Pausenmanagement: „Ein Chef, der durcharbeitet, ist ein schlechtes Vorbild“

von in Arbeitsleben, HR am Dienstag, 9. Dezember 2014 um 10:36

Führungskräfte, die den gehetzten Terminjäger geben und vielbeschäftigt kaum Pausen einlegen: Sie schaden nicht nur ihrer eigenen Gesundheit, sondern auch der ihrer Arbeitnehmer. Stresscoach Brigitte Zadrobilek erklärt, warum durcharbeitende Chefs ganz schlechte Vorbilder sind und wie wichtig gutes Pausenmanagement im Unternehmen ist.

Je autonomer, desto weniger Pause

Brigitte Zadrobilek

Brigitte Zadrobilek

Österreichs Arbeitnehmer sind Pausenmuffel. Eine halbe Stunde steht allen Mitarbeitern gesetzlich nach sechs Stunden Arbeitszeit zu, in Anspruch genommen wird sie nicht immer. Ganz zu schweigen von regelmäßigen Pausen, die darüber noch hinaus gehen. Rund ein Viertel der Mitarbeiter nehmen ihre Pause nur gelegentlich wahr, das ging bereits 2011 aus einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts IFES unter 500 Arbeitnehmern hervor. „Je höher die Zeitautonomie, desto weniger Pausen werden gemacht – und bei Führungskräften noch viel weniger“, weiß Stresscoach Brigitte Zadrobilek.

Erholung muss von Führungskräften vorgelebt werden

Pausenraum einrichten und Rauchpausen erlauben – damit ist es nicht getan. Für ein funktionierendes betriebliches Pausenmanagement sind die Führungskräfte gefragt. „Ein Chef, der durcharbeitet, ist ein ganz schlechtes Vorbild“, sagt Zadrobilek. Vorgesetzte haben im Umgang mit Druck, Ausgleich und Pause eine große Vorbildwirkung auf die Arbeitnehmer. „Machen die Führungskräfte keine Pause, ist die Gefahr relativ groß, dass auch die Mitarbeiter darauf verzichten. Dazu kommen vielleicht noch schlechtes Gewissen und eine gewisse Gruppendynamik“, erzählt Zadrobilek.

„Nicht den gehetzten Terminjäger geben.“

Für die Nichtwahrnehmung der Erholungsphasen gibt es natürlich auch noch andere Gründe: Laut IFES-Studie arbeiten 55 Prozent der Arbeitnehmer regelmäßig oder zumindest gelegentlich durch, weil es der Arbeitsaufwand nicht anders zulässt. Zadrobileks Appell an die Führungskräfte: „Achtsam sein und aufpassen, nicht den gehetzten Terminjäger abzugeben. Gerade Chefs werden genau beobachtet: Wie geht die Führungskraft mit Druck um, wann und wie oft wird Pause gemacht, wie viel Zeit liegt zwischen zwei Meetings? Wenn sich die Leute die Klinke in die Hand geben, hat das eine ganz schlechte Vorbildwirkung.“

Ohne Pause durcharbeiten? Keine gute Idee.

Essen am ArbeitsplatzMehr Arbeit schaffen, weil aus der Pause Arbeitszeit wird? Ein Trugschluss. „Wir sind ja nicht produktiver, wenn wir in einem Stück oder lange durcharbeiten. Ohne Pause und Regeneration können wir unser Leistungslevel nicht halten. Es ist wie im Sport: Wenn ich nur trainiere, ohne Erholungsphasen, dann baue ich Leistung ab. In der Wirtschaft ist das genauso, nur glauben immer noch manche: Je größer der Berg an Arbeit, desto weniger Pause darf ich machen“, erklärt der Stresscoach. Pausen und Phasen der Erholung sind im Arbeitsalltag unerlässlich, um Motivation aufrecht zu erhalten und eine gesunde Stresskultur zu etablieren. Ohne gelebte Pausenkultur keine erfolgreiche Gesundheitsförderung im Betrieb.

Schlafend durch das Suppenkoma

Nach dem Mittagessen noch eine halbe Stunde aufs Ohr legen, davon träumen viele. In China ist das Recht auf ein Mittagsschläfchen rechtlich verankert, in Japan wird das Mittagstief und Müdigkeit am Tag mit „Inemuri“, dem Dösen in der Öffentlichkeit, bekämpft. Kurze Schläfchen werden über den Tag verteilt immer wieder eingelegt: In der U-Bahn, im Büro oder auch im Konferenzraum. Ein Nickerchen zeugt von Fleiß und Produktivität – viel Arbeit macht eben müde. Die Siesta im Büro ist in unseren Breitengraden noch nicht Realität. Der Mittagsschlaf ging mit der industriellen Revolution verloren und noch immer gilt: Wer im Büro schläft, ist faul. „Es gibt ein paar Vorreiterfirmen in Österreich, die z.B. spezielle Liegen oder Ruheräume anbieten. Aber in Österreich hinken wir bei dem Thema eher hinten nach“, so Zadrobilek.

Mittagsschläfchen im Büro

Power NapWer seinen Mitarbeitern Power Napping ermöglichen möchte, braucht dafür eine geeignete Pauseninfrastruktur. Nachdem öffentlicher Tagesschlaf in unserem Kulturkreis unüblich ist, wird kaum ein Arbeitnehmer den eigenen Arbeitsplatz für ein kurzes Nickerchen nutzen. Um das Rückzugs- und Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen, werden spezielle Ruhemöglichkeiten benötigt. Das kann ein eigener kleiner Raum mit Liegemöglichkeit sein oder eine spezielle Power Napping-Lösung wie eigens entwickelte Schlafkabinen.

Pausenkultur muss fix verankert sein

„Es stellt sich natürlich auch die Frage: Wie wird das von den Arbeitnehmern genutzt? Die Kultur dafür muss im Hintergrund vorhanden sein, genau da klafft es oft auseinander. Die Infrastruktur wird geboten, aber die Mitarbeiter trauen sich nicht, sie zu nutzen. Weil sie Angst haben, schief angesehen zu werden oder weil es die Führungskraft ja auch nicht macht. Da kommen wir wieder an den Punkt, dass der Chef eine extreme Vorbildwirkung hat“, erklärt Zadrobilek. Wie die Mittagspause mit Power Nap zeitlich geregelt wird, muss natürlich auch abgeklärt werden: Wird die verlängerte Pausenzeit eingearbeitet oder schenkt der Arbeitgeber ein paar Minuten als Bonus dazu?

Abschied von der klassischen Mittagspause?

StretchingübungGelungenes Pausenmanagement muss aber nicht so weit gehen, eine halbe Stunde schlafend zu verbringen. Es lohnt sich, das aktuelle Pausenverhalten im Betrieb zu überdenken. „Wenn man von Pause spricht, meint man immer die klassische Mittags-, Kaffee- oder Rauchpause. Man sollte weggehen vom Bild der klassischen Pause, die gleich 20 oder 30 Minuten dauert. Mit vielen Mikro- oder Minipausen über den Tag verteilt, gewinnen wir sehr viel mehr an Produktivität“, sagt Zadrobilek. Die Dauer einer Mikropause liegt zwischen ein paar Sekunden bis zu einer, maximal zwei Minuten. Zeitspannen, die man für  aktive Entspannungsübungen oder Bewegung nützen kann. Vieles kann man direkt am Arbeitsplatz machen: Kurz aus dem Fenster sehen, sich bewusst strecken, den Stift kurz weglegen. Auch hier gilt laut Stresscoach Zadrobilek: Jeder hat das Recht, eine kurze Pause einzulegen. „Betriebliche Gesundheitsförderung funktioniert so, dass es alle gemeinsam machen und sich keiner genieren muss, wenn er eine Entspannungsübung macht, kurz aufsteht oder sich durchschüttelt.“

Zur Person

Brigitte Zadrobilek blickt auf 15 Jahre Management-Erfahrung in internationalen Unternehmen zurück und ist als selbständige Wirtschaftstrainerin und Coach für gesundes Führen, Stress- und Burnoutprävention, Persönlichkeitstraining, Brainfitness und Entspannungstraining tätig.

Bildnachweis: Dooder / Shutterstock; stresscoach.at; photographee.eu / Shutterstock; StockAsso / Shutterstock; bikereiderlondon / Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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