Home-Office: Der Streit um das Arbeiten von Zuhause

von in Arbeitsleben am Montag, 17. März 2014 um 20:54

Home-Office. Meist heiß begehrt und erwiesenermaßen ein Vorteil für beide Seiten: Arbeitnehmer- und geber. Dennoch sorgt das Thema häufig für Diskussionen oder Unmut. Im Gespräch verraten Experten, weshalb die Möglichkeit zu Home-Office allen etwas bringt. Zwei Betroffene erzählen zudem, wie sie die Arbeit von zu Hause aus erleben. Bonus: Wertvolle Argumente für Arbeitnehmer, die gerne im Home-Office arbeiten würden.

Machst du es dir zuhause gemütlich?

„Ah, Home-Office. Das heißt, du machst es dir heute wieder zu Hause gemütlich?“ Kommentare wie diese können schon ärgern und sind vor allem eines: kontraproduktiv. Denn sie stellen Home-Office als gemütliche und vor allem unproduktive Auszeit dar. Und das sollte nun wirklich nicht sein. Denn das ortsunabhängige Arbeiten hat, wie Michael Bartz, New World of Work-Experte der FH Krems betont, mehrere eindrucksvolle Vorteile. Für alle Beteiligten. Voraussetzung: Es wird richtig gemacht.

„Das beeinflusst die Karrieren“

Bartz Presse Gross

Michael Bartz

„Für die Mitarbeiter gibt es zwei große Vorteile. Das eine ist die Zeitersparnis, die der Wegfall des Pendelns bedeutet. Dadurch kommt es zu einem Gewinn an Lebensqualität, an Erholungszeit und auch Mitarbeiterzufriedenheit und Motivation, wenn man nicht gezwungen wird, jeden Tag zu pendeln“, so Bartz. Und dies betrifft nicht wenige – die Folgen jedoch sind enorm und weitreichend. „In Österreich gibt es über zwei Millionen Familien mit Kindern, wo ein Elternteil (meistens die Frauen) beruflich zurückstecken muss, da es sich zeitlich nicht anders ausgehen würde. Viele arbeiten Teilzeit und sagen, sie würden gerne mehr tun, wenn sie teilweise von zuhause aus arbeiten könnten. Und das beeinflusst natürlich die Karrieren.“ Aber nicht nur für Familien mit Kindern kann das flexible Arbeiten eine enorme Erleichterung sein. „Das Thema der Pflege ist eines, das in den nächsten Jahrzehnten noch massiv auf uns alle zukommen wird. Darauf müssen wir vorbereitet sein“, betont Bartz.

63 Prozent der Arbeitnehmer sagen: „Super Sache“

Arbeitnehmer_Home-Office_BildWie aber steht es aktuell um das Thema Home-Office? karriere.at wollte es wissen und hat seine User per Online-Umfrage gefragt. Das Ergebnis spricht eine klare Sprache: Die eindeutige Mehrheit der Arbeitnehmer befürwortet dieses, auf Arbeitgeberseite ist eine, sagen wir, deutliche Zurückhaltung spürbar. Nun zu den Ergebnissen: Konkret sehen 63 Prozent der 644 befragten Arbeitnehmer Home-Office als „Super Sache“, 22 Prozent stehen dem eher positiv gegenüber. Insgesamt 15 Prozent der Arbeitnehmer sehen diese Arbeitsform als Problemstifter.

Home-Office ist „kein Thema“

Umfrage-Home-Office-Arbeitgeber_2Bei den Arbeitgebern zeigt sich ein anderes Bild. 22 Prozent der 189 Befragten sehen Home-Office als Segen, mehr als jeder Zweite (52 Prozent) findet dieses gut – sofern die Voraussetzungen dafür gegeben sind. 21 Prozent erlauben die Arbeit von zu Hause nur, wenn die Mitarbeiter zu Meetings ins Unternehmen kommen. Für fünf Prozent ist Home-Office kein Thema. Streit ist demnach vorprogrammiert, die Ergebnisse lassen jedoch zwei spannende Rückschlüsse zu: Einerseits ließen sich jene Arbeitnehmer, die dem Thema jetzt kritisch gegenüber stehen, durch bessere Organisation und Kommunikations dafür begeistern. Arbeitgeber andererseits stehen dem Thema mit vielen Vorbehalten gegenüber. Es kann also angenommen werden, dass sie sich aus ihrer aktuellen Situation heraus wenig bis kaum vorstellen können, dass ein Arbeiten ohne ständiger Anwesenheit produktiv ist. Und genau hier ortet Bartz die Wurzel des Problems.

„Es braucht eine Schulung der Führungskräfte“

„Damit Home-Office funktioniert, braucht es zuerst eine Schulung der Führungskräfte. Denn 70 bis 80 Prozent der Chefs führen noch über verhaltensorientierte Kontrolle. Dies bedeutet, sie beurteilen ihre Mitarbeiter dahingehend, wie sie sich verhalten“, so Batz. Wie sieht ein Mitarbeiter aus? Willig? Motiviert? Wann kommt er in der Früh? Wann verlässt er das Büro? Wie viel Zeit verbringt er vor dem Schreibtisch? Es sind Fragen wie diese, die definieren, ob jemand als fleissig und motiviert oder eben das Gegenteil angesehen wird. „Daher kommt auch der Neid, wenn jemand von zuhause aus arbeitet und nicht klar ist, wie die Leistung gemessen wird“, erklärt Bartz. Was es braucht, ist eine Führung durch Ziele. Wie diese erreicht werden, ist Sache des Mitarbeiters. „Das hat viel mit Vertrauen zu tun, die Führungskraft steht maximal als Coach zur Seite.“

Es braucht mehr als Laptop und Smartphone

Barbara Josef

Barbara Josef

Dass die Führungs- und Arbeitskultur entsprechend ausgerichtet sein muss, betont auch Barbara Josef, Leiterin Kommunikation bei Microsoft Schweiz. Als zweite Voraussetzung für funktionierendes Home-Office sieht sie die Hilfsmittel, die dem Mitarbeiter zur Verfügung gestellt werden. „Ein Laptop und Smartphone ist sicher schon mal ein guter Anfang – um jedoch auf Distanz produktiv zu arbeiten ist wichtig, dass gewisse Lösungen wie Chat, Video-Conferencing, Bildschirmteilen und Team-Workspaces zum Ablegen und gleichzeitigen Bearbeiten von Dokumenten zur Verfügung stehen.“

Flexibles Arbeiten ist Evolution und nicht Revolution

Organisationen, die bisher noch keine Erfahrungen mit dem flexiblen Arbeiten gesammelt haben, rät Josef, gemeinsame Ziele und Regeln zu vereinbaren, um Unsicherheit möglichst zu vermeiden. „Flexibles Arbeiten ist Evolution und nicht Revolution, das heisst man kann Veränderungen nur einführen, wenn die alten Spielregeln durch neue abgelöst werden. Diese müssen nicht unbedingt explizit schriftlich und in Form eines Regelwerks verfasst sein. Es genügt, wenn man im Team bespricht, mit welcher Form der Zusammenarbeit und auch Kontaktintensität sich die Mitglieder wohlfühlen. Wenn man hier sensibel und vorausschauend vorgeht, sehe ich keine Gefahren. Natürlich gibt es in jeder Organisation schwarze Schafe. Zum einen finden diese aber auch in Präsenzkulturen Schlupflöcher, zum anderen lässt sich dieses Thema mit klaren und auch fordernden Zielvereinbarungen recht gut in den Griff bekommen. Es wäre schade, wegen einigen Ausreissern die oft hochmotivierte Mehrheit zu bremsen“, so Josef.

Christa Schirl

Christa Schirl

Tipps für „Home-Office-ler“

Wer bereits ab und zu oder regelmäßig von zu Hause aus arbeitet, kennt die Vorteile aber auch die Nachteile der Flexibilität. Arbeitspsychologin Christa Schirl hat einige Tipps für diese Arbeitnehmer bereit:

  1. Auf Abgrenzung schauen: Man sollte wenn möglich nicht im Schlaf- oder Wohnzimmer arbeiten. Am besten wäre es, man hat auch zu Hause einen klar definierten Arbeitsbereich. Denn hier kommt man schnell in die Falle, nicht abschalten zu können.
  2. Rituale: Auch wer zu Hause arbeitet, sollte sich Rituale angewöhnen, die Arbeitsbeginn und -ende bedeuten. Dies kann sein eine Tasse Kaffee, das „Übersiedeln“ auf den Arbeitstisch oder das Stummschalten des privaten Smartphones.
  3. Vernetzen: Auch wenn man zu Hause arbeitet, sollte man auf Austausch mit Kollegen achten. Ruhe und Konzentration sowie Austausch: man braucht beides – sowohl im Großraumbüro, als auch zu Hause im Home-Office.

Zwei Betroffene erzählen

Benjamin Prömmer, Softwareentwickler bei Insite, arbeitet seit Oktober 2012 im Home-Office. Ein paar Mal pro Monat ist er bei Kunden oder im Firmensitz. „Die Arbeitszeit teile ich mir selbst ein, vom Arbeitgeber habe ich keine Vorgaben. Meistens habe ich aber einen normalen Arbeitstag mit einer Stunde Mittagspause. Es kann aber auch schon mal vorkommen, dass ich meine Arbeitszeit splitte und zum Beispiel an einem heißen Sommertag eine längere Mittagspause mache. Das ist aber nicht die Regel, da ich ja auch mit anderen Leuten zusammenarbeite“, so Prömmer. Kollegen vermisst er manchmal schon, er kommuniziert vorwiegend per Skype und E-Mail mit seinem Arbeitgeber aber auch den Kollegen.

Frau K. möchte anonym bleiben, sie arbeitet seit September 2010 von zu Hause aus, die Arbeitszeit ist vorgegeben. „Zu 95 Prozent bin ich zu diesen Zeiten auch erreichbar.“ Die Arbeitsform fällt ihr leicht, sie beschreibt sich selbst als gewissenhafte Person. „Ich notiere alle Projekte, Arbeitsschritte und E-Mails, sodass jeder in meinem Kalender nachsehen kann, was ich gemacht habe.“ Kollegen vermisst auch sie, „dafür gibt es aber Handy und E-Mail.“ Einmal pro Monat ist sie jedoch auch im Office.

Übrigens: Am 13. Juni ist in Österreich wieder Home-Office-Day.

Zu den Personen

Michael Bartz ist langjähriger Industriemanager, 2010 hat er sich seinen Lebenstraum erfüllt und eine volle Professur an der IMC FH Krems angenommen. Dort leitet er das „New World of Work“-Forschungszentrum. Informationen und Ergebnisse aus laufenden Forschungsprojekten werden am New World of Work-Blog regelmäßig veröffentlicht.

Barbara Josef ist Leiterin Kommunikation und gesellschaftliches Engagement bei Microsoft Schweiz. In dieser Rolle ist sie auch Projektleiterin des Schweizer Home-Office Days, der 2010 ins Leben gerufen wurde und am 15. Mail 2014 bereits zum 5. Mal stattfindet.

Christa Schirl ist Psychologin aus Linz, einen Schwerpunkt hat sie auf das Thema Arbeitspsychologie gelegt.

Bildachweis: Sunny studio /Quelle Shutterstock,

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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