All-In-Verträge werden leicht zur Mogelpackung

von in Arbeitsrecht am Mittwoch, 18. Dezember 2013 um 11:32

Sie schießen derzeit wie die sprichwörtlichen Schwammerl aus dem Boden: All-In-Verträge. All-In mag vielleicht beim Texas Hold’em Poker spannend sein, im Berufsleben ist es jedoch häufig eine recht ernüchternde Sache. AK-Präsident Johann Kalliauer erklärt im Interview, weshalb sich diese Vertragsform häufig als Mogelpackung herausstellt.

„All-in-Verträge in allen Einkommensschichten“

Johann Kalliauer, AKOÖ-Präsident

Johann Kalliauer

Ist es nur subjektives Empfinden oder werden tatsächlich immer häufiger All-In-Verträge gemacht?

Johann Kalliauer: Es ist nicht nur ein subjektives Empfinden, dass es immer häufiger All-In-Verträge gibt, das Ansteigen dieser Vertragsformen können wir aus der Beratung in der Arbeiterkammer bestätigen.

Gibt es Branchen, in denen diese häufiger zum Einsatz kommen?

Johann Kalliauer: Der Einsatz von All-In-Verträgen hat grundsätzlich nichts mit Branchen zu tun, sondern mit der Position der Arbeitnehmer/-innen. Ausgangspunkt für derartige Verträge waren gut Verdienende wie Top-Manager und sonstige leitende Angestellte. Wir beobachten aber nun eine Verbreitung der All-In-Verträge auch in vielen anderen Einkommensschichten.

Vorteil nur bei keinen oder wenig Überstunden

Was sind die größten Probleme damit? Und hat der All-In Vertrag für den Arbeitnehmer überhaupt auch einen Vorteil?

All_In_Vertrag_Wenig_GehaltJohann Kalliauer: Das größte Problem bei All-In-Verträgen besteht darin, dass sie leicht zur Mogelpackung werden. Die verhandelte Gesamtsumme erweckt den Anschein, ein angemessen hohes Entgelt zu verdienen. Allerdings reduziert sich der tatsächliche Stundensatz je mehr Überstunden geleistet werden. Einen Vorteil – wenn überhaupt – hätte man nur dann, wenn gar keine oder sehr wenige Überstunden geleistet werden, was in der Praxis bei All-In-Verträgen aber nie der Fall ist.

„Melden sich häufig, wenn sie den Überblick über ihre Stunden verloren haben“

Mit welchen Schwierigkeiten melden sich die Arbeitnehmer diesbezüglich bei der AK?

All_In_Vertrag_ArbeitszeitJohann Kalliauer: Arbeitnehmer/-innen melden sich bei uns, weil sie sich nicht sicher sind, ob tatsächlich alle von ihnen geleisteten Arbeitsstunden abgegolten sind und sie außerdem auch keinen Überblick mehr haben, was sie für ihre Normalarbeitszeit bekommen, wie hoch also ihr Grundentgelt ist. Aus dem schön klingenden Gesamtgehalt kann plötzlich eine sehr bescheidene Bezahlung für die Normalarbeitszeit heraus kommen und auch eine große Anzahl von Überstunden, die nicht mehr vom All-In-Gehalt abgedeckt sind.

Die Wahrheit ist oft sehr ernüchternd

Können Sie mir ein konkretes Beispiel nennen?

Johann Kalliauer: Wir versuchen anhand von Arbeitszeitaufzeichnungen der Betroffenen zu prüfen, ob auf Basis des kollektivvertraglichen Gehaltes auch wirklich alle Überstunden vom All-In-Gehalt abgedeckt sind. Es ist für die betroffenen Arbeitnehmer/-innen oft sehr ernüchternd, wenn ihnen bewusst wird, dass dies nicht der Fall ist und außerdem klar wird, dass sie nicht ein angemessenes Ist-Gehalt erhalten (wie sie zuerst gedacht hatten), sondern eigentlich nur für den kollektivvertraglichen Mindestlohn arbeiten.

Was genau ist der Unterschied zwischen All-In und der Überstundenpauschale?

All_In_Vertrag_UnklarheitJohann Kalliauer: Der Unterschied von All-In und Überstundenpauschale liegt darin, dass bei All-In-Verträgen eine Generalklausel vereinbart wird, dass mit dem Gesamtbetrag alle Arbeitsstunden abgedeckt sind. Es gibt meist keine eindeutige Zuordnung, welcher Entgeltteil nun für die Normalarbeitszeit und welcher für die Mehrleistungen ist.
Bei einer vereinbarten Überstundenpauschale ist im Unterschied dazu klar, wie hoch der Grundgehalt für die Normalarbeitszeit ist und welcher Geldbetrag für die Überstunden festgelegt ist bzw. wie viele Überstunden mit der sogenannten Überstundenpauschale abgedeckt sind.

Transparenz ist wichtig!

Welche Empfehlung gibt es für Arbeitnehmer, denen ein All-In-Vertrag geboten wird?

ArbeitszeitaufzeichnungJohann Kalliauer: Um letztlich prüfen zu können, ob zusätzlich zum All-In-Gehalt noch Anspruch auf Überstundenentgelt besteht, empfehlen wir unbedingt genaue Arbeitszeitaufzeichnungen zu führen. So kann dann auf Basis des kollektivvertraglichen Gehaltes berechnet werden, ob alle Mehrleistungen abgedeckt sind oder ob noch Anspruch auf ein weiteres Überstundenentgelt besteht. Empfehlenswert ist auch, dass Arbeitnehmer/-innen bei Beginn des Dienstverhältnisses und Vorlage eines All-In-Vertrages auf eine betragsmäßige Festlegung des Grundgehaltes bestehen, damit die Transparenz über die Höhe jenes Gehaltsbestandteiles besteht, der für die Mehrleistungen gedacht ist.
Wir haben als Arbeiterkammer bereits mehrmals eine bessere Transparenz von All-In-Verträgen gefordert, so zuletzt in der im November stattgefundenen Vollversammlung. Wie nun bekannt wurde, ist diese Forderung auch im neuen Regierungsprogramm aufgenommen worden. Es wird eine Verpflichtung zur ziffernmäßigen Ausweisung des Grundlohnes geben, wenn dieser Verpflichtung nicht nachgekommen wird, dann wird automatisch ein angemessener Ist-Lohn gelten.

Tipps

  • Unbedingt nachrechnen: Lohnt sich der All-In-Vertrag finanziell?
  • Arbeitszeiten aufzeichnen – sicher ist sicher.
  • Wenn Fragen auftauchten, steht die Arbeiterkammer für Auskünfte  zur Verfügung.

Bildnachweis: AK, Voyagerix / Quelle Shutterstock, Stokkete / Quelle Shutterstock, Valery Sidelnykov / Quelle Shutterstock, ra2studio / Quelle Shutterstock, lightwavemedia / Quelle Shutterstock

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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