11. Juli 2017 · Arbeitsleben, HR · von

Trauer am Arbeitsplatz: „Viele denken, dass sie das Thema nicht treffen wird“

Wenn Mitarbeiter sterben oder ein Kollege mit dem Verlust eines geliebten Menschen zu kämpfen hat – eine schwierige Situation für alle Beteiligten. Ulrich Welzel begleitet Arbeitgeber, Mitarbeiter und Angehörige in diesen schweren Stunden und unterstützt sie bei der Trauerarbeit. Wir haben nachgefragt, was Arbeitgeber, Führungskräfte und jeder einzelne in solchen Fällen tun kann.

Ulrich Welzel

Ulrich Welzel

Die Kollegin, die überraschend bei einem Autounfall ums Leben kommt. Die Führungskraft, die sich das Leben nimmt oder der Mitarbeiter, in dessen Familie nach langer Krankheit jemand verstirbt. Der Tod und Trauer sind Themen, das viele Unternehmen nicht auf ihrer Agenda haben. Laut Notfallseelsorger und Trauerexperte Ulrich Welzel ein Fehler: „Die meisten Arbeitgeber denken, dass sie das Thema nicht treffen wird.“

Ein Trugschluss, das zeigen schon die Zahlen. Rund 77.000 bis 78.000 Todesfälle gibt es in Österreich jährlich, rund 15 Prozent der Personen sterben im berufsfähigen Alter. Noch nicht mitgerechnet sind Fehlgeburten, ein belastendes Thema für Betroffene, die mit dieser Last als Trauernde wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren. Auf den Umgang mit Tod und Trauer sind in der Arbeitswelt nur die wenigsten vorbereitet. Was nach Todesfällen bleibt, ist laut Welzel die Sprachlosigkeit: „Das erleben wir bereits in der Familie, in der Verwandtschaft oder unter Bekannten: Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das setzt sich auch im Arbeitsleben fort.“

Zu wenig Beachtung für das Thema Trauer

Der Umgang mit Trauer ist demnach keinesfalls Privatsache, sondern etwas, dem auch im Arbeitsumfeld Raum und Zeit gegeben werden muss. „Basis dafür ist eine wertschätzende Grundhaltung sowie offene und positive Kommunikation“, so Welzel. Wird Trauer nicht richtig aufgefangen, kann das zu langen oder wiederholten Krankenständen und psychischen Belastungen führen.

Was ebenfalls oft vergessen wird ist, dass Unfälle und Todesfälle in einem Unternehmen sehr weite Kreise ziehen können. Welzel nennt ein Beispiel: “ In der Produktion verunfallt ein Mitarbeiter an einer Maschine. Wer ist davon betroffen? Natürlich das engste Team, aber auch jene Kollegen, die in der nächsten Halle arbeiten und den Vorfall noch mitbekommen. Es hört hier aber noch nicht auf: Die Betroffenen müssen dafür nicht einmal örtlich in der Nähe sein, trotzdem kann es zu Retraumatisierungen kommen. Habe ich nicht gestern auch an der Maschine gearbeitet? Auf diese Personen wird oft vergessen, wir nehmen sie einfach nicht wahr. Sie benötigen aber genauso ein Gesprächsangebot.“

„Bei Bedarf externe Hilfe holen, die den notwendigen Abstand mitbringt.“

„Entschleunigung, Sicherheit geben und eine positive Zukunftsorientierung behalten“, das sind laut Welzel die Eckpfeiler funktionierender Trauerarbeit. Aufgaben, bei denen eine externe Trauerbegleitung unterstützen kann. Denn die Reaktionen auf den Tod sind vielfältig und nicht immer einfach zu verdauen. „Mitarbeiter befinden sich in Schockstarre oder sind vielleicht wütend auf den Arbeitgeber. Sie schweigen, weinen, schreien oder befinden sich in Panik – die ganze Klaviatur an Reaktionen ist in diesem Fall möglich. In dieser Situation Ruhe zu bewahren, das kann natürlich nicht jeder. Wer es nicht trainiert hat, holt sich bei Bedarf externe Hilfe, die den notwendigen emotionalen Abstand mitbringt“, erklärt der Trauerberater.

Trauermanagement ist auch Krisenmanagement

Wie ein Arbeitgeber mit Todesfällen im Unternehmen umgeht, hat auch mit Unternehmenskultur und einem funktionierenden Krisenmanagement zu tun. Ein Unfall am Betriebsgelände mit mehreren Toten: Wie reagiert die Führungsspitze? Wie ist der Auftritt nach außen? „Ob die Geschäftsführung kurz nach dem Unglück zu den Familien fährt, das steht vielleicht nicht in der Zeitung oder am schwarzen Brett. Unter der Belegschaft spricht sich so etwas aber schnell herum. Das gibt Sicherheit und hinterlässt ein positives Gefühl“, so Welzel.

Das Krisenmanagement signalisiert nach außen, wie der Arbeitgeber mit dem Thema umgeht. Guidelines für Mitarbeiter, ein bereits aufgebautes Netzwerk an Spezialisten und eine fertige Strategie für interne und externe Kommunikation helfen dabei, in schweren Zeiten auch das Richtige zu tun.

Ein Todesfall – und jetzt?

Tritt ein Todesfall im Unternehmen ein oder leidet ein Mitarbeiter unter dem Verlust eines geliebten Menschen, gibt es laut Welzel verschiedene Wege und Komponenten für funktionierende und unterstützende Trauerarbeit.

  • „Es geht stark um Rituale und die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Das kann ganz verschiedene Formen annehmen, z.B. ein Foto, eine Kerze oder ein Kondolenzbuch am Arbeitsplatz. Hatte der Verstorbene keinen fixen Arbeitsplatz, ist ein Abschiedsraum eine Möglichkeit, um den Kollegen Raum für ihren Abschied zu geben. Manche Teams gestalten auch Abschiedsfeiern im kleinen Rahmen und legen eine Gedenkminute ein.
  • Bei Traueranzeigen haben Unternehmen laut Welzel noch viel Nachholbedarf. „Ich begleitete einmal ein Unternehmen, in dem zwei Mitarbeiter verstorben sind. Einmal aus Altersgründen, das andere Mal aufgrund eines Unfalls. In der Zeitung wurden Traueranzeigen geschalten – das ist grundsätzlich toll. Schlecht war in dem Fall nur, dass die Anzeigen den gleichen Text hatten und auch noch nebeneinander standen. Deshalb immer drei bis vier verschiedene Anzeigen bereit halten, alles andere sieht nach Standardlösung aus.“
  • Ebenfalls ein großes Manko: die Kondolenzschreiben. „Die sind meistens eine einzige Katastrophe, gestaltet wie ein Geschäftsbrief auf Firmenbriefpapier oder schwarz umrandet. Dazu noch christliche oder weltliche Zitate, die meistens als unpassend empfunden werden. Das Kondolenzschreiben läuft vielleicht noch über die hauseigene Frankiermaschine und landet dann mit einem ‚Fröhliche Weihnachten‘-Stempel beim Trauernden. Alles Dinge, an die man nicht denkt – trotzdem blöd, wenn das passiert.“Welzels Rat für Kondolenzschreiben durch den Arbeitgeber: Einfache Sätze, einfache Worte und persönlich bleiben. „Ob ein Schreiben eintrifft, wird von Trauernden sofort wahrgenommen. Gelesen wird es meist erst zwei bis drei Wochen später, wenn sich die Lage beruhigt hat“, so der Trauerexperte. Er rät zu schönem Papier und der grafischen Gestaltung durch einen Profi. „Individuell, unvergleichbar und per Hand geschrieben: das drückt Wertschätzung aus und zeigt, dass man sich dafür Zeit genommen und Gedanken gemacht hat.“
  • Die Teilnahme am Begräbnis ist ebenfalls Ausdruck der Wertschätzung. Die trauernden Angehörigen bemerken sehr wohl, ob Geschäftsführung oder direkte Führungskraft am Abschied teilnehmen. „Auch dem Team sollte die Möglichkeit zur Teilnahme eingeräumt werden. Es ist die letzte Wertschätzung, die Kollegen dem Verstorbenen und dessen Familie gegenüber aufbringen können“, so Welzel. Eine Trauerrede nur dann halten, wenn es erwünscht wird. Liegt ein Kondolenzbuch vor Ort auf, sollte man nicht nur seinen Namen eintragen, sondern auch eine kurze Würdigung.
  • Die Erinnerung an Verstorbene ist zu bestimmten Tagen ganz besonders gegenwärtig: Nicht nur der Todestag, auch das Datum der Hochzeit oder der Geburtstag rufen Angehörigen und Mitarbeitern ins Gedächtnis, jemanden aus dem Kreis der Familie oder der Kollegenschaft verloren zu haben. „Daran denken Vorgesetzte oft nicht. Auch die Trauer zur Weihnachtszeit wird oft vergessen. Schön ist es, sich zu diesen Gelegenheiten telefonisch kurz zu melden. In großen Unternehmen kann man auch ein kurzes Treffen für Angehörige organisieren, z.B. kurz vor Weihnachten“, rät Welzel.
  • Die Wiedereingliederung trauernder Mitarbeiter kann Vorgesetzte und ein Team vor Herausforderungen stellen. Welzel rät dazu, das Wiedereingliederungsgespräch in vertraulichem Rahmen, vielleicht sogar außerhalb des Unternehmens zu führen. Mit der Übernahme von Routinetätigkeiten oder Teilzeitarbeit kann der Wiedereinstieg sanft gestaltet werden. Auch das Team muss auf die Rückkehr vorbereitet werden. Keinesfalls dürfe man laut Welzel erwarten, dass der Trauernde als Arbeitnehmer sofort wieder „voll funktioniert“. Auch das Team muss auf die neue Situation vorbereitet werden. „Wichtig ist dem Kollegen zu zeigen: Du gehörst zu uns. Fixer Bestandteil des Rückkehrgesprächs zwischen Führungskraft und dem Trauernden ist auch immer die Gefährdungsbeurteilung: Bist du bereit, wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren?
  • Über den Todesfall sprechen? Es ist kein Tabu, Trauernde danach zu fragen. „Ich rate, auf den Mitarbeiter zuzugehen und einfach zu fragen: Wie möchtest du, dass wir darüber sprechen? Jeder geht anders damit um, jeder muss individuell betreut werden. Der eine möchte vielleicht überhaupt nicht darauf angesprochen werden, ein anderer wiederum schätzt es, ab und zu nach seinem Befinden gefragt zu werden“, sagt Welzel. Und manchmal ist es laut Trauerexperten auch besser, gar nichts zu sagen: „Bitte keine gutgemeinten Ratschläge geben: Ist doch gut, dass es jetzt vorbei ist. Ihre Frau hätte sicher gewollt, dass… Morgen sieht die Welt ganz anders aus. Es ist völlig okay, dem Trauernden zu sagen, dass einem momentan die Worte fehlen“, sagt Welzel.

Zur Person

Ulrich Welzel ist Notfallseelsorger, Hospizbegleiter, Demenzhelfer und Kommunikationsspezialist. Gemeinsam mit einem Spezialisten-Team unterstützt er Unternehmen beim Aufbau des betrieblichen Trauer- und Notfallmanagement von der Prävention über Akut-Situationen bis hin zur Nachsorge. Mehr Informationen zu seiner Arbeit und zum Thema Trauer am Arbeitsplatz gibt es an dieser Stelle.

Bildnachweis: rawpixel.com/Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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