Wenn die Redeangst zum Karrierekiller wird

von in Arbeitsleben am Mittwoch, 28. Oktober 2015 um 11:36

Ein Raum voller Menschen, ein Podium, auf dem Sie stehen, um einen Vortrag zu halten – fühlt sich das gut an oder macht Ihnen das Angst? Trifft ersteres zu: Gratulation! Haben Sie allerdings Albträume von solch einer Situation: Willkommen im Club! Es geht Ihnen so wie knapp der Hälfte aller Menschen. Und die gute Nachricht ist: Dagegen kann man etwas tun! Wir haben mit dem Psychologischen Coach Uwe Hampel gesprochen, wie ein Weg von der Vortragsangst zum Redespaß aussehen kann.

Markus ist keine Führungspersönlichkeit. Deshalb bekleidet er in seinem Unternehmen keine leitende Funktion, ist einfach nur „normaler“ Arbeitnehmer. Dafür hat er sich bewusst entschieden, weil er keine Verantwortung übernehmen will, nicht vor anderen Leuten Reden schwingen möchte.
Die Unternehmensleitung lädt einmal im Jahr einzelne Mitarbeiter aus allen Abteilungen zu einer größeren Runde ein. Dort soll es die Möglichkeit geben, aus der Sicht des Einzelnen Defizite aufzudecken, Betriebsblindheiten auszusprechen und Vorschläge für Verbesserungen an die Führungskräfte direkt zu kommunizieren. Am Nachmittag soll Markus in den Besprechungsraum mit dem großen runden Tisch geholt werden. Dort darf er alles ansprechen, was ihn stört, seine guten Ideen zur Prozessoptimierung einbringen.

Ideen hat er viele! Nur … von zehn streng dreinblickenden Personen im Anzug beobachtet und bewertet zu werden … das macht ihm Angst. Und zwar so sehr, dass er seit einer Woche unruhig geschlafen und heute Morgen keinen Bissen heruntergebracht hat. Schließlich ist es aber soweit. Mit zittrigen Beinen betritt er den Besprechungsraum. Die Leute darin schauen eigentlich ganz freundlich drein, leider hilft Markus das aber kein bisschen. Sein Hals verkrampft sich, sein Puls geht schnell. Was, wenn er jetzt keinen Ton herausbringt oder stottert? Wenn er nur Blödsinn stammelt? Man könnte ihn, den sonst so engagierten Mitarbeiter, dann ja mit ganz anderen Augen sehen, ihn nicht mehr schätzen, vielleicht sogar jemand Besseren für seine Stelle finden? Die Aufregung beherrscht ihn, er kann nicht mehr klar denken …

Dieses Gefühl kennen Sie? Dann kennen Sie vermutlich auch das Unverständnis Leuten gegenüber, die Spaß dabei haben, in der Öffentlichkeit zu sprechen und Reden zu halten. Und die Angst, die Erwartungen von anderen nicht erfüllen zu können, die zur Angst wird, seine eigenen Erwartungen nicht zu enttäuschen. So eine Redeangst kann mitunter auch die Karriere beeinflussen, und zwar nicht positiv.

Psychologischer Coach

Uwe Hampel

Nur schlecht? Angst kann uns auf Missstände aufmerksam machen

Angst hat durchaus ihre guten Seiten. Sie kann dabei helfen, sich zu konzentrieren, sich zu verbessern und dazuzulernen. Sie macht uns auch auf einen Missstand aufmerksam: Da ist etwas, was mich überfordert, daran sollte ich arbeiten! Wird die Angst aber zu groß, kann sie auch zum Karrierekiller werden – egal, ob beim Vorstellungsgespräch, bei Vorträgen oder auch privat vor einer größeren Runde von Menschen. Wir haben mit dem Coach und Psychologischen Berater Uwe Hampel gesprochen, womit wir es da genau zu tun haben und was man dagegen tun kann.

Gibt es einen Unterschied zwischen Lampenfieber und Rede- oder Auftrittsangst? Was ist eigentlich ein „normaler“ Grad an Nervosität und gibt es auch positive Seiten am Lampenfieber?

Hampel: Lampenfieber und Auftrittsangst sind eigentlich das Gleiche. Meist sprechen Künstler von Lampenfieber: Von einer Aufregung, also „Fieber“ vor einem Auftritt im Scheinwerferlicht. (Da haben wir die Lampe.) Die Redeangst gehört zu den sozialen Ängsten. Schätzungsweise 40 Prozent der Menschen sollen Angst, ja sogar Panik haben, vor einer Gruppe zu stehen und zu sprechen.
Ein normaler Grad an Nervosität lässt sich gut aushalten. Da es eher ein subjektives Empfinden ist und die Menschen unterschiedlich damit umgehen, lässt sich die Frage „Was ist normal?“ nicht konkret beantworten. Wenn aber die Lebensqualität unter der Anspannung leidet, sollte man etwas dagegen unternehmen. Es kann Sie aber auch motivieren, sich besser vorzubereiten. Ich sage: Wenn es Sie bei der Vorbereitung unterstützt, ist es positiv. Unterstützt es Sie nicht, dann ist es nicht positiv.

Was war die schlimmste Erfahrung von Redeangst, die Ihnen ein Klient jemals berichtet hat?

Hampel: Da fällt mir die Geschichte einer Studentin ein. Als sie als vierjähriges Kind im Kindergarten war, machten sich drei junge Männer, die dort ihren Zivildienst ableisteten, über ihren Dialekt lustig. Sie erinnerte sich an eine Situation, in der die drei Zivis am Tisch vor ihr saßen, sie ansahen und sie lachend baten, zu reden. Das kleine Mädchen fand das natürlich überhaupt nicht lustig, sondern hatte in diesem Augenblick Angst etwas zu sagen. Was auch nachvollziehbar ist: Ein kleines Mädchen steht vor drei jungen Männern, die lachen, wenn sie etwas sagt. Dieses Erlebnis „installierte“ in ihrem Gehirn ein Muster, das bis heute funktioniert. Wenn sie vor nicht vertrauten Menschen steht, die sie ansehen, weil sie eine Präsentation halten soll, hat sie das gleiche Gefühl (Angst, ausgelacht zu werden), wie in der Situation im Kindergarten.

Warum haben manche Menschen Schwierigkeiten, sich vor einer Gruppe zu präsentieren?

Hampel: Diese Frage kann man pauschal nicht beantworten. Jeder Mensch ist ein Individuum und entsprechend sind die Prozesse und Muster, die Menschen in ihrer Lebensqualität einschränken, individuell. Generalisierungen gibt es deshalb nicht. Jedenfalls nicht in der Schule, die ich vertrete. Ich lehne es ab, Menschen in Schubladen zu stecken, also zu generalisieren. Das oben genannte Beispiel macht deutlich, dass die Ursachen für die Schwierigkeiten sehr individuell sind. Und bei jedem Menschen individuell herausgearbeitet werden müssen.

Lampenfieber

Wie erkenne ich, was meine Angst auslöst?

Hampel: Als Ihr Coach würde ich Sie danach fragen. Wenn wir Menschen unterstützen wollen, ihre Schwierigkeiten zu überwinden, müssen wir die unbewussten Prozesse herausarbeiten, die ihre Schwierigkeiten am Laufen halten. Und das macht man, indem man den Experten für die Schwierigkeit befragt. Und der Experte ist der Klient, nicht der Coach. Der größte Fehler im Coaching ist, dass der Berater glaubt, er wisse, was in dem Kopf seiner Klienten vorgeht. Wenn ich das behaupten würde, würde ich halluzinieren.

Was sind Mittel und Methoden, um dagegen anzukämpfen?

Hampel: Wenn Sie kämpfen wollen, haben Sie bereits verloren. Und Tipps gibt es nicht wirklich. Der Studentin in unserem Beispiel oben haben die vielen Tipps aus den Rhetorik-Seminaren, die sie besuchte, eher geschadet, als dass sie ihr geholfen haben. Tipps sind etwas Statisches, die Menschen nicht unterstützen können, einschränkende Prozesse aufzulösen. Es ist eher so, dass Menschen, wenn sie Tipps ausprobieren, die dann nicht funktionieren, sich noch schlechter fühlen. Deshalb ist mein Tipp Nr. 1: Hände weg von Tipps. Mein Tipp Nr. 2: Wenn Ihnen ein Fachmann Tipps geben will, lassen Sie auch die Hände von dem Fachmann.

„Tipp Nr. 1: Hände weg von Tipps!“

Es ist ein Phänomen, dass Menschen dazu tendieren, sich auf das zu fokussieren, was offensichtlich nicht zu funktionieren scheint. Sie denken darüber nach, was alles passieren wird oder passieren könnte. Sie machen sich Bilder von bestimmten Situationen oder produzieren Filmszenen von den Schwierigkeiten, mit denen sie sich befassen. Und meistens machen sie das alles sogar sehr gut. Und sie machen das immer wieder und immer wieder und immer wieder, so oft, bis sie es nahezu perfekt beherrschen. Sie werden sozusagen wahre Meister in den Dingen, die nicht funktionieren.
Und die Menschen befassen sich mit Symptomen. Es werden sogar ganze Listen von Symptomen angefertigt, die dann auch noch im Detail beschrieben werden. Damit die Betroffenen sich die Möglichkeit schaffen, ihre Schwierigkeiten an den Symptomen festmachen zu können. Was sich Menschen eher seltener fragen, ist:

„Was genau müsste anders sein, damit es funktioniert?“

Kann es helfen, immer wieder vor einer großen Gruppe zu sprechen, um das Lampenfieber zu verringern?

Hampel: Es kann auf jeden Fall helfen. Zu beachten ist aber, dass man sich um die unbewussten Prozesse kümmern muss. Wie in dem Beispiel oben. Mit Rhetorik-Kursen, Atemtechnik oder Autogenem Training kommt man da nicht weiter. Das ist nur Schminke und hilft den Betroffenen nicht wirklich. Wenn der Motor Ihres Autos nicht rund läuft, ist eine neue Lackierung der Karosserie weniger nützlich, nicht wahr? Übrigens hatte die Studentin aus dem Beispiel oben während ihres Studiums unzählige Rhetorik-Seminare besucht. Genutzt haben ihr die Kurse allerdings nichts. Ein prozessorientiertes Coaching kann dagegen sehr wohl Abhilfe schaffen.

Gibt es einen Weg von der Redeangst zur Freude vor öffentlichen Reden?

Hampel: Ja, den gibt es. Wenn jemand Spaß an öffentlichen Reden haben möchte und das zu seiner Persönlichkeit passt, gibt es diesen Weg. Er muss ihn allerdings zunächst finden. Und hier habe ich wirklich einen Tipp: Suchen Sie sich jemanden, der Ihnen den Weg zeigt.

Zur Person: Uwe Hampel

Uwe Hampel, Jahrgang 1957, war Unternehmer mit einem Fitness- und Gesundheitsklub. Seit 2008 arbeitet er als Coach und unterstützt seine Klienten bei Veränderungsprozessen und persönlichem Wachstum in vielen Lebensbereichen und bei beruflichen Herausforderungen. Seit 2007 lässt er sich in den Systemischen Verfahren ausbilden. Er ist Geprüfter Psychologischer Berater (VFP) und Anwärter zum Heilpraktiker auf dem Gebiet der Psychotherapie. Mehr über Uwe Hampel unter www.hmp-coaching.de

Bildnachweis: PathDoc/Shutterstock; Uwe Hampel; Fer Gregory / Shutterstock

Tanja Karlsböck

Tanja Karlsböck verfasst Blogposts rund umʼs Arbeitsleben, denn Schreiben ist ihre liebste Kulturtechnik.

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