Langzeitarbeitslos: „Vielen bleibt nur die Hilfe zur Selbsthilfe“

von in Arbeitsmarkt, Jobsuche am Montag, 25. April 2016 um 10:26

Arbeitslos zu werden, das kann jeden treffen. Daniel Mulec war bereits zwei Mal längere Zeit ohne Job, diese Zeiten hat er aktiv für seine Weiterentwicklung genützt. Auf seiner Plattform WeWillWork möchte er anderen Betroffen helfen, die Zeit außerhalb der Arbeitssuche am besten zu nutzen: Raus aus der Arbeitslosigkeit!

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Das schwere Los der Arbeitslosigkeit

WeWillWork Daniel Mulec

Daniel Mulec

Arbeitslos zu sein, das ist viel mehr als eine Zeit ohne Job. Daniel Mulec weiß als ehemaliger Langzeitarbeitsloser, womit Betroffene in der Zeit  kämpfen: Vorurteile, die Tücken der Jobsuche und das innere Bedürfnis, auch in der Arbeitswelt gebraucht zu werden. „Eine neue Stelle zu finden bedeutet nicht nur Bewerbungen schreiben, zu Vorstellungsgesprächen gehen und auf einen besseren Morgen zu warten. In der heutigen Wirtschaft eine neue Arbeit zu finden, das ist ein ganzes Puzzle, welches du selbst Stück für Stück zusammenbaust“, sagt Daniel, der heute als Data Analyst für Apple arbeitet. Mit seiner Plattform WeWillWork möchte er anderen Arbeitssuchenden zurückgeben, was er während seiner Zeit der Arbeitslosigkeit gelernt hat.

Warum hast du WeWillWork ins Leben gerufen? Was möchtest du mit dem Projekt erreichen?

Daniel Mulec: Als ich arbeitslos war, gab es keine Infos darüber, wie man die psychische Gesundheit in der Arbeitslosigkeit aufrecht erhält. Geschweige denn, wie man diese Zeit für das eigene Wachstum nutzen kann! Mir wurden Therapeuten empfohlen – eine gute Sache, wenn man sich das leisten kann. Vielen bleibt als einziges Mittel aber nur die Hilfe zur Selbsthilfe. Genau hier möchte ich mit WeWillWork ansetzen: Ein Nachschlagewerk darüber, wie Arbeitslose ihre Zeit produktiv nutzen können und ihr Selbstwertgefühl aufrecht erhalten. Aus der Arbeitslosigkeit wieder herauszukommen hat mehr mit dem Selbstwertgefühl zu tun, als mit Fachkompetenzen: Behältst du dein Selbstbewusstsein und wirst während der Arbeitslosigkeit kompetenter, kannst du daraus nur als Gewinner hervorgehen. Genau das möchte ich mit WeWillWork vermitteln.

Du warst selbst zwei Mal von längerer Arbeitslosigkeit betroffen: Womit kämpft man in dieser Zeit besonders und was sehen Außenstehende oft nicht?

Daniel Mulec: Arbeitslose Menschen sind vielfältigen Belastungen ausgesetzt: Da gibt es das Vorurteil, dass Menschen ohne Arbeit faul seien und überhaupt nicht arbeiten wollen. Absagen auf Bewerbungen machen auch zu schaffen oder wenn Familie, Freunde und Bekannte einem das Gefühl geben, dass man sich nicht genug Mühe bei der Jobsuche gibt. Manche tun das ganz offen, andere eher subversiv – z.B., wenn sie beginnen, mit der eigenen Arbeit vor einem zu prahlen. All das kann einem übrigens auch von offiziellen Stellen passieren. Und nicht zuletzt ist da der Druck von innen und das Gefühl, dass man nichts zur Gesellschaft beiträgt.

Vorurteile in der Arbeitslosigkeit

Wie können Arbeitssuchende die Zeit der Arbeitslosigkeit am besten nutzen? Was lässt sich davon vielleicht auch im Lebenslauf verwenden, um die „Lücke“ zu füllen?

  • Fitness, denn gerade in der Arbeitslosigkeit tut es besonders gut. Zusätzlich zum gesunden Körper baut Sport Stress ab, löst Glückshormone aus. Er erhöht auch den Testosteronspiegel, wodurch der Selbstwert steigt. Äußerliche Veränderungen und sportliche Verbesserungen erhöhen den eigenen Selbstwert ebenfalls.
  • Lesen, denn Bücher verändern dich. Eine Biografie zum Beispiel, zeigt dir auf, was im Leben alles möglich ist, wenn du nur bereit sein, darauf hinzuarbeiten und auch mal Risiken einzugehen. Romane mit ihren fiktiven Welten fördern hingegen die eigene Kreativität. Fachbücher fördern Kenntnisse in verschiedenen Gebieten, für die man sich interessiert. Am Ende ist es doch so: Ein Buch zu lesen ist immer eine Win-Win-Situation.
  • Empfehlen würde ich auch zu meditieren. Das habe ich in der Arbeitslosigkeit leider nicht gemacht, Meditation habe ich erst später in meinem Job für Apple für mich entdeckt. Es ist allerdings das Wirksamste gegen Stress überhaupt! Meditation hilft außerdem bei Depressionen, Konzentrationsschwierigkeiten, Niedergeschlagenheit und vielem mehr. Seitdem ich meditiere, gehe ich achtsamer durchs Leben, bin weniger gestresst und schätze mein Leben noch mehr als zuvor. Hätte ich Meditation schon während der Arbeitslosigkeit entdeckt, wären viele Zeiten für mich viel besser verlaufen.
  • Und nicht zuletzt: Fortbildungen. Gerade in der Arbeitslosigkeit hat man die Zeit, seine bestehenden Fähigkeiten zu erweitern, Neues dazu zu lernen oder sich sogar umzuorientieren.

Wichtig ist jedoch, sich nicht zu viel auf einmal vorzunehmen. Alle Veränderungen sind Einschnitte in den Lebensstil und sie benötigen große Willenskraft. Machst du zu viel auf einmal, übernimmst du dich.

In welchen Bereichen hast du besonders stark an dir gearbeitet, als du nicht erwerbstätig warst?

Daniel Mulec: Fitness, private Fortbildungen und Lesen – darauf lag mein Fokus. Körper und Geist bilden eine Einheit. Ist der Körper nicht fit, ist es die Seele auch nicht. Mit Fortbildungen können Lücken im Lebenslauf minimal gehalten werden, außerdem habe ich so mein Wissen ständig erweitert. Bessere Kompetenzen ergänzen den Selbstwert ebenfalls. Zum Abbau von Stress habe ich gerne Romane gelesen.

Gibt es für dich rückblickend auch positive Aspekte an der Arbeitslosigkeit?

Daniel Mulec: Die ungewollte Arbeitslosigkeit selbst ist absolut nicht positiv, es ist für jeden, der über längeren Zeitraum arbeitslos ist, eine sehr finstere Periode. Aber es gibt durchaus einen positiven Aspekt: In der Langzeitarbeitslosigkeit eignet man sich hervorragend Resilienz an. Sprich, man wird zum metaphorischen Stehaufmännchen. Im Prozess der Arbeitssuche ist man ständig mit Absagen und anderen negativen Ereignissen konfrontiert – gar nicht gut für das eigene Selbstwertgefühl. All diese Rückschläge bieten zwei Möglichkeiten: Immer wieder aufstehen und gestärkt daraus hervorgehen oder sich niedergeschlagen zu verkriechen. Wer das früh genug erkennt, kann die Zeit gezielt dafür nutzen, um resilienter zu werden.

„Während meiner letzten Arbeitslosigkeit war ich immer zuversichtlich“

Dein persönlicher Rat an (Langzeit)-Arbeitslose: Wie hält man am besten durch und bleibt motiviert und zuversichtlich?

Daniel Mulec: Wer es schafft, gesunde Gewohnheiten wie Sport und Meditation sowie Fortbildung zur Gewohnheit zu machen, dem fällt es leichter, resilient zu werden und sich dementsprechend zu motivieren. Natürlich ist es manchmal auch schwer und es gibt negative Phasen. Es ist absolut in Ordnung, das auch so hinzunehmen. Ständige Trauer über die eigene Situation darf aber nicht alltäglich werden. In der Vergangenheit habe ich mich immer wieder aus schlechten Situationen heraus wieder aufgebaut und so habe ich gelernt, optimistisch zu sein. Während meiner letzten Arbeitslosigkeit war ich deshalb auch immer zuversichtlich.

Bildnachweis: Africa Studio / Shutterstock; Daniel Mulec; Ollyy/Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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