Techno-Stress – Streikende Rechner machen auf Dauer krank

von in Arbeitsleben am Donnerstag, 26. Januar 2012 um 12:41

Error! Fehlermeldung! Niemand ist vor abstürzenden Computern oder streikenden Systemen gefeit. Linzer Wissenschaftler schafften es nun nachzuweisen, dass ein abstürzender Rechner das Stresslevel des Benutzers massiv beeinflusst. Studien-Co-Autor Prof. René Riedl vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Johannes Kepler Universität Linz (JKU) warnt im Interview davor, dass schlechtes technisches Equipment auf Dauer krank machen kann.

 

karriere.at: Können Sie uns einen Überblick über den Aufbau des Experiments geben?

René Riedl: In dieser bislang einzigartigen Studie, die das Institut für Wirtschaftsinformatik – Information Engineering gemeinsam mit dem AKh Linz sowie der Fachhochschule Oberösterreich durchgeführt hat, haben wir untersucht, ob ein Systemabsturz mit einer Fehlermeldung zu einem Anstieg des Stresshormons Kortisol bei Computerbenutzern führt. Wir integrierten diesen Stress auslösenden Faktor in eine Benutzungsoberfläche eines Online Shops. Die Probanden hatten die Aufgabe, im Online Shop Produkte zu suchen und diese in den Einkaufswagen zu legen. Den Probanden wurde mitgeteilt, dass das Ziel des Experiments die Untersuchung der Benutzbarkeit des Online Shops ist. Zu Beginn des Experiments wurde eine erste Speichelprobe genommen, um den Basiswert des Kortisols zu ermitteln. Nachdem die erste Speichelprobe genommen war, erklärte der Versuchsleiter die Aufgabe. Danach startete der Proband mit der Navigation im Online Shop. In einer Gruppe stürzte der Computer dann während der Ausführung der Aufgabe ab, in der Kontroll-Gruppe war kein Systemabsturz implementiert. In etwa 25 Minuten nach der ersten Messung wurde dann eine zweite Speichelprobe genommen. Die Speichelproben wurden dann in einem medizinischen Labor analysiert, um die Kortisolwerte zu bestimmen, und es bestätigte sich unsere Hypothese, dass ein Systemabsturz zu einem Anstieg von Kortisol führen kann.

karriere.at: Kann Techno-Stress, verursacht durch mangelhaftes technisches Equipment (z.B. langsame oder instabile Systeme) negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben?

Riedl: Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zeigen, dass ein chronisch erhöhter Kortisolspiegel beispielsweise zu chronischem Burnout, Depression, Fettleibigkeit, unterdrückter Immunfunktion, chronisch hohem Blutdruck sowie Arterienverkalkung führen kann. Da Computersystemabstürze sowie andere Probleme wie langsame Antwortzeiten eines Systems allgegenwärtige Probleme sind, die sich permanent wiederholen und die immer wieder erlebt werden, ist davon auszugehen, dass sich andauernde und wiederholende Computerprobleme mittel- bis langfristig negativ auf die Gesundheit von Benutzern auswirken können.

karriere.at: Lässt sich sagen, welchen Anteil technisch versursachter Stress an der täglichen Anspannungskurve hat?

Riedl: Welchen Anteil Techno-Stress am gesamten von einem Menschen wahrgenommenen Stress hat, ist nach meinem Kenntnisstand bislang nicht systematisch untersucht worden. Klar ist aber, dass Menschen, die täglich am Computer arbeiten und Kommunikationsinstrumente wie Mobiltelefone häufig verwenden, eher mit Techno-Stress konfrontiert sind. Daher ist auch der Anteil von Techno-Stress am gesamten wahrgenommenen Stress bei diesen Personen vermutlich höher. Momentan gibt es weltweit in etwa zwei Milliarden Menschen, die das Internet und somit Computer oder andere Kommunikationsinstrumente verwenden. Daraus folgt, dass das Phänomen „Techno-Stress“ mittlerweile die gesamte Gesellschaft betrifft. Mit der zunehmenden Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien wird die Thematik zudem weiter an Relevanz gewinnen. Die Forschung ist daher in diesem Bereich auszubauen, um das Phänomen besser zu verstehen und um systematisch wirksame Maßnahmen entwickeln zu können.

karriere.at: Wie kann man Techno-Stress persönlich verhindern? Nicht in die Arbeit gehen? Computer- und Smartphone-Nutzung verweigern?

René Riedl, JKU

René Riedl, JKU

Riedl: Grundsätzlich ist es tatsächlich so, dass die Nicht-Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien eine wirksame Maßnahme darstellt, Techno-Stress weitgehend zu vermeiden. Das Problem ist nur, dass eine solche Maßnahme realitätsfremd ist, weil viele Menschen beruflich wie privat in zunehmend höherem Ausmaß Computer und mobile Endgeräte verwenden. Die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien stiftet schließlich für den Menschen auch einen großen Nutzen, ich denke dabei etwa an den erweiterten Zugang zu Informationen durch die Internetnutzung oder Produktivitätssteigerungen durch den Einsatz von Anwendungssystemen in Unternehmen. Zwei wirksame Strategien zur Bewältigung von Technostress werde ich nun kurz schildern. Die erste Strategie zielt darauf ab, das Verhältnis zwischen Person und Umwelt zu verändern, beispielsweise durch eine Erhöhung des Wissensstands im Umgang mit Computern, weil dann bei auftretenden Computerproblemen der Benutzer ohne fremde Hilfe rasch eine Behebung des Problems herbeiführen kann. Die zweite Strategie versucht, negatives Befinden in einer Stresssituation zu vermindern, indem die kognitive Einschätzung der Situation verändert wird, beispielsweise durch das gedankliche Abschwächen möglicher negativer Effekte, die ein Computerproblem für die Erreichung eines Ziels haben kann. Also, man sagt sich als Benutzer, oder besser, man redet sich ein, der Systemabsturz wird schon keine gravierenden negativen Folgen haben – auch das kann, wie die erste Strategie, Stressreaktionen abschwächen.

karriere.at: Welche Verantwortung sehen Sie angesichts der Forschungsergebnisse auf Arbeitgeberseite?

Riedl: Zuerst einmal ist es meines Erachtens so, dass die Verantwortung nicht einseitig getragen werden sollte. Das soll heißen, dass sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer Verantwortung zu tragen haben. Arbeitgeberseitig hat beispielsweise VW kürzlich eine bemerkenswerte Regelung eingeführt. Konzern und Betriebsrat einigten sich darauf, dass Beschäftigte nach Dienstende von der betrieblichen E-Mail-Kommunikation abgeschottet werden. Ziel der Aktion ist es, Techno-Stress zu vermeiden. Presseberichten zufolge wird die Regelung so umgesetzt, dass sich eine halbe Stunde nach Arbeitsschluss die Weiterleitungen vom Mailserver auf die Blackberry-Smartphones der Beschäftigten abschalten, und eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn am nächsten Tag werden die Mails vom Server wieder weitergeleitet; Telefonieren ist aber möglich. Arbeitnehmerseitig erweisen sich beispielsweise die beiden oben skizzierten Bewältigungsstrategien als wirksame Maßnahmen gegen Techno-Stress.

Bildnachweis: Colourbox.com, JKU

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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