Erstellt am 8. Juni 2021 · Arbeitsleben, HR · von

Zukunftsfähig bleiben: Warum die Haltung entscheidet

Lesezeit: 5 Minuten

Mit welcher Haltung gehen wir durchs Arbeitsleben? Wie führen wir unsere Unternehmen und wie bleiben wir dabei möglichst zukunftsfähig? Darüber spricht Martin Permantier in seiner Keynote bei der Freiräume (Un)Conference. Mehr darüber erfährst du in diesem Artikel:

Martin Permantier kennen New-Work-Interessierte vermutlich als Autor von „Haltung entscheidet –Führung und Unternehmenskultur zukunftsfähig gestalten“. Im Vorfeld seiner Keynote bei den Freiräumen wollten wir von ihm wissen, warum Haltung momentan so wichtig ist und welche wir einnehmen sollten.

Die Freiräume (Un)Conference findet von 28. bis 29. Juni virtuell statt.

Haltung entscheidet in der Unternehmenskultur

Martin, stell dich doch kurz vor: Wer bist und warum sprichst du bei den Freiräumen?

martin permantierMartin Permantier: Ich bin Martin Permantier, leite eine Agentur in Berlin namens Short Cuts, mit der wir Unternehmen bei der Gestaltung der Unternehmensidentität begleiten. Dazu befassen wir uns mit den drei Säulen Corporate Design, Corporate Communication und Corporate Culture – alle drei sind gleich wichtig. Unsere beiden Spezialthemen sind dabei Werte und Haltung, Dazu haben wir bereits Modelle entwickelt und Bücher geschrieben, auf denen unsere Beratung basiert.

Die drei Bereiche sind ja kaum voneinander zu trennen. Gerade Culture und Communication sind ja quasi eins.

Martin Permantier: Ja, das sind sie. Aber Culture wurde erst im Zuge des demokratischen Wandels in Unternehmen so richtig beachtet – früher hat man sich da gar nicht drum gekümmert. Jetzt schaut man viel genauer, wie es den Menschen im Unternehmen denn geht und auch das Recruiting hat sich gewandelt: Firmen müssen jetzt zusehen, dass sie attraktiv genug für die Talente sind, die sie in ihren Teams haben möchten. Dadurch ist Unternehmenskultur mittlerweile so wichtig. Maßgeblich geprägt wird sie von unserer Haltung.

Entwicklungspotenzial erkennen

Womit wir beim eigentlichen Thema sind: Deine Keynote trägt denselben Titel wie dein letztes Buch „Haltung entscheidet“. Worum gehts dabei?

Martin Permantier: Ich stelle einmal das Modell der 6 Haltungen vor – als eine Landkarte, mit der man auch sich selbst besser verstehen kann. Das ist für Menschen gedacht, die sich selbst als noch nicht fertiges Wesen begreifen und erkennen, dass es noch Entwicklungspotenzial in einem selbst gibt. Andererseits kann man das auch für Teams benützen, um Prozesse besser zu verstehen und zu erkennen, welche Dynamiken da ablaufen.

„Ich hab mir gedacht: Dieses Buch schreib ich.“

Ich war sehr inspiriert von Frederic Laloux und seinem Buch „Reinventing Organizations“. Mir ist dabei jedoch der Faktor Mensch zu kurz gekommen, also hab ich mir gedacht: Okay, dieses Buch schreib ich. Wir verwenden in unserer Beratung schon lange die Erkenntnisse von Jane Loevinger zur Persönlichkeitsentwicklung, ich habe aber noch nie ein Buch gefunden, in dem die verdaulich erklärt wurden. Aus diesen Gründen ist das Buch entstanden. Ich denke, das ist für alle Menschen, die an Selbstführung interessiert sind, inspirierend.

Zusammenhänge verstehen

Warum, denkst du, steht dein Buch in New-Work-Kreisen so hoch im Kurs?

Martin Permantier: Viele Menschen spüren, dass alte Erklärungsmuster nicht mehr ihre wahrgenommene Wirklichkeit adäquat beschreiben. Wir erleben diese Veränderungen in uns selbst und in der Gesellschaft. Der Grund, warum viele Leute das Buch gut finden, ist, dass das Modell der 6 Haltungen nichts Erfundenes ist, sondern Dinge beschreibt, die wir alle kennen, weil es beobachtbare Phänomene beschreibt. Die Haltungen, die hier beschrieben werden, erkennst du in dir selbst und in anderen wieder. Das inspiriert und führt dazu, dass man Zusammenhänge besser erkennt.

Haltung ist veränderlich

Was ist Haltung oder Mindset für dich? Ist das ein Trendthema?

Martin Permantier: In erster Linie ist es ein Wort. Und das ist auch gar nicht so einfach zu erklären. Er beschreibt die innere Verfasstheit, dein Verhalten und deine Denkweisen. Mindset ist zu wenig. Das ist zu mechanistisch: Stell die Rädchen gut ein und dann bist du fit für die Digitalisierung. Haltung ist viel dynamischer, die kann auch während des Tages wechseln. Meiner Meinung nach ist das nichts, das man hat oder nicht, genauso wenig wie Werte, sondern unser innere Haltung erleben wir je nach Kontext unterschiedlich. Unsere Psyche ist fluide und je nach Situation ändert sich auch unsere Haltung.

Nach Haltung kommen Werte

In deinem Folgebuch „Werte wirken“ sind jetzt die Werte dran?

Martin Permantier: Die Haltung ist quasi der größere Rahmen. Danach kommen im Unternehmenskontext gesprochen die Werte, dann die informalen Strukturen, dann die formalen und dann kommen Standards und Prozesse. Wir schauen in Unternehmen gern zuerst auf Letzteres: Welche Prozesse müssen wir verändern, welche Methoden müssen wir implementieren? Und dann lernen wir neue Skills und wundern uns, dass trotzdem nix passiert. Warum? Weil wir nur auf der untersten Ebene was verändert haben, aber nicht am größeren Rahmen, unserer grundlegenden Einstellung.

„Wir lernen neue Skills und wundern uns, dass trotzdem nix passiert.“

Weil wir zum Beispiel nicht verstanden haben, dass Nachhaltigkeit nicht funktioniert, wenn wir trotzdem weiterhin auf Wachstum ausgerichtet sind. Das Wissen darüber, wie wir nachhaltig mit unseren Ressourcen umgehen können, wäre vorhanden, die Technologien auch, nur die Haltung ist immer noch sehr verbreitet auf Leistungsoptimierung, Effizienzsteigerung und mehr Umsatz ausgerichtet. Das bröckelt aber zum Glück so langsam.

Corona sei Dank, vielleicht. Ich habe schon das Gefühl, dass sich dadurch ein Umdenken in vielen Bereichen durchsetzt.

Martin Permantier: Ja und Nein: Was Vertrauen angeht, sehe ich das auch so. Hättest du vor Corona Arbeitgeber*innen gefragt, ob es okay ist, wenn alle Mitarbeiter*innen von zuhause aus arbeiten, hätten die meisten wohl verneint, mit der Begründung, man müsse die Leute doch kontrollieren, damit sie Leistung erbringen. Plötzlich wurden wir von der Realität eines Besseren belehrt – zumindest über weite Strecken.

„Corona hat gezeigt, dass wir ein Sozialsystem bräuchten, das die Grundbedürfnisse absichert.“

Denn was wir auch gesehen haben, ist, dass unser Sozialsystem noch nicht reif genug ist, weil es einer Haltung entstammt, in der Männer arbeiten und Frauen sich um die Kinderbetreuung kümmern – um nur ein Beispiel zu nennen. Das führt dazu, dass viele mit den veränderten Umständen überfordert sind. Corona hat uns gezeigt, dass wir ein Sozialsystem bräuchten, das die Grundbedürfnisse absichert: Einkommen, Kinderbetreuung etc. Damit die Menschen nicht vor existenziellen Problemen stehen, wenn plötzlich die nächste Krise eintritt und ein ganzer Industriezweig wegbricht. Wir haben gesehen, wie schnell das gehen kann.

Mit welcher Haltung kommen wir bestmöglich durch solche Krisen?

Martin Permantier: Mit der entwicklungsorientierten. Du kannst immer jammern, dass du dir etwas anders vorgestellt hast. Das bringt dich aber nicht weiter. Die Frage ist immer: Was machst du draus?

„Die Frage ist immer: Was machst du draus?“

Martin Permantier: Es wird viel von Freiheit gesprochen und davon, wie sehr sie während der Pandemie beschränkt war. Da möchte ich differenzieren zwischen der äußeren und der inneren Freiheit. Die äußere unterliegt immer Faktoren, die du nicht beeinflussen kannst. Wenn wir die Natur weiterhin ausbeuten, wird sie unsere Freiheit irgendwann auch massiv beschränken, indem Landstriche veröden und wir weniger Lebensraum haben. Äußere Freiheit ist nie grenzenlos.

„Viktor Frankl sagt: Der Raum zwischen Reiz und Reaktion ist der Raum deiner inneren Freiheit.“

Martin Permantier: Aber es gibt auch die innere Freiheit und da bin ich ein großer Fan von Viktor Frankl, der sagt: Der Raum zwischen Reiz und Reaktion ist der Raum deiner inneren Freiheit. Der Psychologe war zweieinhalb Jahre in 4 Konzentrationslagern der Nazis inhaftiert. Sein Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ hat er geschrieben, kurz nachdem er aus dem KZ befreit wurde. Da merkst du, was die Kraft der inneren Freiheit ist, in Kombination mit der richtigen Haltung: widersprüchliche Situationen auszuhalten, mit Paradoxien umzugehen – das sind Fähigkeiten, die wir in Zukunft brauchen werden.

„Ideologische, dogmatische Haltungen führen nur zu Blockade und Spaltung.“

Martin Permantier: Für ideologische, dogmatische Haltungen wird da kein Platz mehr sein – da landen wir nur bei whataboutthism: Was ist mit diesem und jenem? Warum sind Supermärkte in Lockdowns offen, aber Kinos nicht? Warum die anderen und ich nicht? Das führt zu nichts, außer zu gegenseitiger Blockade und Spaltung. Deshalb sollten wir uns der entwicklungsorientierten Haltung zuwenden und überlegen, wie wir uns unter Berücksichtigung der aktuellen Umstände, gemeinsam entwickeln können. Als Kultur, als Unternehmen, als Menschen.

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.