6. Juli 2017 · Arbeitsleben · von

Scheitern im Rampenlicht: Die „Fuckup Night“ als Reha vom Versagen

Wer scheitert, lässt sich nicht gerne dabei zusehen. Denn Spott und Häme sind gewöhnlich die Lorbeeren der Gescheiterten. Anders verhält es sich bei den Fuckup Nights, einem Veranstaltungskonzept, das sich ganz dem beruflichen Misserfolg widmet. Wer hinfällt, muss schließlich auch wieder aufstehen und fällt das nicht viel leichter, wenn jemand dabei hilft? Wir haben uns diese spannende Idee angesehen:

„Ich möchte nicht, dass meine Person mit Misserfolg in Verbindung gebracht wird“ – eine Aussage, die wohl die meisten Menschen sofort unterschreiben würden. Denn wenden wir nicht viel Kraft im Leben auf, um erfolgreich zu sein, um von anderen Menschen Anerkennung zu bekommen und erzählen zu können, was wir nicht alles geschafft haben? Tatsächlich gibt es sie aber auch: Die Leute, die darüber sprechen, gescheitert zu sein. Und dabei hören Sie nicht auf. Sie plaudern aus dem Nähkästchen, womit sie so richtig baden gegangen sind, wo Ideen gefloppt haben und ganze Unternehmen an die Wand gefahren wurden. Und das öffentlich und vor vielen Menschen. Dieses Eventkonzept heißt „Fuckup Night“ und die Besucher stehen Schlange dafür. Warum man sich das antut? Darum:

Fuckup Night – what the F*ck?
Eine kleine Geschichte des Scheiterns

Die Fuckup Nights sind ein trending topic  und nicht bloß des Namens wegen. So obszön sich der Titel anhört, so wunderbar ist die Idee dahinter („fuckup“ ist umgangssprachlich und bedeutet nichts anderes als „Missgeschick“ oder „Fehler“). Diese Art von Veranstaltung hat sich das große und edle Ziel gesetzt, eine „Kultur des Scheiterns“ zu etablieren. Denn auch Scheitern ist ein Teil des Erfolgs. Nur wer aus seinen Fehlern lernt, kommt weiter. Und wer darüber vor anderen spricht, bewahrt sein Publikum womöglich davor, die gleichen Fehler zu begehen.

Das Konzept der Fuckup Night entstand 2012 in Mexiko – heute gibt es sie als Event in über 200 Städten in mehr als 70 Ländern. In Österreich hat man beispielsweise in Innsbruck, Wien oder Linz die Möglichkeit, eine Fuckup Night zu besuchen.

10 Bilder und 7 Minuten, um das eigene Scheitern dem Publikum zu offenbaren

Die Abendveranstaltung soll Bühne sein, um berufliche Misserfolge zu teilen, zu hinterfragen und zu zelebrieren. Bei jeder Veranstaltung gibt es zwei bis vier Speaker, welche im Pecha-Kucha-Präsentationsstil ihr Scheitern präsentieren. Konkret heißt das: Man legt vor Publikum sein Versagen offen – in maximal zehn Bildern und sieben Minuten.

A little fuckup never killed nobody…

Warum das Ganze? Weil Scheitern politisch, gesellschaftlich und persönlich ein Stigma ist – noch. Und das soll sich ändern. Die offenen Einblicke in ganz persönliche Misserfolge sollen den Besuchern der Fuckup Nights Mut machen und schließlich wertvolle Inputs liefern. Oftmals ist das Ganze auch mit viel Spaß verbunden, denn wie man aus eigener Erfahrung weiß, kann aus einem Missgeschick eine gute Story werden, die mit vielen Lachern belohnt wird.

Scheitern

Was lernen wir daraus? Lerne aus deinen Fehlern!

Die Angst zu Scheitern geht Hand in Hand mit der Angst, jemanden enttäuschen zu müssen – Freunde oder Familie, Kollegen, aber auch sich selbst. Aber was passiert eigentlich, wenn wir so richtig auf die Schnauze fallen? Wir genieren uns. Viele von uns tendieren in solch einer Situation dazu, vermeintlich Peinliches anderen gegenüber auszuklammern, im Lebenslauf kaschiert man Misserfolge gern mit Ablenkungsmanövern (Wir schreiben gerne „Neuorientierung“ statt „Ich hatte keinen Job und wusste nicht wies weitergeht“… im Bewerbungsprozess ist das übrigens auch legitim ;-).

Was ist Erfolg, was Misserfolg?

Aber solange man totschweigt, was einen beschämt, wird die Schande umso größer, wenn sie aufgedeckt wird. Der Ausweg aus dem Teufelskreis? Rede darüber! Was anfangs ungut und peinlich sein mag, kann irgendwann dazu beitragen, den eigenen Frust darüber zu überwinden. Und zusätzlich kann man sich viel Respekt abholen. Ein bedauerliches Ereignis kann zu etwas Gutem werden, ein kleines Missgeschick rettet uns vielleicht vor einem größeren Unglück. Scheitern oder Misserfolg gibt es demnach eigentlich nicht, wie es auch keinen Erfolg gibt. Am Ende ist es wichtig, das zu tun, was man tun möchte und Dinge nicht zu bereuen.

 

Applaus für den persönlichen Fuckup

In Linz ging am 8. Juni 2017 die zweite Fuckup Night in der Tabakfabrik über die Bühne. Zwei Speaker sprachen ganz offen über ihre Fehlschläge und standen dem Publikum Rede und Antwort. Der Raum war brechend voll, die Reaktionen danach durchgehend positiv:

Fuckup #1: Daniel Auer, CNC Monster

Die Story in a Nutshell: Ein Schulprojekt wird zum Zufallshit – man probiert viel aus, investiert in Maschinen und fertigt Radpedale – das Problem: es gibt keinen Markt dafür und die beiden Geschäftspartner sind zu unterschiedlich, man entfernt sich voneinander und die Geschäftsbeziehung zerbricht – Daniel will das gemeinsame Unternehmen trotz Umsatzproblemen behalten, sein Partner sagt „Nein“ – eine Neugründung folgt.

Glück im Unglück: Mehr als 600 Geschäftskontakte konnte ihm niemand nehmen

Sein Rat: Nie aufhören! Motivation und Vertrauen in ein Produkt kann alles retten

Fuckup #2: Oliver Lukesch, Avuba

Die Story in a Nutshell: Mit zwei Kollegen steigt Oliver in Berlin ins Haifischbecken Fintech ein – ihre Onlinebanking-Lösung wird bald in den Medien gehypet – das Problem: Das Produkt ist nicht ausgereift, ein Konkurrent bietet bald Ähnliches weniger fehleranfällig und gratis an – auch im Team ist der Hund drin – die Investoren machen Druck, das Ende ist vorhersehbar und die einzige vernünftige Lösung.

Glück im Unglück: sein gesammeltes Wissen im Fintech-Bereich hilft ihm weiter – heute arbeitet er in derselben Branche und konnte aus seinen Fehlern viele Learnings ziehen

Sein Rat: Finde den sweet spot, den richtigen Zeitpunkt – dein Produkt sollte (zumindest beinahe) fertig sein, wenn ein Hype losbrechen soll

Tipps für besseres Scheitern

Tipps für besseres Scheitern

Ein Onlinelesetipp zum großen Thema „Scheitern“ inklusive einer kleinen Geschichte zur Fuckup Night Bewegung bietet das „Fuckup Book“. Mit den zwölf besten Fuckup-Geschichten, mutmachenden Inputs und tollen Übungen, um im Scheitern „besser“ zu werden – Prädikat „sehr empfehlenswert“ und lustig.

5 Weisheiten aus dem Fuckup Book

#11 Wenn du nach Anerkennung suchst – hör auf damit!

#14 Lache über deine Fehler und teile sie mit der Welt

#17 Mache jeden Tag etwas, das dir Angst einflößt

#18 Sei der Mensch, der du sein möchtest

#21 Hör nicht auf, bis du bekommst, was du liebst

 

Ihr seid dran: Aufruf für Fuckup Night Speaker!

Macht euch locker und euer Leben ein bisschen leichter: Für kommende Linzer Fuckup Nights werden immer wieder Mutige gesucht, die von ganz persönlichen Misserfolgen berichten. Ob eine Geschäftsidee, die man in den Sand gesetzt hat oder die vergeigte Diplomarbeit an der Uni. Mut wird hier mit Ruhm und Ehre belohnt!

Interessierte wenden sich bitte an:
Nina Fuchs
nina.fuchs@tfl.linz.at

Tipp für den Kalender: Die nächste Fuckup Night Linz findet am Donnerstag, 19.10.2017, in der Tabakfabrik statt – schnell sein lohnt sich, die Tickets sind recht rasch vergriffen.

 

Bildnachweis: Vika Hova / Shutterstock; namtipStudio/Shutterstock; siam.pukkato/Shutterstock

Tanja Karlsböck

Tanja macht Instagram, YouTube & Co. für karriere.at und als Abwechslung Blogposts, denn Schreiben ist ihre liebste Kulturtechnik.

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