Erstellt am 8. Februar 2021 · Arbeitsleben · von

Gesünder arbeiten, besser leben – wie gelingt uns ein stressfreierer Arbeits-Alltag?

Lesezeit: 9 Minuten

Wir befinden uns am Beginn eines neuen Jahres in einer schwierigen Zeit. Die meisten Neujahrsvorsätze sind bereits verpufft und der Alltagsstress hat längst wieder überhand gewonnen. Aber warum ist unser (Arbeits-)Alltag eigentlich so stressig? Und wie geht „gesünder arbeiten“? Wir haben eine Trainerin für Stressprävention dazu befragt und verlosen 3 Exemplare ihres Mitmach-Ratgebers „Gesünder arbeiten. Besser leben.“

„Und, wie war dein Tag heute?“ – „Stressig!“. Wer kennt solche Konversationen nicht? Fast jeder Zweite klagt über zu viel Hektik – in der Arbeit, im Alltag. Viele wünschen sich einfach: weniger Stress. Denn zu viel davon führt dazu, dass wir nichts mehr genießen können oder das Gefühl haben, nichts mehr zu schaffen. Alles ist uns zu viel. So einfach ist es aber gar nicht, den Stress loszuwerden …

Die Biologin, Autorin und Trainerin für Stressprävention Carola Kleinschmidt hat mit dem Büchlein „Gesünder arbeiten. Besser leben.“ einen Begleiter für das ganze Jahr verfasst, der dabei helfen soll, die eigene Stresskompetenz auszubauen, Tag für Tag mehr Fokus und Energie zu gewinnen und die eigene Lebensfreude und Gelassenheit zu stärken. Mit 12 Themen für das ganze Jahr – vom Finden der Basis über Energie tanken bis zum Thema „Ich und die anderen“ – und vielen aufheiternden Grafiken und Sprüchen führt dieser Ratgeber Schritt für Schritt mit einfachen Übungen zu mehr Wissen über Selbstfürsorge, Achtsamkeit und Resilienz. Übrigens verlosen wir auch drei Exemplare davon – zum Gewinnspiel weiter unten.

Wir wollten von der Autorin wissen, was gesundes Arbeiten eigentlich bedeutet und wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass der Stress unser (Arbeits-)Leben regiert:

Was halten Sie von Vorsätzen à la „Ich will heuer stressfreier leben“?

Autorin Carola Kleinschmidt

Autorin und Trainerin für Stressprävention Carola Kleinschmidt

Carola Kleinschmidt: Solche Vorsätze klappen meist nicht. In meinem Jahresbegleiter erzähle ich von einer anderen Idee, wie man sein Jahr freudvoll beginnen kann. Man fragt sich: Was war gut im letzten Jahr? Wovon möchte ich mehr? Und das notiert man sich – dann stehen da zum Beispiel für den Job der nette und so hilfreiche Austausch mit der Kollegin. Davon möchte man regelmäßig mehr. Setzt man sich dann regelmäßig Termine, achtet man automatisch darauf, mit dieser Kollegin öfter zu telefonieren. Im Privatbereich notiert man sich vielleicht das Wanderwochenende mit der Familie. In den Jahresplaner trägt man dann ein, wann man wandern gehen möchte. Wenn wir den Blick auf das lenken, was wir mehr möchten, wird das Jahr fast wie von selbst besser oder stressfreier.

Wir sollten unseren Blick auf das lenken, von dem wir mehr möchten.

Falls man auf Vorsätze trotzdem nicht verzichten möchte: Die üblichen Vorsätze sind ja oft sehr streng: Ich nehme ab! Ich bin disziplinierter! Zum einen macht das keine gute Laune – und man hat innerlich sofort Widerstand. Zum anderen fehlt oft die Idee, wie man das ganz praktisch umsetzt – und die allermeisten Vorsätze verschwinden deshalb schon in der ersten Januar-Woche wieder vom Plan. Deshalb: Wenn man sich diese Art von (Neujahrs-)Vorsatz nimmt, sollte man immer auch ganz konkret formulieren, was denn der eigentliche Wunsch ist. Zum Beispiel: Ich will stressfreier leben. Das könnte heißen: Ich will mehr Zeitfenster für mich. Oder: Ich will mich im Job nicht mehr so abhetzen. Und im zweiten Schritt überlegt man ganz konkret, was einem hilft, diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Das könnte folgendermaßen aussehen: Man notiert sich im Kalender für jeden zweiten Tag 30 Minuten, die man für sich selbst reserviert. Oder am Wochenende zwei Stunden. Dann spricht man mit dem Umfeld ab, dass man diese Zeit für sich möchte – und nicht gestört werden will. Dann ist der Vorsatz quasi so gut wie umgesetzt. Und man muss sich dafür gar nicht quälen.

Konkrete Formulierungen erleichtern die Ziel-Erreichung.

Warum ist Stress überhaupt ein so großes Thema geworden in unserem (Arbeits-)Alltag?

Carola Kleinschmidt: Ungesunden Stress empfinden wir immer dann, wenn wir ein Ziel erreichen möchten, das uns wichtig ist – wir aber unsicher sind, ob wir es schaffen werden. Dann mobilisieren wir all unsere Kräfte, weil wir das Ziel ja erreichen möchten – aber wir erleben gar kein Ankommen, keinen Erfolg und damit auch keine Entspannung. Gesunder Stress bedeutet dagegen, dass wir uns aktiviert und wach fühlen, weil wir ein Ziel haben, für das wir uns anstrengen müssen, das wir dann aber auch ziemlich sicher erreichen. Und wenn wir es erreicht haben, können wir stolz auf das sein, was wir geschafft haben und uns entspannen. So schöpfen wir Kraft für die nächste Anforderung.

Gesunde von ungesunden Aufgaben zu unterscheiden, ist relativ leicht: Es kommt darauf an, ob man die Wahl und Auswege hat.

Auf diese Weise kann man recht leicht gesunde Aufgaben im Job von ungesunden unterscheiden. Kassierer*innen, die ständig mit schlecht gelaunten Kund*innen zu tun haben, und keine Möglichkeit, sich davor zu schützen und oftmals auch keine Macht, um das zu unterbinden, sind sehr gestresst. Sie möchten ihren Job gut machen, aber es ist fast unmöglich. Hätten sie klare Möglichkeiten, mit schwierigen Kund*innen umzugehen und wäre die Kasse vielleicht nur ein Teil ihres Jobs (und es gibt zum Beispiel noch eine Aufgabe, für die es sehr viel Anerkennung gibt), wäre der Berufsalltag als Kassierer*in sehr viel gesünder. Eine Managerin, die dagegen viel Budget und ein gutes Team hat und ein Projekt umsetzt, ist vermutlich sehr wach in ihrem Job und fühlt auch Stress – aber diese Art von guter Angeregtheit, wenn man weiß, dass man gerade wirklich etwas bewegen kann. Eine Managerin jedoch, die ständig das Budget gekürzt bekommt und mit viel zu wenig Leuten ein unmögliches Ziel erreichen soll, wird ziemlich sicher ebenso wie die Beschäftigte an der Kasse sehr unter Stress stehen.

Was bedeutet es, „gesund zu arbeiten“?
weniger Stress in der Arbeit

Carola Kleinschmidt: Gesund zu arbeiten bedeutet, Aufgaben zu haben, die man mit seinen Fähigkeiten gut bewältigen kann. Die einen fordern, aber nicht überfordern. Extrem gesundheitsförderlich ist, wenn man selbst entscheiden kann, wie genau man Dinge erledigt. Zu viele enge Vorgaben machen eher Stress. Es ist jedoch sehr wichtig, ein Team und Vorgesetzte zu haben, die einen unterstützen, falls man Hilfe oder Rücksprache braucht. Vorgesetzte müssen außerdem einen Rahmen abstecken. Sonst weiß man ja nicht, wann eine Aufgabe erledigt ist. Menschen möchten auch wertgeschätzt werden, für das, was sie leisten – in Form von angemessener Bezahlung und Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn diese Dinge zusammenkommen, ist Arbeit anregend und gesund. Fehlt eine Säule, wird es schon stressiger. Wackeln mehrere, wird es heftig.

Ermöglicht mein Job ein „gesundes Arbeiten“? Eine Checkliste verräts:

Carola Kleinschmidt: Man kann seinen Job eigentlich ziemlich leicht unter die Lupe nehmen und eine Art Checkliste erstellen. Man fragt sich:

  • Handlungsfähigkeit: Kann ich meinen Job mit meinen Fähigkeiten gut machen? Fordert mich der Job ohne mich ständig zu überfordern? Habe ich Handlungsspielräume? Zum Beispiel in Hinblick darauf, wie ich genau zum Ziel komme. Aber auch Pausen mache etc.
  • Wertschätzung: Bekomme ich Wertschätzung für meine Arbeit? Ist mein Team unterstützend? Sind meine Vorgesetzten unterstützend?
  • Sinn: Macht mein Job für mich Sinn?

Die Anfangsbuchstaben der kleinen Checkliste sind H, W, S. Kann man sich leicht mit einer Eselsbrücke merken: Die HalsWirbelSäule gesunder Arbeit.

Hier liegt auch die Antwort, auf die Frage, warum unser Arbeitsleben heute so stressig ist. Viele Menschen fühlen sich überfordert oder verunsichert. Von der Technik oder weil sich die Arbeitswelt ständig ändert. Das stresst. Häufig werden Führungskräfte nicht danach ausgewählt, ob sie gut Menschen führen können, sondern weil sie fachlich gut sind. Die meisten Vorgesetzten nehmen sich zu wenig Zeit für die menschliche Führung. Auch Wertschätzung kommt fast immer zu kurz. Das stresst. Wir möchten unseren Job gut machen – aber was ist heute gut? Schnell? Kreativ? Innovativ? Die Kriterien sind oft nicht klar, wann ein Job gut gemacht ist oder auch, wann er überhaupt fertig ist.

Die meisten Vorgesetzten nehmen sich zu wenig Zeit für die menschliche Führung. Das kann Stress verursachen.

Das führt schnell in die Frage, ob es überhaupt Sinn macht, was ich da tue. Das stresst. In manchen Branchen wie zum Beispiel im Bankwesen sind die Vorgaben und Regularien für die Beschäftigten in den letzten Jahren so streng geworden, dass die Jobs heute total stressig sind und immer mehr Menschen krank werden. Pflegeberufe sind so stressig, weil die Beschäftigten durch die ständige Sparerei im Gesundheitswesen kaum mehr „gute Arbeit“ machen können und sich dazu auch noch gehetzt und komplett überlastet fühlen. Das stresst enorm. Dazu kommt, dass sie all das Leid sehen und auch im Team nur noch wenig Zeit ist, um sich gegenseitig zu stärken und zu wertschätzen.

Die „Leistungsgesellschaft“ und die eigenen hohen Ansprüche führen zu noch mehr Stress.

Natürlich spielt auch eine Rolle, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Selbstverwirklichung und Leistung hohe Werte sind – wir nennen uns ja auch Leistungsgesellschaft. Insofern haben viele auch sehr hohe Ansprüche an sich selbst, wollen alles richtig und perfekt machen. Das kann den Stress im Arbeitsleben natürlich auch verschärfen.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Stress überhandnimmt? Wann müssen wir aktiv etwas dagegen tun?

Carola Kleinschmidt: Die ersten Anzeichen sind oft: Ich kann abends nicht mehr abschalten. Meine Gedanken kreisen weiter um den Job. Das ist schon ein heftiges Anzeichen von zu viel Stress. Bei vielen Menschen kommen dann Schlafprobleme hinzu. Wenn man morgens gegen vier Uhr aufwacht und sofort an das Job-Projekt denkt, hat man zu viel Stress. Nackenschmerzen, Kopfschmerzen sind weitere typische Anzeichen.

Was sollte man dann tun?

Carola Kleinschmidt: Oft ist der Stresspegel zu hoch, weil man vor lauter Anstrengung keine Pausen mehr im Arbeitsalltag macht. Dann kann man abends schlechter abschalten, das zeigen Studien. Das heißt: Gerade wenn es anstrengend wird im Job, sollten wir auf unsere Kräfte achten und unbedingt eine Mittagspause machen. Kurze Pausen zwischendurch helfen auch. Es ist ein bisschen, wie wenn man mit dem Auto eine Langstrecke fährt. Man tankt vorher auf und achtet auch unterwegs darauf, dass man nicht mit leerem Tank auf der Autobahn stehen bleibt.

Auf sich selbst zu achten ist wie eine lange Autofahrt: Man tankt vorher und zwischendurch auf, um nicht mit leerem Tank auf der Autobahn stehen zu bleiben.

Zeit zu handeln ist auch, wenn wir spüren, dass wir gar nicht wissen, was wir genau tun sollen, um gute Arbeit zu machen oder eine Aufgabe richtig zu erledigen. Dann muss man mit den Vorgesetzten ins Gespräch gehen. Es passiert ja oft, dass etwas abgesprochen wurde, was sich dann gar nicht mehr umsetzen lässt, beispielsweise weil der Kunde seine Meinung ändert, sich das Budget oder andere Rahmenbedingungen ändern. Viele tendieren dann dazu, einfach weiter zu „ackern“, statt die Ziele mit der Führungskraft neu zu justieren. Da muss man natürlich oft ein wenig über seinen Schatten springen. Aber es lohnt sich.

In Ihrem Buch sprechen Sie von „Stresskompetenz“ – was genau ist das?

Carola Kleinschmidt: Stresskompetenz heißt zum einen, dass wir lernen, Anzeichen von zu viel Stress zu erkennen – und dann frühzeitig gegensteuern können. Das kann heißen, dass man bei einer sehr fordernden Aufgabe jemanden um Unterstützung bittet oder sich in stressigen Zeiten ganz bewusst Pausen gönnt. Zum Zweiten heißt es, dass man sich traut, mit den Vorgesetzten darüber zu sprechen, wenn man sich überfordert oder unter Dauerdruck fühlt, um gemeinsam Lösungen zu finden. Und zum Dritten gehört dazu, dass man weiß, was gesundes Arbeiten ausmacht – und dass man dieses Wissen tagtäglich dafür nutzen kann, um seine Arbeitsaufgaben und den Tag so zu gestalten, dass man motiviert, aber ohne zu viel Stress seinen Job macht. Sei es, dass man regelmäßig Pausen macht, sich traut um Unterstützung zu fragen und Methoden kennt, wie man abends gut abschaltet und sich regeneriert.

Was hilft Gestressten wirklich und wie kann man Stress nachhaltig entgegenwirken?

Carola Kleinschmidt: Die Wissenschaft hat ja viele Ansätze aus Therapie und Coaching untersucht. Was auf individueller Ebene hilft, ist Achtsamkeit sowie Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie. Die kognitive Verhaltenstherapie ist eine Therapieform, die sehr lösungsorientiert ist und sich viel mit den Gedanken, Glaubenssätzen und Verhaltensmustern beschäftigt. Hier etwas zu verändern, ist oft sehr wirksam. Allerdings lauert in diesen Therapien auch eine Falle: Viele haben ja längst in der Theorie verstanden, was sie stresst und was sie ändern müssten. Sie sagen zu sich selbst: „Ich darf mich nicht so festbeißen“ oder „Ich sollte meinen Perfektionismus runterschrauben und mir nicht immer alle Verantwortung heranziehen“, „Ich sollte mehr auf Pausen achten“. Aber das Wissen alleine verändert ja noch nichts.

Das Wissen darüber, dass man etwas ändern muss, verändert noch nichts. Achtsamkeit wirkt erst, wenn wir sie täglich leben.

Achtsamkeit und ein neues Verhalten wirken erst, wenn wir es täglich leben. Meist hapert es jedoch genau an dieser Umsetzung im Alltag. Deshalb helfen kleine Schritte, die man wirklich gehen kann. Und genau deshalb habe ich den kleinen Jahresbegleiter entwickelt. Er gibt jede Woche einen Impuls und Mini-Aufgaben, so lernt man Schritt für Schritt mehr Selbstfürsorge, Achtsamkeit und Stresskompetenz.

Buch gesünder Arbeiten. besser Leben

Gewinne den Jahresbegleiter „Gesünder arbeiten. Besser leben.“

„Gesünder arbeiten. Besser leben.“ ist ein persönlicher Mitmachkalender für das ganze Jahr. Mit 52 einfachen Übungen für jede Woche soll man Schritt für Schritt mehr Selbstfürsorge, Achtsamkeit und Resilienz lernen. Jeder Monat widmet sich einem Thema. So setzt man sich vier Wochen lang jeweils intensiv damit auseinander.
Du möchtest auch nachhaltig gesünder arbeiten und stressfreier leben? Schick uns bis zum 17.2. ein E-Mail mit dem Betreff „Gesünder arbeiten“, Namen und Adresse an gewinnspiel@karriere.at. Mit etwas Glück gewinnst du eines von drei Exemplaren. Mehr zu den Teilnahmebedingungen erfährst du hier. Wir wünschen dir viel Glück!

gesünder Arbeiten. besser Leben - Buch

Zur Person

Carola Kleinschmidt ist Diplombiologin, Autorin und Trainerin für Stressprävention und hat den Jahresbegleiter als
Mitmachkalender konzipiert. Ihr Buch „Bevor der Job krank macht“ ist ein Bestseller der Burnout-Prävention. „Gesünder
arbeiten. Besser leben.“ ist die Ernte aus 15 Jahren Erfahrung mit Stressprävention.

Bildnachweis: Claudiu Maxim / Shutterstock

Tanja Karlsböck

Tanja macht Instagram, YouTube & Co. für karriere.at und als Abwechslung Blogposts, denn Schreiben ist ihre liebste Kulturtechnik.