Interview: Generationenkonflikte haben viele Gesichter

von in Arbeitsleben, Arbeitsmarkt, HR am Mittwoch, 29. Mai 2013 um 10:32

„Du bist ja noch so jung.“ In Gehaltsdiskussionen oder aber auch dann, wenn es um den nächsten Karriereschnitt geht, fällt dieses Argument nicht selten. Generationenkonflikte haben eben viele Gesichter und rücken nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung immer mehr ins öffentliche Interesse. Mit einer empirischen Management-Studie gingen die vier Autoren des Buches „Jung & Gierig – Alt und Müde“ auf das Thema ein. Co-Autorin Tina Deutsch, Managerin bei Deloitte Human Capital, im Interview.

Erstaunt über die vielen emotionalen Reaktionen

Haben die Jungen wirklich nur Freizeit im Kopf? Ist Work-Life-Blending die Lösung? Und wie kann man gute Leute – ob jung oder alt – im Unternehmen halten? Tina Deutsch verrät es.

Gibt es Studienergebnisse, die Sie persönlich überrascht haben? Falls ja, welche?

Tina Deutsch

Tina Deutsch

Tina Deutsch: Wenn, dann am ehesten, wie viele emotionale Reaktionen das Thema Work-Life-Balance hervorruft. Von Empörung über die Begrifflichkeit bis hin zu erstaunlich heftigen Zuschreibungen der „Erfahreneren“ in Richtung Junge à la die wollen nichts mehr leisten bzw. sind faul geworden.

Der Buchtitel „Jung und Gierig“ lässt auf den ersten Blick an Elan und Eifer denken. Was sagen Sie zu Aussagen wie: „Die Jungen haben nur Freizeit im Kopf“?

„Junge“ definieren Leistung breiter

Tina Deutsch: Ah ja, genau. Die „Jungen“ haben absolut nicht „nur“ Freizeit im Kopf – sie sind absolut leistungsorientiert (nämlich noch mehr als die älteren Führungskräfte), aber definieren Leistung breiter, also nicht nur im Unternehmenskontext. Sie haben im Leben viele Ziele und suchen Sinnhaftigkeit in vielen verschiedenen Umfeldern und Lebensprojekten. Arbeit ist dabei nur mehr ein Teil.

Work-Life-Balance als Nummer-1-Karrierewunsch der jungen Generationen – weshalb ist das Ihrer Meinung nach so und wie viele Junge sind diesbezüglich zufrieden?

flexibilitaetTina Deutsch: Deshalb, weil eben die Arbeit nicht (mehr) den Lebensinhalt definiert bzw. die Jungen vielfältige Möglichkeiten suchen, um Sinnhaftigkeit zu finden und Leistung zu bringen. Erstaunlich viele Junge stellen klare Forderungen im Erstgespräch der Bewerbung – erstaunlich wenige finden sich in einer Realität wieder, wo ihnen der Wunsch nach mehr Flexibilität in ihrer Lebensgestaltung gewährt wird. Beziehungsweise bedeutet diese „Flexibilität“ in den meisten Fällen noch mehr Arbeit, da die konstante Verfügbarkeit an Erfahrung bedarf, um damit umgehen zu können (Grenzen setzen!).

Zu den im Buch erwähnten Begriffen Work-Life-Blending oder Fusion: Ist das die Lösung bzw. was braucht es auch Ihrer Sicht zur Umsetzung?

„Nicht Die, aber EINE Lösung“

Tina Deutsch: Das ist sicher nicht DIE Lösung – aber EINE Lösung, die für manche funktioniert. Kein striktes Abschalten vom Job mehr sobald ich das Büro verlasse, aber auch kein striktes Abschalten vom Privatleben, sobald ich „in der Arbeit“ bin (sofern dieses „in der Arbeit“ überhaupt noch durch einen Ort definiert ist). Das überfordert andererseits viele, die unbedingt diese Differenzierung brauchen – vor allem, wenn sie sich nicht so sehr inhaltlich mit ihrer Arbeit identifizieren, sondern diese als „Broterwerb“ sehen.

Sehr spannend fand ich Ihren Ansatz, dass oft nur Arbeitnehmer mit Kollegen mit gutem Gewissen früher nach Hause gehen könnten. Akzeptanz für die individuellen Bedürfnisse der Menschen – wo stehen wir da?

auf die uhr schauenTina Deutsch: In Österreich gibt es nach wie vor ein Auf-die-Uhr-Schauen und Augenverdrehen, wenn jemand um 14 Uhr das Büro verlässt. Und ein schlechtes Gewissen der Gehenden. Das ändert sich aber rasant – schon alleine durch die technischen Möglichkeiten. Man muss auch sehr individuell agieren – manche stört es wirklich, am Sonntag um 15:00 ein E-Mail vom Chef/von der Chefin zu bekommen (Stress!) – andere können das gut trennen bzw. finden es sogar spannend, immer involviert zu sein.

Abschließend: Wie versuchen Sie, gute Leute zu halten?

Tina Deutsch: Durch Ehrlichkeit & sehr transparente Kommunikation, viel Feedback, viel Nachfragen und den Versuch, ihnen wichtige Themen und Projekte zu übergeben, die sie verantworten können und an denen sie wachsen.

Methodik und näheres zum Buch

Jung und GierigFür die Untersuchung wurden die beiden Altersgruppen zu ihrer jeweiligen Einschätzung der Generationenfrage befragt, insgesamt 266 Mitglieder des WdF (Wirtschaftsforum der Führungskräfte) nahmen an der webgestützten Befragung teil. „Jung & Gierig – Alt und Müde?“, Facultas Verlag, 129 Seiten, 18,50 Euro.

Bildnachweis: Andre Blais / Quelle Shutterstock, Sergey Nivens, / Quelle Shutterstock, ollyy / Quelle Shutterstock

 

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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