Krank zur Arbeit: Jeder Zweite tut es

von in Arbeitsleben am Montag, 18. November 2013 um 20:05

„Entschuldigung, eigentlich bin ich krank.“ Wer diesen Satz im Büro schon einmal gehört oder gar selbst gesagt hat, hat schon einmal Präsentismus erlebt oder selbst betrieben. Dies ist die Bezeichnung dafür, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen. Laut karriere.at-Umfrage kein seltenes Phänomen: 54 Prozent der online befragten Arbeitnehmer gaben an, schon häufig krank gearbeitet zu haben. Im Interview erklärt Forscherin Claudia Oldenburg unter anderem, weshalb Präsentismus schädlich ist.

Jeder Zweite war schon häufig krank im Büro

Krank-arbeitenKrank zur Arbeit zu gehen ist keine Seltenheit – die meisten haben es schon einmal gemacht oder einem Kollegen bzw. dem Chef dabei zugesehen bzw. zusehen müssen. Laut aktueller karriere.at-Umfrage sind die Zahlen für den Präsentismus hoch. Auf die Frage: „Schon einmal krank gearbeitet?“ meinten 54 Prozent der Befragten, dies schon häufig gemacht zu haben. Der Grund? „Stress lässt kein Auskurieren zu“. Weitere 28 Prozent sind in Ausnahmefällen schon einmal krank arbeiten gegangen. Acht Prozent verzichteten nur dann auf die Bettruhe, wenn es keine Vertretung gab. Zehn Prozent meinten: „Krank ist krank. Gesundheit geht vor.“

Betroffene sind sich ihrer Lage bewusst

oldenburgDie Zahlen sprechen eine deutliche Sprache und sind, blickt man auf frühere Untersuchungen und Studien zu dem Thema, keine Überraschung. Dass dabei das zügige Auskurieren aufs Spiel gesetzt wird, ist den meisten Arbeitnehmern bewusst, erklärt Oldenburg. „Unsere Forschung zeigt, dass die Betroffenen selbst der Überzeugung sind, dass es besser gewesen wäre, zu Hause zu bleiben. Sie fühlen bzw. fühlten sich also tatsächlich auch krank und wissen, dass, wenn sie zum Arzt gegangen wären, dieser sie auch krank geschrieben hätte.“

Hohes Pflichtbewusstsein und Loyalität

nein-sagenWer also geht krank zur Arbeit? „Insbesondere sind es Menschen mit schlechter Gesundheit“, so Oldenburg. „Wir hatten ursprünglich die Vermutung, dass sich die Betroffenen weniger krank melden, und stattdessen krank zur Arbeit gehen. Dem ist aber nicht so. Sie haben mehr Arbeitsunfähigkeitstage und betreiben zudem Präsentismus“. Die Forscher gehen davon aus, dass die Betroffenen arbeiten, bis es wirklich nicht mehr geht. Die Gründe für dieses Verhalten sind vielschichtig. „Zum einen gibt es Gründe, die in der Person selbst liegen. So sind etwa Leute betroffen, die ein hohes Pflichtbewusstsein haben, hohe Loyalität der Arbeit, den Kunden und Kollegen gegenüber aufweisen. Auch Menschen, denen das Nein-Sagen schwer fällt sind häufiger betroffen.“

„Manche Beschäftigte können sich das Kranksein nicht leisten“

angst_um_jobDann gibt es, so die Expertin weiter, auch äußere Faktoren. Etwa die Sorge um den Arbeitsplatz, finanzielle Einbußen oder schlichtweg die Sorge, die viele Arbeit nicht bewältigen zu können. „Hoher Leistungsdruck und eine hohe Arbeitsbelastung führen dazu, dass sich die Leute das Kranksein nicht leisten wollen. Vor allem wenn es keine Vertretung gibt und sie wissen, dass kein anderer die Arbeit erledigt.“ Ebenfalls großen Einfluss hat die Tatsache, wie in einem Unternehmen mit dem Thema Krankenstand umgegangen wird. „Es gibt Unternehmen, da gehört es zum guten Ton, sich mit einer Erkältung in die Arbeit zu schleppen. Wenn das Gang und Gäbe ist, fällt es jedem einzelnen natürlich schwerer, selbst zu Hause zu bleiben“, so Oldenburg.

Wenn der Chef zu Hause bleibt, machen das auch die Mitarbeiter

bett-huetenEine wesentliche Rolle spielen hierbei die Führungskräfte. „Wenn der Chef krank zu Hause bleibt, machen das wahrscheinlicher auch die Mitarbeiter.“ Grundsätzlich, so Oldenburg, sollte jeder Mitarbeiter auf sich selbst schauen und bei Krankheit zum Arzt gehen und dem Rat des Arztes folgen. Denn für die eigene Gesundheit ist Präsentismus freilich keine gute Sache. Wie Forschungen zeigen, empfinden Betroffene die eigene Gesundheit in späteren Befragungen meist noch schlechter. Auch das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen steigt. Die Frage, ob Präsentismus zunimmt, verneint die Expertin. „Ich glaube eher, dass das Thema mehr auffällt als früher.“ Für Oldenburg ist es vor allem bedauerlich, dass meist über Absentismus, also krankheitsbedingte Abwesenheit diskutiert wird. Dieses sieht sie jedoch lediglich als sichtbare Spitze des Eisberges. „Der Präsentismus schwimmt darunter, den sieht man nicht und auch in Krankheitsstatistiken kann dieser leider bisher nicht erfasst werden.“

 Zur Person: Claudia Oldenburg

Claudia Oldenburg, Politikwissenschaftlerin und Germanistin, ist seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fachgruppe „Wandel der Arbeit“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Dortmund) und arbeitet dort zu den Themen Präsentismus und Politikberatung.

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Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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