auch ein arbeitsbezogener: Wer mit veralteter Technik arbeiten muss oder bei Schwierigkeiten keine Hilfestellung vorfindet, der weiß, wieviel Stress und Unmut das auslösen kann.
  • Struktur der Organisation
    Auch darauf hat ein Mitarbeiter wenig bis keinen Einfluss: Fehlende Jobbeschreibungen, strenge Hierarchien, fehlendes Feedback, ungeklärte Zuständigkeiten, wenig Mitspracherecht oder keine Möglichkeit, sich die Arbeit selbst einzuteilen.
  • Der Job an sich
    Stressauslösend kann natürlich auch der Job an sich sein: Jemand, der z.B. im Support arbeitet und überwiegend Beschwerden bearbeitet, viel Kundenkontakt hat oder in einem fordernden Sozialberuf arbeitet, ist am Arbeitsplatz anders gefordert als jemand, der eigenständig und weitestgehend unabhängig von äußeren Einflüssen arbeitet. „Je schwieriger die Problemlagen der Menschen, mit denen man zu tun hat, umso höher ist die Burnout-Rate. Deshalb kann man manche Jobs auch nicht ewig machen“, erklärt Schirl.

Stress ist also nicht gleich Stress und die Ursache für Überforderung liegt nicht immer im Job bzw. dem Umfang der Arbeit begründet. „Liegt eine Überlastung vor, ist es daher notwendig, die Ursachen dafür genau zu erforschen und dort anzusetzen. Oft ist es auch so, dass verschiedene Dinge zusammenkommen“, rät die Psychologin.

Im Idealfall lässt man Stresssituationen gar nicht erst aufkommen und falls es doch zur Überlastung kommt: Tu etwas, um Dampf abzulassen und die Energie langsam wieder loszuwerden, z.B. körperliche Bewegung, die dich nicht zusätzlich aufputscht.

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Martina Kettner

Martina Kettner hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at hat sie lange über Karrierethemen gebloggt, jetzt führt sie ihre eigene Karriere in den USA weiter.

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