Entschleunigung: „Die Menschen müssen lernen, sich Nichts-Tun zu erschaffen“

von in Arbeitsleben am Freitag, 24. Januar 2014 um 11:12

Immer mehr Menschen wollen etwas gegen den Stress und die Hektik in ihrem Leben unternehmen. Entschleunigung ist hierbei das Schüsselwort. Wie diese funktioniert und weshalb Menschen, denen die Arbeit Spaß macht, die schwierigsten Klienten sind, hat Psychotherapeutin Helga Obermair im ersten Teil des Interviews erklärt. Heute geht es unter anderem um die Frage, wie man sich ein gutes Jetzt schaffen kann.

„Wann ich meine E-Mails lese, bestimme ich“

Immer häufiger liest man, dass die Welt immer schneller wird. Zu Recht? 

Helga Obermair

Helga Obermair

Helga Obermair: Ich glaube schon, dass die Entwicklung immer fort geht, und dass man sich anpassen muss. Aber: Wann ich meine E-Mails lese, bestimme ich. Es wurde herausgefunden, dass, wenn man sich immer wieder durch E-Mails und dergleichen stören lässt, man im ganzen Tag 28 Prozent mehr Zeit braucht, um etwas fertig zu stellen. Als Lösung sollte man versuchen, sich freie Zeit einzuteilen, in der man sich uneingeschränkt auf eine Sache konzentrieren kann. Das ist jedoch extrem schwierig in die Praxis umzusetzen. Auch, weil Multitasking eher als positive Eigenschaft gesehen und häufig erwünscht ist. Dass es die Leute auf Dauer ruiniert, wird oft übersehen.

„Die Jüngeren treiben sich immer mehr in die Hektik hinein“

HektikGibt es Gruppen von Menschen, die stärker von der zunehmenden Beschleunigung betroffen sind?

Helga Obermair: Ja, die Jüngeren treiben sich immer mehr in das hinein. Bei den Älteren gibt es eine ganz andere Schwierigkeit, nämlich jene dass sie neue Dinge dazu lernen müssen, es vielleicht aber gar nicht so unbedingt möchten. Wieder anders ist es bei Frauen, weil die meisten mehrere Ebenen haben, in denen sie verantwortlich sind.

Auch Pause machen will gelernt sein

Angenommen, ein Klient kommt mit Schlafstörungen zu Ihnen. Wie gehen Sie vor?

Richtig Pause machenHelga Obermair: Als ersten Schritt mache ich eben diese Zeitanalyse, wo wir uns gemeinsam eine Woche ansehen und erarbeiten, wie die Zeit verbracht wird. Als nächster Schritt kann geschaut werden, welche Prioritäten es gibt bzw. ob die Person in der Lage ist, welche zu setzen. Weitere mögliche Fragen sind: Gibt es störungsfreie Zeiten? Werden Pufferzonen eingebaut? Hat die Person je im Leben gelernt, nein zu sagen? Zu Kollegen? Zum Chef? All dies ist bei jedem individuell verschieden. Weiters ist es wichtig, sich auch die Pausen anzusehen. Es gibt leider genügend Menschen, die am Abend das erste Mal am Tag etwas essen und gar trinken. Sie müssen lernen, Pausen einzubauen. Etwa in dem sie sich ein Glas Wasser herrichten, einen Apfel essen oder die Pflanzen im Büro gießen. Wenn diese Sachen geklärt sind, gehe ich als nächstes darauf ein, wie die Menschen sich am besten Ausgleich schaffen können.

„Wir haben 24 Stunden. Egal, was wir tun.“

Wie kann dieser Ausgleich aussehen?

GeschwindigkeitHelga Obermair: Das ist ganz unterschiedlich. Es kann zum Beispiel ein Spaziergang sein, ein Bad oder Zeitunglesen. Und auf einmal ist man es wieder. Die Menschen müssen lernen, sich Nichts-tun zu erschaffen. Einmal nichts tun müssen, sondern nur tun dürfen. Da erholen sich die Menschen am meisten. Es ist dabei ganz wichtig, dass man es mit einem guten Gefühl angeht und sich selbst kein schlechtes Gewissen macht.

Haben wir wirklich zu wenig Zeit?

Helga Obermair: Nein, Zeit gibt es genug. Wir haben 24 Stunden. Egal, was wir tun. Aber Lebenszeit haben wir nicht so viel. Man muss sich überlegen, was man in seinem Leben haben möchte. Gesundheit, eine Familie, Freude, Arbeit. Die meisten Menschen konzentrieren sich zu sehr auf die Arbeit.

Wie kann man sich ein gutes Jetzt schaffen?

Ist es nur ein Gefühl, oder wird den Menschen dieses Ungleichgewicht tatsächlich immer bewusster?

Gutes JetztHelga Obermair: Ich denke ja. Es merke nicht nur ich, sondern auch meine Kollegen, dass immer mehr Menschen mit diesem Thema kommen. Es wird immer mehr Wert darauf gelegt, wie man sich ein gutes Jetzt schaffen kann. Denn das gibt Erholung und wirkt auch als Kraftquelle. Wenn ich zum Beispiel eine zeitlang auf das Meer blicke, bin ich ganz bei mir, das Meer wird zum Pool, aus dem Neues entstehen kann. Ich habe eine ganz positive Prognose, was die Zukunft betrifft, da immer mehr Menschen dies erkennen oder für sich suchen.

„Das Leben rückwärts betrachten: Was will ich erlebt haben?“

Die Frage, die sich jeder stellen sollte, ist: „Was ist das Wichtigste in meinem Leben?“ Als Antwort kommt tatsächlich oft die Arbeit, jedoch auch „ich möchte meine Frau nicht verlieren“ oder „ich möchte gesund bleiben“. Die Lebensfreude und Lebensenergie behält man, wenn alles stimmt: Gesundheit, Beziehungen, die Karriere und die persönliche Entwicklung. Als kleine Hilfestellung könnte man versuchen, sein Leben rückwärts zu betrachten und sich etwa fragen, was will ich erlebt haben, wenn ich alt und grau bin.

Zur Person: Helga Obermair

Helga Obermair ist Coach und Therapeutin in Linz. Einer ihrer Schwerpunkte ist das Thema der Entschleunigung, hierzu bietet sie monatlich Themenabende unter dem Motto „Durchatmen im Alltag, entschleunigen, entspannen“ an. Mehr Infos zu ihrer Person und dem Ausbildungsangebot gibt es online.

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Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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