Erstellt am 15. September 2020 · Arbeitsleben, HR · von

Unterfordert im Job? Was du tun kannst, damit aus Langeweile kein Boreout wird

Lesezeit: 5 Minuten

Internet surfen, Online-Spiele zocken, Zeitschriften lesen – und das alles in der Arbeitszeit. Klingt verlockend? Vielleicht auf den ersten Blick. Was viele aber unterschätzen: Dauerhafte Unterforderung kann krank machen. Was „normale“ Langeweile von Boreout unterscheidet und wie man die Durststrecke beenden kann, weiß Psychologin Christa Schirl.

Wenn von „gerechter Umverteilung von Arbeit“ die Rede ist, wissen viele Unterforderte genau, was gemeint ist: Während die einen in Arbeit ertrinken, langweilen andere sich in ihrem Job maßlos. Zum Burnout hat sich längst Boreout gesellt – die krankhafte Langeweile, die jegliche Motivation im Keim erstickt und uns antriebslos durch den Arbeitstag begleitet. Wir haben uns mit Psychologin Christa Schirl darüber unterhalten, wie man es vermeidet, dass aus Langeweile Boreout wird.

Christa Schirl

Christa Schirl

Langweile oder Boreout – wie gelingt die Unterscheidung?

Grundsätzlich ist Langeweile eine wichtige Fähigkeit, denn oft kommt man erst durch sie auf neue Ideen und wird kreativ. Anders gesagt: Nur ein leeres Glas kann gefüllt werden. Langeweile an sich ist auch noch keine Erkrankung, im Gegensatz zum Boreout, so Schirl: „Boreout bedeutet ausgelangweilt sein. Die Langeweile wird unerträglich und führt zu einer ernsthaften Erkrankung mit Symptomen wie Gereiztheit, Sinnlosigkeit, Leere und Depression. Man ist häufig unkonzentriert, kann sich nicht motivieren – und man bekommt nix fertig, obwohl man eh schon so wenig zu tun hat.“ Bei einem echten Boreout sollte man sich daher, genauso wie im Burnout, unbedingt in professionelle Behandlung begeben, rät die Psychologin. Gegen Langeweile und Unterforderung kann man hingegen selbst etwas tun.

Job Enlargement und Enrichment gegen Unterforderung im Job

Die Langeweile kommt daher, dass entweder meine Tätigkeit meinen Fähigkeiten nicht mehr entspricht, ich also mehr tun könnte. Oder aber ich hab schlicht zu wenig zu tun. „Um dem entgegenzuwirken, gibt es zwei Möglichkeiten: Job Enlargement und Job Enrichment“, erklärt Christa Schirl. Job Enlargement bedeutet, eine weitere Aufgabe zu übernehmen, die in etwa demselben Schwierigkeitsgrad der anderen Tätigkeiten entspricht. Christa Schirl erklärt ganz plakativ: „Wenn ich bisher nur Semmeln gebacken habe und die mach ich jetzt schon perfekt unter dem Zeitlimit, dann kommen als nächstes die Mohnflesserl dazu.“

Job Enrichment hingegen bedeutet, die Fähigkeiten innerhalb des Tätigkeitsbereichs auszubauen, also den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen. „Habe ich beispielsweise Buchhaltung gelernt und kann das sehr gut, dann lerne ich als nächstes die Lohnverrechnung und dann vielleicht noch die Bilanz dazu.“

Genug zu tun und dennoch gelangweilt

Keine Langeweile zu haben ist nicht gleichzusetzen mit einem leeren Schreibtisch. Die Unterforderung im Job kann verschiedene Ursachen haben, nur um ein paar Beispiele zu nennen:

  • Weil die Abteilung umstruktuiert wurde und ich laut meiner neuen Stellenbeschreibung plötzlich nicht mehr genug zu tun habe oder weil ein Geschäftszweig eingebrochen ist.
  • Es gibt Arbeitnehmer, die ganz bewusst auf Stellen gesetzt werden, wo sie nichts zu tun haben. Diese Mitarbeiter werden bewusst „ausgehungert“, bis sie sich von selbst verabschieden.
  • Manche Menschen brauchen einfach immer wieder etwas Neues in ihrem Leben. Sie sind typische Projektmenschen, denen bei Routinearbeiten schnell langweilig wird.
  • Es kann auch sein, dass mir die Aufgabe einfach nicht mehr entspricht. Menschen verändern sich: „Was vor zehn Jahren gepasst hat, ist heute vielleicht nicht mehr das Richtige für mich. Ich denke, da muss man mit sich selbst schonungslos sein. Langeweile bedeutet nicht immer, nichts zu tun zu haben, es kann mir auch das Team oder die Aufgaben zu fad geworden sein“, erklärt Christa Schirl.

Schweigen aus Angst vor der Kündigung

Im Job nicht viel zu tun, einfach die Zeit abzusitzen und keinen Stress zu haben, klingt für manche verlockend, doch die Sache hat einen Haken, so Schirl: „Wir wollen uns durch unsere Arbeit auch verwirklichen und Sinn stiften. Wir geben für unseren Job einen Teil unserer Lebenszeit. Und wenn wir Lebenszeit für etwas geben, das keiner möchte, frustriert das ungemein. So, als würde man ein Restaurant eröffnen und keiner geht hin: Ich habe etwas im Angebot aber keiner interessiert sich dafür. Das schmerzt – auch unbewusst. Wir alle haben Lebenszeit, die endend ist, und die will nicht vertan werden.“

„Wir alle haben Lebenszeit, die endend ist, und die will nicht vertan werden.“

Nichts zu tun zu haben bedeutet außerdem nicht unweigerlich „kein Stress“ – denn aus Angst vor Jobverlust gibt niemand gerne zu, dass er eigentlich unterbeschäftigt ist. Das führt zu psychischem Stress. Schirl: „Immer vorzugeben, etwas zu tun zu haben, obwohl man unterfordert ist, ist sehr belastend. Man spielt den anderen dann permanent etwas vor.“ So verständlich es ist, dass jemand nicht gerne zugibt, unterbeschäftigt zu sein, so wichtig ist es, dennoch dagegen anzugehen.

Raus aus der Opferrolle! Wege aus der Unterforderung

Als ersten Schritt überlegst du für dich, was du eigenständig initiieren oder anpacken könntest: Etwas vorarbeiten, die Kollegen unterstützen oder ein neues Projekt auf Schiene bringen. Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die Arbeit ganz von selbst sehen und sich schnell etwas zu tun finden. Nütze diese Gabe. Allerdings ist es natürlich nicht sinnvoll – und schon gar nicht erfüllend – Konzepte nur für die Schublade zu schreiben oder das Büro zum fünften Mal in der Woche aufzuräumen.

Im zweiten Schritt musst du deiner Führungskraft vermitteln, dass du noch Ressourcen frei hast. Dabei kommt es auf die Wortwahl an. Vermeide: Mir ist in der Arbeit so fad. Besser ist, du sagst: Ich habe noch Kapazitäten frei und würde gerne neue Aufgaben übernehmen. Gerne kannst du das auch mit einem Hilfsangebot deinerseits kombinieren: „Wenn wo Not am Mann ist, helfe ich gerne. Ich hab noch Ressourcen.“ Mit etwas Glück bekommst du sogar die Chance, neue Projekte, Berufsfelder oder sogar Abteilungen kennenzulernen – das kann der erste Schritt in Richtung berufliche Weiterentwicklung sein.

Das Gespräch suchen

Wichtig ist, dass man selbst das Gespräch sucht und mit der Personalabteilung oder Führungskraft bespricht: Was kann ich schon? Wo könnte ich mich hinentwickeln? „Das kann mehrmals nötig sein, weil Führungskräfte den Ernst der Lage vielleicht nicht gleich erkennen“, erklärt Schirl und betont: „Der Schritt raus aus der Opferrolle erfordert auch genaues Hinsehen: Ist meine Langeweile zeitlich begrenzt, weil die Saison es mit sich bringt? Was unterfordert mich genau? Ist es die Tätigkeit an sich, sind es die Kunden? Was brauche ich an Herausforderung? Und auch: Wie sieht meine Freizeit aus? Was tut sich privat?“ Denn Langeweile im Job kann man bis zu einem gewissen Grad auch mit einem erfüllten Privatleben ausgleichen – allerdings nicht dauerhaft. „Für die Work-Life-Balance braucht es positive Erlebnisse und Zufriedenheit auf beiden Seiten“, gibt Schirl zu bedenken.

Langeweile oder Unterforderung für sich nutzen

Christa Schirl betont: „Jede Krise ist auch eine Chance. Angesichts großer Langeweile im Job kann ich mir folgende Fragen stellen: Was würde mich wirklich glücklich machen? Was würde mich beruflich noch reizen?“ Wichtig ist, dass man im Gespräch mit der Führungskraft auch selbst Veränderungsmöglichkeiten anbietet: Stunden reduzieren, in Bildungskarenz gehen oder Fortbildungen besuchen. „ Es reicht nicht, zu sagen: Mir ist fad, Chef, bitte liefere! Sondern man muss selbst überlegen: Was könnte ich noch oder stattdessen tun, wer könnte meine Aufgaben übernehmen … Wichtig ist, dabei immer auch den Nutzen fürs Unternehmen zu bedenken und zu betonen.“

„Immer auch den Nutzen fürs Unternehmen bedenken!“

Trotz aller Überzeugungsarbeit sind eine Weiterentwicklung oder ein Umstieg nicht immer möglich. Christa Schirl zeigt dafür ein gewisses Verständnis: „Führungskräfte verweigern das oft, ganz einfach weil sie der Meinung sind: Never change a winning team. Manchmal sieht der oder die Vorgesetzte die Notwendigkeit zur Veränderung auch nicht, oder sie ist tatsächlich nicht gegeben. Das ist zwar verständlich, aber wenn wirklich kein Umstieg oder keine Weiterentwicklung ermöglicht werden, dann muss man als Mitarbeiter die letzte Konsequenzen ziehen und den Job wechseln.“

Bildnachweis: shutterstock/fizkes

Redaktion