Erstellt am 7. Dezember 2020 · Arbeitsleben, HR · von

Resilienzfaktoren: Diese Fähigkeiten helfen uns gut durch die Corona-Krise

Lesezeit: 5 Minuten

Es ist ein anstrengendes Jahr, das unsere mentale Widerstandskraft enorm fordert. Das gelingt manchen besser, anderen weniger. Eine Studie hat ermittelt, welche Fähigkeiten dafür sorgen, dass wir resilienter durch die Corona-Krise kommen.

Der erste Lockdown im Frühjahr, ein reisebeschränkter Sommer, steigende Infektionszahlen im Herbst mit anschließendem zweiten Lockdown und dazwischen auch noch ein Terroranschlag … Wir haben in diesem Jahr schon sehr viel überstanden und werden auch die kommenden Monate noch gut meistern. Was uns dabei hilft, sind bestimmte Resilienzfaktoren, das hat die aktuelle Studie „Resilienz und psychisches Befinden in der Corona-Krise“ des Instituts Igemo gezeigt. Anneliese Aschauer-Pischlöger, Psychologin und Teil des Forschungsteams, lässt mit uns die außergewöhnlichen Herausforderungen dieses Jahres Revue passieren und erklärt, welche Fähigkeiten uns dabei helfen, besser mit der Krise umzugehen.

Belastende Faktoren: Was unsere Psyche fordert

Die Corona-Krise zieht sich schon viel länger als befürchtet. Bemerkst du als Psychologin Auswirkungen dieser langen Dauer?

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr konnte man feststellen, dass sich im Sommer das seelische Erleben eher wieder stabilisiert hat. Durch die Möglichkeiten, viele Aktivitäten nach draußen zu verlagern und dass Reisen eingeschränkt, aber doch, möglich waren und man sich wieder mit Menschen treffen konnte, hat für viele die Situation eher entspannt.

Anneliese Aschauer

Resilienz-Expertin Anneliese Aschauer-Pischlöger

Der zweite Lockdown gerade jetzt in der doch eher trüben Jahreszeit, mit der viele Menschen ohnehin stimmungsmäßig kämpfen, ist für viele neuerlich eine enorme Belastungssituation mit zusätzlichen Wirkfaktoren.

Welche Faktoren sind das?

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Es kommen mittlerweile viele Faktoren zusammen, die für Menschen in Summe krisenhaft wirken können:

  • Durch die steigenden Infektionszahlen mehren sich wieder Ängste, sich selbst und dann auch andere anzustecken. Auch die Sorgen um ältere Familienmitglieder oder Risikogruppen im Familien- und Freundeskreis steigen.
  • Noch im Frühjahr gab es die Hoffnung, diese Pandemie rasch wieder in den Griff zu bekommen – nun wird immer klarer, dass es zwar hoffnungsvolle Prognosen Richtung Mitte 2021 gibt, der Zeitraum bis dahin erscheint dennoch vielen sehr lange und es existiert eine große Unsicherheit, wie lange uns diese Pandemie tatsächlich noch belasten wird und welche Einschränkungen noch kommen werden. Dieses Gefühl der Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit stellt für viele Menschen eine starke Belastung dar.
  • Durch die Ausgangsbeschränkungen erleben sich viele Menschen stark in ihrem persönlichen Freiheits- und Autonomiebedürfnis eingeschränkt. Das geforderte Social Distancing mit Beschränkung der Kontakte lässt Menschen starke Isolations- und Einsamkeitsgefühle erleben. So berichten Menschen, die alleine leben, dass sie sich gerne mit Freunden und Familie treffen würden, selbst aber sehr vorsichtig geworden sind und auch die Freunde zum Teil persönliche Kontakte meiden. So verstärken sich gerade in der trüben Jahreszeit, in der Beziehungen und Kontakte noch wichtiger sind, die Gefühle des Allein-Seins und der Einsamkeit.
  • Der Ausblick auf den Advent und Weihnachten belastet viele Menschen – manch einer fragt sich bereits, ob er Weihnachten überhaupt bei seinen lieben Angehörigen verbringen wird können.
  • Die Aussicht auf freudvolle Ereignisse wie Urlaube, Familienfeiern, Ausflüge, Weihnachtsfeiern etc. fehlt zunehmend. Viele Menschen haben den Eindruck, dass ihr Leben derzeit hauptsächlich aus arbeiten und zuhause bleiben besteht.
  • Gerade junge Menschen berichten darüber, dass sie zunehmend das Gefühl haben, sie leben an ihrem Leben vorbei. Gerade diese Jugend-Phase des Sich-Findens und Sich-Auslebens, in der gerade Freunde und Peergroups eine Riesenbedeutung haben und das Planen der nächsten Wochen und Monate mit spannenden Events so wichtig ist, wird als stark eingeschränkt erlebt. Junge Menschen erleben das Social Distancing trotz digitaler Möglichkeiten als starke Beschränkung und empfinden Trauer, Wut, und Einsamkeit.
  • Und ein großes Thema sind zunehmende existenzielle Sorgen wegen bereits stattgefundenem oder befürchtetem Jobverlust.
  • Desaster Fatigue wird von Psychologen die Erschöpfung und Frustration aufgrund der langen Dauer und des nicht vorhersehbaren Abklingens der Pandemie genannt.

Überlagerungsphänomene sorgen für allgemeine Verunsicherung

Zusätzlich zur Corona-Pandemie hat es dann auch noch einen Terroranschlag in Wien gegeben. Wie wirkt sich das aus?

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Die Corona-Pandemie und allen dazu gehörigen Belastungen haben uns bereits viel Energie gekostet. Jetzt gibt es eine zusätzliche Bedrohung durch einen aggressiven Terrorakt. Für manche Menschen, die ohnehin schon sensibler bzw. vielleicht psychisch labiler waren, ist dies schlichtweg zu viel. Sie haben seitdem nicht nur im Hinblick auf Corona Ängste, sondern fühlen sich insgesamt im Leben unsicherer.

Psychologen sprechen dabei von Überlagerungsphänomenen: Mehrere krisenhafte Ereignisse überlagen sich wechselseitig und können in der Summe nicht mehr gut differenziert und bewältigt werden. Die Menschen haben den Eindruck, dass sie den Boden unter den Füßen verlieren und die Gefahr ist, dass sich in den Menschen ein generalisiertes Unsicherheits- und Angstgefühl ausbreitet. Das kann bei sehr belasteten Menschen zu einem Einigelungseffekt führen und zu Gedankenkreisen, die sich wie eine Panikschleife noch weiter verselbstständigen.

Gibt es Personengruppen, die besser mit der Situation zurechtkommen als andere?

Anneliese Aschauer-Pischlöger: In unserer Studie, in der wir über 1700 Menschen befragen konnten, hat sich bisher eindeutig gezeigt, dass es ein paar Gruppen gibt, die besonders unter der Pandemie leiden. Das sind vor allem alleinerziehende Frauen, Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren oder keine Arbeit haben und Menschen, die alleine leben.

Interessant war für uns das Ergebnis, dass ältere Personen wesentlich besser mit der Krise zurechtkommen als erwartet. Dies wird auch durch weitere Studien bestätigt, die besagen, dass ältere Menschen psychisch widerstandsfähig gegenüber den Belastungen durch Ansteckungsangst und Isolation sind.

Eine Studie der Sozialmedizinerin Susanne Röhr von der Universität Leipzig mit 1005 Menschen zwischen 65 und 94 Jahren zeigte, dass die Mehrheit zwar besorgt war und die Pandemie nicht auf die leichte Schulter nahm, sich dennoch aber nur wenige dadurch gestresst fühlten. Eine Tagebuchstudie der University of British Columbia zeigte, dass sich sogar die Älteren (ab 60 Jahre) emotional am wenigsten belastet fühlten.

Die 4 wichtigsten Resilienzfaktoren zur Krisenbewältigung

gut mit sich selbst umgehen

Sich selbst etwas Gutes tun trägt zur besseren Stressbewältigung bei.

An welchen Fähigkeiten liegt es, dass manche mental stärker sind?

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Betrachtet man die Resilienzfaktoren, so konnten wir mit der ersten und zweiten Erhebungswelle unserer Studie zeigen, dass es ein paar zentrale Fähigkeiten sind, die ganz besonders zu einem positiven psychischen Befinden beitragen. Im Wesentlichen haben sich 4 Faktoren als besonders resilienzfördernd und stabilisierend für das psychische Wohlbefinden herausgestellt:

Realistischer Optimismus

  • Auch in schwierigen Phasen die Zuversicht nicht verlieren
  • Chancen und Möglichkeiten erkennen
  • Positive Grundhaltung auch in kritischen Situationen
  • Das „Gute im Schlechten“ wahrnehmen
  • Krisen bieten Lernchancen
  • Das „Licht am Ende des Tunnels“ erkennen, sprich Krisen gehen vorbei

Akzeptanz

  • Dinge in einer angemessenen Zeit annehmen, so wie sie sind
  • Die Vorstellung davon, „wie es sein sollte“ oder „wie es besser wäre“, loslassen
  • Unveränderbares akzeptieren
  • Sich einlassen auf Unbekanntes, Neues und Unliebsames
  • Aussteigen aus Hadern und Opferhaltung
  • Mut und Zuversicht

Zukunftsorientierung

  • Offen sein für Neues
  • Hohe Entwicklungs- und Veränderungsbereitschaft
  • Blick ist nach vorne gerichtet
  • Energie eher auf Lösungen, Möglichkeiten und gute nächste Schritte gerichtet
  • Vermeiden von Problemanalysen
  • Wissen darum, dass Herausforderungen einen meistens stärker machen

Gesunde Selbstfürsorge

  • Achtsamer Umgang mit sich selbst
  • Die eigenen Bedürfnisse und Grenzen wahrnehmen und ernst nehmen
  • Sich in erschöpfenden Phasen bewusst Zeit für Regeneration nehmen
  • Dinge tun, die einem gut tun und Freude bereiten
  • Sich von Situationen fernhalten, die einem nicht gut tun
  • Die Fähigkeit auch mal „Nein“ zu sagen

 

Was man tun kann, um die eigene Widerstandsfähigkeit zu verbessern, hat uns Anneliese im Podcast erklärt:

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.

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