Tabletten, Alkohol, Opiate: Sucht und Abhängigkeit am Arbeitsplatz

von in Arbeitsleben, HR am Dienstag, 4. Oktober 2016 um 10:31

Müde, unkonzentriert, gereizt, benebelt: Mit dem Kollegen stimmt doch was nicht! Abhängigkeiten und Süchte wie Alkoholismus machen vor dem Arbeitsplatz nicht halt. Wenn ein Teammitglied zu tief ins Glas schaut oder sich mit Tabletten durch den Tag bringt, ist es Zeit einzugreifen. Wie Führungskräfte und Kollegen dann reagieren sollten, weiß Tanja Schartner vom Institut Suchtprävention.

Die Kollegin erzählt in der Pause übertrieben laut und ziemlich aufgedreht von ihrem Wochenende, einen Schreibtisch weiter riecht es nicht nur nach auffällig viel Rasierwasser und Kaugummi, sondern auch nach durchzechter Nacht. Ob die Kollegin „was eingeworfen hat“ kann man schlecht fragen, oder? Und was den Kollegen betrifft, der offensichtlich gerne einen über den Durst trinkt: Das Thema ansprechen oder als Privatsache auf sich ruhen lassen?

Sucht am Arbeitsplatz – ein Blick auf Österreich

Alkohol, Spielsucht, Tabak oder Medikamente: Sucht und der Missbrauch von Substanzen beschränken sich nicht nur auf die Freizeit, sondern schlagen sich auch im Arbeitsleben nieder. Ein paar Zahlen zum Thema Suchtverhalten in Österreich zeigen, dass das Thema durchaus präsent ist:

  • Schätzungen zufolge sind fünf Prozent der österreichischen Bevölkerung ab 16 Jahren von Alkoholismus betroffen. Für das Jahr 2015 wären das rund 367.000 Österreicher. Weitere neun Prozent konsumieren Alkohol in Mengen, die ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellen.
  • Zur Abhängigkeit von Medikamenten gibt es keine genauen Untersuchungen für Österreich. Es wird grob geschätzt, dass zwei Prozent der erwachsenen Österreicher von Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig sind. Für 2015 wären das rund 147.000 Personen.
  • Laut Österreichischem Bericht zur Drogensituation 2015 wird die Zahl der Personen mit problematischem Opiatkonsum in Österreich zwischen 28.000 und 29.000 geschätzt.
Tanja Schartner

Tanja Schartner

Was Arbeitgeber, Führungskräfte und Kollegen zum richtigen Umgang mit dem heiklen Thema Sucht am Arbeitsplatz wissen müssen: Wir haben bei Tanja Schartner vom Institut Suchtprävention nachgefragt. Die Suchtpräventionseinrichtung hat mit Stepcheck ein Tool entwickelt, das Führungskräften und Ausbilder bei der Prävention und Gesprächsführung mit betroffenen Arbeitnehmern unterstützt.

Spitzenreiter Alkohol

„Alkoholismus ist jene Sucht, mit der man in Österreich – auch in den Unternehmen – am meisten zu tun hat. Diese Sucht benötigt lange, um sich zu entwickeln – das kann Jahre dauern. Oft wird darüber hinweg gesehen, auch weil Alkoholkonsum gesellschaftlich anerkannt ist. Zum Glück hat sich in diesem Bereich schon eine Menge getan. Viele Arbeitgeber haben bereits Betriebsvereinbarungen zum Thema Alkohol oder dem Umgang mit alkoholisierten Personen“, erklärt Schartner.

Wann wird aus viel zuviel?

Für Alkohol gibt es von der WHO Gefährdungsgrenzen, die festlegen, welches Gesundheitsrisiko von Alkoholkonsum ausgeht. Bis zur sogenannten Harmlosigkeitsgrenze ist das persönliche Risiko gering, ab der Gefährdungsgrenze wird es problematisch bis gefährlich. Für Konsummengen dazwischen gilt „mittleres“ Gesundheitsrisiko. Um die Grenzen anschaulich zu machen, wird das „Österreichische Standardglas“ als Maßeinheit verwendet: Ein ÖSG mit 20 g reinem Alkohol entspricht etwa einem halben Liter Bier oder einem Viertel Liter Wein oder etwa drei einfachen 40-prozentigen Schnäpsen oder zwei Gläsern Sekt.

  • Die Harmlosigkeitsgrenze für Männer liegt bei cirka 24 Gramm Reinalkohol pro Tag. Für Frauen liegt diese Grenze bei 16 Gramm täglich. Männer überschreiten die Gefährdungsgrenze mit 60 Gramm Reinalkohol pro Tag, Frauen mit 40 Gramm.

„Es gibt natürlich Phasen, in denen der Alkoholkonsum steigt – z.B. weil in der Familie etwas vorfällt oder man besonders unter Stress steht. Im Normalfall geht dieser erhöhte Konsum aber wieder zurück und normalisiert sich. Erhöhter Alkoholgenuss ist dann kein Thema mehr. Wichtig ist in diesem Fall die Selbstbeobachtung: Wo liegt mein eigener Konsum, wie gehe ich mit Alkohol um?“, rät die Expertin.

Zu tief ins Glas geschaut?

Neben Alkohol tauchen auch andere Substanzen im betrieblichen Umfeld auf: Medikamente und die Abhängigkeit von Tabletten, Pillen & Co. ist ebenfalls ein Faktor, der nicht vernachlässigt werden darf. „Der Missbrauch von Medikamenten ist besonders schwer zu entdecken. Viele müssen über einen bestimmten Zeitraum verschriebene Medikamente einnehmen, setzen sie danach aber nicht ab, sondern nehmen sie weiter. Das kann auch dazu führen, dass sie bei der Arbeit beeinträchtigt sind“, erklärt Schartner.

Bei den Süchten gibt es übrigens Unterschiede, was die Geschlechter betrifft: Während Alkoholismus typischerweise mehr Männer als Frauen betrifft, greifen Frauen eher auf Medikamente, Beruhigungs- oder Schlafmittel zurück.

Sucht am Arbeitsplatz: Medikamente

Warnsignale erkennen

Im Gegensatz zu anderen Substanzen ist Alkoholmissbrauch relativ leicht zu erkennen. Schwieriger wird es bei Substanzen wie Speed oder Crystal Meth – beides Mittel, die ebenfalls stark vertreten sind. „Es fällt viel schwerer zu erkennen, ob jemand etwas Aufputschendes eingenommen hat, als ob er zuviel getrunken hat. Verschiedene Substanzen wirken sich unterschiedlich aus, das macht es oft so schwierig. Alkohol ist gedämpfter, nach dem Konsum aufputschender Mittel ist jemand vielleicht aufgedreht, besonders gut drauf oder bringt sogar sehr viel mehr Leistung. Da tue ich mir als Vorgesetzter natürlich schwerer“, so die Expertin.

Alkohol ist jene Substanz, die am häufigsten zu Auffälligkeiten am Arbeitsplatz führt. Vieles kann jedoch auch beim Konsum anderer Substanzen beobachtet werden. Häufige „Warnsignale“ im Arbeits-, Sozialverhalten oder im äußeren Erscheinungsbild nach Substanzmissbrauch sind beispielsweise diese:

  • Häufiges Zuspätkommen oder unabgemeldetes Fernbleiben, Unpünktlichkeit, Überziehen der Pausen
  • Kurzzeitkrankenstände, Familienangehörige melden den Arbeitnehmer ab
  • Schwankende Leistungen, Unkonzentriertheit
  • Überempfindliches Reagieren auf Kritik, ungewöhnlich aggressives Verhalten
  • Sinkende Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen oder das Gegenteil: Überengagement
  • Rückzug oder Meiden von Kollegen oder Führungskräften
  • Vermeiden von Gesprächen über Suchtverhalten
  • Starkes Schwitzen, auch wenn es nicht heiß ist, zittrige Hände
  • Ungepflegtes Erscheinungsbild
  • Versuch, die Alkoholfahne mit Kaugummi oder Düften zu überdecken
  • Alkoholkonsum im Unternehmen oder übermäßiger Konsum bei Anlässen wie Betriebsfeiern

„Je früher Auffälligkeiten angesprochen werden, desto besser.“

Stellt man Veränderungen bei einem Mitarbeiter oder Kollegen fest, rät Schartner zum schnellen Handeln. „Nicht zu lange warten oder das Verhalten auf eine schlechte Phase schieben und hoffen, dass sich alles von selbst einrenkt. Rasch intervenieren und ein erstes Gespräch führen: Ich habe das Gefühl, du hast dich verändert. Stimmt etwas nicht? Ich mache mir Sorgen, geht es dir gut? In diesem ersten Fürsorgegespräch zielt man nicht darauf ab, gleich zu sagen: Ich glaube, du trinkst in letzter Zeit ziemlich viel! Je früher man auffälliges Verhalten anspricht, desto besser. Wird gewartet, führt das nur dazu, dass der Mitarbeiter noch weiter in das Suchtverhalten rutscht.

Auffälliges Verhalten schriftlich festhalten

Bei einem ersten Gespräch bleibt es in der Regel nicht. Für weitere Schritte und Gespräche rät Schartner dazu, auftretende Auffälligkeiten zu dokumentieren: Wann kommt der Mitarbeiter zu spät, an welchem Tag riecht er nach Alkohol, wann hat er weniger Leistung gezeigt oder in welchem Meeting hat er ein sonderbares Verhalten an den Tag gelegt? „Gespräche basieren dann nicht auf Gerüchten und Vermutungen – die Führungskraft kann konkret sagen, was an welchen Tagen vorgefallen ist. So wird klare Kommunikation möglich: Dein Verhalten ist so nicht in Ordnung und ich hätte gerne, dass wir der Sache nachgehen. Ich werde dich auf bestimmte Zeit beobachten und wir sprechen in fünf oder sechs Wochen noch einmal darüber.

Sucht und Alkohol am Arbeitsplatz

„Wir möchten dich nicht verlieren“: Betroffene begleiten

Weil Betroffene ihr Missbrauchs- oder Suchtverhalten nicht von heute auf morgen einfach beenden können, sind meist mehrere Schritte und Gespräche mit dem Arbeitnehmer notwendig. Nach einem Stufenplan werden weiterführende Gespräche geführt. Mit zunehmender Gesprächsstufe erweitert sich der Gesprächskreis der eingebundenen Personen immer mehr: Führungskraft, Personalabteilung, Betriebsrat. Die Idee dahinter laut Schartner: „Durch diese Stufengespräche entsteht immer mehr Verbindlichkeit – dabei geht es aber klar in eine Richtung: Wir wollen dich als Mitarbeiter nicht verlieren und möchten, dass du Beratung oder einen Entzug in Anspruch nimmst. Wir begleiten dich dabei. Hilfestellung ist nicht immer einfach – Sucht ist eine Krankheit, keine Willensschwäche. Man kann nicht einfach sagen: Jetzt trinkst du halt einfach nichts mehr. Aber man kann helfen, unterstützen und signalisieren, dass man als Arbeitgeber hinter dem Betroffenen steht, aber die negativen Auswirkungen des Konsumverhaltens nicht länger duldet.“

„Unzufriedenheit im Arbeitsleben kompensieren wir vielleicht mit etwas anderem.“

Je früher sich ein Arbeitgeber um Prävention kümmert, desto besser: „Arbeitgeber tragen hier große Verantwortung. Kommt ein junger Mitarbeiter in ein Unternehmen, spielt es auch eine Rolle, wie dort mit Alkohol oder Rauchen umgegangen wird. Welche Vereinbarungen gibt es diesbezüglich, wie wird im Bereich der Fest- und Feierkultur damit umgegangen?“, erklärt Schartner. Und nicht zuletzt hängt das Thema Sucht und Prävention auch mit Unternehmenskultur, Mitspracherecht und Arbeitszufriedenheit zusammen: „Immerhin verbringen wir einen Großteil unseres Lebens in der Arbeit und genau dort soll es uns gut gehen. Ist das nicht der Fall, kompensieren wir das vielleicht mit etwas anderem.“

Checklisten, Leitfäden und Infos auf stepcheck.at

Auf stepcheck.at bieten das Institut Suchtprävention und die AUVA Landesstelle Linz Führungskräften, Ausbildern, Lehrern und alle Interessierten einen Überblick sowie rasche und unkomplizierte Handlungsanleitungen zu den Themen Früherkennung und Frühintervention bei  riskantem Substanzkonsum oder  Suchtgefährdung.

Zur Person

Mag. Tanja Schartner, MA (Erziehungswissenschaftlerin) ist seit 2009 Mitarbeiterin des Institut Suchtprävention – ihre Arbeitsgebiete: Betriebliche Suchtprävention mit Schwerpunkt Lehrlingswesen, Beratung und Coaching im Bereich Lehrlings- und Berufsschulwesen, Seminare für Lehrlingsausbilder und Pädagogen, Workshops für Jugendliche.

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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