Freizeit mit den Kollegen: Wahrheit oder Pflicht?

von in Arbeitsleben am Montag, 28. April 2014 um 10:25

Nach der Arbeit gemeinsam auf ein Eis? Oder, ganz sportlich, eine Laufrunde mit den Kollegen? Des einen Freud, des anderen Leid heißt es auch hier. Denn manche Kollegen sind bei gemeinsamen Aktivitäten immer dabei, andere selten bis nie. Woher das kommt und weshalb jeder Mensch anders tickt, erklärt Arbeitspsychologe Walter Schlögl vom Team für Angewandte Psychologie und Organisationsentwicklung (TAO).

Unterschiedliche Kontaktbedürfnisse

Freizeitgestaltung mit Kollegen ist meist ein zweischneidiges Schwert. Die einen freuen sich über gemeinsame Kinoabende, andere sehen Sie als Zumutung oder Verpflichtung. Was denken Sie? Woher kommt diese Diskrepanz?

Dr. Walter Schlögl

Walter Schlögl

Walter Schlögl: Das resultiert zu einem guten Teil wohl daraus, dass Menschen generell unterschiedliche Kontaktbedürfnisse haben und so schlägt sich das auch in „kollegialen Sphären“ nieder. Neben diesem persönlichkeitsspezifischen Erklärungsmuster sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass es auch Tendenzen zur „sozialen Erwünschtheit“ gibt, das heißt dass unausgesprochene Erwartungshaltungen nach einem Minimum an „kollegialer Anteilnahme“ Wirkung entfalten. Die Kontakttiefe und -häufigkeit orientiert sich also auch an sozialen Normen. Sich diesen ungeschriebenen Gesetzen völlig zu entziehen und nirgendwo mitzumachen, kommt oft einem „sich selbst ins Abseits Stellen“ gleich.

Sind gemeinsame Freizeitaktivitäten aus Ihrer Sicht wertvoll für das Teambuilding?

Ehrlichkeit TeambuildingWalter Schlögl: Das hängt sehr stark vom Ausgangspunkt ab: Dort, wo Kollegen sich für ihre Aufgabenerfüllung ein bisschen besser kennenlernen sollten, kann gemeinsame Freizeitaktivität auch ein wertvoller Beitrag für die Arbeit sein. Wenn jedoch beispielsweise der gemeinsame Kinobesuch mit anschließendem Pizza-Essen sehr vordergründig oder bemüht auf Teambuilding angelegt ist bzw. wenn Arbeitsinteressen nur mühsam verborgen durchschimmern, kann sich bei den Beteiligten das Gefühl einstellen in privaten Bereichen instrumentalisiert zu werden. Ein echtes „Teambuilding“ sollte in seinen Zielen transparent sein und vom Dienstgeber explizit veranstaltet werden.

Wie viel gemeinsame Zeit nach Feierabend ist gesund? Kann man es Ihrer Meinung nach auch übertreiben und beruflich und privat zu sehr vermischen?

Walter Schlögl: Meiner Erfahrung nach reguliert sich das überwiegend von selbst. Solange der außerberufliche Kontakt mit Kollegen als gewinnbringend erlebt wird, wird es ihn geben. Wenn es anstrengend oder „krampfig“ wird, hat man plötzlich oft andere Termine (oder gibt das zumindest vor). Die Grenzen zwischen passender und unpassender Überlappung beruflicher und privater Kontaktgestaltung liegen wohl dort, wo entweder Konformitätsdruck zum Mitmachen vorherrscht („Wir gehen alle freiwillig mit!“) oder wo legitime Distanzbedürfnisse als „Eigenbrötelei“ abgetan werden.

Freizeit mit dem Chef – sollte man hier auf besondere Dinge achten? Haben Sie Beispiele, was man nicht ansprechen sollte?

Fuehrungskraft FreundWalter Schlögl: Die Verantwortung und Sorgsamkeit für einen gelungenen Umgang mit gemeinsamer Freizeitgestaltung liegt vor allem bei den Vorgesetzten. Dies gilt in erhöhtem Ausmaß auch für die Ausgestaltung von Freundschaft zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten. Klares funktionales Führungsbewusstsein wird die Trennlinie zwischen angebrachtem Kontakt und „zu nahe“ anzeigen. Diese Grenzen können nicht absolut, sondern nur situationsadäquat gezogen werden. Ein hierarchisches Verhältnis und echte Freundschaft schließen einander nicht grundsätzlich aus, schließlich gibt es freundschaftliche Beziehungen, die älter sind als das Mitarbeiter-Chef-Verhältnis, zum Beispiel wenn der Kollege zum Chef wird.

Zum Thema Außenseitergefahr: Gerade Teilzeitkräfte oder jene Mitarbeiter, die einen weiteren Arbeitsweg haben, sind bei abendlichen Lauf- oder Bierrunden oft nicht dabei. Ist das ein Problem für das Teamgefüge bzw. wie kann man entgegen wirken?

TeilzeitWalter Schlögl: Zu einer beruflichen Gemeinschaft dazuzugehören, schließt bei genauerer Betrachtung mit ein, zu wissen, was es auf „dem grauen Markt“ Neues und Aktuelles gibt. Auf dem „Gangfunk“ wird mit Infos und Gerüchten aller Art gedealt: „Wer hat mit wem…“, „Der Chef der Nachbarabteilung hat durchsickern lassen, dass..“, „der Betriebsrat befürchtet und ist sich diesmal ganz sicher, dass …“, „Man hört, dass Kunde X wegbrechen wird und das wird vor allem … treffen!“, etc. Teilzeitkräfte haben hier bisweilen einen Startnachteil in Bezug auf die Gelegenheiten zum Austausch solchen sozialen Tratsches. Dies auszugleichen liegt meines Erachtens in höherem Ausmaß bei den Betroffenen im Sinn von „Holschuld“ und An-Teilnahme in der verfügbaren Zeit. Gelingender Austausch wird allerdings auch durch so etwas wie „Bringschuld“ und Rücksichtnahme der Kollegen sinnvoll ergänzt. Letztlich ist allerdings die Qualität des Kontaktes untereinander für die angesprochenen Probleme bedeutsamer als die Möglichkeiten oder Verhinderungen zu After-Work-Sessions.

Je integrierter desto eher wird ein Fernbleiben akzeptiert

Was raten Sie Mitarbeitern, die ihre Kollegen zwar schätzen, Berufliches und Privates jedoch lieber trennen wollen? Wie kann man dies kommunizieren?

BetreuungsverpflichtungWalter Schlögl: Es gibt in jeder beruflichen Community so etwas wie ein Ranking in der sozialen Akzeptanz von vorgebrachten Gründen für eine Nicht-Teilnahme an After-Work-Aktivitäten. Familiäre Betreuungspflichten beispielsweise werden wohl viel eher akzeptiert als eine Antwort wie: „Ich kann nicht, weil ich heute meine neue Surround-Anlage auf optimalen Raumklang auch im Vorzimmer einstellen muss“. Ein „strategischer“ Ansatz liegt also in einer – nennen wir es einmal – „selektiven Authentizität“ im Hinblick auf die mitgeteilten Gründe der Ablehnung gemeinsamer Büro-Aktivitäten. Generell jedoch wird es denjenigen am leichtesten fallen, sich nach der Arbeit zu absentieren, die sich im beruflichen Alltag nicht nur als Kollege, sondern auch als Mensch einschätzbar zeigen. Je integrierter und geschätzter Mitarbeiter am Arbeitsplatz sind, desto eher wird ihnen „verziehen“, wenn sie nur selten beim „Bier nach der Arbeit“ dabei sind.

Zur Person: Walter Schlögl

Walter Schlögl ist Klinischer, Gesundheits- und Wirtschaftspsychologe, Coach (ÖVS), Lehrsupervisor und Notfallpsychologe (BÖP). Seine Arbeitsschwerpunkte liegen bei der Teamentwicklung, Personalentwicklung, Beratungskompetenz, Moderation, Kommunikation, Konfliktbewältigung, Train-the-Trainer sowie Zeit- u. Selbstmanagement. Er gehört zum Team für Angewandte Psychologie und Organisationsentwicklung (TAO).

Bildnachweis: Denis Kuvaev /Quelle Shutterstock, LoloStock /Quelle Shutterstock, Andresr /Quelle Shutterstock, Aaron Amat /Quelle Shutterstock, Mila Supinskaya /Quelle Shutterstock

 

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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