27. Februar 2017 · Arbeitsleben · von

Sinn im Job? Weshalb den jeder Mensch selbst definieren muss

Hand aufs Herz: Wer kennt sie nicht? Die Sinnkrisen im Leben oder Job? Die Tage, an denen man sich nach dem Sinn im eigenen Job fragt und ob man überhaupt noch richtig in seinem Beruf ist? Wie man eine Unzufriedenheit im Job richtig deutet und was zu tun ist, weiß Psychologin Christa Schirl.

„Weißt du, eigentlich wollte ich immer Chemie studieren. Vielleicht mache ich das jetzt auch.“ Diese Aussage einer Freundin hat mich nachdenklich gemacht. Denn irgendwie habe ich das Gefühl, dass immer mehr Menschen in meinem Umfeld mit ihrem Job unzufrieden sind und besonders in beruflicher Hinsicht ihren Lebenskurs um teilweise 180 Grad wenden wollen. Auch die Aussage: „Ich will etwas Sinnhaftes machen“ ist  dabei keine seltene. Doch woher kommt dieses Phänomen und gibt es eines, oder ist es nur subjektives Empfinden?

Das Leben ändert sich und so auch die Werte

„Es ist bei manchen Menschen völlig normal, dass sie sich immer wieder neu erfinden. So wie es auf der anderen Seite Traditionalisten gibt, die, seit sie 15 Jahre alt sind, immer denselben Haarschnitt haben“, erklärt die Linzer Psychologin Christa Schirl. Und dann gibt es eben jene Menschen, die das Leben immer wieder hinterfragen und auch verändern wollen, die nie lange an einem Ort bleiben (können). Aber nicht nur der Charakter einer Person entscheidet über die Dauer der Jobzufriedenheit: „Jeder Job ist immer auch mit der aktuellen Lebenssituation verbunden und die kann sich ändern und das tut sie auch meistens.  Für einen 25-Jährigen wird es vermutlich toll sein, als Veranstaltungstechniker jeden Abend unterwegs zu sein. Mit 42 Jahren und als Familienvater ist Nachtarbeit meist nicht mehr stimmig und führt zu Unzufriedenheit – im Leben und somit auch im bzw. mit dem Beruf.“

Was stimmt nicht: Arbeitszeit, Chef oder doch der Job?

Suche nach dem Sinn im Job - Christa Schirl

Christa Schirl

Oft sind es also schlichtweg die Rahmenbedingungen, die nicht (mehr) passen und eine ursprünglich sehr sinnhaft empfundene Tätigkeit wird zur Last. Deshalb macht es Sinn, so Schirl, sich immer wieder selbst zu fragen, wo im Leben man gerade steht und ob die berufliche Situation noch stimmig ist. Man müsse genau schauen, was nicht mehr passt: Ist es die Arbeitszeit, das Büro, sind es die Kollegen, der Chef oder doch die aktuelle Tätigkeit? Oft reicht eine kleine Veränderung, rät Schirl, in Gesprächen mit Freunden, der Familie oder auch mit professionellen Beratern die eigene Situation zu analysieren, bevor man große Entscheidungen trifft. Denn: „Man muss nicht immer gleich das ganze Haus verkaufen.“

Und die Sache mit dem Sinn?

„Zuerst einmal muss jeder Mensch Sinn für sich definieren. Ich bezeichne ihn als die beste im Hier und Jetzt zu erfüllende Aufgabe. Man muss sich selbst fragen: Was ist für mich momentan die wertvollste Möglichkeit?“, so Schirl.  Den Sinn muss, so die Psychologin, jeder Mensch für sich selbst definieren und sich dabei an die Möglichkeiten richten, die ihm aktuell zur Verfügung stehen. „Für den einen wird es die sinnvollste Sache im Leben sein, Straßenkinder in Kolumbien zu betreuen. Aber wenn ich das nicht bin, wenn das nicht mein Sinn ist, wird mich auch das nicht glücklich machen. Es geht um die Einzigartigkeit und Einmaligkeit der Person, Sinn ist nichts allgemein Gültiges“, so Schirl.

Was ist mir wichtig und wie kann ich das Beste für mich herausholen?

Wenn sich jemand etwa für ein Kind entschieden hat, wird die Weltreise momentan nicht drin oder zumindest ein Wertekonflikt sein. Und wer beim Weltcup mitfahren will, muss trainieren. Und, um beim Veranstaltungstechniker zu bleiben: Wer diesen Job wählt, wird meist darauf verzichten müssen, seinen Kindern abends vorzulesen. Dafür gibt es andere Vorteile, die ein 9 to 5-Job nicht bieten kann. Die entscheidende Frage lautet also: Was sind meine Werte, was ist mir wichtig und wie kann ich nach meinen Möglichkeiten das Beste für mich herausholen? Ist dies stimmig, wird die Sinnfrage bei einem Job, der großteils Spaß macht, wohl nicht gestellt.

Sinn im Job? Arbeit ist kein Ponyhof

Geben wir also zu schnell auf? Teilweise ja, meint Schirl. „Frust ist eine Kompetenz, die jeder Mensch im Arbeitsleben braucht. Die Arbeit ist kein Ponyhof aber wenn man einen Sinn für sich darin sieht, dann kann man auch Kurven umschiffen und Hindernisse meistern.“ Bei der Antwort auf die Frage, ob der eigene Job noch zu einem passt, hilft manchmal der Vergleich. „Wenn man sich einmal wo anders bewirbt und in einem realen Bewerbungsgespräch die anderen Seiten kennenlernt, das Plus und das Minus sieht, hilft das oft weiter. Man kann so recht gut erkennen, ob der aktuelle Job vielleicht doch gut passt oder man sich wirklich verändern sollte.“

Bildnachweis: Shutterstock/racorn, Schirl

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit 2012 für karriere.at Am liebsten taucht sie durch Interviews in neue (Arbeits-)Welten ein. Als Jungmama liegen ihr die Vereinbarkeit von Familie und Job besonders am Herzen.

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