Unterforderung und Boreout: Wann ist es Zeit für den Abschied vom Job?

von in Arbeitsleben am Montag, 25. Januar 2016 um 21:21

Internet surfen, Online-Spiele zocken, Zeitschriften lesen – und das alles in der Arbeitszeit. Klingt verlockend? Vielleicht auf den ersten Blick. Was viele aber nicht wissen: Es gibt ein Gegenteil vom vielzitierten Burnout – das Boreout. Dauerhafte Unterforderung, die den Arbeitsplatz zur Hölle macht. Was „normale“ Langeweile von Boreout unterscheidet und wie man diese Durststrecke für die eigene Karriereplanung nutzen kann, weiß Psychologin Christa Schirl.

Zwischen Burnout und Boreout

Total gestresst oder permanent überfordert? Diese Frage stellten wir im Rahmen unserer monatlichen Online-Umfrage unseren Usern. So haben 495 Arbeitnehmer abgestimmt: Ein Viertel der Befragten gibt an, zu viele Aufgaben in zu kurzer Zeit bewältigen zu müssen. Ganze 41 Prozent sagen jedoch, dass sie für ihren Job überqualifiziert und deshalb unterfordert sind. Jeder Fünfte wünscht sich etwas mehr Abwechslung. Mit dem Workload zufrieden sind nur 16 Prozent der Arbeitnehmer.

Umfrage Unterforderung Überforderung

Langeweile: Merkt’s der Chef?

Ob auch die Führungskräfte wissen, wie es um das Stresslevel ihrer Mitarbeiter bestellt ist? 155 Unternehmensvertreter haben per Online-Voting abgestimmt: 51 Prozent geben an, den Arbeitnehmern Stress oder Langeweile anzusehen. Jeder Fünfte erfährt im Mitarbeitergespräch von Unter- oder Überforderung, 16 Prozent haben nur dann Einblick ins Stresslevel, wenn der Arbeitnehmer aktiv darauf zu sprechen kommt. Nur einige wenige (13 Prozent) fühlen sich vom Thema nicht unmittelbar betroffen: Die Auslastung eines Mitarbeiters sei Sache des direkten Vorgesetzten.

Bonjour Fadesse!

„Ich mache drei Arbeiten auf einmal, löse fünf Probleme fast zeitgleich und mir ist immer noch langweilig! Aber keiner in meiner Firma versteht mich. Ich brauche Verantwortung und knifflige Aufgaben! Wenn alle durchhängen und total gestresst sind, werde ich erst wach. Ich behaupte sogar gestresst zu sein. Irgendwie stimmt es ja, weil es mich gewaltig stresst, keine größere Verantwortung übernehmen zu dürfen.“

Christa Schirl

Christa Schirl

Was diese Userin schildert, ist für viele Arbeitnehmer nicht unbekannt: Während die einen in Arbeit ertrinken, langweilen andere sich in ihrem Job maßlos. Zum Burnout hat sich längst Boreout gesellt – die krankhafte Langeweile, die jegliche Motivation im Keim erstickt und uns antriebslos durch den Arbeitstag bringt. Wir haben uns mit Psychologin Christa Schirl über den schmalen Grat zwischen Langeweile und Boreout unterhalten.

Langweile ich mich noch oder bin ich schon im Boreout – wie gelingt die Unterscheidung?

Schirl: Grundsätzlich ist wichtig zu erkennen, dass Langeweile zum Leben dazu gehört: Von der Leere in die Fülle. So wie wir einatmen, müssen wir auch wieder ausatmen. Langeweile macht viel Platz für neue, kreative Ideen. Selbst Kinder brauchen manchmal Rückzug und Stillstand. Problematisch wird es allerdings dann, wenn die Langeweile zum Dauerzustand wird. Hat man einen Job, bei dem man nur anwesend sein muss, z.B. als Student als Nachtwächter zu arbeiten, kann man diese Zeit mit Sinnvollem füllen. Bei Jobs, in denen reine Anwesenheit nicht genügt und die man vielleicht auch noch Vollzeit ausübt, reicht das aber nicht mehr.

Manche haben also genug zu tun, langweilen sich aber trotzdem?

Schirl: Keine Langeweile zu haben ist nicht gleichzusetzen mit einem leeren Schreibtisch. Die Unterforderung im Job kann verschiedene Ursachen haben, nur um ein paar Beispiele zu nennen:

  • Weil die Abteilung umstruktuiert wurde und ich laut meiner neuen Stellenbeschreibung plötzlich nicht mehr genug zu tun habe oder weil ein Geschäftszweig eingebrochen ist.
  • Es gibt Arbeitnehmer, die ganz bewusst auf Stellen gesetzt werden, wo sie nichts zu tun haben. Diese Mitarbeiter werden bewusst „ausgehungert“, bis sie sich von selbst verabschieden.
  • Manche Menschen brauchen einfach immer wieder etwas Neues in ihrem Leben. Sie sind typische Projektmenschen, denen bei Routinearbeiten schnell langweilig wird.
  • Es kann auch sein, dass mir die Aufgabe einfach nicht mehr entspricht. Menschen verändern sich: Was vor zehn Jahren gepasst hat, ist heute vielleicht nicht mehr das Richtige für mich. Ich denke, da muss man mit sich selbst schonungslos sein. Langeweile bedeutet nicht immer, nichts zu tun zu haben, es kann mir auch das Team oder die Aufgaben zu fad geworden sein. Es gibt in Unternehmen durchaus Mitarbeiter, die haben jede Menge zu tun und ihnen ist trotzdem langweilig.  Es gibt so viele verschiedene Facetten von Langeweile. Es ist schwierig zu sagen, dass es den einen Zeitpunkt gibt, an dem man sich von seinem Job verabschieden sollte.

Boreout und Unterforderung

Im Job nicht viel zu tun, einfach die Zeit absitzen und kein Stress – klingt doch verlockend, wo ist der Haken?

Schirl: Da gibt’s einen großen Haken: Wir wollen uns durch unsere Arbeit auch verwirklichen und Sinn stiften. Wir geben für unseren Job einen Teil unserer Lebenszeit. Und wenn wir Lebenszeit für etwas geben, das keiner möchte, frustriert das ungemein. So, als würde man ein Restaurant eröffnen und keiner geht hin: Ich habe etwas im Angebot aber keiner interessiert sich dafür. Das schmerzt – auch unbewusst. Wir alle haben Lebenszeit, die endend ist, und die will nicht vertan werden.

Aus Angst vor Jobverlust gibt niemand gerne zu, dass er eigentlich unterbeschäftigt ist …

Schirl: Immer vorgeben, etwas zu tun zu haben, obwohl man unterfordert ist, ist sehr belastend. Man spielt eigentlich eine Show. Es ist aber auch verständlich, dass jemand nicht gerne zugibt, dass er wenig zu tun hat. Als ersten Schritt kann man sich selbst überlegen, was man eigenständig initiieren oder anpacken könnte: Etwas vorarbeiten, die Kollegen unterstützen oder ein neues Projekt auf Schiene bringen. Manche Menschen sehen Arbeit gleich von selbst und finden sich schnell etwas zu tun. Allerdings ist auch das Büro einmal aufgeräumt und Konzepte nur für die Schublade zu schreiben, das ist auf Dauer ja nicht sinnvoll. Im zweiten Schritt muss man der Führungskraft vermitteln, dass man noch Ressourcen frei hat. Dabei aber nicht sagen: Mir ist in der Arbeit so fad. Besser, man signalisiert, dass noch Kapazitäten frei sind und man gerne neue Aufgaben übernehmen möchte. In größeren Unternehmen ist es manchmal möglich, die Abteilung zu wechseln oder neue Berufsfelder kennenzulernen.

Wie kann man Langeweile oder Unterforderung für sich nutzen?

Schirl: Jede Krise ist auch eine Chance. Angesichts großer Langeweile im Job kann  ich mir folgende Fragen stellen: Was würde mich wirklich glücklich machen? Gibt es etwas, das mich beruflich noch reizen würde? Worin liegen meine Interessen – haben die sich vielleicht im Lauf der Jahre geändert? Würde vielleicht eine geistig fordernde Freizeitaktivität dafür sorgen, dass mir die Langeweile im Job nicht mehr so viel zu schaffen macht? Können Betroffene ihre Ziele beim aktuellen Arbeitgeber nicht umsetzen, ist es durchaus angebracht, nach einem neuen Job Ausschau zu halten.

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Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.