Erstellt am 3. Dezember 2019 · Arbeitsleben, HR · von

Das Asperger-Syndrom als Superkraft: Warum Autisten eine Bereicherung fürs Team sein können

Lesezeit: 5 Minuten

Die Zusammenarbeit mit Autisten kann herausfordernd sein, denn speziell Menschen mit Asperger-Syndrom ticken in manchen Bereichen einfach anders. Dass das aber kein Nachteil, sondern sogar eine Bereicherung fürs Team sein kann, erklärt Arbeitspsychologin Christa Schirl im Gespräch. Außerdem beantwortet sie uns, wo Autisten einen Vorteil haben, in welchen Berufen sie erfolgreich sind und was man in der Zusammenarbeit beachten muss.

Greta Thunberg hat es und bezeichnet es als „Superpower“, die sie auszeichnet. Sie ist weder narzisstisch noch bestechlich, und das zeichnet Menschen mit dem Asperger-Syndrom aus. ASS, wie Autismus in der Psychologie heißt, rückt momentan – nicht zuletzt durch seine polarisierende Vertreterin – ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Das merkt auch Arbeitspsychologin Christa Schirl bei den Vorbereitungen zur ausgebuchten Autismustagung 2019. „Das Thema interessiert die Menschen“, erklärt sie uns und lädt uns zum Gespräch über Autismus im Berufsleben und das Asperger Syndrom als Superkraft.

Was ist das Asperger-Syndrom und was bedeutet ASS?

Arbeitspsychologin Christa Schirl

Arbeitspsychologin Christa Schirl

Autismus ist auch in der Psychologie eher eine Randerscheinung. „Etwa 0,6 bis 1 Prozent der Bevölkerung sind von ASS, der Autismus-Spektrum-Störung, betroffen“, beginnt Christa Schirl das Gespräch. Umso verwunderlicher ist es, dass dieses Thema momentan so populär ist. Ein Grund dafür, so die Arbeitspsychologin, könnte Greta Thunberg sein. „Sie spricht sehr offen über ihr Asperger-Syndrom und bezeichnet es als Superpower, die sie zu dem befähigt, was sie tut“, erklärt die Psychologin und räumt gleich mit einem Missverständnis auf. Autismus ist nicht gleich Asperger: „Autismus tritt in vielen verschiedenen Varianten auf, das Asperger-Syndrom ist nur eine davon.“

Autismus im Beruf: Ist das Asperger Syndrom eine Superkraft?

„Natürlich kann nicht jeder, der eine Form von ASS hat, von einer Superpower sprechen. Nicht hinter jedem Betroffenen steckt ein Genie. Oft haben Autisten, speziell Menschen mit Asperger-Syndrom, aber eine außergewöhnliche Begabung oder ein Fachgebiet, in dem sie irrsinnig viel wissen und in dem sie wahre Experten sind“, erklärt Christa Schirl. Was das Asperger-Syndrom sozusagen zur Superkraft macht, beschreibt die Psychologin folgendermaßen: „Menschen mit dieser Form von ASS folgen ganz klar ihrem Verstand und lassen sich nicht von Emotion oder ihrem Bauchgefühl ablenken. Sie sind sind nüchtern, sachlich, lassen sich nicht bestechen und bringen die Dinge absolut ehrlich auf den Punkt.“

Übersensible Sinne, geschärfte Wahrnehmung: Fluch und Segen im Arbeitsleben

Neben Logik, Sachlichkeit und Ehrlichkeit verfügen Autisten über eine besonders exakte Wahrnehmung, die sich „normale“ Menschen gar nicht vorstellen können. Diese Besonderheit kann im Berufsleben Vorteile bringen, aber auch zur Belastung werden, erklärt Schirl: „Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn Sie in den Wald gehen, sehen Sie den Wald. Der Autist sieht hunderttausend Blätter. Wenn Sie den Regen hören, hört der Autist jeden einzelnen Tropfen. Wenn Sie die Mona Lisa sehen, fällt Ihnen das berühmte Lächeln auf – der Autist erkennt vielleicht sogar jeden Pinselstrich. Menschen mit ASS nehmen alle Details wahr, das kann für sie sehr anstrengend sein.“

In welchen Berufen sind Autisten erfolgreich?

Ihre geschärfte Wahrnehmung in Kombination mit oft besonderem Expertenwissen macht Autisten zum Beispiel sehr erfolgreich im Qualitätsmanagement oder in der Juristerei, wenn es darum geht, Gesetze ganz genau auszulegen. Christa Schirl nennt noch weitere Bereiche: „Auch in der IT können sie sehr erfolgreich sein, denn oft sind sie sehr detailverliebt, sehr genau und erfassen Dinge, die „normale“ Menschen gar nicht bemerken. In der Buchhaltung oder im Controlling sind diese Fähigkeiten auch sehr gefragt.“ Das bedeutet aber nicht, dass Menschen mit ASS automatisch in Zahlen-basierten Berufen Fuß fassen müssen, ergänzt die Psychologin: „Es gibt auch sehr kreative Autisten, Bruckner oder auch Bach, wenn sie denn welche waren, wären hier Beispiele. Eben Genies in ihrem Bereich. In musischen, kreativen Dingen sind Autisten oft sehr erfolgreich, da sie ein gutes Vorstellungsvermögen haben.“

Wie finden Menschen mit ASS den passenden Beruf?

„Die oben genannten Berufe sind natürlich nur einige Beispiele“, betont Christa Schirl. Die jeweiligen Interessen und Begabungen sind wie bei jedem Menschen individuell. „Wichtig ist, dass es ein Beruf ist, in dem nicht dauernd Spontanität gefragt ist. Viele Autisten brauchen Routinen, Abwechslung stresst sie eher. Sich an neue Situationen anzupassen, kann sehr anstrengend für Autisten sein.“

Bei der Jobsuche sollten Autisten auf Rat der Psychologin jedenfalls thematisieren: Was sind die Stärken, wo sind die Begabungen und wie kann ich mich damit einbringen? „Das ist wie bei jedem anderen Menschen auch: Man sollte seine Besonderheit kommunizieren, um Verständnis dafür zu schaffen.“

Als Anlaufstelle für Beratung und Unterstützung empfiehlt Christa Schirl die Österreichische Autistenhilfe, die bei der Jobsuche und bei der Integration von Autisten in den Arbeitsbereich unterstützt. Aus psychologischer Sicht ermutigt sie sowohl Betroffene als auch Unternehmen zu mehr Integration im Berufsleben: „Wenn ein Autist einen Bereich gefunden hat, in dem er sehr gut ist, dann würde ich sagen: Go for it! Unternehmen sollten keine Scheu davor haben, Menschen mit Behinderung einzustellen, ganz im Gegenteil.“

Besonderheiten von Autisten anerkennen

Was muss man in der Zusammenarbeit mit Autisten beachten?

Während Autismus früher eine eher abwertende Diagnose war, sprechen Forscher sprechen heute vom Autism Advance. „Sie gehen davon aus, dass es gar keine Erkrankung, sondern ein Besonderheit, ein Vorteil ist“, schildert Christa Schirl. „Ich denke, wo ein Leidensdruck entsteht, ist es schon eine Erkrankung. Das ist besonders dann schlimm, wenn sie nicht erkannt wird. Die Grenzen zwischen Autist und Normalo sind ja fließend.“ Eine Diagnose ist also der erste Schritt zu einem erfolgreichen, glücklichen (Arbeits-)Leben für Autisten und ihre Mitmenschen, denn, so Schirl: „In der Zusammenarbeit mit Autisten ist es besonders wichtig, dass Klarheit über die Besonderheit des Menschen herrscht und man sein Anderssein als Chance betrachtet.“

Auch hier gilt wieder: „Ein Mensch ist ein Mensch und kein Autist. Jeder hat seine individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse, über die man der Arbeitgeber und das Team Bescheid wissen sollen.“ Einige „Grundregeln“ für die Zusammenarbeit mit ASS-Betroffenen erklärt die Arbeitspsychologin dennoch:

Grundregeln für die Zusammenarbeit mit Autisten

  1. Genug Ruhe und Routine schaffen

Autisten können nicht gut in Großraumbüros oder Klassenzimmern arbeiten – das Stimmengewirr halten sie aufgrund ihrer übersensiblen Sinne oft nicht aus. „Menschen mit ASS brauchen einen ruhigen, eigenen Bereich mit wenig Ablenkung oder Veränderungen. Einen Bereich, in dem sie ihre Expertise ausleben können, in dem das Team Bescheid weiß und genau diese Eigenschaften schätzt.“

  1. Unterschiede in der Kommunikation beachten

Kommunikation unterscheidet sich bei Menschen mit ASS sehr stark von „normalen“. Blickkontakt zu halten fällt ihnen beispielsweise oft schwer – das kann irrtümlicherweise als Desinteresse oder Schüchternheit interpretiert werden. Autisten nehmen Dinge zudem gern wortwörtlich, ergänzt die Psychologin: „Ironie oder Sarkasmus verstehen sie nicht ganz so gut. Insofern bestechen Autisten mit ihrer Ehrlichkeit, die aber manchmal auch vor den Kopf stoßen kann. Ein Autist sagt einfach, was Sache ist, und folgt der Logik. Das kann zu Konflikten im Team führen. Weil sie zu wenig darüber wissen, haben viele Menschen Schwierigkeiten mit Autisten.“

  1. Offen sein und Rücksicht nehmen

Damit die Zusammenarbeit mit Autisten gut funktioniert, ist Offenheit besonders wichtig, betont Christa Schirl. Vor allem die Führungskräfte und Personalverantwortlichen müssen hier als Vorbild fungieren und ihr Team entsprechend vorbereiten. Schirl empfiehlt: „Das funktioniert am besten mit konkreten Beispielen, wie das mit der Mona Lisa: Der versteht eure Witze vielleicht nicht so gut, dafür erkennt er jedes Detail in einem Bild, was toll ist! Er hört jeden einzelnen Regentropfen, also müsst ihr darauf achten, dass er konzentriert arbeiten kann. Wenn daneben jemand redet und Musik läuft, dann ist das für ihn sehr anstrengend. Wenn man das vorab so kommuniziert und darauf Rücksicht nimmt, dann kann die Zusammenarbeit im Team wunderbar funktionieren.“

Und wie gehts Menschen mit Asperger-Syndrom im Beruf? Ein Betroffener erzählt

Bildnachweis: shutterstock/Ollyy, ALbina Glisic

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.

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