Kreativbewerbung: Genialer Schachzug oder Schuss ins Knie?

von in Bewerbung, Jobsuche am Mittwoch, 11. Mai 2011 um 12:24

Irgendetwas Kreatives muss her. Etwas, das die Aufmerksamkeit des Personalchefs so richtig fesselt. Die Idealkombination aus Anschreiben, Lebenslauf und Kunstwerk, die die eigene Persönlichkeit optimal darstellt. Nicht zu schrill, aber trotzdem sexy für die Augen. Wenn es ans Bewerben geht, denken viele Jobsuchende – gerade für Kreativ-Jobs – so oder so ähnlich. Doch haben Personalchefs wirklich ihre Freude mit Kreativbewerbungen? Worauf sollte man als Bewerber achten? Und wo lauern Gefahren? Wir haben uns bei Profis umgehört und im Netz nach Beispielen gestöbert.

Erinnern Sie sich noch an Hagan Blount? Jener US-Social-Media-Strategist, dessen Kreativbewerbung wir vor knapp zwei Wochen vorgestellt haben? Ein Paradebeispiel dafür, wie man Leute mit einer einzigen A4-Seite Lebenslauf in seinen Bann ziehen kann. Mit einem vollgestopften, witzig designten A4-Sheet schafft es der ausgebildete Lehrer, seinen Werdegang bis hin zum Social Media-Manager in Spe darzulegen. Inklusive Referenzen, Erreichbarkeit und Zahlen, Daten, Fakten. Eindrucksvoll!

Einige weitere Beispiele (die meisten haben wir im Kreativ-Bewerbungs-Blog vizualresume.com und auf mashable.com gefunden), gibt es im Laufe des Artikels – einfach klicken, um sie in ganzer Pracht zu sehen.



Doch wie stehen Personalverantwortliche und Bewerbungsprofis solch aufwändig aufbereiteten Bewerbungen und Lebensläufen gegenüber? Was nervt sie? Ist es sinnvoll, Zeit und Mühen in diese Richtung zu investieren? Wenn ja, für welche Jobs ist es praktikabel? Und: Welche Dinge sind – bei aller kreativen Freiheit – trotzdem ‚Pflicht‘ und was sollte man tunlichst vermeiden?

Persönlichkeit zeigen!

Natürlich: Kreativ-Bewerbungen sind in erster Linie etwas für Kreative, die in der Regel auch in der Kreativwirtschaft einen Job ergattern wollen. Und dort sind Bewerbungen, die gleichzeitig als Arbeitsproben herhalten können, auch durchaus gern gesehen, erklärt Max Ulrich Stolz, Human Resources Manager von der Reichl und Partner Werbeagentur: „Generell erwarten wir bei der Gruppe der Kreativen, also Grafik Designer, Art- und Creative Directors sowie Texter und Konzeptionisten, schon eine gewisse kreative Behandlung der jeweiligen Bewerbung. Auch Bewerbungen im Account Management sind wohltuend und erfrischend, wenn eine kreative persönliche Note erkennbar ist.“

Karrierejournalist und „Karrierebibel“-Blogger Jochen Mai ergänzt: „Letztlich kommt es auf die Persönlichkeit des jeweiligen Bewerbers, auf die angestrebte Branche und den Beruf an. So kann es beispielsweise sein, dass man sich für eine konservative Branche bewirbt, dort aber einen kreativen Beruf ausübt, beispielsweise als Social Media Manager im Marketing einer Bank. In diesem Fall ist es sicher kein Fehler, zu zeigen, dass man auch auf dieser Klaviatur spielen kann. Allerdings ist – wie immer – zu beachten, dass die Dosis das Gift macht.“

Branche vs. Funktion

Eine Gefahr, die auch Bewerbungs- und Karrierecoach Gabriela Novotny sieht: „Innerhalb seines Fachbereichs kann ein Bewerber einen kreativen Zugang zur Bewerbung wählen: Ein Spieleentwickler entwirft ein Spiel,die Modedesignerin sendet ein Kleid, der Geologe seine Evolutionsgeschichte – versehen mit den persönlichen CV-Informationen. Und innerhalb dieser Positionierung gibt es dann wieder eine Bandbreite von fachlich konventionell bis kreativ. Einem Apotheker oder Controller hilft eine kreative Bewerbung im Social Media Style oder als Landkartendarstellung gar nichts.“

Welche Botschaft will ich vermitteln?

Was jedem Kreativ-Bewerber bewusst sein muss, ist, dass er mit seinen unkonventionellen Features auch eine Botschaft mitschickt. Bestes Beispiel dafür: Eingangs zitierter Hagan Blount. „Mit einer solchen Arbeitsprobe zeige ich als Bewerber auch, wo ich hineinpasse. Bei diesem Beispiel sieht der Empfänger, dass der Absender gut und in seinem Bereich extrem versiert ist. Die Bewerbung zeigt aber auch, dass er absolut keine Lust hat, konventionell zu arbeiten. Allein aus der Art seiner Sprache, mit der er flott dahinschnodert, wird der durchschnittliche Personalchef schließen, dass er für einen klassischen Jahresbericht der Falsche ist“, analysiert Novotny.

„Keinesfalls kreativ sein um des Kreativseins Willen“, warnt auch Karrierebibel-Macher Jochen Mai – vor allem dann, wenn man sich abgedroschener Bilder bedient. Keinen Sinn hätte es, sich beispielsweise unter dem Motto „Ich bin die Nadel im Heuhaufen, die Sie schon lange gesucht haben“ zu präsentieren und eine dem Anschein nach kreative Bewerbung herumzubauen.  „Was hat das für eine Aussage? Der Ansprechpartner will wissen, was mich für den Job qualifiziert und keinen alten Witz hören“, betont Mai. Letztendlich gehe es ja darum, mit Kreativelementen zu zeigen, dass man zu einem Unternehmen passt. „Der Personalverantwortliche will wissen: Was ist das für ein Mensch? Wie tickt er? Das ersetzt zwar niemals ein Vorstellungsgespräch, kann aber einiges vorwegnehmen.“ Also: Kreativität muss einen Zweck haben.

Was fängt ein Personalchef damit an?

Die Kardinalfrage. Das Schlimmste, was man nach Tagen oder gar Wochen des Bastelns einer schönen Bewerbung bewirken kann, ist, dass sich der angeschriebene Personalchef gar nicht mit dem Elaborat beschäftigt. „Man darf bei Bewerbungen nicht darauf vergessen, dass sie normalerweise in der HR-Abteilung eingehen. Dort will man möglichst rasch erkennen, ob die Anforderungen nach dem ausgeschriebenen Profil erfüllt sind“, warnt karriere.Coach Andrea Starzer. Soll heißen: Muss ein Personalverantwortlicher erst in mühevoller Kleinarbeit die Basisdaten eines Bewerbers entschlüsseln, wird die aufwändigste Guerilla-Bewerbung wohl eher nicht berücksichtigt werden.

Worin sich alle Karriere-Experten einig sind: Läuft eine Bewerbung auf klassischem Weg ab, also entweder als Reaktion auf ein Inserat oder als Initiativbewerbung, so sollten kreative Elemente ausschließlich als zusätzliche Features verwendet werden, um die eigene Persönlichkeit und herausragende Fähigkeiten zu unterstreichen. „Eine solche Einbindung in eine klassische Bewerbung per E-Mail kann beispielsweise als Link oder QR-Code erfolgen“, betont Karriere-Autor Jochen Mai: „In etwa unter der Überschrift ‚Mehr zur Persönlichkeit'“.

Doch nicht nur bei Inseraten, sondern auch bei freien Stellen im „verdeckten Stellenmarkt“, also jenen, die intern oder ohne Ausschreibung besetzt werden, sollte man die Form wahren: „Wenn ich herausfinde, dass ein Unternehmen in meinem Bereich sucht, muss ich ebenfalls den Kontakt konventionell herstellen und dann beweisen, dass ich etwas kann“, weiß Novotny.

Um eine konservative Bewerbung herum kommt man auch beim HR-Manager der Werbeagentur nicht: „Die konservative Behandlung einer Bewerbung gilt für alle Personen, ob sie nun im kreativen Bereich tätig sein wollen oder in anderen Bereichen“, betont Reichl und Partner-HR-Manager Max Ulrich Stolz.

Gibt es bei der Kreativbewerbung auch No-Gos?

Gibt es und das sind im Grunde jene Fehler, die man in jeder Form der Bewerbung tunlichst vermeiden sollte, weiß der HR-Mann aus der Werbebranche:

  • Intransparenz des Lebenslaufes
  • Unklarheiten
  • Beugungen oder Weglassen der Formaldaten
  • Fremde Ideen als eigene zu verkaufen
  • Verleugnen von Daten und Informationen zur eigenen Person

Bildnachweis: alphaspirit / Quelle Shutterstock

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.